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Unternehmen müssen in Dortmund immer stärker um Azubis kämpfen – dennoch bleiben Jugendliche unversorgt

Der Übergang von Schule in Ausbildung stellt eine große Herausforderung dar. Foto: Arbeitsagentur

Die duale Berufsausbildung war lange der Königsweg für eine berufliche Perspektive in Deutschland. Doch die akademische Karriere läuft diesem Modell den Rang ab. Für die Unternehmen  – insbesondere im Handwerk – wird es immer schwieriger, die Ausbildungsplätze zu besetzen. Doch auch umgekehrt bleiben trotz des steigenden Angebots an Lehrstellen viele junge Leute unversorgt. Statt in eine Ausbildung gehen sie in Maßnahmen, zur Schule oder zur Uni.

Zunehmende Diskrepanz zwischen Erwartungen von Unternehmen und BewerberInnen

Ein Grund: Es wird immer schwieriger, BewerberInnen und Unternehmen zusammen zu bringen. Der Unterstützungsbedarf – also Aktivitäten, um die Azubis fit für die jeweilige Ausbildung zu machen – nimmt zu. Dabei bleibt die klassische Ausbildung für die Dortmunder Unternehmen ein Erfolgsmodell zur Sicherung des eigenen Fachkräftebedarfs. Große Sprünge blieben im Jahr 2016 aus, der Ausbildungsmarkt präsentierte sich stabil, aber strukturelle Probleme nehmen zu.

Michael Ifland (IHK), Jutta Reiter (DGB), Astrid Neese (Arbeitsagentur) und Angelika Weise (HWK) stellten den Ausbildungsmarktbericht vor.

Die Zahl der BewerberInnen um eine Ausbildungsstelle bewegte sich annähernd auf Vorjahresniveau. Die Zahl der gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen ist leicht gestiegen, wie die gemeinsame (Zwischen-) Bilanz des Ausbildungsjahres 2015/2016 von Industrie- und Handelskammer (IHK), Handwerkskammer (HWK), DGB und Agentur für Arbeit zeigt.

Zum Ende des Ausbildungsjahres verbucht die Agentur für Arbeit einen leichten Anstieg bei den gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen und einen geringfügigen Rückgang bei den gemeldeten BewerberInnen im Vergleich zum Vorjahr. Es bleibt eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage.

Zudem decken sich die angebotenen Ausbildungsplätze häufig nicht mit den Qualifikationen und beruflichen Vorstellungen der Schulabgänger. Mit dieser zunehmenden qualitativen Diskrepanz, verbunden mit spürbaren Besetzungsproblemen in einzelnen Berufen und tendenziell rückläufigen Schulabgangszahlen, steht der Ausbildungsmarkt auch weiterhin vor großen Herausforderungen, die nur gemeinsam von allen Arbeitsmarktakteuren bewältigt werden können.

IHK schafft erneut die Marke von 5000 Ausbildungsverträgen im Kammer-Bezirk

Die Ausbildungszahlen in der Region liegen seit Jahren auf einem hohen Niveau: „Seit 2011 haben wir jedes Jahr die Marke von 5.000 neuen Ausbildungsverträgen geknackt. 2016 ist uns das auch wieder gelungen, auch wenn wir den Vorjahreswert nicht ganz erreichen werden“, sagte Michael Ifland, Geschäftsführer Berufliche Bildung der IHK. Bei der IHk endet das Ausbildungsjahr zum 31.12. 2016.

Entgegen dem Trend auf NRW- und Bundesebene, mit zum Teil stark zurückgehenden Eintragungszahlen, sei die Lage auf dem Ausbildungsmarkt im Bereich der IHK zu Dortmund noch weitgehend stabil. Von Januar bis einschließlich 31. Oktober wurden in Industrie, Handel und Dienstleistungen insgesamt 5002 Verträge verzeichnet, was gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Minus von 2,3 Prozent bedeutet. Auf Dortmund bezogen liegt der Rückgang allerdings nur bei 0,3 Prozent.

„Dieser vergleichsweise geringe Rückgang zeigt einerseits das große Engagement der Ausbildungsbetriebe, und andererseits, dass wir mit unseren Werbeaktionen und Infoveranstaltungen für die duale Berufsausbildung auf dem richtigen Weg sind“, erläuterte Ifland.

Handwerk sucht händeringend Azubis – selbst Top 10-Stellen bleiben unbesetzt

Viel schwieriger ist es für das Handwerk: In der Region sucht man weiterhin händeringend nach Auszubildenden. Viele angebotene Ausbildungsplätze konnten bisher nicht besetzt werden.

Aktuell sind in der Ausbildungsbörse der Handwerkskammer Dortmund noch 160 freie Ausbildungsstellen für das laufende Jahr ausgeschrieben.

„Angeboten werden Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik, Maler und Lackierer und viele andere Gewerke“, berichtet Angelika Weise, Geschäftsführerin der Handwerkskammer Dortmund.

Zum 30. September 2016 waren in der Lehrlingsrolle der Handwerkskammer Dortmund 3.734 Ausbildungsverträge eingetragen und damit ein geringes Plus von 0,31 Prozent an betrieblicher Ausbildung.

Für die Stadt Dortmund konnte kein ausgeglichenes Ergebnis erzielt werden: Waren zum Vorjahresstichtag noch 844 Verträge für Dortmund eingetragen, so waren es am dieses Jahr lediglich 746. Selbst in beliebten Branchen blieben Stellen unbesetzt.

