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„PiaF – Pflege in allen Farben“: Qualifizierung und Integration von Pflegefachkräften internationaler Herkunft beim EWZ

Marie Antonate Nakamya und Iris Naumer präsentieren das Zertifikat. Fotos: EWZ

Fachkräftemangel in der Pflegebranche: Schon jetzt ist er vielerorts spürbar, auch in der Region Dortmund. Und Studien zufolge, wird sich die Situation kaum bessern, sondern in Zukunft verschlimmern – wenn nichts geschieht. Hier hakt das Entwicklungszentrum Dortmund (EWZ) ein: Mit dem Angebot „PiaF – Pflege in allen Farben“ bereitet die im Ortsteil Eving gelegene Einrichtung für berufliche Qualifizierung und Integration MigrantInnen erfolgreich auf die staatliche Anerkennung als Gesundheits- und KrankenpflegerInnen vor. Das Besondere daran: Das zukünftige medizinische Fachpersonal und potentielle Arbeitgeber sitzen von vorneherein in einem Boot.

Prognostizierte Unterversorgung bei Pflegefachkräften in der Bundesrepublik und der Region

Der Themenreport „Pflege 2030“, herausgegeben von der Bertelsmann-Stiftung im Jahre 2012, prognostiziert einen Anstieg der Zahl bei den Pflegebedürftigen in der Bundesrepublik bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent. Zugleich arbeiteten immer weniger Menschen in der Pflege, so die Studie. Setzten sich diese Trends fort, fehlten in Zukunft dort 500.000 Vollzeitfachkräfte. Und es besteht kein plausibler Grund zu der Annahme, dass diese Versorgungslücke nicht auch die Region Dortmund träfe.

Viele Pflegeunternehmen in Dortmund und Umgebung behelfen sich bereits jetzt angesichts des Mangels an qualifiziertem Personal mit angelernten Pflegehilfskräften. Und manche versuchen, Pflegekräfte aus anderen Ländern zu gewinnen, wobei oft Sprachbarrieren unterschätzt und abweichende Berufsbilder in deren Herkunftsländern nicht hinreichend bedacht werden. Letzteres ist ein gewichtiger Punkt.

Die Gesundheitsversorgung steht nämlich nicht nur vor einer massiven Personalunterversorgung, sondern es bedarf vor allem auch qualifizierter Pflegefachkräfte, die mit den berufsbezogenen Standards und Voraussetzungen in Deutschland vertraut sind.

Das EWZ-Dortmund hat vor diesem Hintergrund für bereits in einem Pflegeberuf ausgebildete (potentielle) MigrantInnen und Unternehmen aus dem Pflegebereich ein Angebot entwickelt, das die dringenden Handlungserfordernisse im Pflegesystem aus internationaler Perspektive angeht und in die Region übersetzt. Und demzufolge geht es bunt zu: „PiaF – Pflege in allen Farben“ heißt das Angebot des Evinger Zentrums, das sich seit Jahren im Bereich beruflicher Qualifikation, Fort- und Weiterbildungen sowie der Integration auf dem Arbeitsmarkt engagiert.

Die Zielgruppen: Pflegefachkräfte mit Migrationshintergrund in und außerhalb der Bundesrepublik

Angesprochen sind MigrantInnen, die in ihrem Heimatland bereits einen qualifizierten Abschluss als Pflegekraft erworben haben. Um in der Bundesrepublik die obligatorische staatliche Anerkennung als Gesundheits- und Krankenpfleger/in zu erhalten, müssen sich die diplomierten Krankenschwestern und Krankenpfleger allerdings in der Regel nachqualifizieren.

Hierfür sollten sie in einem gewissen Umfang die deutsche Sprache beherrschen und in Theorie wie Praxis die besonderen Anforderungen kennenlernen, die an den Pflegeberuf unter den für sie hierzulande neuen Gegebenheiten des Gesundheitssystems und seinen Pflegestandards gestellt werden. Die Zielgruppe besteht aber nicht nur aus MigrantInnen, die bereits in Dortmund und Umgebung sesshaft geworden sind, sondern auch aus qualifiziertem Fachpersonal aus aller Welt (daher gerne bunt), das ein Interesse daran hat, in der Bundesrepublik zu leben und zu arbeiten.

