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Wenn nicht nur Leistung zählt: statt als Pflichtfach in der Schule – Musik als Motivation für das eigene Leben

Jugendmädchenchor der Chorakademie Dortmund mit Dirigentin Kelley Sundin. Fotos: Angelika Steger

Von Angelika Steger

Ein Donnerstagabend in der Reinoldistraße sieben. Ein hell erleuchteter Saal mit einem Flügel und mehreren Stuhlreihen davor. Nach und nach kommen etwa 15jährige Mädchen in den Saal, begrüßen sich, umarmen sich, plaudern. Andere sind schon vorher angekommen, sitzen, reden oder kramen in einer Tasche herum. Dann erklingt ein Dreiklang vom Flügel. Chorleiterin Kelley Sundin ist es, die auf dem Flügel spielt und mit der Chorprobe beginnen will. Nach kurzer Zeit sind die rund 60 Mädchen ruhiger.Es kann losgehen.

Singen als Motivation auch für das eigene Leben: Persönlichkeit durch Chorgesang stärken

Zuerst werden abwechselnd Beine und Arme geschüttelt, eine Art „WarmUp“ wie beim Sporttraining auch. Erst dann sind Töne zu hören: Melodiebögen auf einem Buchstaben als „Text“ und dann ein einfaches Lied unisono (einstimmig). Nach einer dynamischen Übung (Lautstärkeübung) und mehrstimmigen 3-Klang-Übungen beginnt die eigentliche Probe.

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Dass es hier nicht nur um den perfekten Klang geht, wird gleich zu Beginn der Probe deutlich. „Wisst Ihr, was Ihr da singt?“ fragt die Chorleiterin. Eine Sängerin antwortet, Kelley Sundin ergänzt. „,Be like a bird‘ ist ein Lied darüber, dass wir alles schaffen können, es geht weiter, auch wenn man es schwer hat im Leben.“

Die Chorsängerinnen sollen wissen, wovon sie singen und nicht nur musikalische Leistungen erbringen. Dass es gerade ein Mädchenchor sei, den sie leite, sei Zufall gewesen, sagt Sundin. Zum 1. Mädchenchor-Festival am 8. März 2019 sagt sie: „Jede der Sängerinnen hat was zu geben. Durch das Singen kann jede in ihrem Selbstbewusstsein und Selbstwert gestärkt werden. Das ist mir wichtig.“

Die Chorakademie Dortmund: vom studentischen Projekt zu einer Institution

Heute singen 1.000 Sängerinnen und Sänger in 30 verschiedenen Chören in der Chorakademie Dortmund. Der Solo-Gesang wird ebenso gefördert wie die Ausbildung als ChorsängerIn. Das Niveau ist hoch, kurz bevor es in den Profibereich geht.

Hervorgegangen ist die Chorakademie aus dem Monteverdi Junior Choir unter den Initiatoren Zeljo Davutovic und Lars Kersting im Jahr 2001. Ihre Singaktion an Dortmunder Grundschulen war so erfolgreich, dass ein großer Bedarf an gemeinschaftlichem Singen deutlich wurde.

Die Chorakademie Dortmund von heute besteht nun aus ca. 40 MitarbeiterInnen, darunter Gesangpädagogen, ChorleiterInnen, der Verwaltung und dem Management.

Ziele der Chorakademie Dortmund: Gemeinschaft fördern statt nur Einzeltalente herausbilden

Mit Freude dabei: die Sängerinnen des Mädchenchores der Chorakademie Dortmund

Profisängerinnen werden hier nicht ausgebildet, es geht nicht darum, dass sich eine einzelne Person in den Vordergrund spielt. Möglich ist natürlich, dass ein/e SängerIn später ins Profifach wechselt.

Alle Sängerinnen verbringen bei den Chorproben einen Teil ihrer Freizeit. Das gemeinsame Ziel ist eine gute musikalische Arbeit mit gelungenen Konzerten, keine persönlichen finanziellen Anreize.

Die Chormitglieder sollen Teamfähigkeit für die „Mannschaft“ eines Chores entwickeln, Motivation und Eigeninitiative entwickeln. Die praktische Beschäftigung mit klassischer Musik hätte darüber hinaus auch positive Effekte auf berufliche und private Lebensbereiche.

 

Jugendmädchenchor ist kein Profichor – aber singt mit eigenem Anspruch

Die Chorakademie als Verein finanziert sich durch Spenden. Der Mädchenjugendchor ist eines der Ensembles der Chorakademie Dortmund und wird in diesem Beitrag vorgestellt.

