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Werbung in eigener Sache: Dortmund als designierter Spielort der Fußball EM 2024 stellt seine beiden BotschafterInnen vor

Winfried Busch, Roman Weidenfeller, Annike Krahn, Ullrich Sierau und Dr. Ulrich Potthoff.

Winfried Busch (Geschäftsführer des FLVW), Roman Weidenfeller, Annike Krahn, Ullrich Sierau und Dr. Ulrich Potthoff bei Vorstellung des BotschafterInnenteams. Fotos (6): Thomas Engel

Geht es nach dem Willen von Sportverbänden, Vereinen und weiten Teilen der Politik in diesem Lande, dann findet die Fußball-Europameisterschaft (EM) 2024 in der Bundesrepublik statt. Ob es dazu kommt, entscheidet die UEFA am 27. September. Bis dahin sollen sich EURO 2024-BotschafterInnen für das Vorhaben ins Zeug legen. Das regionale Botschafterteam am EM-Standort Dortmund besteht aus Annike Krahn und Roman Weidenfeller. Jetzt wurden sie im Deutschen Fußballmuseum von OB Ullrich Sierau vorgestellt.

Annike Krahn und Roman Weidenfeller bilden das Dortmunder Botschafterteam für die EM

Roman Weidenfeller und Annike Krahn

Roman Weidenfeller und Annike Krahn: das neue Botschafterteam

Im Rahmen der vom Deutschen Fußballbund initiierten Kampagne „United by Football“, die der Bundesrepublik den Zuschlag als Austragungsort der Fußball-EM 2024 sichern soll, wurde Ex-Profi Philipp Lahm vom DFB offiziell zum EURO 2024-Botschafter berufen.

An seiner Seite stehen ebenfalls vom Kicken her bekannte VertreterInnen aus den zehn Städten mit EM-Stadien, um die deutsche Bewerbung in den jeweiligen Regionen tatkräftig zu unterstützen.

Auftrag aller BotschafterInnen: an den ausgewählten Spielorten und in deren Umfeld des Volkes Seele in Richtung Vorfreude auf die erhoffte Austragung der EURO 2024 in der Bundesrepublik zu bewegen. Für den Spielort Dortmund werden das die ehemalige Fußballnationalspielerin und Innenverteidigerin Annike Krahn sowie Ex-Nationalkeeper Roman Weidenfeller sein, der in diesem Sommer nach 16 Jahren seine Profikarriere beim BVB beendete.

Entscheidet das skandalumwitterte UEFA-Exekutivkomitee (17 Männer, 1 Frau) am 27. September in Nyon positiv über die Turniervergabe im Sinne der deutschen Bewerbung, sollen beide als regionale BotschafterInnen möglichst bis 2024 in weitere Aktivitäten rund um das bevorstehende Turnier einbezogen werden.

Akzeptanz von Mega-Events in der Bevölkerung erfahrungsgemäß nicht immer ungeteilt

Dortmund konnte als WM-Austragungsort glänzen. Ob auch bei der EURO, ist offen.

Dortmund als WM-Austragungsort: Ob alle die Idee einer EURO 2024 in der Stadt teilen? Foto: Alexander Völkel

Eine Gretchenfrage in diesem Zusammenhang ist sicherlich, wieweit für die Ausrichtung eines solchen Mega-Events Akzeptanz in der Bevölkerung hergestellt werden kann – bzw.: wie es medial so erscheinen zu lassen, dass alle fröhlich d‘accord gehen.

Bislang jedenfalls zeigten sich viele BürgerInnen zu derlei Anlässen als eher widerspenstig – zumindest dort, wo sie ausnahmsweise mal mitentscheiden durften: letztes Beispiel (damals in Sachen Olympia) war Hamburg, davor Berlin. Die Vorhaben wurden mehrheitlich abgelehnt.

Zur EM liegen die Dinge zwar etwas anders: In Dortmund konnten die BürgerInnen – ebenso wie jene an den anderen neun anvisierten EM-Austragungsorten – natürlich nicht per Votum gefragt werden, ob sie die Veranstaltung, also das Austragen einiger Spiele in ihrer Stadt überhaupt wünschten. Die Gründe und insbesondere die Ursachen dafür sind recht komplex.