Zum Beispiel konnte die Koordinatorin des PiaF-Projektes beim EWZ, Iris Naumar, auf der letzten Jobmedi-Messe in Bochum Kontakt zu einem Deutschlehrer aus Indien knüpfen, der dort am Goethe-Institut arbeitet. Das hat dazu geführt, dass neun indische und zwei serbische Krankenpflegefachkräfte noch in diesem Jahr nach Deutschland einreisen dürfen, um an dem Bildungsangebot PiaF teilzunehmen. Fünf weitere Fachkräfte aus Indien werden im Januar 2018 folgen.

Eine junge Krankenschwester aus Uganda erlernt beim EWZ die Standards des Pflegeberufs

Marie Antonate Nakamya (32) ist ein Beispiel gelungener Integration im Sinne der Projektziele. Sie lebt seit drei Jahren in der Bundesrepublik. In ihrer Heimat Uganda hatte sie den Beruf der Krankenschwester erlernt.

Heute spricht sie Deutsch auf dem Niveau B1 (= Fortgeschrittene Sprachverwendung) und hat bereits mehrere Jobangebote als anerkannte Krankenschwester. Geholfen hat ihr dabei der „PiaF“- Kurs beim EWZ. Die Erfolgsquote, so Iris Naumer, läge augenblicklich bei 100 Prozent – in dem Sinne, dass alle Teilnehmer dieser Kurse anschließend auch eine Stelle gefunden hätten.

Aber Marie Nakamya musste dafür viel lernen: In Deutschland gäbe es einige Aspekte der Ausbildung, die sie noch nicht gekannt habe, erklärt die junge Frau. Den größten Unterschied hätte sie bei der Altenpflege festgestellt. In ihrer Heimat existierten nämlich keine Seniorenheime, weil alte Menschen dort von ihren Angehörigen gepflegt würden. Aber wo es in einer sich immer weiter atomisierenden Gesellschaft keinen Platz und keine Zeit für die Pflege traditioneller Familienbande gibt, muss halt der Staat qua Altersunterbringungsstätte einspringen.

Dafür braucht es mindestens qualifiziertes Fachpersonal: Nakamya hat zudem ein 300-Stunden-Praktikum bei der Diakonie absolviert. Das war Pflicht, genauso wie das zweite Praktikum, das sie nach Abschluss des PiaF-Lehrgangs in den Städtischen Kliniken machen wird. Ende März 2018 kann sie aus mehreren Jobangeboten wählen, die ihr bereits jetzt vorliegen.

In den beiden derzeit laufenden PiaF-Kursen werden Menschen aus Indien, Serbien, Lettland, Kosovo, Albanien, Kenia, Indonesien und anderen Ländern berufsbegleitend unterrichtet. Für alle Teilnehmenden aus Indien und Serbien konnte Kursleiterin Iris Naumer bereits anstellende Unternehmen und Wohnungen finden. Ebenfalls wurden erfolgreich Visa und Arbeitserlaubnis beschafft. Bei den zukünftigen Arbeitgebern handelt es sich u.a. um den Pflegedienst Kenyon, das Alloheim, das Haus Vincent und Pflegende Hand.

Nachqualifizierung und regionale Bindung von Pflegefachkräften mit internationalem Hintergrund

Der PiaF-Kurs im EWZ läuft individuell – je nach Bedarf, den das Landesprüfungsamt in Düsseldorf festgelegt hat – max. 19-20 Monate. Die Schüler arbeiten im Wechsel zwei Wochen – und die zwei Wochen danach drücken sie die Schulbank. Den Verdienstausfall zahlt das Programm „WeGebAU“ der Bundesagentur für Arbeit.

In dieser Zeit werden die SchülerInnen praktisch mit dem deutschen Pflegesystem vertraut gemacht und auch theoretisch auf einen erfolgreichen Abschluss des Anerkennungsverfahrens vorbereitet. Zu den Unterrichtsthemen gehören fachliche und fachübergreifende Inhalte, Praktika in Krankenhäusern und natürlich auch berufsspezifische Deutschkenntnisse.

