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Intensive Einblicke in die Nordstadt: EU-Abgeordneter Dietmar Köster nimmt Forderung nach längerfristigen Förderungen mit

Dietmar Köster nahm sich viel Zeit für Neuzuwanderer und hörte sich ihre Probleme und Erfahrungen an.

Dietmar Köster nahm sich viel Zeit für Neuzuwanderer und hörte sich ihre Probleme und Erfahrungen an.

Er ist nicht gekommen, um Reden zu halten. Vor allem will Dietmar Köster zuhören. Einen Tag lang hat sich der neue SPD-Europaabgeordnete Zeit genommen und sich aus erster Hand über die Alltagssituation, Probleme und Wünsche der Menschen informiert, die in der Nordstadt leben und/oder arbeiten. Dafür spricht er mit Jugendlichen, Sozialarbeitern, Hilfsprojekten und Kreativen.

Neues Format: SPD-Stadtbezirk lädt Gäste zu „Nordstadt intensiv“ ein

Eingeladen hat ihn der SPD-Stadtbezirk Innenstadt-Nord. Er ist der erste Gast im Rahmen der neuen Begegnungsreihe „Nordstadt intensiv“. Drei Stationen hat der Stadtbezirksvorsitzende Florian Meyer für seinen Gast ausgewählt: Ein Besuch in der Integrationsagentur des Planerladens mit dem Projekt „IRON – Integration von Roma in der Nordstadt“, ein Gespräch mit Kreativen zum Thema Urheberrecht im Dietrich-Keuning-Haus und ein Besuch im Jugendtreff Stollenpark.

Zuwanderung aus Südosteuropa das zentrale Thema für Dortmund und die Nordstadt

Dietmar Köster hörte den Neuzuwanderern zu. Gamze Caliskan übersetzte für ihn.

Dietmar Köster hörte den Neuzuwanderern zu. Gamze Caliskan übersetzte für ihn.

Zentral war dabei das Thema der EU-Erweiterung. „Die Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien ist ein Erfolg und eine Bereicherung, aber auch eine Herausforderung“, beschrieb Meyer vorsichtig die Situation für Dortmund und die Nordstadt.

„Europa ist dadurch gekennzeichnet, dass sich Menschen frei bewegen können. Daher ist es mir als Europa-Abgeordneter wichtig zu erfahren, welche Erfahrungen sie gemacht haben, seit sie in Deutschland sind“, so Köster zu den bulgarischen Familien, die der Einladung von Gamze Caliskan zum Gespräch in die Integrationsagentur gefolgt waren.

„Die Bulgaren haben uns immer diskriminiert, weil wir türkischstämmig und Muslime sind“, berichtet einer der Neuzuwanderer. „Nur für Bulgaren gab es Arbeit und alle Möglichkeiten. Für uns haben sie alle Türen zugemacht“, verdeutlicht er die Gründe, wieso er mit seiner Familie nach Deutschland gekommen ist. Doch auch hier erwarteten sie vielfältige Probleme.

Hürden bei der Integration abbauen – Integrationskurse auch für EU-Bürger

„Deutschland hat den Fehler gemacht, den Arbeitsmarkt zuzumachen. Daher konnten die Menschen zwar kommen, aber nicht Fuß fassen“, so Meyer. „Im Parlament müsst ihr Druck machen, dass auch alle Menschen aus EU-Mitgliedsstaaten Zugang zu Integrationskursen bekommen.“ Denn als EU-Bürger haben die Menschen aus Bulgarien und Rumänien keinen Anspruch darauf.

Eine Kritik, die bei Köster auf offene Ohren trifft: „Zuwanderung muss mit einem Integrationskonzept verbunden sein. Erstaunlich, dass man es nicht gemacht hat. Man hat Hürden aufgebaut, die die Integration erschweren.“ Die drei zentralen Probleme für die Neuzuwanderer: Wohnen, Arbeit und Krankenversicherung.

Abbau von Diskriminierungen von Zuwanderern und Flüchtlingen

Die Beratungsstelle für faire Mobilität hilft Arbeitnehmern aus Südosteuropa.

Die Beratungsstelle für faire Mobilität hilft Arbeitnehmern aus Südosteuropa. (Archivbild)

Während das Thema Krankenversicherung eine politische Entscheidung auf europäischer Ebene ist, sind die ersten beiden Themen auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: „Wenn die Menschen erfahren, dass ich Bulgarin bin, erfahre ich Diskriminierung. Bei jeder Arbeitsstelle haben wir Schwierigkeiten“, berichtet eine türkischstämmige Bulgarin.

