Die Suche nach einer zentral gelegenen Immobilie war problematisch

Nach 20 Jahren Pause bekommt Dortmund wieder eine (Not-) Schlafstelle für Drogensüchtige

Die alte Adresse ist die neue Adresse. Nach 20 Jahren soll wieder eine Schlafstelle für Drogensüchtige am Schwanenwall eröffnet werden.
Die alte ist auch die neue Adresse. Nach 20 Jahren soll wieder eine Schlafstelle für Drogensüchtige am Schwanenwall eröffnen. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Dortmund bekommt nach rund 20 Jahren wieder eine (Not-) Schlafstelle für Drogensüchtige. Nach langer und erfolgloser Suche nach einer neuen Immobilie wird sie dort eingerichtet, wo sie auch schon in den 90er Jahren war – im Haus der Drogenhilfe am Schwanenwall 42 – über dem „Café Flash“. Im Oktober 2022 soll sie – wenn die Bauarbeiten rechtzeitig beendet sind – eröffnen und Platz für bis zu 20 Obdach- oder Wohnungslose mit Suchtproblemen bieten.

Für Obdachlose braucht es zielgenaue Angebote

Das Soziale Zentrum wird – damals wie heute – die neue Einrichtung betreiben. Sie komplettiert das Angebot der Obdachlosenhilfe. Denn intensive Beratungen der Stadt und Akteur:innen aus dem Hilfesystem zur Neustrukturierung der Wohnungslosen- und Obdachlosenhilfe hatten eine Versorgungslücke für Drogensüchtige bestätigt. 

Das Café Flash ist noch eine große Baustelle. Noch kann man sich kaum vorstellen, dass hier der Betrieb in wenigen Wochen losgehen soll.
Das Café Flash ist noch eine große Baustelle. Noch kann man sich kaum vorstellen, dass hier der Betrieb in wenigen Wochen losgehen soll. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Bislang gibt es getrennte Notschlafstellen für Männer und Frauen sowie Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene. Allerdings sind diese Angebote nicht für alle Gruppen passend: „Das Klientel ist nicht immer mischbar. Obdachlose aus der Alkoholikerszene bilden die eine Gruppe, die Drogenabhängigen eine andere. Dann gibt es noch die eher jugendlichen Punker am Hauptbahnhof“, skizziert Wolfram Schulte, Fachbereichsleitung Drogenberatung des Sozialen Zentrums, die verschiedenen Gruppen.

Gerade mit Drogensüchtigen hat das Soziale Zentrum jahrzehntelange Expertise, unter anderem durch den Betrieb des „Café Flash“  – eine niedrigschwellige Kontakteinrichtung für drogenkonsumierende und substituierte Menschen. Und: „Drogensüchtige schlafen lieber unter Brücken oder bei Bekannten auf der Couch.

Die Notschlafstelle „Relax“ wurde vor 20 Jahren aus Kostengründen geschlossen

Nur zehn Prozent nutzten die bisherigen Notschlafstellen“, ergaben die intensiven Befragungen der Klient:innen. Daher fiel die Entscheidung in Fachgremien und letztendlich auch im Stadtrat, wieder ein Schlafstelle für Drogenabhängige zu machen. Rund 20 Jahre fehlte dieses Angebot in Dortmund.

Das Café Flash ist auch gleichzeitig die „ladungsfähige Anschrift“ für hunderte Klient:innen, die keinen festen Wohnsitz haben.
Das Café Flash ist auch gleichzeitig die „ladungsfähige Anschrift“ für hunderte Klient:innen, die keinen festen Wohnsitz haben. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Das „Relax“, welches es rund zehn Jahre als Schlafstelle für Drogensüchtige über dem „Café Flash“ gab, wurde Anfang der 2000er Jahre geschlossen, weil die Stadt nicht gewillt war, das Defizit auszugleichen. Daher musste das Soziale Zentrum die Reißleine ziehen und das wichtige Angebot schließen.