Es genügt gleichwohl, festzustellen: Allein schon deshalb, weil an einem Standort nur schlecht über Wohl und Wehe der anderen hätte mitentschieden werden können. Alternativ hätte lange vor Abgabe der offiziellen Bewerbung in allen ursprünglich 14 EM-Bewerberstädten ein Quorum über die Frage abgehalten werden müssen.

Dortmund Agentur möchte am 1. September rund um die Reinoldi-Kirche für gute Stimmung sorgen

Dr. Ulrich Potthoff von der Dortmund Agentur

Dr. Ulrich Potthoff von der Dortmund Agentur: Werbung für den Standort

Immerhin möchte man aber seitens der kommunalen Organisatoren, vertreten als Dortmund Agentur durch Dr. Ulrich Potthoff, eine positive Stimmung erzeugen: denkbare Einwände gegen das Ereignis entkräften und vor allem dessen Vorteile für alle Beteiligten zusammen mit den gewonnen RegionalbotschafterInnen in den Vordergrund stellen.

Mit dem Format „DOfür2024“ – einer Melange aus Fußballfest und Unterhaltungsprogramm in familienfreundlicher Couleur – will daher die Dortmund-Agentur in Zusammenarbeit mit der DFB-Kampagne und dem Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) für einen vereinten EM-Willen am 1. September ihr wie das Anliegen der beteiligten Protagonisten aus Region und Bund bewerben:

Rund um die Reinoldi-Kirche, zum Einen: Hochglanz für Deutschland/Dortmund als Austragungsort mit der durch die Republik tingelnden DFB Euro-2024-Roadshow; daneben gibt es Poetry Slam, Fußball-Darten, Balljoungleure, DJ, Kinderschminken etc., Eis („EiscrEM“) für umsonst inbegriffen. – Umsonst?

Talkrunden zur Nachwuchsförderung und den Vorteilen der EM für die Stadt und den Fußball

Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund: Ist Fußball unpolitisch?

Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund: Ist Fußball als verbindendes Event unpolitisch?

Andererseits soll an diesem Tag vor Ort debattiert werden: über die Nachwuchsförderung im deutschen Fußball und – eben über Sinn bzw. Vorteile für „die Akteure“ durch die EM, wie Ulrich Potthoff bei Vorstellung der Dortmunder Kampagne für einen erfolgreichen Abschluss der EM-Bewerbung in den nächsten knapp zwei Monaten bis zum Nyon-Entscheid ankündigt.

Es wird also zentral um die Frage gehen, ob und wie ein Mega-Event wie die Fußball-EM den Teilnehmenden, Akteuren, Fans, den austragenden Städten, ihrer Bevölkerung, der lokalen Wirtschaft jeweils zugute kommen mag. Und natürlich darum, wie der Fußball davon in der Bundesrepublik insgesamt profitieren könnte – gerade auch nach dem WM-Disaster.

Mit von der Partie wird das EM-Botschafterteam für Dortmund sein: Annike Krahn und Roman Weidenfeller; hinzukommen Oberbürgermeister Ullrich Sierau sowie weitere geladene Gäste. – Wo es dabei nach Planung der VeranstalterInnen lang gehen soll, ist klar und erhellt sich bereits über das Motto auch der beiden Talkrunden: „DOfür2024“

Wer wird da noch Nein! sagen wollen, zur Fußball-EM in der Bundesrepublik? Wo allenthalben Wohlfahrt für den Fall ihrer Austragung in diesem Land aufscheinen soll.

Türkei als ein Unrechtssystem der Gegenwart: legitimer Austragungsort für die EM?

Doch noch ist es nicht soweit. Es steht die Entscheidung der alten Männer vom Exekutivkomitee in Nyon aus. Denn es gibt noch einen Mitbewerber, sonst müsste ja nicht befunden werden, es sei denn, eine Absage der Großveranstaltung läge im Horizont der betreffenden Herren.

Die Alternative zur Bundesrepublik ist nun ein Land, wo seit langem kein freies Wort mehr möglich ist – in dem tausende von Menschen wegen ihrer Gesinnung oder nur einer Äußerung im Gefängnis sitzen, Zehntausende deswegen ihren Arbeitsplatz verloren haben. Ein Staat, in dem Begriffe wie Meinungs- und Pressefreiheit als verwirklichte Grundrechte nur noch in die Geschichtsbücher passen.

