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Aus Achtsamkeit gegenüber dem Leben: bei „Frau Lose“ wird es grundsätzlich verpackungsfrei und transparent zugehen

„Frau Lose“ stellt sich vor, i.V.: Swenja Reil (l.) und Hannah Fischer bei Nordstadtblogger. Fotos (7): Alexander Völkel

An Plastikabfall qualvoll verendende Tiere in den Weltmeeren – ohne es weiter auszumalen: die „Nebenfolgen der Zivilisation“ schockieren. Nur verpackungsfreie Güter des Grundbedarfs sollen deshalb in ihrem geplanten Ladenlokal angeboten werden. Die ehrenamtlichen Aktivistinnen im gemeinnützigen Verein „Frau Lose“ wollen Räume eröffnen, um anders zu leben, weil es so offenbar nicht weitergehen kann. Ihre Initiative ist Teil eines kommunalen Netzwerks, in dem sich Menschen engagieren, die nicht nur mit der Natur, sondern auch mitereinander achtsamer umgehen wollen.

Verpackung von Waren: für den Transport, als Schutz, oder ist es vor allem der schöne Schein?

Warum gibt es eigentlich so etwas wie „Verpackung“? – Die Frage wirkt überflüssig, weil die meisten Menschen darauf irgendeine plausible Antwort haben: um Waren bequemer transportieren oder – allgemeiner – sie besser schützen zu können. Hieße es für gewöhnlich aus dem Umkreis eingeholter Erklärungen. – Hinzugefügt werden könnte: Verpackungen dienen ebenso dem Schutz vorm prüfenden Blick auf das, was sie verbergen – ihren Inhalt.

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Doch nicht nur das. Auch nicht nur einfach neugierig machen, will die Verpackung einer Ware. Sondern sie bildet im umfassenden Sinn ein Narrativ. Dessen Versprechungen sich für Dich erfüllen würden, wenn Du hier, sofort und gedankenlos kaufst: den schönen Schein, den ihre Darbietungsform hermacht – das ist ihre bezirzende Oberfläche als reale oder sinnbildliche Verpackung in einem Raum von Assoziationen.

So verstanden, ist Verpackung der virtuelle Modus, in dem ein Produkt sich der Sinnlichkeit und individuellen Assoziationswelten verführerisch nähert, um möglichst irrationale Entscheidungen zu erzielen: in der Hoffnung, das zu sein, was Du nicht bist, aber durch den Kauf angeblich wirst. – Ausdruck eines systemisch verankerten Blendwerks, vor einigen Jahrzehnten noch als „Warenästhetik“ (W.F. Haug) ausdifferenziert, eine hilflose Symptomatologie der kapitalistischen Gesellschaft.

Keine Chance für eine Theorie der „Warenästhetik“, wo es im scheinbaren Überfluss allseits glitzert

Warenästhetik, W.F. Haug, Prolog: Natur gibt es nicht mehr. Foto: Thomas Engel

Hilflos deshalb, weil es den meisten Menschen im Westen schnurzpiepegal war, was in verrauchten Hinterzimmern als Teufelswerk der Verwertungslogik auserkoren wurde: es gab immerhin prinzipiell noch was zu kaufen, auch wenn Du Dir lediglich die Nase am Schaufenster plattdrücken konntest.

Oder potentielle KonsumentInnen den modernen Sirenen der Werbeindustrie – anders als die Helden in der Antike – verfielen. Um als Zombie mit distinguiertem Geschmack unbeirrt weiter auf die Jagd nach Waren zu gehen.

Immerhin noch besser, als für drei Krümel Ewigkeiten Schlange zu stehen – verfluchte Verpackungen mit ihrem täuschenden Glanz hin oder her.

Doch abgesehen davon, dass das antikapitalistische Krypto-Wissen über Verblendungszusammenhänge und andere Abgründe des schönen Scheins sowieso niemand mehr interessiert, ist ihm noch in anderer Hinsicht die Zeit davongerannt. Genauer: es war hier eigentlich nie wirklich kritisch.

Verpackung im größeren Zusammenhang: Was wird aus der Erde? / Wie wollen wir hier leben?

Ein aus politisch-ideologischen Motiven heraus gedacht tieferes Verständnis um die Vordergründigkeit von Warenverpackungen als chimärischer Verheißung liefert nämlich keinerlei zwingende Gründe, es mit ihr – schon als Material – überhaupt sein zu lassen. Denn sie kann ja einfach – und betont wenig aufreizend – als schnöde, aber praktische Plastiktüte aus dem Kleinsupermarkt um die Ecke daherkommen. Dagegen allerdings spricht mittlerweile auch einiges.

