Nordstadtblogger

Lateinamerika in der Nordstadt: „¡VIVA!“-Kulturfestival im Dietrich-Keuning-Haus – Gastgeber ist diesmal Argentinien

Zum dritten Mal im Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus: das „¡VIVA!“-Kulturfestival. Fotos: Thomas Engel

Zum dritten Mal im Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus: das „¡VIVA!“-Kulturfestival. Fotos (5): Thomas Engel

Der größte Event seiner Art in der Bundesrepublik nähert sich – das muss schon eine Hausnummer sein. Bei mehreren Botschaften habe man sich dessen versichert, betont Levent Arslan, Leiter des Dietrich-Keuning-Hauses, anlässlich der offiziellen Präsentation des zweitägigen Programms stolz. Das Integrationszentrum der Dortmunder Nordstadt erwartet am kommenden Wochenende an die 1.000 Besucher; vielleicht werden es mehr, so die Hoffnung der Veranstalter des dritten lateinamerikanischen Kulturfestivals.

Zwölf Kulturen aus Süd- und Mittelamerika wie der Karibik treffen sich in der Nordstadt

Am 22. und 23. März heißt es wieder „¡VIVA!“. Insgesamt zehn süd- und mittelamerikanische Länder, dazu zwei Inselstaaten aus der Karibik haben sich angekündigt: das sind die Dauerbrenner: Argentinien, Bolivien, Chile, Dominikanische Republik, Ecuador, Kolumbien, Mexiko, Peru, Uruguay und Venezuela.

___STEADY_PAYWALL___

Es sind die Frauen, die das Festival zum dritten Mal organisieren

Es sind die Frauen, die das Festival organisieren.

Wie schon 2018 ist erneut Brasilien dabei. Wenn auf den Flyern nur diese elf Staaten aufgeführt sind: Kuba, das schon 2017 mitmachte, hatte erst nach Redaktionsschluss nachgemeldet.

Es sind wieder die Frauen der Exil-Communities, die dies nun im dritten Jahr organisieren; Männer dürfen zuarbeiten.

Ihr Motiv: dem eigenen Nachwuchs fernab von der Heimat und den Menschen in der neuen Heimat den Facettenreichtum, die Vielfalt und Einheit lateinamerikanischer Kultur nahezubringen.

Und zu demonstrieren, dass sie zu dieser pluralen Gesellschaft gehören, integriert wie selbstgewiss: in ihren Eigenarten wie alle andere Gemeinschaften Teil eines Ganzen sind und sein wollen.

„Argentina“ – das große Land vom südamerikanischen Kontinent steht dieses Jahr im Mittelpunkt

Im letzten Jahr war es der Andenstaat Peru, diesmal ist es Argentinien – das stolze Gastland des Festivals, um das es sich schwerpunktmäßig drehen wird. Der neuntgrößte Flächenstaat der Erde, fast achtmal so groß wie die Bundesrepublik, auf dessen Territorium aber nur gut die Hälfte, nämlich 44 Millionen Menschen leben, so dass sich im Durchschnitt gerade einmal weniger als 16 EinwohnerInnen auf einen Quadratkilometer verlieren.

Die Bevölkerung Argentiniens besteht nach offiziellen Statistiken zu etwa 90 Prozent aus den Nachfahren eingewanderter Europäer; knapp 10 Prozent sind Mestizen. Die indigene Bevölkerung umfasst lediglich um die eine Millionen Menschen, die 30 verschiedenen Ethnien zugehören; der Rest wurde von den Spaniern und später – nach der Unabhängigkeit 1816 – von den Neu-Argentiniern selbst ausgerottet.

Das Land, das nahezu alle Klimazonen vereint, vom subtropischen Norden bis zum kalten Süden, und seinen Namen vom lateinischen Wort für Silber – „argentum“ – erhielt, das die Kolonialisten wie andere Edelmetalle dort zu finden hofften – seine eher unbekannten Seiten sollen während des Kulturfestivals ¡VIVA! stärker in den Vordergrund gerückt werden. Denn „Argentina“, wie es sich selbst nennt – das ist mehr als nur gute Steaks und Tango.

