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Im Hass gefangen und mit großer Rachsucht: „Elektra“ in der Version von Regisseur Remo Philipp am Theater im Depot

Titelbild zu Theaterstück Elektra in der Inszenierung von Remo Philipp. Foto: R. Philipp.

Titelbild zu Theaterstück Elektra in der Inszenierung von Remo Philipp. Die Bulldogge im Kinderwagen steht symbolisch für das Thema Tier im Menschen. Das Stück handelt von Gewalt und der Sucht nach Macht. Foto: R. Philipp.

Von Angelika Steger

Das Titelbild verwirrt zunächst. Sieht doch ganz süß aus der Hund, wie er da im Kinderwagen sitzt. Die Ankündigung für die Aufführung von „Elektra“ von Hugo von Hoffmannsthal am Theater im Depot lässt nicht sofort auf den von Rache und Gewalt geprägten Inhalt des antiken Stoffes schließen. Regisseur Remo Philipp hat dieses Bild bewusst gewählt: die Bulldogge im Kinderwagen wird nicht auf der Bühne sein, sie sei aber ein Symbol für das Thema Tier im Menschen. Es sei genau dieses Tier, zu dem die Hauptfigur Elektra werde. Die Gefahr lauere schon im Puppenwagen, wenn Kinder mit der Gewalt und dem Hass auf den anderen aufwüchsen.

Das antike Drama „Elektra“ handelt von Rache und der Sucht nach Macht

Franziska Roth als Elektra. Foto: Remo Philipp

Elektra ist die Tochter des mykenischen Königs Agamemnon und seiner Frau Klytämnestra. Klytämnestra hat ihren Mann und Elektras Vater umgebracht, damit ihr Geliebter Ägisth König werden kann.

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Elektra sinnt seitdem auf Rache und ist auch durch ihre jüngere Schwester Chrysothemis nicht zu besänftigen. Der als tot geltende Bruder Orest taucht wieder auf und tut das, was Elektra, durch den Haß völlig handlungsunfähig geworden, nicht tun kann: Rache üben für den Tod des geliebten Vaters.

Der Vater Agamemnon selbst schwebt im Geiste über Elektra, ihrer Mutter und ihrer Schwester, ist Antrieb und Auslöser für die Racheaktion. Was hat den Folkwang-Absolventen und Regisseur Remo-Philipp so an diesem antiken Stoff fasziniert, dass er ihn für seine erste Regiearbeit am Theater im Depot gewählt hat?

Gewalt als ambivalentes Thema prägt die Arbeit von Jung-Regisseur Remo Philipp

„Ich wollte die Gewalt in schönen sprachlichen Bildern darstellen, das Innenleben der Figuren zeigen. Und auch die psychische Gewalt ist wichtig. So erkennt Elektra die Figuren und nutzt ihre Schwächen aus, übt psychische Gewalt auf sie aus.“ Remo Philipp ist seine Begeisterung und Freude an seinem Regiedebut im Theater im Depot anzumerken.

Das SweetSixteen-Kino befindet sich im Depot in der Immermannstraße.

Das Stück feiert Premiere im Theater im Depot in der Nordstadt.

So sagt Elektra zu ihrer Schwester, wenn sie ihren Traum von Frau und eigenen Kindern erfüllt haben wolle, müsse sie zusammen mit Elektra den Vater rächen. Gewalt ist in diesem Stück immer präsent, auch Elektra hört nicht auf damit, obwohl sie eigentlich Gerechtigkeit, die nicht mit Gewalt einher gehen kann, fordert.

Ihre Schwester Chrysothemis leugnet den Vatermord nicht, fleht Elektra aber an, mit ihrer Wut und ihrer Gewalt aufzuhören – vergeblich. Keine Ironie wird es in dieser Inszenierung geben, wenn den ZuschauerInnen auch erleichternde Momente in dieser von Gewalt geprägten Geschichte vergönnt sein werden.

Das Thema Gewalt und Ungerechtigkeit ist ein Hauptaugenmerk von Jung-Regisseur Remo Philipp: an seinem Studienort, der Folkwang Universität der Künste hatte er bereits für das Drama „Titus Andronicus““ von William Shakespeare, bei dem ein römischer Feldherr in einen Kreislauf von Rache und Gewalt um die Gotenkönigin Tamora gerät, Regie geführt.