Foto (4): Frau Lose

Die VerpackungsgegnerInnen können es offenbar nicht lassen. Diesmal aber haben sie sich anders, breiter aufgestellt. Es geht nicht mehr um eine ideologisch vergiftete Systemfrage, an der sich noch besagte Kritik der Warenästhetik abarbeitete. Denn die ist mit dem Fall des Eisernen Vorhangs längst entschieden und daher mangels Alternativlosigkeit witzlos geworden.

Sondern es geht – unter den Voraussetzungen eines siegestrunken-marodierenden Kapitalismus – letztlich um das Überleben des Planeten. Und darum, wie wir miteinander leben wollen, konkret – jenseits der großen Meta-Erzählungen, die uns die Welt erklären, aber auch in Abgrenzung zu einer Scheinfreiheit, die überwiegend die der Macht ist und keine Solidarität mehr kennt.

Überflüssiger Müll, nicht entsorgt: definitiv umweltschädigend – vom Klima bis zur Biodiversität

An dieser Stelle verankert sich das Thema neu in der Gegenwart; in einer Zeit der Globalität: Verpackung, insbesondere als Plastikmüll trägt dazu bei, dass dieser Planet leider vor die Hunde geht. Was ja niemand ernsthaft will. Oder vernünftigerweise zumindest nicht wollen kann.

So sieht der Müll aus, wenn er aus dem Abwasser gefischt wurde. Foto: Ilias Abawi/EG

Müll aus dem Abwasser, et voilà. Foto: Ilias Abawi/EG

Wenn beispielsweise – nicht nur, aber unter anderem – durch Verpackungsroutinen die Diversität von Tier- und Pflanzenwelten, ökologische Gleichgewichte ebenso wie Klimaziele gefährdet sind.

Weil die Möglichkeiten, zu recyceln als graue Theorie erscheinen, wenn sie nicht greifen, sondern sich der Müll in der Natur wiederfindet. Die einfache Aufmerksamkeit für Folgewirkungen von synthetischem Abfall in den Weltmeeren genügt – und schon steht die Sinnverträglichkeit allseits gebräuchlicher und ressourcenfressender „Emballage“ in hohem Maße infrage.

Das Anschlussproblem für alle, die dem Einhalt gebieten wollen, lautet: Was können wir tun, praktisch? Gerade wir, die wir als Einzelne oder kleine Gruppe sowieso keine Verpackungen weltweit werden abschaffen können?

Einen Handlungsweg schlägt „Frau Lose“ aus Dortmund vor: einfach bei sich selbst beginnen. Und zusammen mit anderen: unverpackt, also eben so „lose“ kaufen, wie die Utensilien oder Lebensmittel ursprünglich halt sind. Und damit einen ersten kleinen Beitrag leisten. – Wie genau?

Ein neues Ladenlokal als Unverpackt-Ort soll bald in Dortmund eröffnet werden

Zum Beispiel mit dem dafür jüngst gegründeten, gemeinnützigen Verein Frau Lose e.V. Dessen zentrales Projekt ist die Organisation eines Einkaufsladens als Unverpackt-Ort in Dortmund. Zugleich wird es hier Begegnungsmöglichkeiten geben. Ein Platz für neugierige Menschen, um sich kennenzulernen, sich auszutauschen und sich nach Interessenschwerpunkten einzubringen.

Dafür ist in dem Lokal eine Sitzecke hergerichtet, wo auch verschiedene Workshops angebotenen werden. Dabei mag es um ganz praktische Dinge gehen: Wie kann ich was selber herstellen? Von Kosmetika bis Waschmittel. Um eben nicht mehr Teil der schwer zu überschauenden Umweltfolgen industriell-technologischer Fertigung von Grundbedarfsartikeln zu sein.

Oder stärker Theoretisches wird gefragt: Was ist Plastik; oder Erdöl? Wo ist am meisten Kunststoff drin? Was bewirkt Plastikabfall? Und ihr Wissen spricht sich herum: mittlerweile sind die ehrenamtlich Aktiven des Vereins auch in Schulen unterwegs oder für einen Junggesellenabschied angefragt. – Ebenso können hier in den Räumen des Ladenlokals Leute selber aktiv werden und etwas anbieten. Frau Lose stellt sie zur Verfügung und unterstützt bei der Durchführung eines Projekts. – Wer aber ist eigentlich „Frau Lose“ konkret?