Neben den allgemeinen Trends – weniger Schulabgänger und höhere Studienbereitschaft – hat das Handwerk mit fehlenden Kenntnissen über Berufe und Karrierechancen zu kämpfen. Doch auch die oft sehr niedrigen Ausbildungsvergütungen schrecken ab. Wer noch auf der Suche ist, hat aber noch Chancen: „Das Handwerk eröffnet auch jetzt noch ausbildungsplatzsuchenden Jugendlichen die Chance auf Vermittlung in eine der angebotenen Ausbildungsstellen“, so Weise.

Lob vom DGB und die Forderung nach verstärktem Engagement

Für die intensivierten Bemühungen um Azubis zollte Jutta Reiter vom DGB den Kammern Lob und Anerkennung.

Doch es müsse noch mehr passieren: „Junge Menschen in Ausbildung zu bringen heißt, der Arbeitslosigkeit den Nährboden zu entziehen. Darum müssen alle jungen Menschen, die in die duale Ausbildung wollen, auch auswahlfähige Angebote erhalten. An diesem Ziel halten wir fest“, bekräftigte die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Dortmund.

Die Agentur für Arbeit blickt differenziert auf die Zahlen: „Der Ausbildungsmarkt in Dortmund zeigt auch 2016 eine unausgeglichene Bilanz. Die Lücke ist etwas kleiner geworden, aber immer noch stehen rund 4.700 Bewerbern um Ausbildung nur gut 3.400 betriebliche Ausbildungsplätze entgegen“, bilanziert Astrid Neese, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Dortmund.

„Die Zahl der uns von den Betrieben gemeldeten Ausbildungsstellen ist gestiegen. Allerdings ist das Wachstum zu gering, um die Schieflage von Angebot und Nachfrage auszugleichen und den absehbaren Bedarf an gut qualifizierten Fachkräften in der Region zu decken“, so Neese.

Arbeitsagentur kritisiert Unternehmen: Angebote werden kaum wahrgenommen

Sascha Pradella hat die Ausbildungshilfen bekommen. So hat er nicht nur seine Lehrstelle behalten, sondern ist auch anschließend übernommen worden.

Tradierte Suchwege und Besetzungsstrategien führten immer weniger zum direkten Ziel. Zudem zeigten sich Arbeitgeber nur in geringem Maße bereit, schwächeren Jugendlichen eine Chance zur Ausbildung zu geben.

„Sie nehmen Unterstützungsangebote noch zu zögerlich wahr. 500 Betrieben haben wir das neue Modell der assistierten Ausbildung vorgestellt, nur 13 haben es in die Praxis umgesetzt.  Auch suchen wir verstärkt Unternehmen, die sich einer Einstiegsqualifizierung für Jugendliche öffnen. Interessierte und geeignete Jugendliche haben wir genug“, kritisierte Neese.

Es gebe eine spürbare Diskrepanz zwischen den Anforderungen der Arbeitgeber und den Profilen der jungen AusbildungsbewerberInnen. Um auch in Zukunft Nachwuchs gewinnen zu können, würden sich die Betriebe auf die Bedürfnisse der jungen Menschen einstellen müssen, Berührungsängste müssten weiter abgebaut werden und Personalentscheidungen dürften nicht ausschließlich nach der „Bestenauslese“ erfolgen.

„Auch Jugendliche mit Unterstützungsbedarf sollten in die engere Auswahl gezogen werden. Die Agentur für Arbeit bietet vielfältige Unterstützungsangebote. Wer Nachwuchskräfte für sein Unternehmen sucht, sollte diese erfolgversprechenden Ansätze nicht außer Acht lassen. Wir gewährleisten eine individuelle Beratung und Betreuung, denn wir wissen, dass gerade kleinere Unternehmen dies nicht immer allein bewerkstelligen können.“

Mehr Details zum Ausbildungsmarkt:

  • Vom 1. Oktober 2015 bis 30. September 2016 meldeten sich bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit Dortmund insgesamt 4.658 BewerberInnen für einen Ausbildungsplatz. Das sind 77 Jugendliche oder 1,6 Prozent weniger als im Vorjahr. 
  • Gleichzeitig meldeten die Dortmunder Unternehmen 3.420 betriebliche Ausbildungsstellen. Das sind 57 Stellen oder 1,7 Prozent mehr als im Vorjahr.  Zum offiziellen Ende des Berufsberatungsjahres waren noch 48 Stellen unbesetzt (Vorjahr: 55). 
  • 148 Bewerber suchten Ende September noch einen Ausbildungsplatz (Vorjahr: 307). 596 haben sich für eine andere Alternative wie zum Beispiel einen weiteren Schulbesuch,  einen Freiwilligendienst oder eine Erwerbstätigkeit entschieden. Diese Bewerber suchen vorrangig weiter eine Lehrstelle. 
  •  107 Bewerber im Kontext von Flüchtlingsmigration haben sich bei der Agentur für Arbeit im Berichtsjahr gemeldet, 37 davon sind in Ausbildung eingemündet.
  • Insgesamt standen 183 Plätze für außerbetriebliche Ausbildungen (BaE), 477 Plätze für berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB), 74 Plätze für eine Assistierte Ausbildung (AsA) und 286 Plätze für eine Einstiegsqualifizierung (EQ) zur Verfügung. 
  • Die Agentur für Arbeit Dortmund und das Jobcenter Dortmund  setzen Mittel in Höhe von gut 15 Mio. Euro ein, um Bewerber bei dem Weg in die Ausbildung oder während der Ausbildung zu unterstützen (BaE, BvB, Berufseinstiegsbegleitung, Einstiegsqualifizierung, Assistierte Ausbildung, ausbildungsbegleitende Hilfen).

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