Argentinien: das sicher europäischste aller lateinamerikanischen Länder und seine Vergangenheit

Ja, Argentinien, das ist auch das Land Peróns, in dem nach Ende des zweiten Weltkriegs zahlreiche Nazi-Verbrecher Unterschlupf fanden, unter ihnen Josef Mengele und Adolf Eichmann; letzterer musste sich später bekanntlich in Jerusalem verantworten. Es ist das Land des Peronismus, der Militärdiktatur, der Folteropfer und Desaparecidos – jener Menschen, die zwischen 1976 und 1983 spurlos verschwanden, mit freundlicher Unterstützung der CIA, über 30.000 Menschen, einfach so: weg.

Desaparecidos Argentina. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Desaparecidos Argentina. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Aber Argentinien, aus dessen himmelblau gestreifter Flagge der Inka-Sonnengott schaut – das sind auch Mercedes Sosa, Che Guevara oder Manuel Puig.

Die schwierige Aufarbeitung der düsteren Geschichten aus den Zeiten des Staatsterrors ist immer noch im Gange; bis heute werden Zeugen eingeschüchtert oder verschwinden. Doch daneben pulsiert das Leben weiter wie eh und je.

Warum sollte es aufhören? Der „böse“ Blick auf die Welt kann nicht alles sein, sie ist schlimm genug.

Da ist viel Kultur, sehr viel: und – wegen der Heterogenität der EinwanderInnen vom alten Kontinent – eine eigentümliche Gemengelage, in diesem sicher europäischsten aller lateinamerikanischen Länder. Die soll sich am ersten Festivaltag, am kommenden Freitag vor den BesucherInnen entfalten.

Von Bildender Kunst bis zu Spezialitäten der argentinischen Küche

Da wäre die Bildende Kunst; sie wird repräsentiert von Virginia Novarin, die in Buenos Aires Kunst studiert hat und dort wie in Chile und Uruguay bereits ausstellte. Seit 1997 in der Bundesrepublik, präsentiert die freischaffende Künstlerin im DKH einen kleinen Teil ihrer Arbeiten.

Team der Organisatorinnen um DKH-Direktor Levent Arslan (M.) mit einer Pinata im Vordergrund. Fotos: Thomas Engel

Team der Organisatorinnen um DKH-Direktor Levent Arslan (M.) mit einer Pinata im Vordergrund.

Überall in Argentinien gibt es Mate-Tee, ein Aufgussgetränk aus den „yerba“ (Kräutern); das sind die kleingeschnittenen Blätter des Mate-Strauchs, Ilex paraguariensis.

Der in ganz Südamerika verbreitete Tee wird aus einer traditionellen Kalebasse getrunken, dem getrockneten Äußeren von Flaschenkürbissen, und mithilfe eines Trinkröhrchens mit siebförmiger Verdickung, der Bombilla. Genug davon wird es beim Festival geben.

Auch die argentinische Küche hat einiges zu bieten; beliebt sind die Empanadas, gefüllte Teigtaschen, vegan, mit Fisch oder Fleisch. Süßer wird es bei den Arollados de Dulce de Leche; auch der häufig sehr kräftige argentinische Rotwein kann sich nicht nur sehen lassen, sondern ist wahrer Genuss – nicht nur zum Steak.

Traditionelle Musik und Informationen aus dem Land der Gauchos

Ein Teil der Tanzgruppe „Amigos de Bolivia“ in Aktion

Ein Teil der Tanzgruppe „Amigos de Bolivia“ in Aktion

„Mate para cuarto“ heißt ein Quartett für traditionelle argentinische Musik, das sich den Folklore-Rhythmen Chacarera, Zamba, Carnavalito, Garo, Chamané, Cueara, Tonada und Bailecito verschrieben hat, um nur einige zu nennen. Während des Konzerts erzählen die Musiker einiges über die Stilrichtungen und Bedeutungen der von ihnen vorgetragenen Lieder.

Argentinien ist auch das Land der Gauchos – jenen Nachkommen von vorwiegend iberischen EinwanderInnen und Indigenas, die in der subtropischen Grassteppe, der Pampa, Viehzucht betreiben und in der Folkloremusik des Landes einen festen Platz haben. Die Dokumentation „Argentinien – Im Land der Gauchos“ schildert ihr Leben in der Provinz Corrientes.