Sie hatte bisher eine gute Arbeit im Hotel. Doch dann hat der Eigentümer alle sechs Bulgarinnen entlassen – die Kolleginnen mit anderen Nationalitäten wurden verschont. Deshalb rät Köster, sich gewerkschaftlich zu organisieren: „Alleine hat man keine Chance.

Daher muss man sich organisieren. Gewerkschaften bieten Schutz – auch Rechtsschutz“, rät der SPD-Abgeordnete. Die Frauen suchen jetzt Hilfe bei der Beratungsstelle für Arbeitnehmer aus Südosteuropa.

Nordstadt-Aktivisten fordern längerfristige EU-Hilfsprogramme

Eine kurze Pause am Kicker - zwischen den Gesprächen.

Eine kurze Pause am Kicker – zwischen den Gesprächen. Fotos: Alex Völkel

„Wir müssen Vorurteile abzubauen. Jeder ist da gefragt“, betont Gamze Caliskan, die mit 20 Wochenstunden alleine das IRON-Projekt leitet. In den zweieinhalb Jahren, in denen das Projekt läuft, haben sie fast 2000 Menschen aus der Zielgruppe erreicht. Nicht wenige Menschen kommen regelmäßig mit neuen Fragen und Problemen. Doch damit könnte im Herbst Schluss sein – dann läuft die Förderung aus.

„Doch Integration ist nicht nach drei Jahren beendet – vor allem dann nicht, wenn immer neue Leute nachkommen“, betont Florian Meyer, Vorsitzender der Nordstadt-SPD. „Wir brauen daher längerfristige EU-Förderungen.“

Eine Botschaft, die Köster auch von den Jugendlichen aus dem Jugendtreff Stollenpark vernahm: Dort ist die Förderung für das Jugendforum Nordstadt ausgelaufen. Die erfolgreiche Arbeit wird nicht im bisherigen Rahmen, sondern nur auf „Sparflamme“ weitergeführt.

Jugendarbeit kann die Potenziale entwickeln helfen – doch das kostet Geld

Rund 150 Ethnien und Nationen lebten in der Nordstadt zusammen, verdeutlicht Selda Shirin vom Jugendtreff Stollenpark. Bulgarische, rumänische, spanisch-arabische, albanische und türkische Jugendliche sind die größten Gruppen, die die Einrichtung besuchen.

Im Jugendtreff Stollenpark setzte sich Dietmar Köster mit Zuwanderer-Jugendlichen zusammen.

Im Jugendtreff Stollenpark setzte sich Dietmar Köster mit Zuwanderer-Jugendlichen zusammen.

60 bis 80 Jugendliche sind es am Tag. Das kann schon mal zu Eskalationen führen – weil sie sich nicht verstehen. Nicht nur sprichwörtlich. Daher brauchen sie Fachkräfte, denen sie vertrauen.

Ihnen kommt  – neben der Schule – eine wichtige Aufgabe zu. Denn häufig sind sie die Ersten, die den Jugendlichen helfen, eigene Interessen und Stärken zu entdecken und zu entwickeln. Denn die meisten Jugendlichen haben keine Hobbies – sie hatten dazu bisher weder Geld noch Möglichkeit.

Daher werden die Hauptamtlichen im Stollenpark von Honorarkräften aus den Bereichen Kunst, Musik, Soziale Arbeit oder Erziehung unterstützt. Das ist aufwändiger als bei einem „normalen“ Jugendtreff. Denn in Vereinen ist hier kaum ein Jugendlicher organisiert.

„Musik ist wichtig. Die Jugendlichen wollen selber texten, komponieren und tanzen“, weiß Shirin. Doch sie scheuten sich, dass zu zeigen. Es gebe aber große Potenziale: „Einige Kinder sprechen fünf Sprachen.“

EU-Parlamentarierer Dietmar Köster fordert eine Sozialunion

Köster ist beeindruckt vom Engagement in der Nordstadt. Sein Fazit: „Europäische Freizügigkeit muss auch mit einer Sozialunion einhergehen. Wir brauchen Lösungen für die drängenden Fragen der Sozial- und Krankenversicherung. Und wir müssen existenzielle Ängste absichern.“

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