Gemeinnütziger Verein „Frau Lose“: Teil eines Netzwerks für ein anderes, bewussteres Leben

Frau Lose – das sei eine entstandene Gemeinschaft, mit einem Kern von sechs, sieben Leuten, um die herum sich SpezialistInnen gruppierten: von GraphikerInnen bis zu Verantwortlichen für die Moderation ihrer Gruppensitzungen, erklären die beiden Aktivistinnen aus dem Kreis, Swenja und Hannah, im Gespräch mit Nordstadtblogger.

Beim Jahresauftakt im Gemeinschaftsgarten spielte sogar das Wetter mit. Fotos: Alex Völkel

Gemeinschaftsgarten „Tante Albert“: einfach machen.

Kennengelernt hätten sie sich bei einem BarCamp zum Thema Nachhaltigkeit im April 2018. Im Anschluss entstand die Idee, sich zukünftig gemeinsam zu engagieren. Seitdem gehen sie einen Teil ihres Weges unter dem Dach des Vereins zusammen.

Der wiederum ist Teil eines sich in der Nordstadt entfaltenden Netzwerks, das für ein anderes, bewussteres Leben und Arbeiten stehen möchte, als es herkömmliche Institutionen bieten.

Da wäre etwa „Tante Albert“, ein aus Brachland in mühevoller Kleinarbeit hervorgegangener Gemeinschaftsgarten an der Albertstraße in der Nähe des Borsigplatzes. Auch hier bringt sich Hannah ein. Genauso wie ins geplante „Offene Zentrum“, das als Selbstorganisation für „kulturellen Aktivismus“ eine Plattform für „Mitmach-Alternativen“ jenseits des etablierten Kulturbetriebs sein möchte (wir berichteten).

Dortmunder Aktivistinnen um den Unverpackt-Gedanken: Wir wollen mehr werden!

Ein weiterer geplanter „Anschlag“ über das „Offene Zentrum“ – auch ein wenig auf die Karikatur vom deutschen Michel – steht übrigens kurz bevor (6. Juni, 19:00 Uhr, Dortmunder Nachbarschaftstreff „Raum vor Ort“, Missundestraße 8): die erste Probe für den neuen Chor „SingBUNT!“. Das ist auf musisch- bis musikalischem Wege ein Kooperationsprojekt für Toleranz und Vielfalt, an dem sich der Trägerverein von „Tante Albert“ und des Zentrums, der Soziale Kulturverein Dortmund-Nord e.V., zentral beteiligt.

Sieht gefährlicher aus, als es ist: selber machen nach Bedarf bei Frau Lose

Es erhellt sich: hier in dem Netzwerk um „Frau Lose“, das sind keine verkappten – und ansonsten humorfreie – Sozialrevolutionärinnen. Sondern es scheint gewissermaßen das pralle Leben – das sich allerdings vergewissern möchte. Um auch morgen noch zu existieren, weil sich die Welt bis dahin nicht an ihrem eigenen Raubbau verschluckt hat bzw. in der Folge an ihrem Müll erstickt ist. – Ja, es kann nicht so weitergehen.

Alternativen zu erzeugen, ist ausdrücklicher Anspruch von „Frau Lose“. Hier solle es „Gelegenheiten geben, was zu ändern“, erklärt Swenja, Mitbegründerinnen des Vereins, zur Konzeption des in Aufbau befindlichen Ladenlokals. Und sie wollen natürlich mehr werden, andere für ihr Anliegen gewinnen: „Leute, die das dann vielleicht auch machen“, sagt sie.

Hoffnungen auf einen neuen gesellschaftlichen Konsens, für den Grün nicht Farbe, sondern Ernst ist

Denn die Idee soll sich auf diese Weise fortentwickeln, Fuß fassen in einer Gesellschaft, die erst jetzt – auch mit Hinweis auf die Ergebnisse der vergangenen EU-Wahl – offenbar langsam zu kapieren scheint, worum es eigentlich geht: um eine globale Problematik, die alle betrifft, alle WeltbürgerInnen anspricht. Ein immenses Unterfangen.

Swenja Reil (l) und Hannah Fischer

Swenja Reil und Hannah Fischer in der Redaktion

Die „Mission“ der Dortmunder Unverpackt-Aktivistinnen beschränkt sich demgegenüber auf ein eher bescheidenes Einzugsgebiet: die Kommune. Aber es ist ein Anfang, zudem auch nicht die einzige Initiative ihrer Art in der Republik.

Gemeinsam ist ihnen, ein Ideal, ihre Vision zu teilen, worin sich ein utopischer Überschuss befindet: die Möglichkeit und Hoffnung auf einen weitgehend verpackungsfreien Handel von Grundgütern, um – im weitesten Sinne – der Umwelt gegenüber achtsamer zu sein, sie zu schonen.

Weswegen es unter den Aktivistinnen niemand stört, dass es in Dortmund im Saarlandstraßenviertel bereits ein Unverpackt-Geschäft gibt, das als Konkurrenz gesehen werden könnte. Der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein: Wer Ideale teilt, braucht nicht um KundInnen zu buhlen. Was umso leichter fiele, sollten es mehr werden.

Kein kommerzieller, sondern allein kostendeckender Handel als Geschäftsziel

Frau Loses neues Ladenlokal soll jetzt im Sommer eröffnet werden. Eigens gründeten die Aktivistinnen dafür eine UG, eine haftungsbeschränkte Unternehmensgesellschaft, denn ein Verein kann kein Geschäftsmodell tragen. Und auch sonst gab es Arbeit zuhauf: für „Frau Lose“ musste eine gemeinnützige Satzung geschrieben werden – eine Herausforderung für das Team sei das gewesen, erinnert sich Hannah an die ungewöhnliche Belastung.

Überflüssig zu erwähnen: Die Unternehmung der – überwiegend bis eigentlich nur – Frauen versteht sich ausdrücklich als nicht-kommerziell. Geschäftsziel sei lediglich, dass die Leute, die dort arbeiten, irgendwann gebührend entlohnt werden könnten, erklärt Swenja – indem das Ladenlokal sich einmal selbst trägt.

Hier plant offenbar niemand, reich zu werden. Es geht um Haltungen, Selbstverhältnisse, den Blick in den Spiegel eingeschlossen; und darum, welche Position wir einer Welt gegenüber einnehmen, die sich (neben anderen Sünden) langsam aber sicher zumüllt – mit unübersehbaren, aber wahrscheinlich irreversiblen Folgen für das Leben auf diesem Planeten.

Lokal handeln, global denken – ohne in altgefürchteten Dogmatismus zu erstarren

Faksimile der ersten Seite von „Utopia“, Druckausgabe 1518. Bild: Wikipedia

Faksimile der ersten Seite von „Utopia“, Thomas Morus, Druckausgabe 1518. Bild: Wikipedia

Nach und nach wird im Gespräch mit den beiden Aktivistinnen deutlich: das Unverpackt-Projekt, und vor allem das Netzwerk insgesamt – nun, letztendlich ist damit weitaus mehr gemeint. Ohne dass ein Konzept begrifflich-systematisch ausgearbeitet wäre.

Das kann es vermutlich auch gar nicht. Noch nicht. Oder vielleicht nie. Weil die Beteiligten der Initiative sehr sensibel gegenüber den Gefahren ideologischer Erstarrung sind, Dogmatismus wird ausdrücklich abgelehnt. Zumal sich alles immer schneller zu verändern scheint.

Doch um anzudeuten, dass bei der gesellschaftlichen Veränderungssgeschwindigkeit etwas hinsichtlich ihrer (nicht vorhandenen) Zieldefinitionen nicht stimmt, ist immerhin der Rückgriff auf allgemein verständliche Schlüsselwörter wie „Zukunftsfähigkeit“ oder „Nachhaltigkeit“ möglich.

Um ein rücksichtsvolles Miteinander, um globales Denken, ginge es, erläutert Swenja. Es sei schade, gäbe es keine Utopie mehr, betont Hannah. Das ist der Tagtraum von der Anders-Welt, die sein kann, aber (noch) nicht ist.

Eine Hoffnung auf solidarische Verbundenheit – nicht gleich jener vordergründigen, welche nur über diskriminierenden Ausschluss im Sinne eines „Wir-und-die Anderen“ gedacht werden kann – schwingt mit. Die durch „Frau Lose“ und im Netzwerk gelebt werden soll. Wo jede/r willkommen ist – ein offenes, tolerantes Haus vor Ort und für alle, die in ihm kreativ werden wollen.

