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„Verfolgt – Verboten – Verbrannt: 80 Jahre Bücherverbrennung in Dortmund“

Plötzlich ging es ganz schnell: Binnen weniger Monate wandelte sich 1933 das einstmals als Land der Dichter und Denker beschriebene Deutschland in ein Land der Richter und Henker. Die Nationalsozialisten nahmen Kommunisten und Sozialdemokraten ins Visier. Und auch die Vordenker von Freiheit und Demokratie.

Gedenkfeier in der Steinwache

Bücherverbrennung

Am 10. Mai 1933 brannten erstmals Bücher in Berlin. Nazis holten sie aus Büchereien und linken Einrichtungen (Bild). Am 30. Mai wurden Bücher in Dortmund verbrannt. Foto: Ausstellung Steinwache

Am 10. Mai 1933 brannten die ersten Bücher in Berlin. Dortmund folgte und erlebte sogar gleich zwei Bücherverbrennungen. Am 30. Mai 1933 – also vor rund 80 Jahren – brannten Bücher auf dem Hansaplatz und wenige Tage später auf dem Aplerbecker Markt. Aus diesem Anlass findet am Mittwoch, den 29. Mai, um 19 Uhr eine Gedenkfeier in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache statt.

Sie steht unter dem Titel „Verfolgt – Verboten – Verbrannt: 80 Jahre Bücherverbrennung in Dortmund“. Fünf Dortmunder Autoren haben eine Patenschaft für einen Autoren oder eine Autorin übernommen, deren Bücher verbrannt worden sind und stellen deren Werke vor: John Dos Passos (Christina Füssmann), Marieluise Fleißer (Ellen Widmaier), Johanna Moosdorf (Marianne Brentzel), Ernst Toller (Achim Albrecht) und Hermynia zur Mühlen (Heike Wulf).

Protest gegen die geistige Freiheit

Die Bücherverbrennung war ein Schock: „Es war ein Protest gegen die geistige Freiheit. Die Freiheit des Denkens und der Toleranz passte nicht in das nationalsozialistische Weltbild”, berichtete Ulrich Moeske, Leiter der Stadt- und Landesbibliothek, anlässlich des 75. Jahrestages der Bücherverbrennung. Das besonders Erschreckende: Die Bücherverbrennungen wurden nicht etwa zentral angeordnet. Sie wurden vor allem von den faschistischen Studentenbünden in die Hand genommen. Denn die Führung war sich anscheinend nicht sicher, ob die Bevölkerung reif dafür war. Scheinbar war das Volk es: Die mittlerweile von den Nazis gleichgeschalteten Zeitungen berichten von 50 000 Menschen, die allein auf den Hansaplatz kamen.

Bücher stammten aus Büchereien und linken Instititutionen

„Der Großteil der im Mai und Juni 1933 in Dortmund verbrannten Bücher stammte aus den öffentlichen Stadt- und Volksbüchereien, den privaten Leihbüchereien, aus Buchhandlungen, aus besetzten und beschlagnahmten kommunistischen, sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Einrichtungen und Redaktionshäusern”, hat Dr. Günther Högl, der frühere Leiter des Stadtarchivs, recherchiert.

Die Bestände der Stadt- und Landesbibliothek blieben weitestgehend verschont, waren aber bedroht: „Da die Vermutung besteht, dass unter den Beständen sich noch Bücher und Schriften befinden, die unter der nationalen Regierung nicht mehr geduldet werden können, hat der Staatskommissar die sofortige Durchsicht der Bestände angeordnet”, so eine Order. Es gab „Schwarze Listen” mit „unerwünschtem Schrifttum”. Sie enthielten Werke von 134 Autoren der schöngeistigen Literatur, Schriften der Sexualwissenschaft, Sexualaufklärung und Psychologie sowie zahlreiche republikanische, verfassungstreue, links-liberale, pazifistische, sozial-demokratische, marxistische, antifaschistische und inter-nationalistische Werke.

Lehrer trieben die Verbrennung voran

In Dortmund waren es vor allem Lehrer – allen voran Dr. Hans Woelbing, Studienrat am Bismarck-Realgymnasium – die die Bücherverbrennung vorantrieben. Am 26. Mai 1933 wurde in der „Tremonia” unter der Überschrift „Oeffentliche Verbrennung von Schund- und Schmutzliteratur” bekannt gegeben, dass die „nationalsozialistische Prüfungs- und Säuberungsaktion der Dortmunder Bibliotheken” in vollem Gange sei, so Högl. „Jeder, der noch solche Bücher zu Hause hat, soll sie in der Sammelstelle abliefern”, so der Aufruf.