„Im Laufe der Jahre haben wir festgestellt, dass ganz viele Menschen, die im Relax übernachtet und dort das ganzheitliche Angebot genutzt hatten, nach der Schließung auf der Strecke geblieben sind“, verdeutlicht Schulte. „Sie brauchen mehr als nur ein Bett und Essen.“

Es geht um Betreuung und Ansprache, um Perspektivklärung und Hilfestellungen, um in und erfolgreich durch die Therapie zu kommen. „Das hatten wir damals alles unter einem Dach: die niedrigschwellige Kontakteinrichtung, die Beratung, die Schlafstelle und die Fachstelle für Suchtvorbeugung.“

Die Situation bei den Drogensüchtigen hat sich völlig verändert

Die Lage bei den Drogensüchtigen war Ende der 90er und Anfang der 2000er Jahre noch völlig anders: „Heute haben wir 1500 Substituierte, Anfang der 2000er war das noch nicht so. Daher mussten sie sich immer kümmern, dass der Suchtdruck befriedigt wird. Daher wenig Zeit, ihre Dinge zu klären“, beschreibt Wolfram Schulte die Lage – er arbeitete damals schon in der Einrichtung. 

Wolfram Schulte hat die Bauarbeiten im Blick - und die ganzen Probleme, die mamit verbunden sind.
Wolfram Schulte hat die Bauarbeiten im Blick – und die ganzen Probleme, die mamit verbunden sind. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Abends in der Schlafstelle, wenn die Klient:innen zur Ruhe kämen, sei ein ganz gutes Setting, um Probleme und Lösungen zu besprechen. Doch auch das braucht(e) Zeit – manchmal Jahre. „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Denn der Weg aus der Sucht ist lang. „Wer so hibbelig ist, dass er in der Beratung nicht drei Minuten auf dem Stuhl sitzen kann, kann nicht in Therapie.“ 

Viele Sachverhalte, z.B. Physisches wie Gesundheits- und Zahnstatus, klärt man idealerweise im Vorfeld. Auch andere Dinge müssen in die Wege geleitet werden und vielleicht sollte auch eine Entgiftung zwischendurch gemacht werden, bevor weitere Schritte folgen. „Man kann auch schneller vorgehen, aber schnell ist nicht immer gut, wenn man Therapie-Abbrüche vermeiden will.“ 

Denn die Probleme abseits der Sucht müssen gelöst werden. „Die Dinge, die man sonst immer wegdrückt oder auch zuschüttet“, so Schulte. Zudem hat sich das Suchtverhalten geändert. Früher war das vor allem Heroin. Heute hat es die Drogenberatung mit „polyvalentem Konsum“ zu tun: „Die meisten nehmen alles, was sie kriegen können.“

Für die Süchtigen wurde lange erfolglos nach einer Immobilie gesucht

Die alte Adresse ist die neue Adresse. Nach 20 Jahren soll wieder eine Schlafstelle für Drogensüchtige am Schwanenwall eröffnet werden.
Die alte Adresse ist die neue Adresse. Nach 20 Jahren soll wieder eine Schlafstelle für Drogensüchtige am Schwanenwall eröffnet werden. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Die neuen Notschlafstellen für Männer und Frauen sind schon lange in Betrieb – die völlig anders konzipierte Schlafstelle für Drogensüchtige ließ auf sich warten. 2018 war die europaweite Ausschreibung erfolgt. Die Anbieter:innen sollten eine eigene Immobilie mitbringen, die allerdings nicht in der Nordstadt sein durfte. „Das machte es schwierig“, räumt Schulte ein. 

Die Einschränkung, den Dortmunder Norden auszusparen, hält Schulte für falsch. Eine Einrichtung dort bilde keinen Anziehungspunkt und ein großer Teil der Klient:innen kämen ohne hin aus der nördlichen Innenstadt. Die Dortmunder Drogenhilfe hat rund 1100 Klient:innen pro Jahr – 250 bis 300 davon leben in der Nordstadt. 