Auf die aktuelle Tagespolitik gemünzt behandele das Stück „Elektra“ auch die Frage, wie man mit dem Feind redet. Gewalt ist immer ambivalent, deshalb wirkt sie verführerisch. Das Publikum solle das Handeln der Figuren nachvollziehen können, auch wenn die Gewalt die ZuschauerInnen gleichzeitig fassungslos macht.

Nur eine begrenzte Anzahl an SchauspielerInnen zur Verfügung

Für seine Inszenierung hat Remo Philipp nur die Schauspielerin Franziska Roth und den Schauspieler Rudolf Klein zur Verfügung. Die Originalfassung sieht sechs handelnde Figuren vor. Das ist eine Herausforderung, weil Rudolf Klein mehrere Rollen übernehmen muss, während Franziska Klein nur Elektra sein wird.

Der Bruder von Elektra, Orest, wird gar nicht auf der Bühne sein. Die beiden finden diese Art der Darstellung aber gut: durch den Kostümwechsel würde das Publikum überrascht, immer neue Facetten würden sichtbar. Die ZuschauerInnen würden in die Atmosphäre eingesogen, der eigene Blickwinkel auf den eigenen Egoismus gelenkt. Eigene Grenzen sollen erkannt werden, wann man selbst Gewalt anwenden würde. Im Alltag macht man die Erfahrung von derart zugespitzter Rache schließlich nicht oder nur selten.

Es gehe ihm in seiner Inszenierung mehr um Beschreibung als Handlung, ergänzt der Regisseur. Elektra ruft nach Orest, damit er den Rachemord an der Mutter ausführt. An dieser Stelle stellt Philipp die Frage, warum sie, Elektra, nicht selbst handelt, sondern nach einem Mann ruft, der ihr hilft und sie rettet. Rollenbilder wandeln sich im Laufe der Geschichte.

Reduzierung des Bühnenbildes als Bereicherung für das Stück

Franziska Roth beschreibt das Trauma von Elektra: „Elektra bekämpft nur die Kostüme, weil sie mit niemandem reden will. Sie ist in sich selbst eingesperrt.“

Franziska Roth als Elektra. Foto: Remo Philipp

Gefangen im eigenen Hass und der Rache für den Tod des Vaters: Elektra. Foto: Remo Philipp

Bei der Erzählweise des Regisseurs hätte sie als Elektra-Darstellerin an ein Gruselkabinett denken müssen: Elektra eingesperrt und massakriert, aber nicht wie auf dem Rummelplatz.

Elektra ist selbst an zehn pinkfarbenen Schnüren festgebunden, wie in einem Spinnennetz wartet die Königin auf ihre Opfer. Gleichzeitig ist sie, von Rachelust und Wut auf die Mutter gefangen, auch im eigenen Bewegungsraum eingeschränkt.

Weil Elektra für die Worte der anderen taub ist, brauche sie einen anderen Widerstand als Text, ergänzt der Regisseur. Auch das Bühnenbild ist auf wenige Requisiten, darunter zwei Puppenwägen, reduziert. Schauspieler Rudolf Klein empfindet das als Bereicherung: mit wenigen Sachen könne man große Sachen erzählen, Räume und Welten schaffen.

Die Probleme der einzelnen Figuren könne man so stärker zuspitzen und auf die Bühne bringen. „das werden eineinhalb Stunden volle Theaterwelt“, freut sich Regisseur Remo Philipp. Man darf aufgrund der besonderen Konstellation der Figuren und des Bühnenbildes gespannt sein.

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Weitere Informationen:

„Elektra“ von Hugo von Hoffmannsthal
Regie: Remo Philipp. Mit Franziska Roth als Elektra und Rudolf Klein als Chrysothemis, Klytämnestra u.a. Rollen.

Premiere: Freitag, 22. März 2019 um 20 Uhr im Theater im Depot.
VVK 15 € / 8 € erm.

AK 17 € / 10 € erm.

Weitere Vorstellungen:
SA 23.03.2019 um 20 Uhr
SA 11.05.2019 um 20 Uhr
SO 12.05.2019 um 18 Uhr

VVK 14 € / 8 € erm.
AK 16 € / 10 € erm.

www.depotdortmund.de/theater-im-depot/

 

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