
Unrecht und Gewalt in Jugendhilfeeinrichtungen sind schrecklich. Auch im Vincenzheim in der Oesterholzstraße gab es derartige Vorkommnisse. Die Ergebnisse einer historischen Aufarbeitung wurden nun der Öffentlichkeit vorgestellt und liegen überdies auch in Buchform vor.
Der katholische Fürsorgeverein zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Aus heutiger Sicht ist nur schwer zu ertragen, was in den 1970er Jahren noch häufig als pädagogisch sinnvoll betrachtet wurde. Statt Kindern und Jugendlichen geschützte Entwicklungsräume zu bieten und individuelle Lernwege zu ermöglichen, bestimmten Repression und Härte die unmenschliche Praxis vieler Einrichtungen. Besonders den im Verhalten auffälligen Kindern und Jugendlichen begegnete man mit drakonischen Maßnahmen. Die Essayistin Katharina Rutschky hatte 1977 dafür den Begriff „Schwarze Pädagogik“ geprägt.

Auch die Historie des Vincenzheim ist, ebenso wie die anderer kirchlicher Einrichtungen, von den Auswirkungen dieser Pädagogik überschattet. Unter den Vorzeichen religiöser Strenge wollte man einst soziale Probleme lösen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es schwierige Lebenslagen junger Mädchen und Frauen, derer man sich mit der Gründung des Katholischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und Kinder angenommen hatte.
Im Oktober 1903 konnte dann – nach kurzer Bauzeit – in unmittelbarer Nähe zur Dreifaltigkeitskirche in der Oesterholzstraße das neuerrichtete Gebäude des Vincenzheims bezogen werden. Schon bald nach der Eröffnung wurden die Rahmenbedingungen für das Zusammenleben erweitert, indem unterschiedliche Arbeitsbereiche geschaffen wurden, in denen die jungen Bewohnerinnen Anleitung und Ausbildung erfuhren. Auch eine – seinerzeit hochgelobte – Säuglingsstation kam 1908 dazu.
Anhand des Rückblicks Verantwortung entwickeln
Den strengen kirchlichen Vorgaben und Gepflogenheiten folgend, praktizierte man ein Zusammenleben, das vom althergebrachten „Ora et labora“ (bete und arbeite) bestimmt war. Die Barmherzigen Schwestern des heiligen Vincenz von Paul aus dem Mutterhaus Paderborn trugen bis in die 1990er Jahre dafür vor Ort die Verantwortung – und das durchaus auch mit unmenschlichen Maßnahmen und Methoden.

In ihrer Begrüßungsansprache zur Vorstellung der Ergebnisse der historischen Aufarbeitung gab Ute Hanswille, Vorsitzende vom Aufsichtsrat der Katholischen Jugendhilfe Dortmund gGmbH, einen Überblick zum Zustandekommen und zu den Rahmenbedingungen des Vorhabens.
Aufarbeitung kann nur gelingen, wenn sie unbeeinflusst und ergebnisoffen geleistet wird. Das war den Verantwortlichen in der Katholischen Jugendhilfe deutlich, als man vor vier Jahren den Auftrag an Barbara Vosberg und Andreas Henkelmann zur Erforschung und Dokumentation der Historie des Vicenzheim erteilte.
Recherche nach Spuren der Vergangenheit
In einem mehrjährigen Arbeitsprozess wurden sodann Archivalien gesichtet, Interviews mit Zeitzeug:innen und Verantwortlichen geführt. Schließlich wurde alles aufbereitet und in Buchform zugänglich gemacht. Das Projekt war vor allem den Jahren 1970 bis 1990 gewidmet. Prof. Dr. Andreas Henkelmann erklärte, dass von den früheren Jahren nur wenig Material zur Verfügung steht.
Gleichwohl hat er für das Buch einen Überblick verfasst, der verdeutlicht, vor welchem allgemeinen historischen Hintergrund die Ereignisse ab 1970 einzuordnen sind, und wie wirksame Reformbemühungen in die 1990er-Jahre überleiteten.
Dr. Barbara Vosberg berichtete aus dem Arbeitsprozess, wie schwierig es war, Zeitzeuginnen zu gewinnen. Von den rund 2000 Bewohnerinnen der beleuchteten Jahrzehnte meldeten sich nur neun, die bereit dazu waren, in Interviews von ihren Erfahrungen zu berichten. Diese Berichte ergänzen auf eindrückliche Weise die Auswertungen schriftlicher Dokumente.
Vosberg: „Ohne Vorwurf oder Rechtfertigung“
Was durch die Aufarbeitung zu Tage trat, ist erschütternd. Die Bewohnerinnen waren bis in die 1980er-Jahre hinein schutzlos Gewalt unterschiedlichster Art ausgesetzt. Physische und psychische Gewalt, missbräuchlicher Einsatz von Medikamenten sowie sexuelle Übergriffe kamen vor. Auch die Gewalt untereinander – unter Mitarbeitenden und Betreuten – ist dokumentiert.

Henkelmann und Vosberg war es wichtig, sachlich zu dokumentieren. „Ohne Vorwurf oder Rechtfertigung“, hob Barbara Vosberg hervor. Aber immer verbunden mit der Frage danach, wie es zu derartigen Ereignissen überhaupt kommen konnte. In diesem Zusammenhang wäre es wichtig, die Berichte der betroffenen Gewaltopfer mit Archivalien der Kirche abgleichen zu können.
Dazu schreiben Henkelmann und Vosberg in ihrem Buch: „Dass der Zugang zu Quellen des Erzbistumsarchivs Paderborn, beispielsweise zu Personalakten oder Anträgen auf Anerkennung von Leid ehemaliger Bewohnerinnen aus Datenschutzgründen verweigert worden ist, kommt erschwerend hinzu.“
Die Historische Aufarbeitung ist eine beachtliche Leistung aller Beteiligten. Die heute Verantwortlichen haben sich ohne Wenn und Aber der unrühmlichen Vergangenheit gestellt. So ergab sich schließlich ein weitgehend geklärtes, facettenreiches Bild, das für die Öffentlichkeit nun in einer eigens erstellten, sorgfältig editierten Publikation vermittelt wird.
Literaturhinweis:
Andreas Henkelmann / Barbara Vosberg:
Das Vincenzheim in Dortmund 1970–1990. Entwicklungen, Debatten, Erfahrungen
Aschendorff Verlag, Münster
ISBN: 978-3-402-25222-2
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