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Angeregte Diskussion bei Kana-Suppenküche in der Nordstadt: Der Wandel der Gesellschaft hin zur Fürsorge

Die BesucherInnen diskutierten vor allem das bedingungslose Grundeinkommen.

Von Stella Venohr

Für zahlreiche Menschen in der Dortmunder Nordstadt ist sie wichtiger Bestandteil des Überlebens: Die Suppenküche Kana. Am Sonntag war die Referentin Irina Vellay zu Besuch, um soziale Fürsorge zu sprechen. Unter dem Motto „Was verändern Suppenküchen?

Suppenküche als Widerstand gegen den Kapitalismus

„Netzwerke der Sorge im öffentlichen Raum der Nachbarschaft“ sprach sie mit den Besuchern über die Aufgaben der Gesellschaft. Rund 20 Besucher kamen in die Suppenküche Kana, um sich den Vortrag anzuhören und im Anschluss zu diskutieren.

„Die Suppenküche ist ein dauernder Widerstand gegen das kapitalistische System“, so Irina Vellay. Bereits in ihrer Einleitung wird ihre systemkritische Haltung deutlich. So seien Fürsorgepraxen wie Suppenküchen eine Antwort auf einen Krieg gegen die Armen der Gesellschaft.

Diese Antwort könne aber nicht die Lösung bleiben. Immer mehr Menschen sollten sich für andere engagieren. Das heißt aber nicht, mitzuleiden. „Die Menschen müssen sich auf Augenhöhe begegnen“, sagt Vellay. „Das gilt für die Menschen, die in der Suppenküche arbeiten genauso wie für die, die dort zu Gast sind.“

Irina Vellay: „Am Ende bleiben total erschöpfte Menschen“

Referentin Irina Valley. Fotos: Stella Venohr

Die Gleichheit ist der Referentin besonders wichtig. „Sorge ist die gemeinsame Erfahrung aller Menschen“, so Vellay. Die Gesellschaft solle sich von dem bürgerlichen Ideal abwenden, indem man von niemand anderem abhängig sein möchte.

Die Kleinfamilie reiche in der Realität nicht mehr aus um Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Dafür brauche es die Gemeinschaft. „Am Ende bleiben total erschöpfte Menschen“, sagt Vellay. „Oft in dem Alter, in dem man Kinder hat und sich gleichzeitig um die eigenen Eltern kümmern muss.“

In dem Vortrag spricht sich Irina Vellay klar gegen Vertragstheorien aus. Wir hätten es in unserer Gesellschaft immer wieder mit asymmetrischen Beziehungen zu tun, in denen es unmöglich sei, Verträge einzuhalten.

„Beispielsweise ein Kleinkind, das kann keinen Vertrag eingehen, trotzdem muss sich jemand, in erster Linie die Eltern, darum kümmern und kann nicht nein sagen“, so Vellay. „Das Gleiche gilt unter anderem für Altersverwirrte.“

 Bedingungsloses Grundeinkommen keine Lösung zum Kampf gegen Armut

Eine Lösungsmöglichkeit kommt in der anschließenden Diskussion auf. Die Frage nach dem bedingungslosen Grundeinkommen. Vor einem Monat erst, wurde die Idee in der Schweiz durch eine Volksabstimmung abgelehnt – aber immerhin, rund 22 Prozent stimmten dafür. Kein geringer Anteil.

Irina Vellay sieht in dem bedingungslosen Grundeinkommen allerdings nicht die Lösung zur Bekämpfung der Armut. „ Es ist eine Illusion, da sie Herrschaftsverhältnisse nach wie vor bestehen würden“, so Vellay.

„Die Gesellschaft muss die soziokulturellen Existenzrechte sichern, das geht aber nicht über das Grundeinkommen.“ Denn dadurch könnten anderen Sozialhilfen abgeschafft werden, den Menschen sei damit nicht geholfen.

„Die Stadt müsste sich ganz klar verändern“

Ihr Lösung ist eine Stärkung der Einrichtung wie Suppenküche, allerdings insbesondere durch einen Wandel der Gesellschaft. Dazu gehören kleinteilige Unterstützungen im Alltag wie Einkaufsgruppen, Alltagsmedizin, Mobilitätsangebote oder Fahrradwerkstätten.

„Ganz viele Menschen, ganz besonders in der Nordstadt, können ganz viel“, sagt die Referentin. Diese Unterstützungen beruhen auf Mitgliedschaft. Ganz nach dem Motto: Ich investiere meine Kraft und bekomme an anderen Stellen etwas zurück.

Dieses Konstrukt als Zukunftsmodell wirkt an einigen Stellen sehr idealistisch. Schließlich stellt sie die Frage, ob man die Menschen zu dieser Fürsorge „zwingen“ will, beispielsweise durch Gesetze.

„Die Stadt müsste sich ganz klar verändern und beispielsweise Flächen zur Verfügung stellen“, so Vellay. „Das kann dann auch bis zum Eingriff in die Eigentumsrechte führen.“ Es gehe dann vorwiegend um Nutzungs- und nicht mehr um Eigentumsrechte.