In der Tagespresse wurde zudem zur Teilnahme aufgerufen. Darin hieß es: „An alle Lehrer wird die dringende Aufforderung gerichtet, dieser symbolischen Handlung beizuwohnen. Zeigt durch Eure geschlossene Teilnahme, dass Ihr nie und nimmer gewillt seid, deutsches Volk und deutsche Jugend dem Verderben preiszugeben. Auf zur Tat!”

Tausende Einwohner strömten auf den Hansaplatz. SA, SS, Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel und NS-Lehrerbund hatten zur Verbrennung der Bücher aufgerufen, die in den Tagen und Wochen zuvor in Buchhandlungen, Bibliotheken, zum größten Teil aber im gewerkschaftlichen Volkshaus beschlagnahmt worden waren.

Presse: „Bevölkerung war begeistert”

Bücherverbrennung

In dem mittlerweile von den Nazis gleichgeschalteten „General-Anzeiger” und der konservativen „Dortmunder Zeitung” (Repro) wurde die Verbrennungsaktion auf dem Hansaplatz in allen Details beschrieben.

In der Presse, insbesondere in dem gleichgeschalteten, früher linksliberalen „General-Anzeiger” und der nationalkonservativen „Dortmunder Zeitung” wurde der Vorgang der Bücherverbrennung detailgenau geschildert. „Darüber hinausgehend liegen keinerlei authentische Zeitzeugenberichte vor”, bedauerte der frühere Leiter des Stadtarchivs. „Die Dortmunder NS-Anhängerschaft scheint das Spektakel zahlreich und mit einer gewissen Begeisterung aufgenommen zu haben, wenn man der Presse diesbezüglich Glauben schenken mag.”

Schüler sprachen die „Brandfackel“

Schüler des Bismarck- Gymnasiums sprachen unter Leitung ihres Studienreferendars Friedhelm Kaiser bei der Bücherverbrennung dessen Sprechchor „Brandfackel”. Darin heißt es u.a.: „Habt ihr die Feinde erkannt? Reinigt das deutsche Land! Her mit dem flammenden Brand! Fort mit den falschen Propheten! Lasst sie von anderen anbeten – wir aber wollen sie töten! Was die uns Fremden schreiben, was die uns Fremden dichten, soll nimmer unter uns bleiben, wollen wir heute vernichten!“

Mehrere Kooperationspartner bei Gedenkfeier

Die Gedenkfeier findet im Rahmen der Reihe „80 Jahre Bücherverbrennung“ statt. Kooperationspartner der Reihe sind: Verein ‚Gegen Vergessen – Für Demokratie’, Region östliches Ruhrgebiet, Verband Deutscher Schriftsteller in ver.di, Landesverband NRW, Fritz Hüser Gesellschaft, VHS Dortmund,  Verein für Literatur Dortmund, Auslandsgesellschaft NRW, Kulturbüro Dortmund, Litfass. Die Reihe wird gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“.

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2 Gedanken über “„Verfolgt – Verboten – Verbrannt: 80 Jahre Bücherverbrennung in Dortmund“

  1. Alexander Völkel

    Aufruf des Bündnisses Dortmund gegen Rechts:

    In diesen Tagen jährt sich zum 80. Mal das Verbrechen der Bücherverbrennung durch die Nazis. Auch in Dortmund wurden – organisiert vom NS-Lehrerbund und der Dortmunder SA – unter dem Beifall tausender Bürger auf dem Hansa-Platz Bücher von jüdischen, marxistischen und pazifistischen Autorinnen und Autoren ins Feuer geworfen. Diesen Jahrestag eindringlich zu begehen gebietet insbesondere das aktuelle Tagesgeschehen: nicht nur die skandalösen Vorgänge um die NSU-Verbrechen und den nun endlich begonnenen Prozess, sondern auch die Ungeheuerlichkeit der höchstrichterlichen Verbotsaufhebung zweier Nazi-Aufmärschen am 30. April und am 1. Mai in Dortmund mahnen zu tätigem Antifaschismus.
    Kommt deshalb möglichst zahlreich am Mittwoch, dem 29. Mai um 17 Uhr zum Hansaplatz. Dort gibt es eine Aktion des Bündnis Dortmund gegen Rechts u.a. mit einer Lesung der „Querköpfe“ und politischen Liedern mit Helmut Manz. Im Anschluss daran wird das bereits 2008 angefertigte „Banner der verbrannten Dichterinnen und Dichter“ (siehe Bild oben) auf einem Mahn-Gang zur Steinwache getragen, wo ab 19 Uhr eine Veranstaltung zum gleichen Thema stattfindet.

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