Im Zuge der Nachqualifizierung wird die Anstellung bei einem Unternehmen aus der Pflegebranche in Dortmund und Umgebung vom EWZ organisiert. Ebenso werden die beteiligten Betriebe bei allen Themen zur Qualifizierung der potentiellen MitarbeiterInnen unterstützt. Dadurch soll die Vernetzung von hochqualifizierten Pflegekräften mit Pflegeunternehmen auf regionaler Ebene gefördert werden.

Aufbau einer funktionierenden Integrationsstruktur mit allen untereinander vernetzten Akteuren

Das EWZ in Dortmund-Eving.

Neben der Kooperation mit den betreffenden Betrieben arbeitet das EWZ mit der Wirtschaftsförderung und MigrantInnen-Verbänden zusammen. Damit soll zugleich eine Willkommenskultur in Unternehmen für medizinisch-pflegerische Fachkräfte aufgebaut und regionale Bindungen geschaffen werden, die Teil einer funktionierenden Integrationsstruktur sind.

Marie Antonate Nakamya jedenfalls hat es geschafft. Inzwischen hat die Afrikanerin einen Deutschen geheiratet, der ebenfalls als Krankenpfleger arbeitet, momentan aber in Elternzeit ist und sich um die beiden noch ganz kleinen Kinder kümmert. Für ihr Heimatland Uganda eine wohl etwas ungewöhnliche Reglung. Sie kommt ihr jedenfalls sehr entgegen.

Iris Naumer lobt ihre Schülerin: „Frau Nakamya ist eine ausgesprochen wissbegierige junge Frau, die sich gerne weiterbilden möchte“. Im Piaf- Kurs habe sie zudem viele Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt, die sich über die Besonderheiten ihres Berufs in den jeweiligen Herkunftsländern austauschen. Auch das erweitere ihren Horizont. – Und sicherlich auch den der Lehrkräfte.

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4 Gedanken über “„PiaF – Pflege in allen Farben“: Qualifizierung und Integration von Pflegefachkräften internationaler Herkunft beim EWZ

  1. Stefan

    Das Problem in der Pflege sind sehr schwierige Arbeitsbedingungen der Beschäftigten: Eine Hohe Arbeitsverdichtung, lange Arbeitszeiten, wenig Personal, bürokratischer Irrsinn und niedrige Löhne führen dazu, dass die ausgebildeten Fachkräfte Ihren Beruf bereits nach relativ kurzer Zeit wieder verlassen.

    Wenn alle Menschen, die heute im erwerbsfähigem Alter sind und in der Vergangenheit eine Ausbildung in der Pflege absolviert haben, auch eine Tätigkeit in einem Pflegeberuf anstreben würden, dann gäbe es aktuell eine signifikante Arbeitslosigkeit in der Pflege.

    Einfach immer mehr und immer neue Menschen auszubilden, ist meiner Meinung nach keine Lösung und auch volkswirtschaftlicher Unsinn.

    Die Pflegekräfte offensiv aus armen Staaten zu rekrutieren, ist den Pflegebedürftigen in diesen Ländern gegenüber ausgesprochen unsozial. Gerade Entwicklungsländer mit existenzieller Armut brauchen Ihre medizinischen Fachkräfte selbst.

    Wir sind in Deutschland zu geizig, unseren Gesundheits- und Pflegesektor ausreichend zu finanzieren. Stattdessen lassen wir die Menschen in armen Staaten teuer für uns ausbilden und rühmen uns dann, dass wir ihnen hier einen Deutschkurs spendieren.

  2. heavy Pete

    Das EWZ in Dortmund hat sehr schlechte Dozenten. Ich habe es erlebt dass die hier abgebildete Frau Naumer
    behauptete das etwa Demenz eine psychologische Ursache habe. Ich habe dort die Ausbildung zum Alltagsbegleiter angefangen. Das EWZ ist ein sehr merkwürdiger Verein. Gerade die Dozenten in den sozialen Berufen sind weniger schulmedizinisch orientiert, meistens haben sie auch eine Ausbildung als Heilpraktiker.
    Leider ist das EWZ einer der größten Bildungsträger in Dortmund was soziale Beruf angeht. Ich halte die Ausbildungen dort für mangelhaft.

