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„Rechtsextremismus in Dortmund – Geschichte und aktuelle Entwicklung“ – AStA der TU lud zu Vortrag und Diskussion ein

Dank der zahlreiche Graffiti - geduldet vom Eigentümer der Immobilien - verfestigt sich das Image des „Nazi-Kiez“.

Einige Graffitis weisen den sog. „Nazi-Kiez“ in der Emscherstraße in Dortmund-Dorstfeld aus. Fotos (4): Alex Völkel

Um die jüngere Geschichte und Entwicklung des Rechtsextremismus in Dortmund ging es bei einer Vortragsveranstaltung, zu welcher der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Technischen Universität (TU) eingeladen hatte. Referent war ein Mitarbeiter der Dortmunder Quartiersdemokraten. – Das Projekt „Quartiersdemokraten“ unterstützt und berät zivilgesellschaftliche AkteurInnen in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld und anderswo.

„SS-Siggi“ und die sogenannte Borussen-Front: Widerstand der Zivilgesellschaft erfolgreich

Auch der Gründer der Borussenfront, Siegfried "SS-Siggi" Borchardt, nahm teil.

Gründer der Borussen-Front, Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt, beim HoGeSa-Vernetzungstreffen in Dortmund. Archivbild: Alex Völkel

In seinem Vortrag vor dem fast gefüllten Saal wurde eindrucksvoll geschildert, wie die rechtsextreme Szene sich in Dortmund in Laufe der Jahre entwickelte: In den 80er Jahren machte der Rechtsextremist Siegfried Borchardt („SS-Siggi“) mit seiner „ Borussen-Front“ von sich reden. Ein Zusammenschluss von rechten Hooligans, welche sich zur Aufgabe gemacht hatten, nach BvB-Spielen Migranten zu „jagen“.

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Durch das Zusammenspiel von verschiedenen Fanprojekten und Borussia Dortmund wurde der Nazi-Hool-Vereinigung Borussen-Front erfolgreich entgegengetreten.

„Borussia Dortmund ist strikt gegen jegliche Form von Diskriminierung, Gewalt und Rechtsextremismus“, betonte der Verein bereits 2012 in einer Stellungnahme und belegte auffällige Personen mit Stadionverboten.

Verbot der FAP, des NWDO und weiterer Neonazi-Gruppierungen in der Umgebung

250 AntifaschistInnen demonstrierten gegen Nazi-Umtriebe, 70 Neonazis gegen das NWDO-Verbot.

August 2017, zum 5. Jahrestag des NWDO-Verbots: AntifaschistInnen demonstrieren gegen Nazi-Umtriebe.

Nach und nach zog es die Neonazis nach Dortmund-Dorstfeld, Grund dafür dürfte damals auch der Wohnsitz eines FAP-Mitgliedes gewesen sein, der rechtsextremen und seit 1995 verbotenen „Freiheitlichen Arbeiter Partei“, der auch Siegfried Borchardt als stellv. Bundesvorsitzender angehörte.

Für die kandidierte er 1989 als Spitzenkandidat zur Europawahl, scheiterte jedoch mit 0,1% der abgegebenen Stimmen kläglich. Nach dem Verbot der FAP organisierte sich Borchardt in der Kameradschaft Dortmund.

Aus dieser Gruppierung entwickelte sich der „Autonome Widerstand östliches Ruhrgebiet“ und später der „Nationale Widerstand Dortmund – NWDO“, welcher vom damaligen Innenminister Ralf Jäger am 23. August 2012 mit zwei weiteren Gruppierungen verboten wurde.

„Tötungen“ des Punkers Thomas Schulz und von Polizeibeamten und Mord an Mehmet Kubaşik

Die TeilnehmerInnen des Ostermarschs Rhein-Ruhr gedachten Thomas Schulz.

Auch beim Ostermarsch 2017: Kein Vergessen! – In Erinnerung und zum Gedenken an Thomas Schulz.

Still wurde es bei dem Vortrag, als die Gewalttaten und Tötungen in Dortmund thematisiert wurden. Der Referent erinnerte dabei an den Neonazi Michael Berger, welcher am 14.Juni 2000 drei Polizeibeamte in Dortmund-Brackel und Waltrop durch Schüsse tötete. Berger richtete sich noch am selben Tag selbst durch einen Kopfschuss.

2005 wurde der Punker Thomas „ Schmuddel“ Schulz durch den rechten Intensivstraftäter Sven K. durch einen Messerstich ins Herz getötet und später zu sieben Jahren Jugendhaftstrafe verurteilt.

Ebenso wurde an den Dortmunder Mehmet Kubaşik erinnert, welcher durch den NSU 2006 in seinem Kiosk ermordet wurde. Inwiefern Neonazis aus Dortmund an der grausamen Tat direkt oder indirekt beteiligt waren, wurde bis heute nicht eindeutig aufgeklärt.

Verurteilte Holocaust-Leugnerin ist Spitzenkandidatin der Partei „Die Rechte“ bei Europawahl im Mai

Nach europaweiter Mobilisierung marschierten Neonazis am 14. April 2018 von der Nordstadt zum Sonnenplatz.

Abschließend wurde zur aktuellen Entwicklung vorgetragen. Dabei ging der Referent auf die Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck und ihre Spitzenkandidatur zur Europawahl für die Partei „Die Rechte“ ein.

Weiterhin informierte er über den „Kampf der Nibelungen“ – ein lukratives, von Neonazis aus Dortmund seit Jahren organisiertes „Kampfsportevent“ unter Rechtsextremisten aus ganz Europa. Diverse Konzertveranstaltungen, Merchandise-Artikel, Versandhandel, Anzeigenverlag und Auftragsarbeiten für Grafiken etc. fließen finanziell in die sogenannte „gelebte Volksgemeinschaft“ mit ein.

Nicht außer Acht gelassen wurde auch die europaweite Vernetzung der Rechtsextremisten mit ihren sog. Kameraden in Bulgarien, Griechenland, Frankreich usw. Durch die gemeinsame Entwicklung von Handlungsstrategien und Interventionsmöglichkeiten sowie durch zivilgesellschaftliches Engagement, schließlich auch mittels frühzeitiger Aufklärung junge Menschen zu sensibilisieren – das sind einige der vielen Möglichkeiten, den Neonazis demokratisch entgegenzutreten.

 

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