Verschüttetes Wissen: Ein dritter Wassergraben am Ostentor ist Denkmal des Monats Oktober 2020 in Dortmund

Damals Abfall, heute wertvolle Hilfe. Was aussieht wie braune unförmige Flecken in der Verfüllung ist in Wahrheit Holz, das beim Verfüllen mit in den Graben gelangt war. Fotos: Stadt Dortmund / LQ-Archäologie

Mit einer Länge von knapp 50 Metern war das Ostentor die längste Torburg der Dortmunder Stadtbefestigung. Sie überspannte die zwei großen wasserführenden Gräben des mittelalterlichen Bollwerks, den sogenannten Hauptgraben und den Vorgraben. Diese Annahme galt bis zum Sommer 2020. Bei den jüngst erfolgten Ausgrabungen in der Kaiserstraße Ecke Ostwall konnten die Archäologen der Firma LQ-Archäologie Belege für einen dritten, bislang unbekannten Wassergraben dokumentieren. Die spannenden Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf das Ostentor und sind für die Denkmalbehörde der Anlass die Ergebnisse aus der Grabung als Denkmal des Monats Oktober vorzustellen. 

Natürlicher Lehmboden und dunkelgraue Grabenverfüllung

Der ehemals wasserführende Graben hatte ein v-förmiges Profil. Um die notwendige Tiefe zu erreichen, hatte man tief in den natürlichen Lehmboden gegraben.

Seit Anfang dieses Jahres verlegt die DEW 21 in der südlichen Innenstadt neue Leitungen für das moderne Fernwärmenetz. Immer mit dabei: Archäologen der Firma LQ-Archäologie, um die Geschichtszeugnisse des historischen Dortmunds zu dokumentieren und zu bergen. So auch in der Kaiserstraße, als bei den Erdarbeiten eine mächtige Verfärbung freigelegt wurde. 

Deutlich grenzt sich in der Profilwand eine v-förmige Struktur mit ihrem dunkelgrauen Füllmaterial von dem gelblich-grauen natürlichen Lehmboden ab. Etwa fünf bis sechs Meter breit ist dieser ehemals wasserführende Graben heute noch, der unmittelbar vor dem bekannten Vorwerk des Ostentors liegt. Die genaue Breite lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, denn in den vergangenen Jahrhunderten wurde das Gelände immer wieder überformt und Teile des Grabens abgetragen.  ___STEADY_PAYWALL___

Da die Grabensohle unter dem Niveau der Fernwärmetrasse liegt, ist auch die Tiefe des Befundes nicht mehr exakt zu ermitteln. Die Lage dieses Wassergrabens lässt jedoch aufmerken, fügt sich der Befund doch überhaupt nicht in das bekannte Bild des Ostentors. Vorgraben und Hauptgraben der Stadtbefestigung liegen einige Meter weiter westlich unter den heutigen Fahrspuren des Ostwalls. Und dennoch scheint dieser Befund mit dem mittelalterlichen Ostentor in Verbindung zu stehen. 

Kein Zutritt für jedermann – Was Mulher nicht kennt, zeichnet er nicht

Auch ohne besondere Kenntnisse gelangt man heute leicht an den Ort, an dem einst das Ostentor dem Hellwegreisenden Zugang in die mittelalterliche Stadt bot. Der willkommene Besucher erhielt hier Einlass und der Händler, der seine Waren auf dem Markt in Dortmund anbieten wollte, musste eine Gebühr bei dem Zöllner entrichten. Ungebetenen Gästen hingegen blieb das Tor verschlossen. 

Ausschnitt aus dem Stadtplan des Detmar Mulher von 1610.

Angreifer hatten das mächtige Befestigungsbollwerk als unüberwindliches Hindernis vor sich. Vergeblich versuchten so 1388 der Graf von der Mark und der Erzbischof von Köln in der Großen Fehde die Stadt zu erobern. Ein Vorhaben, das den Aggressoren nicht gelang. Dortmund blieb standfest – “so fast as Düörpm”, wie die damalige Losung hieß. 

Ein großer Teil des Wissens um die mittelalterliche Stadtbefestigung von Dortmund beruht heute unter anderem auf den bildlichen Quellen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert von D. Baegert, F. Hogenberg und D. Mulher sowie den Ergebnissen, die im Rahmen der zahlreichen Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte auf dem Wallring erzielt werden konnten.

Denn mit dem großen Stadtbrand im Jahre 1232 wurde nicht nur ein großer Teil des dicht besiedelten Stadtkerns zerstört, sondern auch ältere schriftliche Überlieferung unwiederbringlich vernichtet. Die historischen Quellen belegen, dass das Ostentor über die Jahrhunderte immer wieder weiter ausgebaut und erneuert wurde. So erhielt das Vorwerk um 1520 zwei Ecktürme. Später wurde der östliche Eingang an die südliche Flanke verlegt. Ein äußerer Graben vor dem Ostentor ist jedoch auf keiner der historischen Abbildungen festgehalten. 

Ein Blick gen Westen – Graben sollte auch vor Angreifern schützen

Des Rätsels Lösung liegt nur 1,2 km auf der anderen Seite der mittelalterlichen Stadt, am Westentor, dem Pendant des Ostentors. Hier scheint ein solches, das Torwerk konzentrisch umgebende, Grabensystem bestanden zu haben. So zumindest lässt es der Kupferstich von D. Mulher vermuten. 

Offensichtlich bestand auch das Bedürfnis den Zugang zur Stadt am Ostentor gegenüber dem stark frequentierten Hellweg hin durch einen dritten Wassergraben abzusichern. Anrückende Angreifer konnten so nicht mehr ungehindert Leitern an die Tormauern anlehnen, um das Tor zu erstürmen. Stattdessen mussten sie zuerst den Wassergraben vor dem Tor als zusätzliches großes Hindernis überwinden. 

Verschüttung im 16. Jahrhundert – Gartenland statt Wassergraben

Deutlich erkennbar, die dunkelgrauen Schichten der Grabenverfüllung im Profil und im Planum des Leitungsgrabens. Die Sohle des Wassergrabens wurde bei den Arbeiten nicht erreicht. Denn ausgegraben wird immer nur so viel wie unbedingt durch die Baumaßnahme erforderlich. (Fotos: Stadt Dortmund / LQ-Archäologie
Der Wassergraben ist eine weiteres Puzzleteil, das das Bild des historischen Dortmund ergänzt.

Die Weiterentwicklung von Verteidigungs- und Angriffswaffen in den folgenden Jahrhunderten führte dazu, dass Teile der Stadtbefestigung ihre Funktion als Verteidigungsanlagen verloren. So wurde bereits Mitte des 16. Jahrhunderts der Vorgraben der Stadtbefestigung aufgegeben. In diesem Zuge wurde auch der dritte Wassergraben vor dem Ostentor verfüllt. 

Dies bestätigen auch die Keramikfunde aus der Verfüllung des Grabens, denn sie lassen sich anhand ihrer Form und des Ziermusters in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts datieren. Die so gewonnenen Freiflächen nutzte man für die Versorgung der Bevölkerung und funktionierte sie zum Gartenland um. 

Die neuen Ergebnisse der Ausgrabungen sind einmal mehr ein Beleg dafür, wie bruchstückhaft unser Wissen im 21. Jahrhundert über die Stadtgeschichte von Dortmund ist. Es bleibt zu hoffen, dass bei den noch ausstehenden Arbeiten weitere spannende Puzzleteilchen das Bild von dem historischen Dortmund ergänzen. 

 

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