    1. EWZ GmbH

      Das EWZ in Dortmund ist ein Bildungsdienstleister, der seit mehr als 30 Jahren Menschen, die es nutzen möchten, qualifiziert und in Arbeit vermittelt. Seit 2005 unterrichten wir sehr erfolgreich Menschen in Gesundheits- und Krankenpflegeberufen. Wir sind ein angesehenes Bildungsunternehmen, das alle Fort- und Weiterbildungskurse mit erfahrenen zertifizierten und qualifizierten Fachkräften aus medizinischen Bereichen nach vorgegebenen und allgemein anerkannten Standards gewissenhaft und arbeitsmarktorientiert durchführt. Alle Angebote unterliegen der AZAV Zertifizierung und sind somit von der Bundesagentur für Arbeit, der CERTQUA, den Rentenversicherungsträgern und von Arbeitgebern in der Pflege anerkannt und geschätzt. Die eingesetzten Dozenten/innen und verantwortliche Lehrgangskoordinatoren/innen sind selbstverständlich neben ihren verschiedenen Zusatzqualifizierungen medizinisch ausgebildet und arbeiten in verschiedenen Pflege- und Gesundheitsbereichen. Einer unserer Grundsätze lautet daher, dass unsere Dozenten aus der Praxis kommend, Menschen für die Praxis weiterbilden.
      Die oben angegebene, anonym vorgebrachte Behauptung, dass Frau Naumer gesagt haben soll, Demenz habe psychologische Ursachen, weisen wir entschieden zurück. Hier wurde der sachliche Zusammenhang keinesfalls korrekt wiedergegeben. Die exakte Aussage lautete: Angehörige von an Demenz leidenden Patienten laufen Gefahr, psychische Probleme zu bekommen, weil sie durch die Pflege überfordert sind und kaum Entlastung durch Auszeiten haben.
      Hätte der/die geschätzte Kritiker/in, der/die sich leider nicht traut namentlich zu seinen/ihren Vorwürfen zu stehen, im Unterricht seine/ihre Chance genutzt nachzufragen, wäre sein/ihr Missverständnis selbstverständlich aufgeklärt worden und eine derart unqualifizierte und unwahre Behauptung obsolet gewesen.

  3. Morgenröte

    Fachkräftemangel in der Pflegebranche – schon immer war er spürbar, er ist kein neues Phänomen. Ein neues Phänomen ist allerdings die inzwischen vermehrte öffentliche Wahrnehmung. Jahrzehntelang interessierte sich niemand für den Pflegenotstand, nicht die Politik und noch weniger die Medien. Einen anderen Zustand hat es in Wirklichkeit nie gegeben.

    Veränderungen wälzen seit wenigen Jahren die Pflegebranche um. Erkenntnisse aus Jahrzehnten in denen Pflegebedürftige verwahrt statt versorgt wurden, formen neue Pflegestandards. Neue Standards fließen in die Ausbildung neuer Pflegekräfte ein, immer besser ausgebildete Pflegerinnen und Pfleger rücken in die stationären Einrichtungen und ambulanten Dienste nach. Und die wollen den in weiten Teilen noch immer menschenunwürdigen Umgang mit denjenigen nicht hinnehmen, die das Land aufgebaut haben. Die vor ihnen dafür gesorgt haben, dass wir in einem immer noch relativ reichen Land leben. Sie sind schon in der Ausbildung so selbstbewusst, dass sie in Absprache mit dem Ausbildungsträger die Praktikumsstelle wechseln, wenn ihnen untersagt wird die nötigen Desinfektionen vorzunehmen oder bei Patienten mit multiresistenten Erregern die nötige Schutzkleidung zu tragen. Arbeiten gewissenhaft, sind voller Entsetzen darüber, dass sie schon in der Halbzeit der Ausbildung einen erheblich höheren Wissensstand aufweisen können als ihre Kolleginnen und Kollegen die den Beruf seit dreißig Jahren ausüben. Geraten immer öfter durch ihre bessere Ausbildung in die Situation, ihre Kollegen verbessern zu müssen oder aufgrund ihrer Garantenstellung gar eingreifen müssen um Schaden von Patienten abzuwenden, obwohl sie als Auszubildende in der Weisungskette ganz unten stehen. Müssen mit Bestürzung feststellen, dass angelernte Pflegeassistenten und ausgebildete Pflegehelfer Maßnahmen der Behandlungspflege durchführen, ohne dementsprechende Ausbildung und Scheine. Und das obendrein in relevantem Maße auch noch fehlerhaft, ohne genau zu wissen was sie da warum tun, und welche Auswirkungen das haben kann. Ohne jemals vom medizinischen Hintergrund dessen was sie da tun auch nur gehört zu haben, geschweige denn darin unterrichtet worden zu sein.

