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Die Kinos kämpfen ums Überleben: Das große Sterben droht, wenn die Gäste weiter ausbleiben – ein Besuch im Roxy

Alltag in Seiten von Corona - nicht selten sitzen nur zwei - manchmal auch keiner - im Kino. Fotos: Alex Völkel

Alltag in Zeiten von Corona – nicht selten sitzen nur zwei – manchmal auch keiner – im Kino. Fotos: Alex Völkel

Von Alexander Völkel

Im zehnten Jahr betreiben Sascha Kirchhoff (40) und Holga Rosen (49) das Roxy-Kino in der Nordstadt, wo sie schon viel länger als Mitarbeiter gejobbt hatten. Sie machten ihr Hobby zum Beruf und hatten mit vielen Unwägbarkeiten zu kämpfen. Doch zum Start ins Jubiläumsjahr sah es gut aus: Die massiven Startschwierigkeiten und die über Jahre anhaltenden technischen Probleme gelöst, außerdem  – nicht zuletzt wegen der längerfristigen Schließung des Kinos „Camera“ – steigende Zahlen an Besucher*innen. „Wir dachten, dass es unser bestes Jahr werden könnte“, sagt Holga Rosen. Doch dann kam Corona.

Zwei Kino-Enthusiasten und Vorführer woll(t)en das Roxy in die Zukunft retten 

Sascha Kirchhoff und Holga Rosen haben 2011 das Roxy-Kino in der Münsterstraße übernommen.

Sascha Kirchhoff und Holga Rosen haben 2011 das Roxy-Kino in der Münsterstraße übernommen.

Wenn auf der Leinwand ein unbekanntes und unsichtbares Virus von Hollywood-Stars bekämpft wird, kann dies Millionen von Menschen in die Kinos locken. Doch wenn die Sorge grassiert, sich genau dort damit anzustecken, bleiben die Menschen lieber zu Hause. So ist das auch in der Corona-Krise. ___STEADY_PAYWALL___

Die Kinos hat es ganz massiv getroffen, seitdem im März die bundesweite Schließung verfügt wurde. Statt wie in jedem Jahr sich ein Polster aufzubauen für das schwache Sommergeschäft gab es über Monate überhaupt keine Einnahmen bei weiter laufenden Kosten. Als dann die Wiedereröffnung möglich wurde, hätten die Betreiber am liebsten weiter zu gelassen. Denn ein Neustart in dem saisonal ohnehin schwachen Sommergeschäft ist wirtschaftlich schwierig. 

Die Zurückhaltung der Besucher*innen in Zeiten von Corona tut ihr übriges: So wie am Tag des Interviews kam niemand zur ersten und nur ein Pärchen zur zweiten Vorstellung. So lässt sich ein Kino nicht betreiben. Und ob die beiden Kino-Enthusiasten ihr Jubiläum zehn Jahre Roxy erreichen können  – am 26. Februar 2011 hatten sie eröffnet – steht noch in den Sternen.

Vor Probleme wurde das Duo in all den Jahren gestellt. Teils unlösbar schienen sie immer wieder – schon der Start stand unter keinem guten Stern. Sie sind durch Zufall ans Kino gekommen. „Rückblickend war es die pure Lust am Abenteuer. Es war nicht so, dass ich schon immer ein eigenes Kino wollte“, berichtet Holga Rosen. „Es war die Gelegenheit und wir hatten Lust, uns selbstständig zu machen. Das passte einfach in unsere Zeit und Aufbruchstimmung.“

„Wir mussten ein entkerntes Kino aufbauen, ohne auch nur annähernd Ahnung zu haben“

„Wir hatten die grundlegende Liebe zum Film und zum Kino – als Vorführer hatten wir ja auch nicht die toll bezahlten Angestelltenjobs. Doch das Kino hat für uns immer eine Rolle gespielt. Und als sich die Gelegenheit bot, haben wir das Hobby zum Beruf gemacht“, ergänzt Sascha Kirchhoff.

Doch als sie sich selbstständig machten und das Traditionskino in der Münsterstraße übernahmen, hatten sie nicht mit der Heftigkeit des Konflikts zwischen der früheren Betreiberin und dem Vermieter gerechnet. Statt eines betriebsbereiten Kinos mit entsprechend bestuhltem Saal und Vorführtechnik standen sie quasi in einem Rohbau.

