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„Digital Storytelling“: Zweitzeugen e.V. bietet Einblick in die Schicksale von Holocaust-Überlebenden für Kinder ab zwölf

Screenshot der neuen Website. Bisher war es nur möglich, sich am Projekt Zweitzeugen über die Vereinsarbeit an Schulen und Bildungseinrichtungen zu beteiligen. Das neue Online-Angebot soll nun allen Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bieten Zweitzeuge zu werden. Fotos: Zweitzeugen e.V:

Von Marius Schwarze

Der Zweitzeugen e.V. hat in einem Zoommeeting für Lehrkräfte die neue Website des Vereins vorgestellt. „werde-zweitzeuge.de“ oder „werde-zweitzeugin.de“ bietet Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, die Geschichten von Juden und Jüdinnen aus unterschiedlichen Blickwinkeln intensiv und interaktiv erleben und nachfühlen zu können und so zu zweiten Zeugen der Geschichte werden. Hiermit möchte der Verein allen Kindern die Möglichkeit bieten, Zweitzeuge oder Zweitzeugin zu werden, denn bisher war die Teilnahme nur im Rahmen der Vereinstätigkeit an Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen, beispielsweise durch Workshops, möglich. Im ersten Video auf der neuen Website erzählt der 95-jährige, 1925 in Marl geborene Holocaust-Überlebende Rolf Abrahamsohn seine Geschichte, die ihn 1942 über Dortmund ins Ghetto im litauischen Riga führte. Dies war der Beginn einer fatalen Odyssee.

(Über-)Lebensgeschichten: Der 95-jährige Rolf Abrahamsohn überlebte sieben Ghettos und Konzentrationslager

Der Holocaust-Überlebende Rolf Abrahamsohn liest an ihn gerichtete Briefe der Zweitzeugen.

Heute lebt Zeitzeuge Abrahamsohn noch immer in seinem Elternhaus in Marl und es ist ihm ein inniger Wunsch, dass seine Geschichte und die seiner ermordeten Familie nicht vergessen wird.

Jahrelang hat er sie selbst an Kinder und Jugendliche weitergegeben. Dazu sagt er stets: „Wenn du von 50 Kindern nur einen davon überzeugst, dass Juden nicht schlechter sind wie die Christen, dann hast du viel erreicht.“ 

Mittlerweile fehlt dem Zeitzeugen die Kraft, selbst noch Vorträge zu halten. Seit einigen Jahren erzählen darum stellvertretend für ihn die Zweitzeugen des Vereins seine Lebensgeschichte.

Diese Geschichte ist nun als „digital storytelling“-Projekt multimedial aufbereitet worden. In Videos erzählt die Zweitzeugin Ruth-Anne Damm Abrahamsohns Geschichte, in Audio-Mitschnitten kommt er selbst zu Wort. Fotos zeigen ihn und seine Familie, animierte Illustrationen Stationen seines Lebensweges, flankiert von erklärenden Texten. 

„Die Idee ist, dass so die Lebensgeschichten nicht in Vergessenheit geraten“, beschreibt die dritte Vorstandsvorsitzende Ruth-Anne Damm die Intention des Vereins. Es ginge vor allem darum, Holocaust-Überlebenden die Möglichkeit zu bieten, ihre Geschichten zu erzählen und diese für die folgenden Generationen zu bewahren, damit diese aus der Geschichte lernen können und ihr Wissen weitertragen.

„Es gibt immer mehr Zeitzeugen, die auf uns zukommen und ihre Geschichten teilen wollen.“

In Videos erzählt die Zweitzeugin Ruth-Anne Damm Abrahamsohns Geschichte.

Sie sollen die Geschichten in Erinnerung bewahren und ermutigt werden, sich aktiv gegen Antisemitismus und Rassismus einzusetzen. Die Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren.

Es liege der Organisation am Herzen, den Kindern und Jugendlichen die Geschichten näher zu bringen, aber auch den Lehrkräften eine Option zu geben, im Rahmen des Schulunterrichts, die Kinder mit dem Thema zu konfrontieren.

„Die Vision ist es, jedem Kind und Jugendlichen die Chance zu geben, Zweitzeuge zu werden“, so Ruth-Anne Damm. Der Verein beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema Judentum im Nationalsozialismus. „Es gibt immer mehr Zeitzeugen, die auf uns zukommen und ihre Geschichten teilen wollen“.

Unabhängig von der Schule und dem Unterricht, sollen Kinder und Jugendliche auch in ihrer Freizeit die Möglichkeit haben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, und die Lebensgeschichten weiterzugeben. 

„Durch die Webseite hat jedes Kind und jeder Jugendliche die Chance, in seinem eigenen Tempo das Thema zu verstehen und sich mit den Lebensgeschichten auseinanderzusetzen“, bekräftigt Charlotte Fricke, didaktische Leitung des Projektes „werde-zweitzeuge.de“ das Engagement der Organisation. 

Skepsis bei den Betroffenen: Kinder können Brücken schlagen

Stationen des Grauens auf dem Lebensweg von Rolf Abrahamsohn.

„Es gab eine Zeitzeugin mit der wir in Kontakt stehen, die nie wieder mit Deutschen sprechen wollte“, beschreibt Damm die teilweise sehr schwierigen Situationen der Betroffenen. Die Organisation besteht aber nicht nur aus der Homepage, sondern hat noch viele andere Projekte. Zum Beispiel werden regelmäßig Schulen für Workshops besucht.

„In den Workshops können wir die Kinder und Jugendlichen direkt für das Thema sensibilisieren“, erklärt Charlotte Fricke. Sollten sich Kinder und Jugendliche nach den Workshops für das Thema interessieren, so habe die Organisation dafür gesorgt, dass an unterschiedlichen Projekten gearbeitet werden kann. 

Klassen haben z.B. die Möglichkeit eigene Projekte in ihren Schulen vorzustellen, bei denen sie vom Verein unterstützt werden. Aber auch jeder einzelne soll die Chance haben sich einzusetzen. Mehrere Briefe von Kindern und Jugendlichen gingen jedes Jahr an betroffene Personen. „So haben wir es geschafft, dass die Jüdin sich mittlerweile darüber freut von Deutschen zu hören!“, beschreibt Ruth-Anne Damm einen Erfolg bei einer Frau, die seit Jahren nicht mehr in Deutschland wohnt.

Immer mehr Institutionen und Unternehmen gehen Partnerschaften ein

In den letzten Jahren ist der gemeinnützige Verein gewachsen. Finanziert seien all die Projekte vor allem über Spenden und Partnerschaften mit Institutionen wie Schulen oder Vereinen, aber auch Unternehmen unterstützen die Projekte.

Gefördert wird das Projekt von der Stadt Dortmund, im Speziellen von der Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie und der Partnerschaft für Demokratie Dortmund, von der Dortmund Stiftung, dem Ingrid und Reinhard Wederhake-Stiftungsfonds und der Signal Iduna Gruppe.

„Wir sind sehr stolz, dass uns so viele unterschiedliche Einrichtungen unterstützen. Das macht Mut weitere Projekte zu planen“, beschreibt Ruth-Anne Damm die Unterstützung der verschiedenen Organisationen. Es freue die Verantwortlichen enorm, dass sie extrem viel positives Feedback für ihre Arbeit bekommen würden. 

Weitere Informationen:

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