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Pflanzung eines besonderen Apfelbaums im Fredenbaumpark in der Nordstadt – In Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes

Bestes Winterwetter war bei der Pflanzung des Koribiniansapfelbaums im Fredenbaumpark. (Foto: Carmen Körner)

Schon mal in einen überaus geschichtsträchtigen Apfel gebissen oder ihn einfach nur gesehen? Wenn nicht – das kann seit einigen Jahren in Dortmund an verschiedenen Stellen zur Erntezeit in „freier Natur“ nachgeholt werden. Die Äpfel hängen an besonderen Bäumen, von denen es jetzt einen mehr gibt. Denn ihre Bezeichnung ist ein Zeichen: der „Korbiniansapfel“ steht für das Gedenken an die Opfer der NS-Verbrechen und für Wachsamkeit, dass dergleichen nie wieder geschehe.

Apfelzucht eines widerständigen Geistlichen im NS-Konzentrationslager Dachau

MitgliederInnen des Freundeskreises Fredenbaumpark e.V. bei der Pflanzung

Der katholische Pfarrer in dem Örtchen Hohenbercha inmitten der bayrischen Provinz, Korbinian Aigner, ist offenbar deutlich. Nach dem gescheiterten Attentat Georg Elsers auf Hitler, November 1939 im Münchener Bürgerbräukeller, schreibt ein Denunziant an die NSDAP-Kreisleitung im nahegelegenen Freising mit unleserlicher Unterschrift, Aigner habe im Religionsunterricht gesagt:

„Ich weiß nicht, ob es Sünde ist, was der Attentäter im Sinn hatte. Dann wäre halt vielleicht eine Million Menschen gerettet worden.“ – Der Geistliche wird deswegen und wegen einer ganzen Reihe anderer kritischer Äußerungen über die Nazis verhaftet und nach dem „Heimtückegesetz“ verurteilt. Kommt erst ins berüchtigte Münchener Gefängnis Stadelheim, wird später in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau deportiert.

Es ist in Dachau, wo der passionierte Pomologe (Obstbaukundler) ab Herbst 1941 in den Jahren der Zwangsarbeit auf einer Kräuterplantage zwischen den Baracken Apfelbäume pflanzt. Bereits während seiner Gefangenschaft gelingt es ihm, etwa 130 von Apfelkernsämlingen gezogene Pflänzchen aus dem Lager schmuggeln zu lassen, damit sie außerhalb des KZs zu tragenden Bäumen werden können.

Korbiniansapfelbäume werden zu einem Symbol der Erinnerung an die NS-Opfer

Bis zu seiner Flucht kurz vor Kriegende auf einem der berüchtigten Gefangenenmärsche (hier nach Südtirol) schafft es der „Apfelpfarrer”, wie Aigner genannt wird, vier Apfelsorten zu züchten – KZ-1 bis KZ-4. Von ihnen ist bis heute die Sorte KZ-3 erhalten geblieben, die seit 1985, zum 100. Geburtstag des 1966 verstorbenen Theologen, als „Korbiniansapfel“ bezeichnet wird.

Der Korbiansapfel ist zu einem Symbol für Zivilcourage geworden – und er steht zugleich und vor allem für die Erinnerung an die Opfer und den Terror der NS-Gewaltherrschaft. Mit diesem Motiv werden seit 2012 die Bäume der von Aigner gezüchteten Apfelsorte in der Bundesrepublik angepflanzt.

So etwa beim Denkmal für die Euthanasiemorde während der NS-Zeit in Berlin-Buch. In Dachau stehen zwei Bäume im Industriegebiet und vor dem Landratsamt.

Seit 2015 werden auch im Dortmunder Stadtgebiet Dortmund Korbiniansapfelbäume in die Erde gesetzt; sieben waren es bereits an der Zahl: Die ersten fünf Bäume an den Standorten Bittermark, Phoenix-See, Geschwister-Scholl-Gesamtschule, Rombergpark und Zeche Zollern, 2016 und 2017 schließlich jeweils ein weiterer Baum in der Bittermark.

Dortmund ist jetzt um ein Apfelbäumchen reicher – im Fredenbaumpark zu bestaunen

Dr. Wilhelm Grothe, Vorsitzender des Freundeskreises Fredenbaumpark e.V.

Seit Mittwoch, 14. Februar, sind es acht: ein weiteres, noch recht zartes Bäumchen aus der Zuchtlinie Aigners schmückt von nun an eine kleine freie Fläche links hinter dem Eingangsbereich des Fredenbaumparks (über die Beethovenstraße/Parkplatz Klinikum Nord zu erreichen).

Die Zusammenarbeit des Freundeskreises Fredenbaumpark e.V. mit der den Baum stiftenden Dortmund-Agentur hat es möglich gemacht. Und weil Erinnerung Verantwortung für die Gegenwart bedeutet, passt der Fredenbaum, als „Ort der Integration“, wie Dr. Wilhelm Grothe, Vorsitzender des Freundeskreises, betont, natürlich bestens.

Also ein Bäumchen gegen das ganze Repertoire der selbsternannten Retter der Nation vor „Überfremdung“: von Willkür über Ausgrenzung bis zum blanken Hass – und für ein friedliches Miteinander in einer bunten Kultur.

Unter fachkundiger Anleitung von Gärtnermeister Dirk Lehmhaus vom Tiefbauamt der Stadt setzten fleißige HelferInnen das Korbinian-Gewächs an seinen neuen Standort. – Es war kalt, aber die Sonne schien. Ein Zeichen der Hoffnung, wie das kleine mutige Bäumchen, das bestimmt einmal viele Früchte tragen wird.

Und die Menschen, die es sehen und vielleicht einen seiner Äpfel pflücken werden, daran erinnern, dass es gegen die Niedertracht mutige Stimmen gibt. Gab und immer geben wird.

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