Dort – auf dem im Nordosten gelegenen, wilden und weitgehend unbewohnten Landstrich – gibt es riesige Rinderfarmen rund 1.000 km von Buenos Aires entfernt und am Rande des mit 13.000 Quadratkilometern zweitgrößten Sumpfgebietes der Welt, den Esteros del Iberá. – Erzählt wird von ihrem Alltag und den Jahrhunderte alten Traditionen, die noch heute lebendig sind.

Programm am Samstag: Lateinamerika präsentiert sich in all seinen Farben

Zum dritten Mal im Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus: das „¡VIVA!“-Kulturfestival. Fotos: Thomas Engel

Hier gibt es für Kinder Überraschungen.

Am Samstag stellen sich die landestypischen Kulturen der anderen teilnehmenden Länder näher vor. Zu den lebendigen Eindrücken wird natürlich wieder so manch kulinarische Spezialität gehören; daneben können Kunstgewerbe und Tanzgruppen bestaunt werden; zudem gibt es viele Informationen zu den lateinamerikanischen Gemeinschaften in Dortmund und Umgebung.

Neu im Programm, weil Kinder Erwachsenenkram meist tödlich langweilig finden: für sie gibt es Kreativ-Angebote am Samstagnachmittag ab 15 Uhr; ob ein mit pädagogischer Expertise geleiteter Workshop zur Sprachförderung durch Musik oder Papierschiffchen bauen; und eine große, quasi-süße Überraschung (Pinata) ist auch dabei.

Ab 14 Uhr sind die kulinarischen Abteilungen und Kunsthandwerk-Stände geöffnet. Das begleitende Bühnenprogramm wird moderiert von Melissa Hernández-Blásquez und Angel Landro. Von 14 bis 19.30 Uhr treten viele südamerikanische Musiker auf, darunter Guillermo Ortega (argentinische Folklore), „Katoa“ mit lateinamerikanischen Rhythmen, Takina Nuna (Musik für die Seele auf Quechua) und Regulo mit Klängen aus Venezuela.

Musik und Tanz aus Lateinamerika bis in den späten Abend geplant

Prominent vertreten ist auch die südamerikanische Tanzszene – auf der Bühne präsentieren sich:

Licanrain (Chilenische Folklore), Amigo Tango (Tango und Folklore Chacarera), Color Peru (Peruanischer Folkloretanz), Amigos de Bolivia (Tobas und Saya Caporal), Grupo Cultural Anonimus (Bachata, Merengue und Salsa), La Klave Tanzstudio (Salsa), Viva Mexiko, Düsseldorf (traditioneller mexikanischer Tanz) und Vos Popular (traditioneller argentinischer Tanz und Musik).

Im Anschluss daran unter lateinamerikanischen Rhythmen bis 23 Uhr: Party und Tanz mit Patty Gamero.

Schirmherrin des Festivals ist Bürgermeisterin Birgit Jörder. Am Freitag wird das Konsulat der Republik Argentinien in Bonn durch seinen Konsul vertreten sein.

Weitere Informationen zum ¡VIVA!-Kulturfestival:

  • Freitag, 22. März: Einlass 18.00 Uhr, Beginn 19.00 Uhr, Ende 22.00 Uhr; Eintritt 8 Euro plus Vorverkaufsgebühr, inkl. Verkostung; Abendkasse 10 Euro.
  • Samstag, 23. März: Einlass 14.00 Uhr, Beginn 15.00 Uhr, Ende 23.00 Uhr; Eintritt 5 Euro plus VVK-Gebühr; Tageskasse 8 Euro, Kinder bis 15 Jahre frei
  • Die große argentinische Sängerin, Mercedes Sosa, ein Eindruck; hier: oder hier:

 

Unterstütze uns auf Steady

 

Mehr zum Thema bei nordstadtblogger.de:

Größtes lateinamerikanisches Festival in Deutschland: „¡VIVA!-Kulturfestival“ zum zweiten Mal im Dietrich-Keuning-Haus

„VIVA – das Lateinamerikanische Kulturfest“ feiert am Samstag Premiere am Dietrich-Keuning-Haus

FOTOSTRECKE: Gelungene Premiere von „VIVA – Lateinamerikanisches Kulturfest“ in der Nordstadt

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen