
Ich laufe vom Westentor am U vorbei zum Bahnhof. Wie immer an der Glasfront des Kunstvereins entlang. Bleibt noch Zeit? Ich nehme sie mir. Im Kunstverein liegen OSB-Platten, stabile Sperrholzplatten, die meisten rechteckig, ein paar quetschen sich dreieckig in die Lücken der Halle, bis auf einige „Rampen“ oder zusammengeklappte Platten plan auf dem Boden. Ein Heimwerker-Raum voll kreativ ausgeklappter Tapeziertische.
Von Türen und Kursen
Wer nichts über und von Renata Lucas weiß, ist irritiert oder denkt vielleicht an Posenenske. Charlotte Posenenskes (1930–1985) entwarf modulare Objekte aus industriell gefertigten Alltagsmaterialien wie Wellpappe, Stahlblech und Pressspan. Ein Flügeltürobjekt von Posenenske („Serie E“, Drehflügel aus Pressspanwänden) von 1968 wurde bei der Documenta 12 im Jahr 2007 und 2020 in der Kunstsammlung NRW „wiederentdeckt“: Besucher können die Flügeltüren des Objekts bewegen, durch sie hindurchgehen und verändern so die Architektur des Raumes.

Renata Lucas‘ Installation im Kunstverein, „a minor course correction“, ist in vielerlei Hinsicht den Objekten von Posenenske sehr ähnlich und doch ist ihr konzeptueller Ansatz komplett anders. Ihr kommt es auf die städtische Umgebung, Straßen, Plätze, Gebäude an, die uns Stadtbewohner umgeben, die wir begehen und befahren: „Wie prägen gebaute Umgebungen unsere Wahrnehmung, unser Verhalten und soziale Interaktionen? Die brasilianische Künstlerin Renata Lucas interveniert mit ihren konzeptuellen Arbeiten in bestehende Situationen, gebaute Architektur und soziale Räume“ (Kunstverein Dortmund).
Lucas setzt in Dortmund eine „kleine Kurskorrektur“ (a minor course correction) um: Sie findet bei der Vorbereitung auf die Ausstellung die Geschichte des selbst verwalteten Skate-Parks „Utopia“, der bis 2020 die Industriebrache am Dortmunder U-Turm nutzte, dann aber anderen Bauten auf dem U-Gelände weichen musste. Städtebaulich ordentlich gebaute Reste davon finden sich heute noch nordwestlich des U-Turms entlang der Benno-Elkan-Allee.
Lucas: „Vor der allzu nahen Präsenz einer U-Bahn-Station“
Lucas: „Mich reizt die Idee, Fragmente dieser Geschichte zu ‚retten‘ und zugleich zu transformieren, indem ich den Innenraum des Kunstvereins mit dem umgebenden öffentlichen Platz verbinde und so eine neue Beziehung zwischen Innen und Außen herstelle. […]

Diese Beziehung zwischen Innen und Außen wird in der Struktur des Dortmunder Kunstvereins radikalisiert. Wenn man sich die Gestaltung der Ausstellungen ansieht, stellt man fest, dass der Raum immer irgendwie künstlich wirkt, mit einer Schicht aus Vorhängen oder Paneelen bedeckt, um ihm eine gewisse Intimität und Besonderheit zu verleihen oder ihn sogar vor der Umgebung zu schützen.
Vor der übermäßigen Sonneneinstrahlung … Und vor der allzu nahen Präsenz einer U-Bahn-Station. All das führt zu einem unverhältnismäßigen physischen Kampf, der oft nichts für die individuelle Kraft der Werke übrig lässt. Daher habe ich mich in diesem Fall dazu entschieden, diese Spannung nicht zu entschärfen, sondern zu verdoppeln.“ (Zitat aus: Weststern)
Bruchstellen in der Stadt: Skatepark am U
Die Skater-Szene und -Architektur ist ein wiederkehrendes Topos bei Renata Lucas. Ein paar Abbildungen davon finden sich im Weststern-Magazin und Afasia, so realisierte Lucas 2009 eine bewegliche Skater-Platte auf einem Platz in Barcelona.
Basis des Dortmunder Werks sind „Falha“ (Brüche) von 2003 beziehungsweise „Ein Sonntag im Park“ in der Pinacoteca in São Paulo (2024). Beide Installationen bedecken den Boden mit Sperrholzplatten, sehr ähnlich zu „a minor course correction“, allerdings in durch Wände geschlossenen Räumen. Besucher können die Platten-Landschaft und damit den Raum selbst verändern, so dass neue Wege, Barrieren, Rampen, Falten und Brüche („Falhas“) entstehen. Wir Besucher wirken wie Städteplaner, ja wie geologische Kräfte auf den Untergrund und verändern den städtischen Raum.
Renata Lucas setzt in Dortmund an der historischen „Bruchstelle“ (Falha) des verschwundenen freien Skate-Utopias an.
Drinnen das Miniatur-Utopia
Trotz der Glasfront verschwimmen beim Kunstverein die Grenzen von Außen und Innen – wie Lucas im obigen Interview mit Weststern bemerkt – nicht, bleibt das kunstinteressierte Publikum drinnen und die Skater draußen. Abends wirkt die Halle wie eine beleuchtete Insel mit ausgelegten Tapeziertischen, tagsüber wie eine unordentliche Heimwerkerhalle. Dass Besucher drinnen einen befahrbaren Kurs für Skater gestalten könnten, dürfte kaum jemandem offenbar werden. Und erst drinnen kommt der Sound hinzu: eine Collage der Skate-Geräusche, so dass wir Besucher mitten drin im Miniatur-Skate-Utopia sind.

Die Installation entfaltet sich erst bei den zweimaligen Performances im Juni 2026, als ein Teil der Kunst-Landschaft vor den Eingang nach draußen zieht und so zu einer „kleinen Kurskorrektur“ wird: ein winziger Skater-Park für alle. Die freie Szene, die Street-Kultur auf der ehemaligen Union-Industriebrache wird durch Lucas‘ Installation erinnert. Die Dynamik der Gegenkultur und des Skatens bleibt aber ebenso wie ihr Verschwinden ein Bruch in der Entwicklung der Stadt. Es ist eben eine begrenzte, sehr „kleine Kurskorrektur“.
Die Ausstellung läuft vom 14. Juni bis zum 20. Dezember 2026, geöffnet mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 12 bis 18 Uhr. Führungen finden am 5. November und am 3. Dezember 2026 jeweils um 19 Uhr statt. Dortmunder Kunstverein, Rheinische Straße 1.
Informationen und Quellen:
• Website des Kunstvereins Dortmund zur aktuellen Ausstellung mit Renata Lucas: https://www.dortmunder-kunstverein.de/de/Ausstellungen/Aktuell/Now/Renata-Lucas.html und https://www.dortmunder-kunstverein.de/de/Veranstaltungen/2026/2026/Renata-Lucas—a-minor-course-correction.html
• Ch. Posenenske auf der Documenta 2007: https://documenta.de/de/retrospective/documenta-12
• Weststern: 10 Fragen an Renata Lucas. https://www.weststern.org/10-fragen-an-renata-lucas/
• Afasia: https://afasiaarchzine.com/2014/05/renata-lucas/
• „Sonntag im Park“, São Paulo (2024): https://pinacoteca.org.br/programacao/exposicoes/renata-lucas-domingo-no-parque/
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