Gegen eine Aufklärung mit versteckter Dialektik im Gepäck: die alles verdinglicht

Kritisch angesteuert wird von den Frau-Lose-AktivistInnen damit insbesondere etwas, was die Säkularisierungsmacht der neuzeitlichen Aufklärungswelle in dialektischer Gegenbewegung hinterließ. Indem sie der einst mittelalterlichen Welt ihren religiös-theologischen Schleier entriss und mit Gottes Strafauftrag für den Menschen, sich der Erde zu bemächtigen – leider so richtig ernst machte.

Um im Namen von Entdeckergeist und Fortschritt die Herrschaft des Menschen über den Menschen und die Natur – seiner inneren wie der ihm äußerlichen – in einem perfektionierten System allgegenwärtiger Verwertungslogik einzubetonieren, einschließlich des Verteilungsschlüssels für Privilegien.

Alles wird fortan zur Sache erklärt: Menschen, Tiere, Ereignisse, Verhaltensweisen, Prozesse, Natur, Geschichte, Zukunft. Ein Wert kommt etwas nur zu, sofern als Mittel zum Zweck verdinglicht werden kann. Die Funktionalität zur Mehrung von Reichtum und Macht wird zum Beurteilungskriterium für Legitimität. So entsteht eine seelenlose Welt der Dinge, lange vorm Internet und Digitalisierungsprozessen.

Transparenz und Regionalität als Schlüsselparadigmen des Frau-Lose-Konzepts

Gibt es gegenüber dem totalen Verdinglichungszusammenhang und seinen disaströsen, unter anderem ökologischen Folgen kein Ausweichen mehr, ruft – in Ermangelung eines akzeptablen universalistischen Gegenentwurfs – die Insel.

Nicht mehr die der unbelehrbar Glückseligen, die auf alle Fragen, ob gestellt oder nicht, eine Antwort haben, sondern bescheidener als eine regionale Utopie mit Strahlkraft.

„Unverpackt“ bedeutet dann auch Achtsamkeit im Umgang mit Mitteln des alltäglichen Gebrauchs. Vom Erzeugungsort, über die Herstellung (Bio) und Transport, bis zur Veräußerungsform, nämlich verpackungsfrei, quasi lose auf die Hand, um Verpackungsmüll zu vermeiden.

Schlüsselregulative im Konzept von Frau Lose sind Regionalität und Transparenz – über diese selbstauferlegten Ansprüche im utopischen Entwurf besteht Konsens. So wird alles, was in dem Ladenlokal zum Verkauf ansteht, ausführlich beschildert sein: woher etwas stammt, von wem es ist, wie lang die Reise war, die es hinter sich hat, bevor es hier landete.

Den angebotenen Artikeln im Ladenlokal ist maximaler Informationsgehalt beigeordnet

Ob bei Nudeln, Nüssen, Seife, Schaumpo, Hygieneartikeln und vielem mehr – es soll mit maximalem Informationsgehalt präsentiert werden, so dass für alle KäuferInnen ersichtlich ist, was sie da mit nach Hause nehmen.

Die meisten der angebotenen Grundbedarfsartikel stammen direkt von den ProduzentInnen. Getreide etwa beziehen die jungen Leute um Frau Lose von einem Landwirt bei Wuppertal.

Anderes wird alternativ in Eigenregie hergestellt. Darin stecke auch viel Learning-by-Doing, erklärt Swenja. Ob es nun um die Frage nach dem Warum von Birkenzucker in Zahnpasta oder sonst was geht. Sie hätten eben nicht den Anspruch, alles zu wissen, ergänzt Hannah.

Angesichts der Überzeugung, dass ökologisches Handeln von akuter Relevanz ist, sehen die Aktiven bei Frau Lose darin durchaus auch einen Bildungsauftrag. Auf Messen oder Festivals seien sie ebenfalls vertreten, betonen Hannah und Swenja. Erstmalig waren sie im vergangenen November im Dortmunder Depot auf dem Trash-Up-Festival; es war quasi die Kick-off-Veranstaltung des Projekts.

Für den neuen Unverpackt-Laden in Dortmund: gesucht werden plastikfreie Behälter

Eine besondere Herausforderung für die Aktiven bei Frau Lose stellen die Behältnisse dar, in denen die Waren vor Ort aufbewahrt werden. Die seien das teuerste, erklärt Hannah.

