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Eisenbahnbrücken in Dortmund: Kunstwerke aus Stahl im Alltagseinsatz – mehr als 100 Jahre Industriegeschichte

Sehr ungewöhnlich: Zweistöckiges Brückenbauwerk an der Gronaustraße, Ecke Oestermärsch.

Von Susanne Schulte (Text) und Klaus Hartmann (Fotos)

Gemocht haben sie sich nicht. Und dennoch überbrücken ihre Kunstwerke Seite an Seite die Oesterholzstraße und die Weißenburger Straße. Die Stahlbauunternehmer Jucho und Klönne hatten beide ihre Arbeiten im Blick, wenn sie ihre Betriebsgelände betraten. Sie waren nicht nur Konkurrenten, wenn’s um die Aufträge für Eisenbahnbrücken ging, sie waren auch Nachbarn auf den Arealen rechts und links der Weißenburger Straße. „August Klönne schnappte Jucho dann ein Grundstück weg. Seitdem stritten die beiden“, erzählt Peter Kocbeck seinen Zuhörer*innen. „Die haben nur noch prozessiert.“

Führung mit Peter Kocbeck: Blicke zu Nieten und Vollwandbalken und in die Vergangenheit

Peter Kocbeck führt den Spaziergang.

Vor allem nach oben blickt die Gruppe, die sich an diesem Samstag zum lehrreichen Spaziergang an der Haltestelle Geschwister-Scholl-Straße trifft. Eingeladen hatte die Stabsstelle Kunst im öffentlichen Raum, die Teil des Museums für Kunst und Kulturgeschichte ist.

Peter Kocbeck ist ehrenamtlich im Dienst. 40 Jahre arbeitete er bei Hoesch an der Sinteranlage, jetzt arbeitet er für gute Worte im Hoeschmuseum. Als dort eine Ausstellung zum Stahlbau in Dortmund zu sehen war, ging er vor die Tür und besah sich die Bauwerke im Original an.

Seine Begeisterung wuchs und er teilte sie zum ersten Mal 2015 beim Tag des offenen Denkmals mit weiteren Interessierten. Einmal im Jahr, so sagt er, sei er mit Gruppen unterwegs. „Wir sehen das heute vielleicht zum letzten Mal. Denn für den RRX will die Bahn die Brücken abreißen.“ Und das kann sehr bald sein.

Für den reibungsloseren Straßenverkehr wurden die Gleise später auf Dämme verlegt

Ein moderner ICE fährt über die 1937 gebaute Stahlbrücke an der Gronaustraße.

Schon von der Haltestelle aus sieht man die erste Brückenkonstruktion, die Peter Kocbeck erklärt. Zwei der drei Brückenwerke stammen nicht von den Dortmunder Unternehmern, sondern von der Firma Lehmann aus Düsseldorf und von der Firma Union aus Essen.

Letztere ist die ältere, gebaut 1907 und schließt die Lücke im Damm über der später gebauten Brücke für die Linie der ehemaligen Köln-Mindener-Eisenbahn, die heute nach Hamm führt.

Dass die ältere Brücke die höhere ist, liegt daran, dass man die Schienen später auf Dämme verlegte, damit der Straßenverkehr weniger beeinträchtig war und die Brücke vorher einen anderen Standort hatte.

„Das sind keine einfachen Brücken, das sind Industriedenkmale“

Vor dem Dammbau habe man mit Schranken den Verkehr geregelt, was dazu geführt habe, dass die heutige Brinkhoffstraße, über die alle Gleise vom Bahnhof Richtung Westen gingen, in 16 Betriebsstunden elf Stunden für Fuhrwerke und Fußgänger gesperrt waren.

„Erst 1910, im Zuge des Neubaus des Bahnhofs wurden die Gleise höher gelegt“, so Kocbeck. Die dritte Brücke, die gleich neben der von Lehmann verläuft, baute die Firma Caspar Heinrich Jucho. Die Teile sind komplett mit Nieten verbunden und sie hat eine Fachwerkträgerkonstruktion.