Doch hinschmeißen wollten sie nicht. „Wir waren fest entschlossen, das jetzt durchzuziehen“ betont Sascha Kirchhoff. Daher mussten sie sich die komplette Kinoausstattung neu bzw. gebraucht organisieren. Man könnte auch sagen: improvisieren. „Wir mussten ein entkerntes Kino wieder aufbauen, ohne auch nur annähernd eine Ahnung zu haben – das war schon mutig“, erinnert sich Holga Rosen. Der Vermieter unterstützt sie noch heute.

Das Betreiber-Duo startete mit Naivität, aber auch Leidenschaft und Abenteuerlust

Die beiden hatten zwar schon lange im Roxy gejobbt. Sie wussten, dass die Blütezeit der letzten Jahre damals schon abebbte und die Besucher*innen-Zahlen merklich dünner wurden.

„Wir hatten aber keinen Einblick in das Geschäft und waren überzeugt, dass durch ein bisschen mehr Engagement die Kehrtwende möglich ist“, so Kirchhoff. „Heute reden wir so abgebrüht, aber so war das damals nicht.“ 

Es war eine gewisse Naivität, aber auch Leidenschaft und Abenteuerlust: „Scheiß drauf, wir haben nichts zu verlieren.“ Vor den Schulden hatten sie damals keine Angst – vor dem Scheitern auch nicht. Denn eigentlich war die Gelegenheit ja gut. Marke und Standort waren seit Jahrzehnten eingeführt. Sie mussten das Kino ja nicht von null neu aufbauen.

„Es waren aufregende und spannende neun Jahre. Aber auch desillusionierend. Wir haben gesehen, wieviel an der Realität scheitert. Aber das gehört zum Lernprozess dazu. Es war und ist ein großes Abenteuerprojekt“, zieht Sascha Kirchhoff eine (Zwischen-) Bilanz. „Es war interessant und sehr sehr lehrreich. Es hat sich viel länger angefühlt als neun Jahre“, ergänzt Holga Rosen. 

„Das Programm wurde mainstreamiger und kompromissbereiter, als wir ursprünglich wollten“

Der Zuspruch der Besucher*innen ist stark eingebrochen und liegt noch deutlich unter denen schlechter Sommer.

Der Zuspruch der Besucher*innen ist stark eingebrochen und liegt noch deutlich unter denen schlechter Sommer.

Die Frage nach dem richtigen Programm stellte sich in all den Jahren: „Es gibt eine viel zu große Filmauswahl, da greift man auch mal daneben“, sagt Holga Rosen. Immer wieder müssen die beiden Entscheidungen treffen. „Einerseits wollen wir Qualität anbieten, andererseits müssen wir auch auf Besucherzahlen achten. Das ist eine permanente Herausforderung.“ 

Die Erfahrung: „Zu speziell dürfen wir nicht sein. Das war desillusionierend. Klassiker laufen nicht, Fellini, Hitchcock und Co…. das funktioniert in Dortmund nicht“, weiß Kirchoff mittlerweile. Sehr vorsichtig müssen die beiden Betreiber mit Filmen sein, die im Orginal mit Untertiteln angeboten werden. „Da gibt es auch einige, die das abfeiern. Aber auf einen, der es toll findet, kommen mehr als fünf, die einen Film gucken und nicht lesen wollen.“ 

Die Folge: „Das Programm wurde mainstreamiger und kompromissbereiter, als wir ursprünglich wollten. Untertitelte koreanische Horrorfilme finden hier kein ausreichendes Publikum. Es ist eine Gratwanderung zwischen Anspruch und Mainstream-Appeal“, betont Kirchhoff. „Doch ein deckungsgleiches Programm zum Blockbuster-Kino ist nicht nicht unser Anspruch. Wir wollen ja auch Lücken füllen.“ Das ist ihnen – wie die zahlreichen Kinopreise und mitunter auch der Besuch von Gästen aus Nachbarstädten zeigen – auch immer gelungen.

Ein fortwährender Kampf mit desolater Technik  – und jetzt mit einem unsichtbaren Feind

Godzilla wacht über den Desinfektionsmittelspender - Kino in Zeiten von Corona.

Godzilla wacht über den Desinfektionsmittelspender – Kino in Zeiten von Corona.

Immer wieder mussten sie mit desolater Technik kämpfen, sich bei Verleihern durchsetzen und bei den Dortmunder*innen für ihr Programmkino werben. Den Rücken gestärkt haben ihnen Stammgäste, Freunde und Kino-Enthusiast*innen, die ihnen auch immer wieder bei den technischen Problemen geholfen haben.

Denn in die Umbruchzeit fiel auch die zunehmende Digitalisierung des Kinos. Eine aufreibende Zeit – aber auch viele schöne Momente, wie die beiden Betreiber immer wieder betonen.

