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AGNRW-Serie: Ehrenamtliches Engagement im internationalen Dialog – „Wir wollen keine Klischees bedienen“

Deutsch-Französische Gesellschaft; David Babin; Odile Brogden

David Babin und  Odile Brogden arbeiten ehrenamtlich in der Auslandsgesellschaft mit. Fotos: Klaus Hartmann

Von Claudia Behlau

Unterschiede? Ressentiments? Nein, Odile Brogden und David Babin schütteln mit dem Kopf. „Zwischen Deutschen und Franzosen gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede“, sagt David Babin, Leiter der Deutsch-Französischen Gesellschaft, des größten Länderkreises innerhalb der Auslandsgesellschaft. Ebenso wie seine Kollegin Odile Brogden stammt er aus Nordfrankreich. Aus Rouen, etwa 100 Kilometer entfernt von Amiens, der Dortmunder Partnerstadt. „Und ich versichere Ihnen. Zwischen den Menschen in Amiens und Marseille gibt es mehr Unterschiede als zwischen den Menschen in Amiens und Dortmund.“ Da merke man doch, dass Deutschland und Frankreich Nachbarn seien.

Keine Feindschaft:  „Die Deutschen finden uns Franzosen richtig nett“

Und nicht nur das: „Die Deutschen finden uns Franzosen richtig nett“, hat David Babin festgestellt. „Wir sind hier willkommen.“ Die wenigen Franzosen, die in Dortmund leben, seien integriert, würden hier arbeiten und auch deutsch sprechen. So wie David Babin, der in Dortmund studiert hat und mittlerweile im Märkischen Kreis als Kulturmanager arbeitet. Oder wie Odile Brogden, die seit 1966 in Deutschland lebt.

Wie bei allen Nachbarn gibt es natürlich auch individuelle Eigenheiten. „Die Franzosen werden es nie verstehen, dass deutsche Fußgänger tatsächlich vor einer roten Ampel stehen bleiben, wenn kein Auto kommt“, erzählt Odile Brogden schmunzelnd. Die Deutschen wiederum hätten so ihre Probleme mit der mangelnden Pünktlichkeit der Franzosen. Das sei aber alles. Schuldzuweisungen, die aus der Vergangenheit herrührten, gebe es schon lange nicht mehr. Rassismus oder Diskriminierung ebenfalls nicht. Zumindest nicht, wenn es um die Menschen dieser beiden Länder geht.

„Unsere Gesellschaft ist mittlerweile sehr vielfältig. Ohne Toleranz wird sie nicht funktionieren.“

Völkerverständigung und Toleranz funktioniere mittlerweile gut zwischen Deutschland und Frankreich, sagt David Babin. Aber es gehe ja nicht nur um diese beiden Länder. „Unsere Gesellschaft ist mittlerweile sehr vielfältig. Sie verbindet unterschiedliche Religionen und Menschen verschiedener Herkunft. Ohne Toleranz wird diese Gesellschaft nicht funktionieren.“ Das gelte für Deutschland. Das gelte aber auch für Frankreich.

„Das Bild vom weißen Franzosen mit Baskenmütze und Rotweinflasche entspricht nicht mehr der Realität. Die französische Gesellschaft ist vielseitig. Ein Franzose kann auch schwarz und Muslim sein, er kann aus einem anderen Übersee-Département Frankreichs kommen. Wenn alle das verstanden und akzeptiert haben, dann sind wir schon ein Stückchen weiter im Kampf gegen den Rassismus.“

Deshalb ist die Erklärung der französischen Gesellschaft und der französischen Politik auch ein Thema des Länderkreises. Den Fokus legt das Leitungsteam aber auf die Pflege und Verbreitung der französischen Sprache und Kultur. Aber auch der  Austausch zwischen den Menschen der beiden Länder war immer ein Schwerpunkt – allen voran der Schüleraustausch, der ab 2015 sogar für drei Monate angeboten wird.

