Ärger um spezielle Verhaltensweisen von Konsument:innen – aber/deshalb:

Drogenkonsumraum am Hohen Wall alternativlos

Drogenkonsumraum in der Drogenhilfe-Einrichtung Kick der Aidshilfe im Gesundheitsamt. In diesem Raum können sich die Süchtigen unter Aufsicht eine Spritze setzen
Konsumraum im “kick” der Dortmunder Aidshilfe, wo sich Süchtige Spritzen setzen können. (Archivfoto) Foto: Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Drogenkonsum führt häufig zu unliebsamen Erscheinungen – und in der Öffentlichkeit erst recht. Konsumräume in den Innenstädten sollen hier typische Belastungen und soziale Folgespannungen reduzieren sowie Konsument:innen schützen. Währenddessen Nachbarschaften und Geschäftstreibende Beschwerdeeingaben bei der Stadtverwaltung anhäufen. Was wiederum die eh vorhandene Bereitschaft zu ordnungspolitischen Interventionen erhöht. – Allesamt Phänomene die beispielhaft in Dortmund rund um das von der örtlichen Aidshilfe betriebene Kontaktcafé „kick“ gegenwärtig zu beobachten sind. Da ein kurzfristiger Standortwechsel der Einrichtung ausgeschlossen scheint, diskutiert die Kommunalpolitik gerade Handlungsoptionen, die anderweitige Abhilfe, zumindest Linderung versprechen.

Keine Anlaufschwierigkeiten für neuen Standort des „kick“ am Hohen Wall/Grafenhof

Seit Jahren wird in Dortmund über den bestehenden Konsumraum der Drogenhilfeeinrichtung „kick“ diskutiert. Als Anfang 2020 – nach achtzehnjährigem Bestehen – deren Standort vom Eisenmarkt zum nur 250 Meter Luftlinie entfernten Nebeneingang Grafenhof am Hohen Wall verlegt wurde, hatte der Umzug auf den ersten Blick keine bedeutsamen Konsequenzen.

Drogenkonsumraum in der Drogenhilfe-Einrichtung Kick der Aidshilfe im Gesundheitsamt. Aussenansicht
Alter Drogenkonsumraum in der Drogenhilfe-Einrichtung „kick“ am Eisenmarkt; von dort ging es 2020 zum Nebeneingang Grafenhof am Hohen Wall. (Archivfoto) Foto: Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Die neue Lokalität wurde von den Besucher:innen erfreulicherweise in gleichem Maße akzeptiert. Ebenso habe sich „die Situation im Umfeld mitsamt ihrer potentiellen Problemlagen nicht wesentlich verändert“, erklärte der Träger des „Café kick“, die Aidshilfe dortmund e.v., in einer schriftlichen Stellungnahme im Ausschuss für Bürgerdienste.

Das Papier bezog sich auf eine ursprünglich gemeinsame Anfrage aus dem Frühjahr dieses Jahres von Bündnis 90/Die Grünen und CDU. Nämlich, ob es seitens der Stadtverwaltung Überlegungen, gar Pläne zu einem erneuten Standortwechsel der Einrichtung gäbe. Warum die Nachfrage der beiden Fraktionen? – Nun, der Informationsbedarf von Grünen und Union hatte nachvollziehbare Gründe.

Wegen „massiver Beschwerdelage“: Frage nach Erforderlichkeit eines erneuten Umzuges

Die Aidshilfe berichtet von einer „massive(n) Beschwerdelage“ um das Kontaktcafé im Vorfeld, ausgehend von Anwohner:innen und Gewerbetreibenden. Vor diesem Hintergrund würde letztlich die Frage aufgeworfen, „ob dieser Standort geeignet bzw. derweil noch der Richtige sei“, so die Akteure um das „kick“.

Die Antwort darauf hängt ersichtlich davon ab, ob unter den gegebenen Voraussetzungen Abhilfe geschaffen werden kann und die betroffenen Gemüter sich beruhigen – ober eben nicht. Wäre letzteres der Fall, so ließ die Stellungnahme der Verwaltung – bezüglich der Realisierungsmöglichkeiten eines dann notwendigen alternativen Standortes für die Drogenhilfeeinrichtung – wenig Gutes hoffen.

