Mobilitätsbefragung 2025: Dortmund fährt mehr Rad, aber das Auto bleibt dominant

ADFC sieht Rückenwind, VCD spricht von Enttäuschung

Mehr Rücksicht auf den Radverkehr fordern die Umweltverbände bei Bauarbeiten. Foto: Alex Völkel
In Sachen Verkehrswende gibt es in Dortmund gibt es noch Luft nach oben. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Das Fahrrad gewinnt in Dortmund an Bedeutung, doch das Auto bleibt das wichtigste Verkehrsmittel. Das zeigt die Mobilitätsbefragung 2025, deren Ergebnisse die Stadt jetzt veröffentlicht hat. Gegenüber 2019 stieg der Radverkehrsanteil um drei Prozentpunkte auf 13 Prozent. Der motorisierte Individualverkehr (MIV) kommt dagegen unverändert auf 49 Prozent aller Wege. Die Stadt sieht sich bestätigt: „Die Anstrengungen der Stadt Dortmund, den Radverkehr zu fördern, zeigen Wirkung“, heißt es in ihrer Mitteilung.

Fast jeder zweite Weg in Dortmund führt weiterhin über das Auto

Die Verbände bewerten die Zahlen unterschiedlich. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) sieht „Rückenwind“ für den Radverkehr, der Verkehrsclub Deutschland (VCD) nennt die Ergebnisse „enttäuschend, aber erwartbar“.

Mit der Befragung will die Stadt die Entwicklung der einzelnen Verkehrsarten dokumentieren und die Verkehrswende gezielt voranbringen. Dafür hatte sie mehr als 35.500 zufällig aus dem Einwohnermelderegister ausgewählte Haushalte angeschrieben.

Geantwortet haben 4.695 Haushalte mit 8.996 Personen, die zusammen 18.450 Wege protokollierten. Als Stichtage dienten Dienstage und Donnerstage Ende Juni und Anfang Juli 2025 außerhalb von Ferien und Feiertagswochen. Laut Stadt sind die Ergebnisse repräsentativ für Dortmund insgesamt und für die einzelnen Stadtbezirke.

Bus und Bahn bleiben knapp unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie

Die Dortmunder*innen legen 51 Prozent ihrer Wege mit dem sogenannten Umweltverbund zurück, also mit Bus und Bahn, mit dem Rad oder zu Fuß. Nach dem Auto bleibt der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) mit 20 Prozent das zweitwichtigste Verkehrsmittel. Den Vor-Corona-Wert von rund 22 Prozent erreicht er laut Stadt „(noch) nicht wieder“. 40 Prozent der Befragten besitzen eine Zeitkarte für Bus und Bahn. Der Fußverkehr sank leicht von 19 auf 18 Prozent.

Ein Diagramm zeigt die Veränderungen von 2019 zu 2025
Der sogenannte Modal Split nach Anzahl der Wege 2025 im Vergleich zu 2019.

Innerhalb des MIV entfallen knapp 41 Prozent aller Wege auf Autofahrten am Steuer und rund acht Prozent auf Mitfahrten. Motorräder, Mofas und Motorroller spielen mit 0,5 Prozent kaum eine Rolle. Elektroautos kommen auf etwas mehr als drei Prozent der Wege. Beim Radverkehr liegen herkömmliche Fahrräder mit acht Prozent noch vor E-Bikes und Pedelecs mit vier Prozent. Hochgerechnet legen die Dortmunder*innen an einem Werktag rund 1,62 Millionen Wege zurück.

Mehr als 40 Prozent der Haushalte besitzen inzwischen ein E-Bike

Vor allem beim Fahrradbestand sieht die Stadt Bewegung. Ein Haushalt besitzt im Schnitt 2,0 Fahrräder, 2019 waren es noch 1,7. Besonders stark wächst die Zahl der E-Bikes und Pedelecs. Hatten 2019 nur 13 Prozent der Haushalte ein solches Rad, sind es inzwischen mehr als 40 Prozent. Mit dem E-Bike fahren die Menschen im Schnitt 4,8 Kilometer pro Weg, mit dem herkömmlichen Rad 3,6 Kilometer.

Auch das Urteil über die Radbedingungen fällt besser aus. Im Wohnumfeld vergeben die Befragten für den Radverkehr die Schulnote 3,3, 2019 war es noch eine 4,0. Trotzdem schneidet das Rad unter allen Verkehrsmitteln am schlechtesten ab: Den Fußverkehr bewerten die Befragten mit 2,1, den Autoverkehr mit 2,6 und Bus und Bahn mit 2,7. 64 Prozent fühlen sich auf dem Rad eher unsicher.