    Fachkräftemangel in der Pflegebranche ist ein hausgemachtes Problem. Berufliche Qualifizierung und Integration Migranten und Migrantinnen allerdings nicht mal ein Baustein der Problemlösung. Sondern schlichtweg eine Selbstverständlichkeit, wenn diese Menschen in einem anderen Land leben und sich eine neue Existenz aufbauen möchten. Da ist der Pflegeberuf nur einer von vielen, aus denen Menschen die ihre alte Heimat verlassen haben wählen können. Eine Berufswahl sollte ja nun von Jedermann von den individuellen Stärken und Fähigkeiten abhängig gemacht werden. Ein spezielles Angebot einer Weiterbildung für Fachkräfte auf hiesige Qualifizierungsstandards jedoch erscheint sinnvoll, damit Menschen ihren erlernten Beruf auch in ihrer neuen Heimat ausüben können. Nur ein weiterer Fehler der Vergangenheit darf nicht wiederholt werden: Dass Pflegekräfte die deutsche Sprache nur „in gewissem Umfang beherrschen“. Nicht ohne Grund ist auch für deutsche Muttersprachler das Ausbildungsfach Kommunikation eines der wichtigsten nichtmedizinischen Fächer. Denn Kommunikation ist ebenso wichtig wie eine qualifizierte Versorgung der Patienten. Kommunikation mit medizinischem Personal auf hohem Niveau, sowohl Allgemeinsprachlich als auch Fachsprachlich ist für die Patienten unerlässlich, ja oftmals überlebenswichtig. Werden Versorgungsanordnungen der Ärzte nicht richtig verstanden, kann die Fachkraft dem Arzt wichtige Wahrnehmungen nicht ohne Wenn und Aber einwandfrei mitteilen, kommen Patienten zu Schaden. Kommunikation zwischen Patienten und Pflegekräften bestimmt den Alltag der Menschen. Das Kommunikationsbedürfnis von Pflegebedürftigen ist unglaublich hoch, solange sie dazu noch in der Lage sind. Kommunikation mit Patienten ist hochsensibel, der Leidensdruck der Patienten die sich nicht verstanden fühlen ebenso hoch wie derer die tatsächlich nicht verstanden werden und die Pflegekräfte nicht verstehen. In der Kommunikation mit Patienten bestimmten Einfühlungsvermögen und feinste Nuancen, Wortwahl mit Bedacht und die Fähigkeit auch sprachlich auf die Patienten einzugehen. Niemals darf man vergessen, die Patienten sind denjenigen die sie pflegen wahrhaftig „ausgeliefert“.

    Nach der Ausbildung teilt sich der Strom. Wer nicht wie gut ein Drittel schon während der Ausbildung das Handtuch geworfen hat steht jetzt vor der Entscheidung. Weitermachen oder Aufgeben. Ein beträchtlicher Teil der in Dortmund ausgebildeten Pflegekräfte kommt niemals im Beruf an. Mit den Arbeitsbedingungen, Zuständen in den Pflegeeinrichtungen im realen Leben und den zukünftigen Verdienstmöglichkeiten konfrontiert beendet ein Teil die Ausbildung in dem Wissen, diesen Beruf niemals ausüben zu wollen. Trotz guter Noten und gutem Abschluss. Diese Fachkräfte sind hervorragend ausgebildet, gehen dem Markt aber für immer verloren.