Von mehreren Jahren war seitens der Stadtverwaltung die Rede, die für den Abschluss eines solch komplexen Projektes erforderlich würden. Also für die erfolgreiche Suche nach einem anderen Standort, für dessen Ausstattung wie dem Einholen der erforderlichen Betriebsgenehmigungen. Doch angesichts der Proteste aus der Nachbarschaft ist klar: es bräuchte schneller wirkende Handlungsstrategien, um die aktuelle Lage zu entzerren.

Reglementierungen bei Corona-Bekämpfung als Teilerklärung sozialer Spannungen

Die Motivation, den sozialen Frieden zu wahren, erzwingt einen pragmatischen Perspektivwechsel, näherhin auf mögliche Ursachen für die Intensität sozialer Reibungen sowie deren Abbau an Ort und Stelle. Dergestalt wird im Prinzip jedenfalls in dem Papier der Aidshilfe argumentiert, das gestern im Bürgerdienst-Ausschuss vorgelegt wurde, nachdem die Grünen zuvor aus der Not heraus einen Beschlussvorschlag zur Sicherung des jetzigen Standortes am Wallring eingebracht hatten.

Die Gedenksteine am Stadtgarten erinnern an Menschen, die an AIDS verstorben sind, könnten aber ebenso für Drogentote stehen. Nordstadtblogger-Redaktion | Nordstadtblogger

Die eigentliche Entstehung der Spannungen im Umfeld des Cafés führen seine Akteur:innen zumindest teilweise auf die beschränkten Kapazitäten für Hilfesuchende während der Corona-Hochzeit zurück. Infolge der Pandemie-Restriktionen schrumpfte der Angebotsumfang an geschützten Räumen damals schlicht zusammen.

Beispielsweise hatten die Reglementierungen im Jahr 2020 zur Folge, dass sich „zeitweise maximal 15 bis 25 Besucher:innen in unserer Einrichtung aufhalten konnten“, erklärt die Dortmunder Aidshilfe.

Entsprechend fiel die Zahl unterschiedlicher Nutzer:innen der Konsumräume von 737 im Jahr 2019 auf 535 Personen in dem Pandemie-Jahr 2021. Über 25 Prozent der üblicherweise in den Räumlichkeiten Versorgten dürften sich demnach und freilich mitsamt ihrer konsumspezifischen Verhaltensweisen teils und zeitweise auf das nahe Umfeld verteilt haben.

„Situation rund um den Konsumraum … am neuen Standort ruhiger als zuvor“

„Diese Einschränkungen haben zum damaligen Zeitpunkt sicherlich auch Spuren im öffentlichen Raum und dem nahen Umfeld hinterlassen“, vermutet Jan Sosna für die Einrichtungsleitung. Sicher, wer möchte etwa den Schulweg der eigenen Kinder von gebrauchten Spritzen gesäumt wissen.

Jan Sosna ist Leiter der Drogenhilfeeinrichtung Kick.
Jan Sosna ist Leiter der Drogenhilfeeinrichtung „kick“ (Archivfoto). Foto: Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Doch mit den Lockerungen befindet sich die Institution seit Oktober 2021 wieder im Regelbetrieb. Ausdruck dessen: Am aktuellen Standort Hoher Wall / Grafenhof seien besondere Vorkommnisse oder Auffälligkeiten, wie z.B. Szeneansammlungen, analog zu den Nutzer:innenzahlen rückläufig.

Gleiches gälte für ausgesprochene Hausverbote, deren Zahl sich im ersten Quartal 2022 halbiert habe. Hinzukommt bald ein Umfeldprojekt, in dessen Rahmen u.a. intensivere Sammlungen von Konsum- und Spritzenutensilien stattfinden werden.

Unter Berücksichtigung all dessen gestalte sich nach Einschätzung der Dortmunder Aidshilfe die „Situation rund um den Konsumraum … am neuen Standort ruhiger als zuvor“. – Bliebe infolgedessen das kleine Problem bestehen, dass dies bei manchen aus der Anwohnerschaft offenbar noch nicht wirklich angekommen ist.