Die Suche nach einem zentral gelegenen Ort für die Einrichtung war allerdings schwierig – die Diskussionen um den Drogenkonsumraum verschärften die Probleme bei der Suche. Doch eine „Eingebung“ brachte die eigene Immobilie am Schwanenwall wieder ins Spiel: Denn für die Beratungs- und Präventionsangebote andere Büros in der City zu finden, war deutlich leichter. So machte die Drogenberatung für sich selbst Platz.

Brandschutz und Schadstoffbelastungen verzögerten die Eröffnung

Wolfram Schulte hat die Bauarbeiten im Blick - und die ganzen Probleme, die mamit verbunden sind.
Wolfram Schulte hat die Bauarbeiten im Blick – und die ganzen Probleme, die mamit verbunden sind. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Doch der Umbau der Immobilie im Besitz der Stadt war eine Herausforderung. Neben schon vorher bekannten Brandlasten kamen noch Schadstoffbelastungen und Rechtsstreitigkeiten mit Handwerksunternehmen hinzu, was sowohl den Zeit- als auch den Kostenplan durcheinander brachte. Statt im April 2020 ist die Eröffnung nun für Oktober 2022 vorgesehen.

Denn statt „nur“ die bisherigen Büroetagen in Wohnräume umzuwandeln, musste auch der Café-Bereich im Erdgeschoss komplett saniert werden. Das war aber nicht das einzige Problem: Die Ausweichangebote in Containern während der Bauphase konnten nur kurzzeitig angeboten werden. Zwar hatte das Tiefbauamt die Nutzung des Parkplatzes am Schwanenwall für die Containerlösung genehmigt, aber quasi zeitgleich den Umbau des Parkplatzes für die Errichtung des Radwalls in Auftrag gegeben. 

Die Einrichtung der Baustelle fing quasi zeitgleich zum Aufbau der Container an. Daher mussten die Container mehrfach umgesetzt und dann ganz abgebaut werden – der Beratungsbetrieb im „Café Flash“ musste daher zeitweise ganz ausgesetzt werden und läuft bis zur Eröffnung der neuen Schlafstelle nur im Notbetrieb.

In der Schlafstelle gibt es zwar feste Betten, aber kein Dauerwohnen

Dann wird auch der große Café-Bereich im neuen Glanz erscheinen. In der ersten Etage gibt es Beratungsangebote. In der zweiten und dritten Etage werden insgesamt 20 Schlafplätze entstehen – vier davon für Frauen. Die Plätze richten sich ausschließlich an Hilfesuchende aus Dortmund.

Die künftigen Schlafräume sind eine Baustelle. Ende September sollen sie bezugsfertig sein. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Die Zuweisung erfolgt über die tatsächlichen Notschlafstellen, weil da auch in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt der Infektionsschutz gewährleistet wird. Doch anders als in den Notschlafstellen bekommen die Drogensüchtigen hier über einen längeren Zeitraum ein festes Bett. 

„Sie kommen bei Drogenabhängigkeit zu uns, wenn sie einverstanden sind mit der Perspektivklärung“, erklärt Wolfram Schulte. Denn gemeinsam soll erörtert werden, wo es perspektivisch hingehen soll. „Das ist kein Dauerwohnen, soll aber der Stabilisierung und Vermittlung dienen – wo auch immer hin.“ 

In der neuen Schlafstelle gibt es unterschiedlich große Mehrbettzimmer: Die jeweilige Anzahl ist den baulichen Gegebenheiten geschuldet. Die Räume dienen nur dem Schlafen, nicht zum Tagesaufenthalt. Morgens müssen sie aus den Zimmern raus – dort gibt es nur den „Nachtbetrieb“.