    Der andere Teil geht hochmotiviert und idealistisch in den Beruf, trotz miserabler Bezahlung. Vielen stehen gerade am Anfang zahlreiche Arbeitgeberwechsel bevor, bis sie bei einem Arbeitgeber ankommen, bei dem sie bleiben wollen. Der Pflegenotstand kommt hier den jungen und gut ausgebildeten Fachkräften zu gute, sie werden händeringend gesucht und können es sich erlauben miserable Arbeitgeber sitzen zu lassen und sich auf die Suche nach einem besseren Arbeitsplatz zu machen. Das führt bisweilen bei ganz üblen Arbeitgebern so weit, dass nach und nach der gesamte junge Teil des Personalstamms wieder kündigt und der Betrieb dann über so wenig examinierte Fachkräfte verfügt, dass eine Versorgung des Kundenstammes nicht mehr möglich ist und massiver Ärger mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) droht. Hat das Unternehmen dann erst mal einen miserablen Ruf und findet nicht schnell genug ausreichend examinierte Fachkräfte, droht gar das vollständige Aus für den Betrieb.

    Trotz der eigentlich für junge und gut ausgebildete Fachkräfte vorteilhaften Situation landet ein nennenswerter Anteil der Pflegekräfte bei Leiharbeitsfirmen. Ständig wechselnde Einsatzorte in Pflegeeinrichtungen, dadurch ewig wechselnde Patienten zu denen keine Bezugsbindung aufgebaut werden kann, miserable Bezahlung, immer wechselnde Arbeitswege die zu bestimmten Schichten zum Teil unmöglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind, addieren sich auf schlechte Arbeitsbedingungen, Versorgungszustände die mit dem beruflichen Selbstverständnis junger Fachkräfte unvereinbar sind und Problemen mit der Pflegedienst- und Hausleitung. Wer hier nicht schnell genug heraus kommt, gehört früher oder später zum nächsten Block der knallhart den Markt als Fachkräfteverlust trifft.

    Besser getroffen haben es diejenigen Fachkräfte und Helfer, die bei einem der privaten jüngeren ambulanten Dienste landen, die in den letzten gut zehn Jahren von Fachkräften mit ebendiesem neuen Pflegeverständnis gegründet wurden. Sie zahlen nicht nur besser, sie saugen das Wissen jeder Generation von frisch ausgebildeten Kräften förmlich in das Unternehmen auf, schulen intern und zahlen oftmals ihren Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen mehr als die Hälfte der Kosten für Fortbildung als Zuschuss. Legen immensen Wert auf bestmögliche Versorgung der Kunden und deren Zufriedenheit, motivieren ihre Mitarbeiter nicht nur durch monetäre Anreize, sondern durch ganze Bündel an Maßnahmen die für zufriedene und engagierte Pflegekräfte sorgen sollen. Sie müssen noch härter rechnen um die Gratwanderung zwischen pauschalierten Einnahmen und Ausgaben zu meistern, noch besser planen, einfach in allem noch besser sein. Doch der Erfolg scheint diesen Unternehmen recht zu geben. Weniger Ärger und Fehler bei der Abrechnung mit den Pflegekassen, weniger durch die Kasse nicht anerkannte Leistungsforderungen, zufriedenere Kunden mit höherer Lebensqualität und stabile Kundenstämme mit einem Bruchteil der Wechsel wie bei den Mitbewerbern. Das wirkt sich auch auf die Mitarbeiter aus, kaum Fluktuation im Personalstamm sorgt für eingespielte Teams die Hand in Hand arbeiten, die Teamfähigkeit nimmt generell zu, zufriedene und fröhliche Mitarbeiter sorgen für glückliche Kunden die in „ihrem“ Pflegepersonal mehr sehen als eine Waschkraft.

    Das genaue Gegenteil erleben indes viele junge Fachkräfte in älteren Betrieben und stationären Einrichtungen. Hier scheinen viele Erkenntnisse und konzeptionelle Verbesserungen der letzten gleich zwei Jahrzehnte abgeprallt zu sein wie der Regen an einer Lotusblüte. Kaum aufzählen lassen sich hier die Missstände, die man auch tatsächlich so bezeichnen muss. Personalschlüssel jenseits von Gut und Böse, bei denen eine examinierte Fachkraft mit zwei Helfern für bis zu 50 Bewohner auf einer Station verantwortlich ist, erkrankt ein Kollege oder eine Kollegin kann das oftmals bedeuten für gleich zwei Stationen und damit 100 Menschen verantwortlich zu sein.

