
Bei strahlendem Sonnenschein fand das Nordstadt-Gespräch des Seniorenbeirats vor der Kirche St. Joseph an der Münsterstraße statt. Anlass für das Treffen war es, ins Gespräch mit den Bewohner:innen zu kommen und gemeinsam zu diskutieren, warum es in der Nordstadt, dem größten und gleichzeitig jüngsten Stadtbezirk Dortmunds, so wenig barrierefreien Wohnraum gibt.
Ein zuversichtiger Einstieg in das Bürgergespräch
Freudig begrüßten Susanne Schulte und Johannes Kirsch, Mitglieder des Seniorenbeirats Dortmunds, die Gäste die so zahlreich erschienen waren. Schulte und Kirsch waren es, die die Veranstaltung ins Leben gerufen und organisiert hatten.

Sie begrüßten nicht nur die Bürger:innen vor dem Podium, sondern auch die Gesprächspartner:innen aus Politik und Verwaltung, von Wohnungsgesellschaften und dem Mieterverein auf dem Podium persönlich. Auch die Hörfunk-Journalistin Judith Schulte-Loh, welche die Moderation übernahm, wurde herzlich empfangen.
Zu Beginn der Veranstaltung richtete sich Judith Schulte-Loh direkt an die Bürger: innen und hob hervor, dass das Format als Bürgergespräch konzipiert wurde. Sie betonte, wie wichtig die Anliegen und Fragen der Bewohner: innen für den weiteren Verlauf seien. „Was sie wissen wollen, ist für uns entscheidend.“
Zu wenig Wohnraum, besonders barrierefreie Wohnungen gibt es kaum
Der ehemalige Pfarrer der Pauluskirche, Ekkehard Brach, begann das Bürgergespräch mit seinem Anliegen. Er sucht nun seit Oktober letzten Jahres eine neue Wohnung in der Nordstadt, die barrierearm ist. In seiner alten Wohnung kann er nicht bleiben, da es eine Dienstwohnung ist. Diese ist nun in der Rente auf Dauer zu teuer. Daher, so erzählt Brach, hatte er sich bei Dogewo21 erkundigt. Dogewo21 erklärte ihm, das es eine vier Jahre lange Warteliste gab, das diese aber mittlerweile abgeschafft wurde und er sich nun jeden Monat einmal melden sollte.

Samuel Šerifi, Sprecher der Dogewo21-Geschäftsführung erklärte, dass der Wohnungsmarkt nicht nur für barrierefreien Wohnraum sehr angespannt ist. Laut Šerifi, sei besonders die Nachfrage nach ein bis zwei Zimmerwohnungen extrem hoch. Deshalb herrscht bei den Listen nun ein Aufnahmestop.
Auch Haluk Serhat, Geschäftsführer von Vivawest erläuterte, dass der Druck groß sei. Für jede Wohnung in Dortmund bewerben sich ca. 20 bis 25 Menschen.
Der Wohnungs- und Stadtplanungsdezernent Stefan Szuggat bestätigte die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt. Er betonte, dass die Zahl der Wohnungssuchenden jährlich kontinuierlich steige und sich mittlerweile im Bereich von etwa 2000 Personen bewegt. Im Gegensatz dazu liegt die Anzahl der verfügbaren Wohnungen deutlich darunter, was den Druck auf den Markt zusätzlich erhöht. In den Jahren 2000 und 2004 wurden lediglich vier neue Wohnungen in der Nordstadt gebaut. „Das ist eindeutig zu wenig“, betonte Szuggat.
Bezahlbaren Wohnraum schaffen stellt eine große Herausforderung dar
Bezirksbürgermeisterin Hannah Rosenbaum hob in der Diskussion besonders die Bedeutung des bezahlbaren Wohnraums hervor. Sie machte deutlich, das selbst, wenn eine passende Wohnung gefunden wird, die Mietpreise oftmals zu hoch sind. Gerade in der Nordstadt ist dies ein gravierendes Problem, da viele Menschen in diesem Stadtteil über weniger finanzielle Mittel verfügen als in anderen Teilen der Stadt.

Das Thema ist ein vielschichtiges Problem. Der Wohnungs- und Stadtplanungsdezernent erläuterte, dass die dichte Bebauung der Nordstadt eine wesentliche Ursache für das Problem darstellt: Es entsteht ein „Lock-in Effekt“.
Die Bewohner: innen ziehen aus ihren alten Wohnungen nicht aus, da sie keinen neuen bezahlbaren Wohnraum finden und sozialgeförderte Neubauten können aufgrund der dichten Bebauung kaum realisiert werden.
Ein Lösungsansatz war hier die Tauschbörse. Diese soll Menschen die Möglichkeit geben, bezahlbaren Wohnraum zu finden, um lange Suchzeiten und hohe Neuvermietungspreise zu umgehen. „Diese läuft allerdings sehr bescheiden“, erklärte der Geschäftsführer von Vivawest. Vielen Menschen sei nicht bewusst dass es das Angebot gibt, andere jedoch wollen es nicht nutzen, da die Meisten Tauschwohnungen nicht in einem Quartier liegen.
Barrierefreien Wohnraum aus dem Bestand schaffen
Rosenbaum stellte daraufhin die Frage in die Runde, ob man nicht aus den bereits vorhandenen Bauten, barrierefreie Wohnräume schaffen könne. Indem man den Bestand verbessern und bezahlbar machen würde. Besonders im Hinblick auf die angespannte Wohnraumsituation und die hohe Nachfrage, würde das eine sinnvolle Möglichkeit darstellen.

Haluk Serhat verdeutlichte, dass dies nicht möglich sei. „Der Bestand ist so aufgebaut, dass es technisch nicht möglich ist, diesen barrierefrei umzugestalten.“ Allerdings erläuterte Serhat, Vivawest setze darauf, barrierearmen Wohnraum zu schaffen.
Barrierearm bedeutet, dass die Nutzung des Wohnraumes für Menschen erleichtert wird, aber nicht hindernisfrei sei. Dabei setzt Vivawest darauf, Erdgeschosswohnungen so umzugestalten, dass die Duschen ebenerdig sind.
Der Sprecher der Dogewo21-Geschäftsführung betonte ebenfalls, dass es bereits Ansätze gibt, den bebauten Wohnraum barrierearmer zu gestalten. Dafür kooperiert das kommunale Wohnungsunternehmen mit sozialem Trägen, welche in Form von Einkaufsdiensten und Pflegediensten die den Senior: innen unterstützen sollen. „Versorgungssicherheit geben zu können, ist ein essenzieller Ansatz“, betonte Šerifi. Denn der Masse an Senior: innen, die nun durch die Baby-Boomer Generation kommt, kann nicht allen barrierearmen Wohnraum geboten werden. Des Weiteren seien viele der wenigen barrierearmen Wohnungen oftmals in Hochhäusern. Einige Senior:innen wollen dort nicht hinziehen, da die Häuser oftmals außerhalb ihres gewohnten Quartiers lägen.
Barrierefreier Wohnraum in der Nordstadt: Vermittlung und Herausforderungen
Schulte-Loh fasste die angespannte Situation zusammen: „In der Nordstadt existiert kaum barrierefreier Wohnraum. Das liegt vor allem an der historischen Altbausubstanz, den hohen Sanierungskosten sowie den begrenzten Möglichkeiten für Neubauten.“ Daher fragte sie in die Podiumsrunde, wie die wenigen bestehenden barrierefreien Wohnungen vermittelt werden.