Ein trauriges Land, das von einem System beherrscht wird, das dort mittlerweile seit Jahren ungestraft, permanent und systematisch Menschenrechte, die Würde des Menschen mit Füßen tritt; daher, mit anderen Worten, inhuman, folglich kriminell ist.

Dort möchte niemand wirklich freiwillig Fußball spielen wollen, trotz der schönen Stadien – errichtet mit viel Aufwand in den Wahlkreisen der Macht – wo nebenan die politischen Gefangenen in den Knästen darben, DemonstrantInnen regelmäßig zusammengeprügelt werden.

Hat der Fußball, hat der Sport mit Politik eigentlich etwas zu tun?

Mütter der Plaza de Mayo - Ni olvido, ni perdón (von Carlos Reusser Monsálvez) - Seit 40 Jahren Kampf um Gerechtigkeit

Mütter der Plaza de Mayo – Ni olvido, ni perdón (von Carlos Reusser Monsálvez) – Seit 40 Jahren Kampf um Gerechtigkeit in Argentinien

Allein, das ist kein Argument. Zumindest nicht für oder gegen den DFB. Denn der nimmt es traditionsgemäß nicht so genau, wenn es um Fußball, um den Sport geht, unter dessen Dach globaler Völkerverständigung eben auch zum Wegschauen über alle Grenzen hinweg eingeladen wird.

Einer der schrecklichsten Höhepunkte war wohl die WM-Teilnahme in Argentinien 1978, ausgewiesene Militärdiktatur von 1976 bis 1983.

Mit dem widerwärtigen Trallala der Fußballnationalmannschaft im Sportstudio des ZDF einige Monate vor der WM von wegen „Buenos Dias Argentina“ (s.u.). Wer wollte mit dieser Schande im Rücken heute aus der Bundesrepublik heraus gegen das Terror-Regime in der Türkei argumentieren und auf diese Weise für die Bundesrepublik als Austragungsort der EM 2024 argumentieren?

Tut auch niemand aus der Kommune. Und dafür gibt es einen weiteren guten – und für die Lokalpolitik noch viel näherliegenden – Grund: Die türkischen MitbürgerInnen in dieser Stadt, die dem zweifelhaften Treiben des Autokraten in Ankara eher freundlich gegenüberstehen, sollen möglichst nicht verprellt werden. Dafür braucht es Geschick.

Dortmunder Oberbürgermeister kann trotz solche Klippen seine Botschaft klar vermitteln

OB Ullrich Sierau im Deutschen Fußballmuseum

OB Ullrich Sierau im Deutschen Fußballmuseum bei Vorstellung des Botschafterteams

Erfolgreich sind PolitikerInnen, denen solche Klippen kein rhetorisches Hindernis darstellen und die dabei dennoch in der Lage sind, ihre Botschaft flux wie präzise in die Öffentlichkeit bringen. Ein Meister seines Fachs und vorgeführt par excellence vom Oberbürgermeister dieser Stadt, Ullrich Sierau, bei Vorstellung des Dortmunder Botschafterteams.

Der OB kennt natürlich natürlich die kleinen Stolpersteine des Geschäfts: Ein spannendes Konkurrenzverhältnis zum Mitbewerber, der Türkei, das es da im Augenblick gäbe, nicht zuletzt wegen mehr oder weniger aktueller Vorgänge in der Vergangenheit, beginnt er seine Ausführungen mit kaum misszuverstehenden Hinweisen.

In diesem Zusammenhang aber sei wichtig, so Sierau weiter, dass die Stadt den Fußball „ganz weit vorne“ sähe, denn um ihn ginge es ja schließlich bei einer Welt- oder Europameisterschaft. Aber er müsse eben auch gesellschaftlich eingebettet sein, macht er deutlich, wo er gegenüber dem Mitbewerber Standortvorteile sieht.