    Wie kriminell seitens der Betreiber manchmal verfahren wird zeigen Hintergrundgespräche mit Fachkräften. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind aufgrund ihres vertraglichen Arbeitsverhältnisses verpflichtet, ihren Arbeitgeber darauf hinzuweisen, dass die Erfüllung der Arbeitsaufgaben gefährdet ist. Dies ist besonders dann relevant, wenn dieser aufgrund von vertraglichen Pflichten gegenüber Dritten Schaden davon tragen kann, erheblichen Sachgüter oder die geistige oder körperliche Unversehrtheit von Menschen gefährdet sind. Werden durch Mitarbeiter mit Gewissen und zeitgemäßem Pflegeverständnis solche Anzeigen geschrieben, beginnt zumeist eine Spirale aus Mobbing, arbeitsrechtlichen Maßnahmen gegen die Mitarbeiter, Abmahnungen für aufgebauschte oder verdrehte Sachverhalte. So lange, bis die Arbeitnehmer das Handtuch werfen oder eine schnelle Kündigung aussichtsreich erscheint.

    Doch auch die Fachkraft selbst muss aufpassen, sich nicht selber der Strafverfolgung auszusetzen. Sie hat gegenüber ihren Patienten eine Garantenstellung. Schon der alltägliche Ablauf auf einer durchschnittlichen Station einer gewöhnlichen Einrichtung birgt für die verantwortliche examinierte Fachkraft vollkommen unterschätze Risiken. Oftmals werden aufgrund von Personalschlüssel und -struktur von angelernten Assistenten oder Helfern in der Pflege Verrichtungen ausgeführt, die examinierten Kräften (oder Pflegehelfern mit entsprechender Weiterqualifizierung und Behandlungsschein LG 1 + 2 ) vorbehalten sind, weil sie eben Behandlungspflege und nicht Grundpflege sind. Da werden im Alltag gerne Praktikanten und Assistenten durch Helfer aufgefordert bei einer Patientin nach der Grundpflege noch mal eben die Dekubiti-Wundversorgung durchzuführen, Blutdruck und Blutzucker zu messen, das Insulin zu verabreichen und die Kompressionsstrümpfe anzuziehen. Allesamt wohlgemerkt examinierten Fachkräften und Pflegehilfskräfte mit Behandlungsscheinen vorbehalten. Denn nicht nur mit falscher Insulingabe, sondern auch mit fehlerhaftem Anziehen von Kompressionsstrümpfen kann man Menschen töten.

    Indes kann auch Überforderung in Ausnahmesituationen tödliche Folgen haben. Erkranken mehrere Bewohner einer stationären Einrichtung beispielsweise am Norovirus, ist das ab zwei Patienten oder einer Pflegekraft meldepflichtig. Unterbleibt die Meldung und die Einrichtung handhabt den Umgang zu lax und nicht nach den Richtlinien, bahnt sich schnell eine wahre Katastrophe an. Erkranken dann nach und nach mehrheitlich die Bewohner und ein Teil des Personals sollten bei der Hausleitung schon alle Alarmglocken geschellt und entsprechende Maßnahmen ergriffen worden sein. Wird das unterlassen und die einzige Fachkraft in der Nachtschicht ist vollkommen überfordert, etliche Patienten zu versorgen, von oben bis unten mit Exkrementen kontaminierte Zimmer zu reinigen und alle Patienten nach dem Ausscheiden sofort zu waschen und erkrankt dann innerhalb der Schicht selbst und der Arbeitgeber kann keine Arbeitskräfte mobilisieren um der bereits außer Kontrolle geratenen Situation noch irgendwie Herr zu werden, steht die inzwischen vollkommen arbeitsunfähige Pflegekraft die selber dringen medizinisch versorgt werden müsste unter einem Handlungszwang, der kaum mehr bewältigt werden kann. Hilfe vom Arbeitgeber ist nicht zu erwarten, woher also Unterstützung nehmen? Da liegt die Idee nahe, selbst jemanden zu organisieren, der irgendwie erreichbar ist. Etwa der ehemalige Mitauszubildende, dessen Rufnummer parat ist. Der aus reiner Hilfsbereitschaft mitten in der Nacht herbeieilt um den Schlamassel zu beseitigen. Zumindest insoweit erfolgreich, dass „nur“ ein Patient verstirbt.