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Kontakt: Kana, Mallinckrodtstr. 114, 44145 Dortmund, T.0231/839853, www.kana-suppenkueche.de

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2 Gedanken über “Angeregte Diskussion bei Kana-Suppenküche in der Nordstadt: Der Wandel der Gesellschaft hin zur Fürsorge

  1. Volker

    Der Schluss aus dem gelesenem bedeutet für mich nichts weiter als das man den Weg der sozialen Ungerechtigkeit weiter mitgehen möchte, ihn nicht mal reduzieren will, sondern geradezu verfestigen möchte. Frau Vellay spricht ja sogar von der Stärkung der Suppenküchen und den Ausbau kleinteiliger Unterstützung im Alltag. Wie es scheint soll all das mehr oder weniger fürsorglicher Weise von den Betroffenen selbst geleistet werden, ein geschlossener Kreislauf also. Die finanzielle Rolle und vor allem auch das eigene Wollendes Einzelnen spielt dabei wohl gar keine Rolle, schließlich würde sich alles in einem geschlossenen System abspielen und als Belohnung bekäme man weiterhin ein Almosen von der Gesellschaft.
    Sie spricht von der Suppenküche als dauernden Widerstand gegen den Kapitalismus. Sie sollte mal nach den USA schauen, dort gibt es diesen Einrichtungen in große Menge seit Jahrzehnten. Da ist nichts von Widerstand gegen das System zu spüren. Will sie das hier auch?
    Wenn sie davon spricht das es in der Nordstadt viele Menschen gibt die ganz viel können, dann gebe ich ihr Recht. Nur können deren Entfaltungsmöglichkeiten sich nicht darauf beschränken lassen, dass sie in dieser sozialen Kleinteiligkeit ihre Erfüllung finden und darin ihr Dasein fristen müssen. Teilhabe, von der immer wieder geredet wird, aber auch die Möglichkeit der Entfaltung der Persönlichkeit, schaut anders aus und die möchte jeder für sich selbst bestimmen können. Und dazu bedarf es auch ein Mindestmaß an Unabhängigkeit von sozialen Strafgesetzen. Denn nichts anderes als eine Disziplinierungsmaßnahme ist unsere soziale Gesetzgebung.
    Hilfe zur Selbsthilfe, ja die sollte es geben. Es gibt immer wieder Situationen in denen Menschen am Leben scheitern, das macht sie labil und ohne Hilfe kommen sie meist nicht wieder hoch. Da braucht man Hilfe Dritter.
    Aber das Scheitern unseres Systems auch noch denen anzulasten die sowie an wenigsten Rückhalt in dieser Gesellschaft haben und sie darin weiterhin ihr Dasein fristen lassen wollen, ohne wirkliche Perspektiven, das ist fatal.
    Visionär sind ihre Thesen nicht, aber pragmatisch. Wenn man bedenkt dass das soziale Elend ein riesiger Wirtschaftszweig geworden ist, eigentlich schon immer war, kann ich verstehen dass viele Leute diesen Weg für sich quasi als Berufung sehen. Schließlich und endlich verdient man in den Stababteilungen der Hilfeorganisationen nicht schlecht mit dem Elend anderer.
    Ich ende mit einem Zitat des BGE-Aktivist Philip Kovce das mir sehr gut gefallen hat:

    Wir bleiben heute hinter unseren eigenen Idealen zurück. Eigentlich sind wir seit der Aufklärung bereit, niemanden mehr verhungern zu lassen. Gleichwohl haben wir ein Sozialrecht entwickelt, das sich als Strafrecht aufspielt und verfassungswidrig die Existenz vieler Menschen gefährdet. Wir leben mit den moralischen und ökonomischen Möglichkeiten, die Würde jedes Einzelnen zu achten und seine Existenz zu sichern, und dennoch glauben wir, wir würden dann am besten arbeiten, wenn der Zwang am größten ist. Wenn wir Arbeit nicht mehr als Disziplinierungsmaßnahme, sondern als Freiheitsmöglichkeit begreifen, dann stehen wir unseren eigenen Idealen und der Zukunft nicht länger im Weg.

  2. KANA

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    im Rahmen unserer Veranstaltungen zu „25 Jahren Kana-Suppenküche“ laden wir ein zur nächsten Veranstaltung zum Thema „Brauchen wir Grenzen? Gastfreundschaft und Widerstand​“ am Sonntag, 3. Juli 2016, 16 Uhr, in die Kana-Suppenküche, Mallinckrodtstr. 114, 44145 Dortmund.

    Frits ter Kuile und Herman van Velen leben im Jeannette-Noël-Huis, einem „Haus der Gastfreundschaft“ der Catholic Worker-Bewegung in Amsterdam. Die Gemeinschaft nimmt illegale Flüchtlinge bei sich auf und engagiert sich bei Aktionen für die Rechte ihrer Gäste und gegen Krieg und Unterdrückung.

    Bei Ihrem Vortrag werden sie Fragen der gegenwärtigen „Flüchtlingskrise“ berücksichtigen und diskutieren.

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