Sehr beliebt, weil auch für Flüssigkeiten wie Reinigungsmittel bestens geeignet: Altglas, Plastik geht selbstverständlich gar nicht.

Wie die Einrichtung in dem Unverpackt-Laden organisieren die Frau-Lose-Aktivistinnen ihr Lagermaterial – soweit wie irgend möglich – secondhand. Omas alte Marmeladen- und Einmachgläser sind also jederzeit herzlich willkommen. Wie alles, worin etwas sachgemäß aufbewahrt werden kann.

Und es entstehen weitere Fragen, beispielsweise: Wie halten wir’s konkret mit dem Transport? Denn wer aus ökologischen Gründen Grundgüter des alltäglichen Bedarfs möglichst lose veräußern möchte, wird sich bei den Transportwegen zwischen Produktions- und Verkaufsort keine Unverhältnismäßigkeiten erlauben wollen.

Transport von A (Ort der Produktion) nach B (Verkauf): maximal 600 Kilometer dürfen es sein

Denn lautet die Maxime: regional produzieren und konsumieren – dann wird es bei den legitimen Entfernungen, die zur Herstellung dieses Zusammenhangs zurückgelegt werden dürfen, nicht ohne Restriktionen gehen.

Konkret hat das Team von Frau Lose beschlossen, bei 600 Kilometern (plus fünf Prozent) eine Grenze zu ziehen. Alles, was von weiter her transportiert werden müsste, wird sich in dem Ladensortiment nicht mehr finden. – Irgendwann ist Schluss mit lustig.

Denn andernfalls führte sich das Verpackungsfrei-Konzept bald selbst ad absurdum: fräßen gewissermaßen die Umweltfolgekosten langer Wege die umweltschonenden Wirkungen durch den Verzicht auf Verpackungen.

Was machen wir da eigentlich jeden Tag? – Was können wir anders machen?

Über den gemeinnützigen Verein (Fördermitgliedschaften sind nicht nur möglich, sondern ausdrücklich erwünscht) werden neben den Workshops regelmäßig Vorträge organisiert, Filme gezeigt. Der allgemeine Zweck des ehrenamtlichen Engagements der kleinen Gruppe von Aktivistinnen besteht darin, aufzuklären.

Einerseits darüber, was unsere liebgewonnenen Gewohnheiten als „Zivilisationsmenschen“ in der Summe global bewirken. Und andererseits zu zeigen, welche Handlungsalternativen es für uns – d.h. konkret in unserer eigenen Welt – gibt, und zu versuchen, sie ins eigene Leben zu integrieren.

Also nicht nur klug daherreden, was sich alles ändern müsste, sondern die Veränderungsmöglichkeiten und Potentiale bei sich selbst aufspüren – und in einem gemeinsamen, bewusst gestalteten Prozess zusammen mit allen leben, die so wie bisher nicht mehr weiter machen wollen.

Interne Dynamiken und ihre Konflikte: systemisches Konsensieren als Methode

„Frau Lose“, das Team; Kennenlernen und Mitmachen erwünscht.

Die Verantwortung für Frau Lose liegt immer beim Team, machen Hannah und Swenja beiden deutlich. Niemand wirkt übermäßig politisiert; ideologisch ist gar nichts; gegen den Begriff „Kollektiv“ wehren sich die AktivistInnen mitnichten. Es geht pragmatisch, zielorientiert zu. Doch wie können im Team Entscheidungen getroffen werden?

Wenn es etwa darum geht, die Ausgabe einer größeren Summe zu beschließen, muss dies in der Gruppe geschehen, sonst könnten die für bestimmte Aufgabenbereiche zuständigen Personen allein entscheiden. Wie wird in der Gruppe Einigkeit erzielt oder werden Konflikte gelöst? – Systemisches Konsensieren sei eine Methode, erklärt Swenja, auf die sie etwa zurückgriffen.

Das ist ein Verfahren zur Herbeiführung von Gruppenentscheidungen durch Klärung, welche aller denkbaren Handlungsoptionen den geringsten Widerstand erfährt. Und: Konflikte würden schon angesprochen. Niemand habe seit mehr als einem Jahr deswegen die Gruppe verlassen, sagt Hannah. – Die Weise, mit ihnen umzugehen, scheint zu funktionieren.