Der Mädchenchor ist kein Leistungschor, eher im „Breitensport“ angesiedelt, aber mit einem gewissen Anspruch, der auch Disziplin erfordere.

Zweimal in der Woche zu je ein bis zwei Stunden proben die Sängerinnen, wenn sie mit dem Singen anfangen sollen, dauert es nicht lange, bis die eigenen Unterhaltungen eingestellt sind.

Die Jugendlichen hier haben die Möglichkeit, sich kennen zu lernen, sich gegenseitig zu stärken, was in diesem Alter nicht einfach ist.

Und man merkt es den Sängerinnen auch an: sie singen nicht nur miteinander, in der Pause reden sie mit ihren Mitsängerinnen und es ist nicht so selten, dass man sich zur Begrüßung oder Verabschiedung umarmt.

Guter Klang, ein musikalisch hohes Niveau und eine gute Gemeinschaft sind selbst als Probenbesucherin bemerkbar.

Chorakademie Dortmund: vom Studentenprojekt zur Institution in der Stadt

Was in dieser Chorprobe zu beobachten ist, sind auch die Leitlinien, die sich die Chorakademie Dortmund gesetzt hat. Aus welchen Schulen die Sängerinnen kommen, wurde nicht klar, jedoch war deutlich, dass sie die musikalische Arbeit verbindet. Welchen sozialen Hintergrund jemand hat, spielt hier kaum eine Rolle.

Die Arbeit an der Musik soll im Vordergrund stehen – und auch Spaß machen, ohne dass das musikalische Niveau beliebig wird. Hier wird nicht diskutiert, ob eine das neueste Shirt aus einer Modezeitschrift an hat.

„Ihr seid tolle Musikerinnen. Macht Musik jetzt. Nicht nur singen!“ ruft die Chorleiterin 

Diesen Satz ruft Chorleiterin Kelley Sundin ihrem Chor zu, wenn während der Probe die gesangliche Leistung einmal nachlässt. „Jede kann singen. Aber: es geht nicht nur darum, Musik zu machen, nicht nur Töne und Rhythmus richtig zu treffen. Es geht beim Singen darum, Emotionen zu transportieren, die richtige Textbetonung zu finden, die Feinheiten in der Musik auszudrücken“ , erklärt die Gesangspädagogin.

In dieser Chorprobe wird die Balance gehalten: die Sängerinnen sollen nicht überfordert werden, auch wird niemand wegen eines Fehler niedergemacht, sondern motiviert, weiter zu machen.

Motivation für ihre Arbeit als Chorleiterin – Singen ist die Passion von Kelley Sundin

Selbst ist sie nicht Mitglied eines Chores, sagt Kelley Sundin im Interview mit Nordstadtblogger.
Sie singe solistisch, u.a. im Essener Dom habe sie beim Stabat mater von Pergolesi mitgewirkt. „Ich bin Sängerin, denn mit der Stimme, mit dem Gesang kann man mehr, man kann was bestimmtes damit ausdrücken, weil Text dabei ist. Das geht beim Saxophon nicht.“

Eine Lieblingsmusik habe sie nicht. „Musik und Text müssen passen. Meine Sängerinnen müssen eine Verbindung zur Musik haben. Schließlich ist es ihre Freizeit, die sie bei den Chorproben verbringen“ betont Sundin.

Singen ist  Teamsport: es schafft Gemeinschaft, die zu einem guten Ergebnis führen kann

Kelley Sundin am Flügel dirigiert den Mädchenchor.

Singen ist eine Art von Mannschaftssport. Damit ein Chor gut klingt, muss jeder mitspielen, Solo-Heldinnen nützen der musikalischen Leistung nichts. Dass Disziplin und ein gutes Miteinander sich nicht ausschließen müssen, zeigt der Jugendmädchenchor der Chorakademie Dortmund.

Am 8. März wird es im Rahmen des Mädchenchorfestivals das Konzert „side by side“ zum Weltfrauentag geben. Es soll den Mädchen Zuversicht und Selbstbewusstsein für das eigene Leben vermitteln.

Denn nur wer sich was traut, wer sich wie in diesem Chor traut zu singen, kann auch im Leben stark sein. Zum 1. Mädchenchor-Festivals in Dortmund werden außerdem der Berliner Mädchenchor und der Mädchenchor des Kölner Doms erwartet.  200 Sängerinnen werden das Konzerthaus nur mit ihrer Stimme zum Klingen bringen.

Weitere Informationen:

  • 1. Dortmunder Mädchenchor-Festivals anlässlich des Weltfrauentages: 8. März 2019, 19.30 Uhr Konzerthaus Dortmund
  • Homepage der Chorakademie, hier:

 

 

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