Keine Stereotype: Frankreich hat mehr zu bieten als Chansons und Paris

Deutsch-Französische Gesellschaft; David Babin; Odile Brogden

Wollen keine Klischees bedinen: David Babin und Odile Brogden

In einem regelmäßigen und seit über 30 Jahren bereits existierenden Gesprächskreis können sich Interessierte zudem in französischer Sprache über alle möglichen Themen austauschen.

Darüber hinaus bietet die Deutsch-Französische Gesellschaft viele interkulturelle Kulturveranstaltungen an: Chanson-Abende, die stark nachgefragten Filmvorführungen im Original mit deutschen Untertiteln, Workshops unter dem Motto „Politique & Société Française“ oder Lesungen: „Wir haben 800 Interessierte, die regelmäßig von uns angeschrieben werden. Sie alle sind frankophil, auch wenn sie nicht alle gut oder sehr gut französisch sprechen“, sagt David Babin.

Die Veranstaltungen finden nicht nur im Haus der Auslandsgesellschaft statt. Die Deutsch-Französische Gesellschaft nutzt die Gastfreundschaft vieler weiterer und vor allem origineller Dortmunder Einrichtungen – vom Antiquariat bis zum „Schneckenhaus“. Und es werden regelmäßig Kunstausstellungen, zum Beispiel in Essen, Wuppertal, Münster oder Hagen besucht.

„Uns ist bei allen Angeboten wichtig, dass wir dabei keine Klischees bedienen“

Kooperationspartner wie das Deutsch-Französische Institut vermitteln auch schon mal prominente Referenten. Die Deutsch-Französische Gesellschaft in Dortmund wiederum war mehrfach Ausrichter von Regionaltagungen für andere Deutsch-Französische Gesellschaften. Und bei der Organisation der Filmabende arbeitet man mit einem Dortmunder Kino, der Schauburg, zusammen.

„Uns ist bei allen Angeboten wichtig, dass wir dabei keine Klischees bedienen“, sagt David Babin. „Wir Franzosen haben mehr zu bieten als Chansons.“ Deshalb gibt es schon mal einen Abend mit französischer Rockmusik. Und da Frankreich natürlich nicht nur aus Paris besteht, gibt es auch Diavorträge über sehenswerte Moore und Sümpfe in Frankreich.

Arbeit des Länderkreises entwickelt sich – ebenso wie die Gesellschaft

Der Deutsch-Französische Länderkreis stellt sich den gesellschaftlichen  Veränderungen. Auch die moderne Technik hat die Arbeit des Länderkreises verändert: Odile Brogden: „Wir sind mittlerweile nicht mehr vorrangig Anlaufstelle für neu zugezogene Menschen, auch wenn wir gerne weiterhin alle neu angekommenen Franzosen willkommen heißen und ihnen Kontakte zu Gleichgesinnten ermöglichen. Doch viele finden sich mittlerweile über das Internet und über unser Facebook-Konto.“

Und deshalb will auch der Länderkreis mit der Zeit gehen und sich ständig weiterentwickeln. Odile Brogden: „Wir wollen nicht mehr ausschließlich Frankreich präsentieren. Das verliert irgendwann den Pfeffer. Wir wollen verstärkt den Kontakt zu Menschen aus anderen Ländern suchen, die ebenfalls französisch  sprechen. Etwa auch zu Kanadiern, Schweizern oder Belgiern.“

In über 40 Ländern der Welt ist Französisch Amtssprache, vor allem in vielen afrikanischen Ländern. Und da gibt es auch erste Kontakte: Gemeinsam mit der Deutsch-Afrikanischen Gesellschaft gab es im November 2014 einen politischen Diskussionsabend unter dem Motto „France-Afrique: Partnerschaft oder Ausbeutung?“

Die Deutsch-Französische Gesellschaft in der Auslandsgesellschaft NRW e.V.
wurde 1948 als Deutsch-Französisches Institut gegründet, aus dem 1949 das Auslandsinstitut hervorging. Leitung seit 2008: Odile Brogden, Pascale Gauchard, David Babin. Öffnet internen Link im aktuellen FensterMehr zur Deutsch-Französischen Gesellschaft

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