Beginnendes Crowdfunding zur Überbrückung – bis das Ladenlokal sich selbst trägt

In einem Binnenvertrag hätten sie zudem ihre Arbeitsweisen untereinander sowie ihre eigenen „Werte geregelt“, erzählt Hanna. Dazu gehöre eben auch, dass es keinen Kaffee geben werde. Wegen dessen Ökobilanz, wenn er in europäischen Haushalten getrunken wird. Swenja sieht hier ein Spannungsverhältnis: zwischen der Konsequenz des eigenen Handelns und dem Erfordernis, zumindest mittelfristig soviel Umsatz zu machen, dass sich das Modell selbst trägt.

Bis dahin soll ein Crowdfunding helfen, mit dem sie am 30. Mai offiziell begonnen haben. Es ist als Anschubfinanzierung gedacht, um eine Zeit roter Zahlen zu überbrücken, die gegenwärtig noch geschrieben werden, trotz des ehrenamtlichen Engagements der Akteurinnen hinter Frau Lose. Jeder Euro sei eine Hilfe, betonen Swenja und Hanna.

Die beiden Aktivistinnen wirken alles andere als dogmatisch. Pur et dur war gestern, und päpstlicher als der Papst sowieso immer schon unsäglich. Allein wegen des Papstes. Und: Der Kaffee in der Redaktion, ein bekanntes Markenprodukt, sicher nicht fair gehandelt, herangekarrt über viele tausend Kilometer, geerntet vermutlich von LandarbeiterInnen mit schwieligen Händen und für einen Hungerlohn, irgendwo zwischen El Salvador und Brasilien – er schmeckt allen.

Doch wenn es schon kein richtiges Leben im falschen geben kann, dann soll es zumindest nicht ganz falsch sein. Die Welt will hier niemand vom Kopf auf die Füße stellen, aber wenigstens in der eigenen Lebenswelt sich bewusst sein, was überhaupt geschieht, helfen, etwas in Bewegung bringen. Vorschein des Utopischen im Mikrokosmos zwischen regionalem Öko-Getreide, selbstgemischtem Schaumpo und gewaltfreier Kommunikation? „Wir wollen, dass es mehr wird“, macht Hannah unmissverständlich klar.

Weitere Informationen:

  • Homepage, Frau Lose, hier:
  • Crowdfunding, Frau Lose, hier:
  • Homepage, Offenes Zentrum; hier:

 

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2 Gedanken über “Aus Achtsamkeit gegenüber dem Leben: bei „Frau Lose“ wird es grundsätzlich verpackungsfrei und transparent zugehen

  1. Pascal B

    Endlich soll es sowas geben, aber vermutlich leider an einer (für mich) unpraktischen Ecke 😀 Mal schauen.
    Hatte selber mal über sowas nachgedacht, allerdings dann das Konzept deutlich weiter und wirtschaftlicher gedacht als hier, was es dann wohl zu teuer gemacht hätte. Von der Seite bin ich aber überrascht, dass doch schon so viel Geld zusammengekommen ist.

    Die Anforderung nur plastikfreie Behältnisse zu haben versteh ich aber nicht so ganz. Das blöde an Plastik ist die ganze wegwerf-„scheiße“ und nicht die wiederverwendbaren Behältnisse. Verständlich wäre höchstens die Ablehnung aus Sorge der Lebensmittelechtheit von billigeren Dosen. Aber per se ist Plastik nichts schlimmes. Schlimm ist nur die Verpackung die direkt in den Müll kommt.

  2. Frau Lose (Pressemitteilung)

    Offenes Kunstatelier bei „Frau Lose“

    Am 16. & 17. 11. 2019 lädt Frau Lose zu gemeinsamem Gestalten eines Gruppenkunstwerks “Dortmund nur besser” in die Rheinische Str. 24.

    Jede*r ist willkommen: wir machen nachhaltige Kunst und spinnen uns fantasievoll in eine Utopie für die es sich lohnt groß zu träumen. Samstag geht es um 15:30 Uhr los mit der Herstellung von Pflanzenfarben und Brainstorming. Sonntag gestalten wir gemeinsam das Gruppenkunstwerk “Dortmund nur besser” unter Anleitung der Künstlerin und Kunstpädagogin Vanessa Sharma. Anmeldung an: anmeldung@frau-lose

    Die Teilnahme ist kostenfrei, um eine Spende wird gebeten
    Uhrzeit: Samstag, 15:30- 18:30 Uhr Sonntag: 13:00 – 17:00 Uhr

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