    Von außen betrachtet, hätte es nur eine Lösung gegeben, schon bevor die Fachkraft festgestellt hat selber plötzlich erkrankt zu sein: Notruf an die Leitstelle der Feuerwehr. Feststellung durch die Einsatzleitung, dass der Betrieb der Einrichtung nicht mehr gewährleistet werden kann und vollständig geräumt werden muss. Verlegung aller Bewohner auf Isolierstationen umliegender Krankenhäuser. Ein enormer Kraftakt für den Rettungsdienst und die Feuerwehr. Aber einzig richtig für die Patienten. Und auch für die Fachkraft, denn schlimmstenfalls droht Strafverfolgung wegen Unterlassungsdelikten.

    Angesichts dieser Zustände und der miserablen Bezahlung, der gesundheitlichen Belastung weil oftmals Hilfsmittel zu Patientenumlagerung und -transfer die bei ambulanten Patienten Zuhause vorhanden sind und von der Pflegekasse bezahlt werden in den Einrichtungen schlichtweg nicht da sind sowie der Belastung von Sozial- und Familienleben durch Schichtarbeit, eingeschlossen Wochenenden und Feiertage darf sich niemand der auch nur halbwegs bei Sinnen ist über den Mangel an Fachkräften in der Pflege wundern. Vielmehr muss man sich die Frage stellen, wie man erwarten kann für einen Bruttoverdienst von 1600 Euro eine solche Verantwortung bei einer solchen Arbeitsbelastung übernehmen zu wollen. In Einrichtungen öffentlicher Träger in denen nach Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst bezahlt wird, kann man durchaus 1.000 Euro mehr bekommen, jedoch wird die Vielzahl von Einrichtungen privatwirtschaftlich betrieben. Und hier gibt es Bezahlung nach Haustarif oder Einzelverhandlung.

    So wichtig die Nachqualifizierung auf deutsche Standards von Pflegekräften aus anderen Herkunftsländern sein mag, sie ist nur ein Tropen auf den heißen Stein. Denn auch diese Kräfte werden nicht anders als die in Dortmund vollausgebildeten nur zum Teil dauerhaft in diesem Beruf bleiben. Die hausgemachten Ursachen für den Pflegenotstand werden diese gleichermaßen treffen und es braucht mehr junge Fachkräfte, die nicht nur gut ausgebildet sind, sondern zu starken Persönlichkeiten geformt werden, wie der inzwischen bundesweit bekannte Pflegeauszubildende Alexander Jorde, der nicht nur sachlich qualifiziert der Bundeskanzlerin widerspricht, sondern auch einen Rhetorikprofi wie Christian Lindner an die Wand spielt. Es braucht nicht nur insgesamt eine Vielzahl mehr an gut ausgebildeten Fachkräften und Helfern, sondern auch viel mehr junger Fachleute welche die Zustände nicht mittragen. Gesellschaftlich und politisch Druck machen, mutig eingreifen wenn Angelernte gedrängt werden Behandlungspflege durchzuführen obwohl sie das nicht dürfen. Pflegekräfte die keine Angst vor dem Arbeitgeber haben müssen und bei untragbaren Zuständen die Behörden informieren und wie im geschilderten Beispiel keine Angst haben müssen den Notruf zu wählen und die Einrichtung zum Wohl der Patienten schließen zu lassen.

    Wir haben in Dortmund hervorragende Ausbildungsträger, die sowohl auf qualitativ hohem Niveau ausbilden als auch die jungen Pflegeschülerinnen und -schülern massiv stärken wenn es um fehlerhafte Pflege, Gewalt gegen Patienten und miserable Arbeitsbedingungen geht. Doch nach der Ausbildung stehen diese qualifizierten Fachkräfte ohne eine solche Unterstützung durch Gesellschaft, Politik und Behörden da.

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