Zahlreiche Hilfestellungen auf dem Weg zum Therapieerfolg

Neben den Schlafräumen gibt es auch einen Küchen-Wohnraum sowie einen Extra-Raucherraum, sowie Waschmaschinen und Trockner.  Zudem gibt es einen Lagerkeller für persönliche Dinge. Gefrühstückt wird im Café im Erdgeschoss, bevor dort der Tagesbetrieb losgeht. Die Sozialarbeit ist dann auch vor Ort, um alle Dinge auf den Weg zu bringen, die gemeinsam vereinbart wurden.

Das Café Flash ist noch eine große Baustelle. Noch kann man sich kaum vorstellen, dass hier der Betrieb in wenigen Wochen losgehen soll.
Das Café Flash ist noch eine große Baustelle. Noch kann man sich kaum vorstellen, dass hier der Betrieb in wenigen Wochen losgehen soll. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Hilfe gibt es, wenn nötig, bei der Drogen-Substitution, der Klärung und Verbesserung des Gesundheitsstatus, bei Wohnen und Therapie. Ziel ist, das alles innerhalb von drei Monaten einzuleiten, wenn die Drogensüchtigen mitarbeiten. Sie können ggfs. auch länger bleiben, wenn eine eigene Wohnung gesucht werden muss. 

Der reguläre Cafébetrieb soll künftig wieder montags bis freitags von 9 bis 15 Uhr laufen. Wie genau das am Wochenende mit den und für die Bewohner:innen laufen soll, ist noch in der Klärung. Entschieden werden muss übrigens auch noch bezüglich der Namensgebung.

Um die Chancen auf eine eigene Wohnung zu verbessern, arbeitet das Soziale Zentrum übrigens seit diesem Monat mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe zusammen, um eigene Wohnungen anzumieten. Denn die Maxime „Housing first“ soll auch in der Drogenhilfe gelten. Damit dies gelingen kann, gibt es Unterstützung durch ambulant betreutes Wohnen.

„Drobs“ bietet zahlreiche Hilfs- und Beratungsangebote in Dortmund

Am Café Flash sind die die Automaten für Spritzen und Zubehör.
Am Café Flash am Schwanenwall sind die die Automaten für Spritzen und Zubehör. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Das wird dein ein weiterer Baustein der Dortmunder Drogenberatung „DROBS“, die es seit mehr als 40 Jahren gibt. Die „DROBS“ ist ein fester Bestandteil des Dortmunder Drogenhilfe-Netzwerks und steht für ein differenziertes, an den vier Säulen der bundesdeutschen Drogen- und Suchtpolitik ausgerichtetes und an den Bedürfnissen der Zielgruppen angepasstes Hilfeangebot.

Neben dem „Café Flash“ als Kontakteinrichtung mit niedrigschwelliger Drogenberatung, Grundversorgung und alltagspraktischen Hilfen für Drogenkonsument:innen und Substituierte gibt es in der Reinoldistraße noch weitere Angebote.

In die Reinoldistraße hat die Drogenberatung einen Großteil seiner Angebote verlagert, um Platz am Schwanenwall zu schaffen.
In die Reinoldistraße hat die Drogenberatung einen Großteil seiner Angebote verlagert, um Platz am Schwanenwall zu schaffen. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

In der eigentlichen Drogenberatung können in einem von der Schweigepflicht geschützten Rahmen Informationen, Beratung und Unterstützung in verschiedenen Lebenslagen in Anspruch genommen werden. Auf Wunsch auch anonym.

„Feedback“ ist die Fachstelle für Jugendberatung und Suchtvorbeugung und bietet für Menschen aus Dortmund Jugendberatung, Jugendsuchtberatung, Elternberatung, Präventionsberatung, Suchtvorbeugung, Frühintervention sowie Schulungen an.

Außerdem gibt es noch „Start-up – Betreutes Wohnen“. Dieses Angebot bietet Hilfen für aktuell wohnungs- oder obdachlose Menschen, die in mehreren Lebensbereichen eine Veränderung zum Positiven anstreben und dabei mehr Unterstützung möchten, als eine Beratungsstelle abdecken kann.

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