Doch jetzt kämpfen sie mit einem unsichtbaren Feind. Und der droht die Kinobranche nachhaltig in die Knie zu zwingen. Mit der Soforthilfe vom Staat und der Filmstiftung NRW – letztere schüttete die Preisgelder des vergangenen Jahres wegen Corona als Hilfsgelder in diesem Frühjahr nochmals aus – konnte das Roxy drei Monate gut überbrücken. 

Doch das eigentliche Problem droht jetzt erst. Ohne Fettpolster aus dem Frühjahr und mit hohen Verbindlichkeiten im Sommerloch neu zu starten, das droht dem Kino jetzt das Genick zu brechen – oder zumindest in den nächsten Monaten, wenn der Zuspruch der Besucher*innen nicht merklich anzieht.

Im Programmkino sind Filmauswahl und Platzangebot das kleinste Problem

Holga Rosen und Sascha Kirchhoff können 60 statt 250 Plätze anbieten - doch auch die bleiben zumeist leer.

Holga Rosen und Sascha Kirchhoff können 60 statt 250 Plätze anbieten – doch auch die bleiben zumeist leer.

Dass die großen Verleiher nun die Blockbuster zurückziehen bzw. auf das nächste oder übernächste Jahr schieben, trifft vor allem die Multiplexe wie den Cinestar. Programmkinos wie das Roxy ficht das nicht an. „Da sehen wir als unser geringstes Problem. Es gibt eh zu viele Filme“, betont Sascha Kirchhoff. Aber jetzt – im Sommer – leiden auch die guten Programmkino-Filme.

Daher sind auch die Platzbeschränkungen in den Kinos nicht so dramatisch. Das Roxy mit seinen regulär 250 Plätzen bietet jetzt nur 60 an. Doch in einem Programmkino wäre das auch nicht so problematisch. Zumindest dann nicht, wenn diese besetzt wären. Doch davon sind Roxy und Co weit entfernt. Mitunter kommen die nicht auf zweistellige Gästezahlen – nicht nur bei einzelnen Vorstellungen, sondern an ganzen Tagen!

Daher drohen viele Kinos in den nächsten Monaten zu sterben. Das Roxy ist froh, dass sie durch den Förderverein etwas Hilfe bekommen. Doch mehr Spenden und Gäste wären wichtig. „Die Krise ist nicht vorbei. Wir stecken mittendrin. Die Unterstützung ist jetzt fast noch wichtiger“, appelliert Holga Rosen. „Wir wissen ja auch nicht, was in der Politik noch an Hilfen ausklamüsert wird. Wenn nichts passiert, wird es das ganz, ganz große Kinosterben geben – dann schlagen die Folgen durch.“

„Wenn ihr Kinos mögt, dann geht verdammt noch mal mehr ins Kino“

Der Förderverein kann helfen - aber auch ehr bräuchte mehr Mitglieder.

Der Förderverein des Roxy kann helfen – aber auch er bräuchte mehr Mitglieder.

Der Kampf geht also weiter. „Unsere zehn Jahre waren immer davon geprägt, dass wir uns von Monat zu Monat durchkämpfen. Jetzt ist es schwieriger als je zuvor.“ Ob sie das Jubiläum schaffen, wissen sie nicht. „Wir können kein halbes Jahr in die Zukunft schauen, aber wir arbeiten daran und freuen uns über jede Unterstützung“, versichert Sascha Kirchhoff.

„Wir wären ja nicht im zehnten Jahr, wenn wir nicht diese Leidenschaft hätten. Wenn wir nur wirtschaftlich Denken würden, dann wären wir seit vielen Jahren nicht mehr zugange. Wir sind gewillt und bereit, es weiter zu verfolgen. Das liegt aber nicht nur an uns“, sagt Rosen mit Blick darauf, dass Kinos ja nicht öffentlich gefördert werden, sondern frei finanzierte Wirtschaftsunternehmen sind.

Daher liegt es insbesondere an den Zuschauer*innen über Wohl und Wehe der Lichtspielhäuser zu entscheiden. „Wenn ihr Kinos mögt, dann geht verdammt noch mal mehr ins Kino. Dann müssten wir auch nicht um Spenden betteln.“

 

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Ein Gedanke zu “Die Kinos kämpfen ums Überleben: Das große Sterben droht, wenn die Gäste weiter ausbleiben – ein Besuch im Roxy

  1. Max

    Mann kann nur hoffen, dass es das Roxy schafft!
    Was die Filmauswahl betrifft, muss ich leider widersprechen. Da zeigen die Programmkinos in deutlich kleineren Städten wie Bochum oder Wuppertal wie es geht…

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