Handwerk bleibt in Dortmund stabil – doch vielen Betrieben fehlt laut HWK die Zukunftsperspektive

Generationenwechsel wird zunehmend zur zentralen Herausforderung

HWK-Bildungszentrum Ardeystraße
Das HWK-Bildungszentrum an der Ardeystraße. Foto: HWK Dortmund/Daniel Pauls

Das Handwerk im Kammerbezirk Dortmund zeigt sich im Frühjahr 2026 weiterhin stabil, der wirtschaftliche Gegenwind nimmt allerdings spürbar zu. Zwar bewerten 81 Prozent der Betriebe ihre aktuelle Lage als gut oder zufriedenstellend, gleichzeitig melden deutlich mehr Unternehmen rückläufige Aufträge, Umsätze und Investitionen als Zuwächse. Besonders kritisch: Für viele Betriebe wird die Suche nach einer Nachfolge zunehmend zur Existenzfrage.

Auftragsbücher werden dünner, Investitionen verzögern sich

Die wirtschaftliche Lage im Handwerk ist angespannt: Während die Mehrheit der Betriebe ihre Situation noch positiv bewertet, zeigt sich im Tagesgeschäft eine deutlich schwächere Dynamik. In den vergangenen sechs Monaten meldeten 39 Prozent der Betriebe sinkende Auftragszahlen, nur 17 Prozent konnten Zuwächse verzeichnen. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Umsatz.

Umfrage verschiedener Betriebe im Kammerbezirk.

Auch die Auftragsreichweite geht zurück: Im Durchschnitt reicht der Bestand aktuell nur noch für 7,3 Wochen – im Vorjahr waren es noch 8,0 Wochen. Eine Trendwende wird für die kommenden Monate nicht erwartet.

Besonders deutlich wird die Zurückhaltung bei den Investitionen. 29 Prozent der Betriebe haben ihre Ausgaben bereits reduziert, nur 18 Prozent erhöht. Für die Zukunft planen sogar 32 Prozent weitere Kürzungen. „Viele Auftragsbücher werden dünner, Investitionen werden verschoben“, erklärt Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund.

Schröder: Das ist kein Zeichen für Rückenwind, sondern ein Selbstschutz

Ein entscheidender Treiber der aktuellen Entwicklung sind die steigenden Kosten. Energie, Material und Löhne belasten die Betriebe zunehmend – das schlägt sich direkt in den Preisen wieder. Jeder zweite Handwerksbetrieb (50 Prozent) hat in den vergangenen Monaten seine Preise erhöht, nur neun Prozent konnten sie senken.

Berthold Schröder, Präsident der HWK Dortmund blickt mit Sorge auf die Welt- und Wirtschaftslage. Foto: HWK Dortmund

Für die kommenden Monate erwarten 40 Prozent der Betriebe weitere Preissteigerungen. Besonders stark betroffen ist das Kfz-Handwerk, wo 63 Prozent der Betriebe bereits höhere Preise durchgesetzt haben. ___STEADY_PAYWALL___

„Das ist kein Zeichen für Rückenwind, sondern ein Selbstschutz“, betont Schröder. Hintergrund sind unter anderem gestiegene Energiepreise, auch infolge geopolitischer Entwicklungen wie dem Iran-Konflikt. „Das wird uns noch eine ganze Zeit beschäftigen“, so der Kammerpräsident mit Blick auf die Auswirkungen auf Infrastruktur und Versorgung.

Branchen entwickeln sich unterschiedlich: Spannung nimmt zu

Innerhalb des Handwerks zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Gewerken. Während das Ausbaugewerbe mit 84 Prozent positiven Lagebewertungen weiterhin vergleichsweise stabil ist, bleibt die Situation in anderen Bereichen angespannt.

Die Befragung zeigt die Erwartungen der verschiedenen Betriebe in den Bezirken.

Besonders schwierig ist die Lage bei den Handwerken für den gewerblichen Bedarf: Hier bewerten nur 75 Prozent ihre Situation als gut oder zufriedenstellend, der niedrigste Wert unter allen Gewerken. Auch im Baugewerbe bleibt die Entwicklung verhalten. So zieht die Zahl der Baugenehmigungen leicht an, hohe Kosten und Unsicherheiten bremsen jedoch Investitionen und Neueinstellungen.

Im personenbezogenen Dienstleistungsbereich zeigt sich die Lage besonders volatil. Steigende Preise führen dazu, dass Kund:innen Ausgaben zurückstellen. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel hier eine zentrale Herausforderung.

Das Handwerk steht vor einem Generationenwechsel mit unklarem Ausgang

Auch die betriebsnachfolge wird zunehmend zu einem strukturellen Problem. Rund ein Drittel der Handwerksbetriebe im Kammerbezirk plant innerhalb der kommenden fünf Jahre eine Übergabe, 14 Prozent sogar bereits in den nächsten zwei Jahren.

Viele Betriebe konnten sich noch nicht auf eine Nachfolge festlegen.

Dabei fehlt allerdings oft eine konkrete Perspektive. Bei rund einem Drittel der Betriebe ist die Nachfolge noch nicht geklärt. Gleichzeitig ziehen sieben Prozent der Betriebe eine Schließung in den kommenden zwei Jahren in Betracht.

„Der Generationswechsel zählt derzeit zu einer der zentralen Herausforderungen im Handwerk“, beschreibt Gabor Leisten von der Handwerkskammer Dortmund die Herausforderungen. Besonders schwierig sei die Situation in kapitalintensiven Gewerken, etwa im Metallbau oder in Kfz-Betrieben, wo hohe Investitionen notwendig sind.

Nachfolger:innen gesucht: Investitionen und Wirtschaftslage bleiben Hürden

Die Suche nach geeigneten Nachfolger:innen ist dabei das zentrale Problem. 55 Prozent der Betriebe nennen sie als größte Herausforderung. Dahinter folgen die Unternehmensbewertung (40 Prozent) und die aktuelle Marktsituation (37 Prozent).

Die Suche nach potenziellen nachfolger:innen birgt einige Herausforderungen für die Betriebe.

Auch finanzielle Fragen spielen eine wichtige Rolle: Für viele potenzielle Nachfolger:innen sind die Investitionen zu hoch oder die wirtschaftlichen Perspektiven zu unsicher. Gleichzeitig haben viele Betriebe ihren eigenen Wert noch gar nicht ermittelt. Das betrifft gut ein Drittel.

„Die Betriebsnachfolge ist kein Randthema mehr, sondern eine strukturelle Herausforderung für das gesamte Handwerk“, heißt es aus der Kammer. Fehlende Investitionen und unsichere Rahmenbedingungen verschärfen die Situation zusätzlich.

Entlastungen gefordert: Das Handwerk gerät zunehmend unter Druck

Angesichts dieser Entwicklungen richtet das Handwerk klare Forderungen an die Politik. Im Zentrum stehen niedrigere Energiepreise, weniger Bürokratie und eine Entlastung bei den Lohnnebenkosten.

„Die Frage der Lohnnebenkosten ist ein harter Punkt“, betont Schröder. Auch steigende Sozialabgaben und zusätzliche Belastungen stoßen auf Kritik. Gleichzeitig fordert die Branche langfristige Lösungen bei der Energieversorgung und mehr Planungssicherheit.

„Das Handwerk ist ein Stabilitätsanker, der zunehmend unter Druck gerät“, betont Schröder. Damit das so bleibt, brauche es verlässliche Rahmenbedingungen. Nur wenn die Voraussetzungen stimmen, könne das Handwerk liefern.


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