Mögliche Gewöhnungseffekte: Akzeptanz seitens der Anwohnerschaft mithilfe der Zeit?

Andererseits hegt die Aidshilfe keine Zweifel daran, dass auch die Anwohner:innen im Bereich der Martinstraße und des Grafenhofes faktisch eine Kröte schlucken müssen. Gewissermaßen wie alle, in deren Wohn- und Arbeitsumfeld sich von heute auf morgen szenetypische Personen bewegen, Drogen konsumieren und verkauft werden.

Atmosphärisches wie beim Mädchen-Mikado dürfte kaum zu erwarten sein: Typische Veränderungen stellten letztlich eine Wiederholung der Ereignisse dar, „die uns bereits im Jahr 2002 mit der Eröffnung des Standortes am Eisenmarkt begegnet sind“, weiß die Aidshilfe um Standardprozesse in solchen Situationen.

Aber: „Ängste, Sorgen und Unsicherheiten wichen hier im Laufe der Jahre in Richtung einer zunehmenden Akzeptanz, die dazu beitrug, dass wir uns inmitten des Innenstadtbereiches 18 Jahre lang etablieren konnten und die Einrichtung immer stärker frequentiert wurde.“

Ausweitung von Öffnungszeiten und Aufhebung der Zugangsvoraussetzung „Wohnortnachweis“

Zudem muss festgehalten werden, dass die konkrete Reduktion von öffentlichen Belastungen durch konsumbezogene Verhaltensweisen eines der ausgewiesenen Ziele bei der Unterhaltung von Konsumräumen im Innenstadtbereich ist. Um sie stärker zu realisieren, braucht es einiger Veränderungen.

Drogenkonsumraum in der Drogenhilfe-Einrichtung Kick der Aidshilfe im Gesundheitsamt. Zahnbürsten und Kaugummi für die Mundpflege nach dem Rauchen der Drogen
Drogenkonsumraum in der Drogenhilfe-Einrichtung kick (Archivfoto) Foto: Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Die betreffen nach Ansicht der Aidshilfe zum Beispiel eine Ausweitung der Öffnungszeiten des Drogenkonsumraums über die späten Nachmittagsstunden hinaus, um auf diese Weise den Interesselagen aller Beteiligten stärker entgegenzukommen.

Handlungsbedarf besteht in ihren Augen auch bei der geltenden Begrenzung des Café-Zugangs auf ortsansässige Konsument:innen. „Regelmäßig müssen Drogengebraucher:innen abgewiesen werden, da sie von auswärts kommen oder sich nicht entsprechend ausweisen bzw. keine Dortmunder Meldeadresse schriftlich darlegen können“, beklagt die Einrichtungsleitung den sogenannten „Wohnortnachweis“ als Eintrittsvoraussetzung. Die solle aufgehoben werden, damit nicht mehr regelmäßig Personen von „auswärts“ abgewiesen werden müssten.

Denn andernfalls lautet die Konsequenz, weil kaum jemand in der Szene aus Pietätsgründen geneigt sein dürfte, mit der Einverleibung von Drogen länger als nötig zu warten: der Konsum wird in die (Halb-)Öffentlichkeit zurückgedrängt – mit entsprechenden Folgen und Gefahren wie durch herumliegende Injektionsutensilien für fragile Personengruppen.

Unterschiedliche Bewertungen zur Bedeutung des „Wohnortnachweises“

Wahlkreisvertreterversammlungen zur Aufstellung der CDU-Kandidaten für die Landtagswahl 2017 im Helmholtz-Gymnasium. Uwe Wallrabe, 111/Dortmund II
Uwe Wallrabe, CDU Dortmund (Archivfoto) Klaus Hartmann | Nordstadtblogger

Uwe Wallrabe aus dem Ausschuss für Bürgerdienste sieht den „Wohnortnachweis“ wiewohl als überbewertet an und bemängelt für seine CDU-Fraktion: Das Begleitschreiben von Sozialdezernentin Birgit Zoerner zur Stellungnahme der Aidshilfe ziele zu sehr auf diese Zugangsvoraussetzung ab.