Die Stadt möchte zuallererst den Sport – das Verbindende zur Geltung bringen

Die neuen BotschafterInnen für den Spielort Dortmund bei der EM 2024

Noch etwas unscharf, gibt sich aber bestimmt: BotschafterInnen für den Spielort Dortmund bei der EM 2024

Das Gesamtpaket, argumentiert der OB mit Referenz auf Aki Watzke schließlich erneut in dieselbe Richtung, müsse eben stimmen. Dazu gehöre auch, neben der Frage, wo und wie solche Spiele stattfänden, den Sport in dem, was ihn ausmache, das Verbindende, zur Geltung zu bringen, zur Wirkung kommen zu lassen.

Zudem: Mit Wettkämpfen aller Art am Sportstandort Dortmund habe man gute Erfahrungen gemacht, ein insgesamt faires, sportliches Konkurrenzverhalten sei es gewesen. Diese Fairness, das Miteinander, den Respekt wolle Dortmund als Austragungsort in die EM einbringen, so die Botschaft des OB.

Und das Botschafterteam? – Beide, Annike Krahn wie Roman Weidenfeller, seien gestandene Persönlichkeiten, so der OB. Er sei froh, dass sie sich bereit erklärt hätten, für Dortmund als Spielstandort zu werben.

Kommentar (Thomas Engel): Ob in der BRD oder nicht – eine EM in der Türkei wäre eine Schande

Sport, Fußball verbindet alle Nationen. Unabhängig von Herkunft, politischer Überzeugung, Glauben, Geschlecht usf. sind alle vereint, SpielerInnen wie Fans. Prinzipien wie Toleranz, Akzeptanz von Vielfalt, Fairplay und Respekt spielen eine Rolle, wenn 22 Leute u.a. nach diesen Regeln einem Ball hinterherjagen. – Ja, das ist richtig.

Richtig ist auch, dass damit für 90 Minuten idealtypisch Gräben zugeschüttet werden – all das, was Menschen im Alltagsleben häufig trennt: unterschiedliche Einstellungen, verschiedene Kulturen und Sprachen, Moralsysteme etc. Fußball vereint, unbestritten. Oder kann es zumindest.

Das funktioniert deshalb, weil Fußball in einer Art künstlicher Umwelt stattfindet, in der selbst noch Konkurrenzverhältnisse wie zwischen gegnerischen Mannschaften oder Fans den Regulativen von Toleranz, Respekt und Fairplay unterliegen. Im Endeffekt soll Fußball trotz seines Wettbewerbscharakters ein großes Festival des Miteinanders, ein Fest des Friedens sein.

Das kann er aber nur, will er seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren, wenn zwischen dem, was im Stadion stattfinden soll, und den Verhältnissen ab der Ticketkasse nach draußen kein Abgrund klafft. Denn niemand wird nachvollziehbar für 90 Minuten vom Saulus zum Paulus.

Ebenso muss sich gewünschtes Fairplay in den Arenen zumindest bis zu einem gewissen Maße in den gesellschaftlichen Verhältnissen jener Länder spiegeln, in denen sie stehen: nämlich als institutionell gesicherte, demokratische Umgangsformen. Sonst ist es eine Schmierenkomödie, was auf dem Feld dort unten stattfindet

Zudem sollte erst recht kein Diktator, der die Menschen im Land unablässig drangsaliert und wo die Gefängnisse mit dem Widerstand gegen ihn gefüllt werden, ein Friedensfest wie das einer EM benutzen dürfen, um seine Untaten dahinter zu verstecken und auf diese Weise sein Regime zu festigen. Er wird zwar sowieso früher oder später zur Rechenschaft gezogen werden; aber früher ist besser.

Daher – und unabhängig von Sinn oder Unsinn einer EM in der Bundesrepublik: Argentinien 1978 darf sich nicht wiederholen. Um der vielen Menschen willen, die unter dem Regime leiden, darf die Fußball-EM 2024 niemals in der Türkei stattfinden. Alles andere wäre eine Schande für die Prinzipien Europas wie die des Fußballs.

Weitere Informationen:

  • UEFA-Regularien zur EM-Bewerbung 2024, hier:
  • Erinnerungskultur: Die bundesdeutsche Nationalmannschaft vor der WM 1978 im ZDF Sportstudio, hier:
  • Erinnerungskultur (2): Was die damaligen BRD-Kicker-Funktionäre wohlwollend in Argentinien übersehen haben (WDR – sport inside), hier: !

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