Nea Schmidt erkundet Dortmunds Bergbaugeschichte und deren Spuren im Alltag

Stadt Dortmund vergibt Literaturstipendium für das Jahr 2027

Prall gefüllte Bücherregale.
Das Stadtbeschreiber*innen-Stipendium der Stadt Dortmund gibt es seit 2020. Foto: Marko Beric / Depositphotos.com

Die Leipziger Autorin Nea Schmidt wird ab Mai 2027 für sechs Monate als neue Stadtbeschreiberin in Dortmund leben und arbeiten. Mit ihrem Vorhaben setzt sich die 1995 geborene Schriftstellerin essayistisch mit der Transformation des Ruhrgebiets, industrieller Ausbeutung und ihrer eigenen Familiengeschichte auseinander. Eine unabhängige Fachjury wählte die Lyrikerin einstimmig für das städtische Residenzstipendium aus, das seit 2020 den literarischen Dialog mit dem urbanen Wandel fördert. Einen ersten Einblick in ihr Schaffen erhalten Interessierte bereits am Donnerstag, 1. Oktober 2026, bei einer gemeinsamen Lesung im Literaturhaus.

Die Fachjury lobt den vielschichtigen Blick auf den industriellen Wandel

Im Zentrum von Schmidts Projekt steht die Auseinandersetzung mit den sichtbaren und unsichtbaren Hinterlassenschaften des Steinkohlenbergbaus. Die Autorin begreift die historische Montanindustrie nicht allein als Wirtschaftsgeschichte, sondern als ein komplexes Geflecht aus menschlicher Arbeit, Naturzerstörung und gesellschaftlichen Nachwirkungen. Dabei interessiert sie sich ausdrücklich für die Lücken in den überlieferten Erzählungen und möchte bisher Unbeachtetes sichtbar machen.

Das Gremium zeigte sich insbesondere von der konzeptionellen und sprachlichen Tiefe des eingereichten Arbeitsansatzes überzeugt. „Durch ihre tiefe Auseinandersetzung mit Dortmund in der Transformation und als Ort in verschiedenen Zeitebenen will sie sich essayistisch der Mine, dem Bergbau nähern und literarisch nach Vergangenem graben“, begründet die Jury ihr Votum. Schmidt gelinge es auf besondere Weise zu untersuchen, wie die Historie die Gegenwart mitschreibt.

Zugleich hoben die Juror:innen hervor, dass Schmidt dem Unerzählten nachgehen und Leerräume erforschen wolle, um so Brücken zwischen den Zeiten zu schlagen. Dabei richte sie den Blick gleichermaßen auf die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen wie auch der Arbeiter:innen. Beeindruckt zeigte sich das Gremium zudem vom ästhetischen Niveau der Verfasserin: Inhalt und Form fänden in ihren Texten filigran und fast zärtlich zusammen.

Familiäre Wurzeln verbinden die Autorin mit dem Ruhrgebiet

Das Recherchevorhaben speist sich nicht ausschließlich aus historischen Dokumenten, sondern besitzt für Nea Schmidt einen biographischen Bezugspunkt. Die Familie ihres Vaters hat ihre Wurzeln im Ruhrgebiet; sowohl ihr Großvater als auch ihr Urgroßvater waren selbst unter Tage im Bergbau tätig.

Nea Schmidt
Nea Schmidt will Dortmund als neue Stadtbeschreiberin erkunden. Foto: Nea Schmidt

Diese familiäre Bindung nutzt die Stipendiatin als Ausgangsbasis, um persönliche Erinnerungen mit den kollektiven Erfahrungen der Region zu verknüpfen.

Gleichzeitig plant die Schriftstellerin während ihres Aufenthalts eine enge Anbindung an die Dortmunder Stadtgesellschaft und die lokale Kulturszene. Sie beabsichtigt den direkten Austausch mit Anwohner:innen sowie mit anderen Schriftsteller:innen, um den Entstehungsprozess ihrer Texte offen zu gestalten.

Ziel sei es, die unterschiedlichen Perspektiven auf den Strukturwandel unmittelbar in die literarische Arbeit einfließen zu lassen. Schmidt selbst blickt mit Vorfreude auf das bevorstehende Stipendienhalbjahr in Westfalen. „Ich freue mich sehr auf die Zeit in Dortmund und über die Gelegenheit, dort zu schreiben, mit der Stadt und ihren Bewohner:innen zu interagieren und durch den Austausch hoffentlich etwas zur (Zugänglichkeit der) Literaturszene beitragen zu können“, erklärt die künftige Stadtbeschreiberin. Das Projekt soll so zu einem gemeinschaftlichen Reflexionsraum werden.

Das Literaturhaus lädt bereits im Herbst zur ersten Begegnung ein

Nea Schmidt schloss 2026 ihr Masterstudium der Sprachkunst in Wien ab, nachdem sie Literarisches Schreiben in Leipzig studiert hatte. Im November 2025 wurde sie mit dem renommierten Open-Mike-Preis für Lyrik ausgezeichnet, worauf im Frühjahr 2026 ihr erster Gedichtband „Sprechen in Flechten“ erschien. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet sie regelmäßig als Übersetzerin sowie Hörspielautorin und publiziert in diversen Literaturzeitschriften.

Clara Cosima Wolff
Clara Cosima Wolff ist aufgewachsen in einer Künstlerfamilie – ihre Eltern sind die Hagener Künstler Barbara Wolff und Karl-Friedrich Fritzsche. Foto: Leopold Achilles für die Stadt Dortmund

Das Stadtbeschreiber:innen-Stipendium wird seit dem Jahr 2020 vom städtischen Kulturbüro in enger Kooperation mit dem Dortmunder Literaturhaus vergeben.

Es soll Autor:innen ermöglichen, urbane Umbrüche vor Ort zu begleiten und aus der Perspektive von Gästen zu reflektieren. Aktuell hat Clara Cosima Wolff die Residenz inne und führt das Programm noch bis Ende Oktober 2026 fort.

Bereits vor dem offiziellen Amtsantritt im Mai 2027 können Dortmunder:innen die designierte Stadtbeschreiberin persönlich kennenlernen. Am Donnerstag, 1. Oktober 2026, liest Nea Schmidt um 19:30 Uhr auf Einladung von Clara Cosima Wolff im Literaturhaus am Neuen Graben 78. An dem Abend stellen die beiden Autorinnen ihre Texte gemeinsam mit der Kollegin Liv Thastum vor.

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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