„Da erhofft man sich, mehr Kunden zu gewinnen aus auswärtigen Städten“, so sein Verdacht. Viel wichtiger scheint ihm dagegen „die Verlegung des Eingangs“ zu sein, weg von der Martinstraße; da sei – anders als im Sozialausschuss selbst – keine Rede von.

Benjamin Beckmann, Bündnis 90/Die Grünen (Archivfoto) Foto: GRÜNE Aplerbeck

Benjamin Beckmann von Bündnis 90/Die Grünen findet es dagegen „erstmal ok, dass man auch viel abhebt auf die Wohnsitzauflage“. Da müsse es zu einer gewissen Aufweichung kommen.

So wie im Sozialausschluss beschlossen: dass in einer Probephase Menschen, die bislang wegen der Auflage ausgeschlossen worden seien, Zugang gewährt würde. Das sei ein vernünftiger Beitrag zur Entspannung.

Und ein Verschieben des örtlichen Zugangs für die Einrichtungsliegenschaft am Wall, wie von Kollege Wallrabe gefordert, müsse zumindest geprüft werden.

„Zahlenmaterial beschaffen“, um die Güte eines Wegfalls der Wohnsitzauflage einzuschätzen

Dirk Goosmann (SPD) verweist auf mögliche juristische Hürden: Der Sozialausschuss könne viel beschließen, erst sei die Rechtslage zu klären und wie viel Raum dann noch bliebe, um das dahinterliegende Konzept nach dessen Wünschen und die der Aidshilfe zu verändern. – Ansonsten fehlen dem Sozialdemokraten – Stand heute – gesicherte Erkenntnisse:

Dirk Goosmann, SPD (Archivfoto) Nordstadtblogger-Redaktion | Nordstadtblogger

„Als SPD-Fraktion halten wir es für wichtig, herauszufinden, ob denn diese Wohnsitzauflage tatsächlich schlechte oder gute Auswirkungen auf das Umfeld rund um den Drogenkonsumraum hat.“ Da behaupteten die Kritiker: „Man macht sich attraktiv und erhöht dann die Zahl derer, die den Drogenkonsumraum nutzen wollen.“

Das sei aber empirisch genauso wenig belegt wie umgekehrt im Fall eines Wegfalls der Wohnsitzauflage „die Probleme kleiner werden“. Deshalb fänden sie es richtig und wichtig, um Vergleichsmöglichkeiten zu haben, „sich jetzt Zahlenmaterial zu beschaffen“. Damit müsse man sich noch länger befassen, sieht er deshalb kaum kurzfristige Lösungen.

Anstrengungen sollen ab dem 1. Juli durch neues „Umfeldmanagement“ erhöht werden

Willehad Rensmann, Geschäftsführer Aidshilfe dortmund e.v., betont: „Die Situation insgesamt bedarf einer differenzierteren Sichtweise, unterschiedlichster Maßnahmen, um die Situation im Umfeld zu verbessern. Das sind einzelne Mosaiksteine, die hoffentlich zu einer Entspannung beitragen.“ Wie eben die Beschränkung auf den Wohnort, gerade aufgrund der Beschwerdelage, weil dann teilweise eben im Umfeld, sprich in der Öffentlichkeit konsumiert würde.

Zum 1. Juli dieses Jahres soll ein „Umfeldmanagement“ eingerichtet werden. Schon bisher habe es freilich den engen und regelmäßigen Austausch mit Nachbarn, Polizisten, dem Ordnungsamt gegeben. Das Engagement soll nun verstärkt werden durch neue Mitarbeitende, als Ansprech- und Kontaktpartner für die Beteiligten.

Doch bei allen Anstrengungen bleibt er illusionslos: „So eine Einrichtung wird immer im unmittelbaren Umfeld für Schwierigkeiten, für Probleme sorgen.“ Die grundlegende Strategie kann es demnach nur sein, die schlimmsten Auswüchse unter Interessenwahrung aller möglichst zu minimieren.

Weitere Informationen:

  • Homepage aidshilfe dortmund e.V.; hier:
  • Homepage Café “kick”; Hoher Wall 9-11 / Nebeneingang Grafenhof, 44137 Dortmund; hier:
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