„Das sind keine einfachen Brücken, das sind Industriedenkmale“, meint Kosbeck. 100 Jahre und mehr hätten die Stahlwerke mittlerweile gehalten. „Beton muss nach 20 Jahren saniert werden.“

Ein in Dortmund einmaliges doppelstöckiges Brückenbauwerk steht an der Bleichmärschstraße

Aus dem Klönne-Werk stammt die nächste Brücke, ein so genannten Brückenzug. Ein Teil überspannt die Gronaustraße, der nächste, abgeknickte, die Bleichmärschstraße. Gebaut wurde der Brückenzug 1895.

Auch dieser wird überbrückt durch eine weitere Eisenbahnbrücke der Essener Firma Union für die höher gelegte Strecke der ehemaligen Dortmund-Gronau-Enscheder Eisenbahn. „Hier steht ein in Dortmund einmaliges doppelstöckiges Brückenbauwerk.“

Brücken der verfeindeten Unternehmen Klönne und Jucho leiten Seite an Seite die Züge zum Ziel

Auf dem Gelände ehemaliger Dortmunder Brückenbaufirmen stehen Reste der Halle der Fa. Jucho.

Der Spaziergang geht weiter durch die Bleichmärschstraße zur Oesterholzstraße, wo die beiden Brücken der beiden Dortmunder Stahlbaukonstrukeure nebeneinander die Straße überspannen.

„Ein Schmuckstück von Jucho mit dem Jugendstilgeländer“, schwärmt Kocbeck von der nördlichen Brücke. Gebaut wurde sie 1908. Sein Konkurrent Klönne bekam 1937 den Zuschlag für die benachbarte Brücke, über die ebenfalls die Züge der Köln-Mindener Eisenbahn führten.

Wer Richtung Hamm unterwegs ist, fährt über dieses Bauwerk und kann das Schmuckstück betrachten, über das die Züge nur fahren, wenn sie ins Bahnbetriebswerk im Spähenfelde gelenkt werden oder von dort kommen.

Die Verwaltungsgebäude von Klönne und Schüchtermann zeugen noch heute von alten Erfolgen

Historische Gebäude an der Weißenburger Straße – hier das Verwaltungsgebäude der Fa. Klönne.

Und weil die ehemaligen Werksgelände von Klönne und Jucho nur ein paar Schritte entfernt liegen, führt Kocbeck seine Gruppe gleich dorthin. Vier Unternehmen hatten von Norden aus gesehen auf dem linken Areal ihre Hauptstandorte: Schüchtermann und Kremer-Baum, Klönne, Jucho und die Kesselschmiede Willmann.

Diese Firmen existieren seit Jahrzehnten nicht mehr. Heute werden die ehemaligen Verwaltungsgebäude und Hallen von anderen Betrieben genutzt. Die Erinnerung an die Industrie- und damit auch Heimatgeschichte halten die Brücken zusammen und hält Kocbeck mit seinen Führungen lebendig. Die Fassade einer der großen Hallen hat er am Abend zuvor in eine Bildergalerie verwandelt – mit Erlaubnis des heutigen Grundstückseigners.

Fotos der Gemälde von Jucho und Klönne hat er aufgehängt, Werbeplakate aus der Zeit vor 100 Jahren, Fotos von der Weißenburger Straße ohne die Brücken – Wissenswertes in Wort und Bild über die Stahlbauära.

Gruppen können die Führung auch separat buchen – Anruf genügt

Wer daran Interesse hat, kann sich Kocbecks Ausarbeitungen zu den Brücken und zu den Firmengeschichten in gedruckter Form gerne besorgen: Im Hoeschmuseum würden sie ausliegen, wirbt er. Und wer sich bei einem Spaziergang die Zeit der großen Brückenbauer erzählen lassen möchte, kann eine Tour buchen. Termine bespricht man hierzu am Telefon mit der Stelle Kunst im öffentlichen Raum: 0231/50-24876.

 

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