Als Grund, warum sie nicht öfter Rad fahren, nennen die Befragten am häufigsten zu weit entfernte Ziele (27 Prozent), gefolgt von fehlenden Radwegen (22 Prozent) und Sicherheitsbedenken (20 Prozent).

Mehr autofreie Haushalte, aber auch mehr Haushalte mit drei Autos

Beim Auto zeigt sich ein gespaltenes Bild. Der Anteil der Haushalte ohne Pkw stieg von 17 auf 19 Prozent. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Haushalte mit drei oder mehr Autos fast verdoppelt, von fünf auf neun Prozent. Im Schnitt stehen damit 1,3 Autos pro Haushalt zur Verfügung, 2019 waren es 1,2.

Erste Werbeladesäulen könnten bald in Dortmund aufgebaut werden. Archivbild
Die Elektromobilität wächst deutlich. Foto: Karsten Wickern für Nordstadtblogger.de

Die Befragung ergibt einen Motorisierungsgrad von 684 Pkw je 1.000 Einwohner*innen. Die amtliche Zulassungsstatistik weist mit 492 Pkw einen deutlich niedrigeren Wert aus, zeigt aber ebenfalls einen Anstieg.

Die Unterschiede zwischen den Stadtbezirken sind groß. In der Innenstadt-Nord gibt es im Schnitt nur 0,7 Autos pro Haushalt, in Aplerbeck und Mengede rund 1,6. Das spiegelt sich im Verkehrsverhalten: In der Innenstadt-Nord fallen nur 22 Prozent der Wege auf den MIV, in Aplerbeck, Mengede und Scharnhorst sind es 60 bis 64 Prozent.

Die Elektromobilität wächst deutlich. 22 Prozent der Haushalte besitzen mindestens ein Elektro- oder Hybridauto, 2019 lag der Wert bei 1,1 Prozent.

Schon ab drei Kilometern steigen die meisten ins Auto

Für die Stadt ist ein Befund besonders wichtig: Bereits ab einer Wegelänge von drei Kilometern dominiert das Auto. Selbst Wege zwischen einem und zwei Kilometern legen die Dortmunder*innen zu 30 Prozent mit dem MIV zurück. Weil E-Bikes und Pedelecs sich stark verbreiten, sieht die Verwaltung hier „ein erhebliches Verlagerungspotenzial in Richtung Radverkehr“. Ein Effekt zeigt sich bereits: Auf Strecken zwischen vier und fünf Kilometern stieg der Radanteil von 13 auf 20 Prozent.

Befahrene Fahrradstraßen
Fahrradstraßen, Radschnellweg 1 und Velorouten – dem Radverkehr wird häufiger Vorrang eingeräumt. Archivfoto: Leopold Achilles für Nordstadtblogger.de

Weil die Menschen seltener und auf etwas kürzeren Strecken selbst Auto fahren, errechnet die Stadt eine CO₂-Einsparung von knapp 27 Tonnen pro Werktag. Grundlage ist der aktuelle Emissionsfaktor des Umweltbundesamtes.

Tatsächlich dürfte die Einsparung laut Stadt „noch wesentlich größer“ ausfallen, weil die Rechnung die zunehmende Elektrifizierung der Autoflotte nicht berücksichtigt. Eine Rolle spielt auch das Homeoffice: Nur noch 57 Prozent der Vollzeitbeschäftigten fahren an fünf Tagen pro Woche zur Arbeit, 2019 waren es 85 Prozent.

Als zentrale Aufgaben nennt die Stadt, den Ausbau einer sicheren und durchgängigen Radinfrastruktur „konsequent fortzuführen“, kurze und mittlere Autofahrten gezielt zu verlagern und den Fußverkehr zu stärken. Außerdem will sie die Ladeinfrastruktur für E-Autos strategisch ausbauen.

ADFC: Mit dem Pedelec werden auch zehn Kilometer zur Alltagsstrecke

Der ADFC Dortmund wertet die Zahlen als klares Signal. „Die Menschen fahren in Dortmund zunehmend Fahrrad, obwohl die Bedingungen längst noch nicht überall so sind, wie sie sein müssten“, sagt die Vorsitzende Heide Kröger-Brenner. Jetzt komme es darauf an, dieses Potenzial nicht auszubremsen, sondern die Infrastruktur schneller auszubauen. Der Verband verweist darauf, dass trotz des Zuwachses weiterhin 49 Prozent aller Wege auf den MIV und rund 41 Prozent allein auf Autofahrten entfallen.

Heide Kröger-Brenner

Gerade bei Wegen ab drei Kilometern sieht Kröger-Brenner Chancen. „Drei Kilometer sind bei einem guten Fahrradnetz keine unüberwindbare Distanz – im Gegenteil. Gerade mit dem Pedelec werden auch fünf, zehn oder mehr Kilometer zu einer realistischen Alltagsstrecke“, betont sie.

Wer umsteigen solle, brauche aber sichere, direkte und durchgängige Verbindungen. „Niemand lässt das Auto stehen, wenn die Alternative an der nächsten Kreuzung endet oder plötzlich zwischen parkenden Autos verschwindet.“

Entscheidend seien nicht einzelne Vorzeigeprojekte, sondern sichere Verbindungen zwischen Stadtteilen, Zentren, Arbeitsplätzen, Schulen und wichtigen Einrichtungen.

Der ADFC fordert deshalb, die Velorouten deutlich schneller und mit durchgängigen Verbindungen zur Innenstadt zu bauen. Außerdem sollen gefährliche Kreuzungen systematisch umgebaut und sichere Querungen geschaffen werden. Der Verband verlangt zudem ausreichend breite und durchgängige Radwege, eine sichere und verständliche Radführung an Baustellen sowie mehr Fahrradparkplätze.

VCD: „Wir sind von der Verkehrswende meilenweit entfernt“

Deutlich kritischer fällt das Urteil des VCD aus. Das Plus beim Radverkehr gehe auf Kosten von Fußverkehr, Bussen und Bahnen, während das Auto das dominierende Verkehrsmittel bleibe.

Lorenz Redicker (VCD)
Lorenz Redicker (VCD)

Kreisverbandsvorsitzender Lorenz Redicker erinnert an das Ziel der Stadt, bis 2030 einen Radanteil von 20 Prozent zu erreichen. Davon sei Dortmund noch weit entfernt. „Wir sind von der Verkehrswende meilenweit entfernt und müssen dringend umsteuern“, so Redicker.

Er verweist auf den Masterplan Mobilität 2030, den der Rat 2018 mit großer Mehrheit beschlossen hatte. Danach sollte nur noch jede dritte Fahrt mit dem Auto erfolgen, zwei Drittel sollten auf den Umweltverbund entfallen.

Sorgen bereitet dem VCD auch die Altersverteilung. Ab 25 Jahren werde faktisch jeder zweite Weg mit dem Pkw zurückgelegt, bei Männern über 76 Jahren sogar 58 Prozent, bei Frauen dieses Alters 42 Prozent. In einer alternden Gesellschaft seien das „keine guten Aussichten“, schreibt der Verband.

VCD will Straßenraum zulasten des Autos neu verteilen

„Der Rat hat das Ziel ja nicht einfach ausgegeben, weil er Autos doof findet“, betont Redicker. „Die Dominanz des Autos behindert eine nachhaltige und klimagerechte Entwicklung unserer Stadt.“ Wegen des Autoverkehrs verfehle Dortmund seine Klimaziele.

Der VCD fordert deshalb bessere Radwege, mehr Platz für den Fußverkehr und ein größeres Angebot bei Bussen und Bahnen. Karsten Wickern | Nordstadtblogger

Er beeinträchtige außerdem die Gesundheit und Verkehrssicherheit der Menschen, und die Aufenthaltsqualität leide massiv unter der „Blechlawine“. Darin und nicht in angeblich fehlenden Parkplätzen liege ein zentrales Problem für die Attraktivität der Innenstadt.

Der VCD fordert deshalb bessere Radwege, mehr Platz für den Fußverkehr und ein größeres Angebot bei Bussen und Bahnen. „Den Platz können wir nur einmal verteilen. Seit 70 Jahren ist hier das Auto bevorteilt worden. Das muss ein Ende haben!“, sagt Redicker.

„Wir müssen endlich die Dominanz des Autos brechen, wir brauchen mehr Platz für zu Fuß Gehende und den Radverkehr – auf Kosten des Autos“, so der VCD-Vorsitzende. Von Verwaltung und Politik wünscht er sich dabei mehr Mut.

Hier gibt es die PDF als Download: Mobilitätsbefragung


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