Andreas Bischof, der als Intensivpfleger tätig ist, schilderte die Herausforderungen bei der Wohnungssuche für seine Patientin. Bereits seit einem Jahr bemühen er und das Team sich um eine geeignete Unterkunft. Denn die Patientin kann ihre aktuellen Wohnung aufgrund ihres Rollstuhls nicht verlassen.
Der Flur ist zu schmal, um mit dem Rollstuhl hindurchzufahren. Bischof betont, dass sie nicht nach einer vollständig barrierefreien Wohnung suchen, sondern lediglich nach einer, in der der Flur breit genug ist.
Sowohl der Geschäftsführer von Vivawest als auch Samuel Šerifi von der Dogewo21-Geschäftsführung betonten, dass es keine pauschale Antwort gebe, wie Härtefälle behandelt werden würden. „Einzelfälle sind vollkommen individuell“, betonte Serhat. Šerifi ergänzte, dass zwar Dringlichkeitslisten existieren, diese jedoch komplett überfüllt seien. Des Weiteren muss jede Anfrage gemäß dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und nach einem festgelegten Kriterienkatalog sortiert werden. Diese Vorgehensweise stellt zwar sicher, dass die Vergabe transparent und fair erfolgt, ist aber ebenso sehr Zeit intensiv.
Belegungsbindungen laufen aus und werden kaum verlängert
Im Verlauf der weiteren Diskussion meldete sich eine Dame aus dem Publikum zu Wort und äußerte ihre Empörung über die aktuelle Entwicklung. Sie stellte die Frage, warum der ohnehin schon knappe Wohnraum für Senior: innen nun auch von jüngeren Menschen genutzt werden dürfe. Die Dorstfelderin betonte, dass in ihrem Haus seit vierzig Jahren ausschließlich Senior:innen einziehen durften. Für sie ist es unverständlich, dass diese langjährige Regelung nun aufgehoben wurde.

Haluk Serhat von Vivawest, erläuterte, dass solche Situationen häufig mit Belegungsbindungen und verknüpft sind. Die Belegungsbindung, oder das Belegungsrecht, ist ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Wohnungsbaus Deutschlands.
Sie verpflichtet Vermieter, geförderte Wohnungen ausschließlich an Personen zu vermieten, die über einen Wohnberechtigungsschein (WBS) verfügen. Durch diese Regelung wird sichergestellt, dass Wohnraum langfristig an angewiesene Menschen vermittelt wird.
Wohnungs- und Stadtplanungsdezernent Stefan Szuggat erklärte, dass die Belegsbindungen irgendwann ablaufen. Dafür habe die Stadt ein Frühwarnsystem, welches zwei Jahre vor Ablauf der Bindung informiert. Dann versucht die Stadt eine Bindungsverlängerung mit dem Eigentümer: innen auszuhandeln. „Das funktioniert trotz staatlicher Förderung leider nur in ca. zehn Prozent der Fälle, da es die Eigentümerinnen sichtlich in ihrer Mietfreiheit einschränkt.“
Neubauten als größten Lösungsansatz für den Wohnungsmarkt
Die Umgestaltung des Bestandes in barrierefreien Wohnraum ist kaum möglich und auch die Kooperationen mit sozialen Trägern um Versorgungssicherheit zu garantieren reichen nicht aus für die Menge an Hilfsbedürftigen. Deshalb sehen der Geschäftsführer von Vivawest, sowie Wohnungs- und Stadtplanungsdezernent den größten Lösungsansatz in der Neubautätigkeit, trotz des mehrfach betonten Problems der zu dichte Bebauung in der Nordstadt. „Durch die Schaffung von Neubauwohnungen sollen Menschen die Möglichkeit bekommen, bezahlbaren Wohnraum zu finden“, so Szuggat.

In den nächsten zwei Jahren werden in der Nordstadt 200 neue Wohnungen gebaut. 96 Einheiten sollen barrierearm sein und 42 der Wohnungen werden staatlich gefördert. Die Wohnungen sollen nach einem kontrollierten Prozess vermittelt werden. Der sowohl Prioritätslisten als auch ein neu entwickeltes Bezugsauswahlverfahren beinhaltet.
Ebenfalls betonte der Dezernent, arbeite er ständig mit dem Sozialdezernat zusammen, um neue Förderprogramme zu entwickeln. „Uns ist bewusst wie gravierend das Problem ist, dennoch ist es unglaublich schwierig Lösungsansätze zu schaffen.“ Die Stadt hat dafür Anfang des Jahres eine große Bestandsaufnahme über Wohnungen von Mobilitätseingeschränkten Menschen getätigt. „Die Umfrage soll nun ausgewertet werden und uns helfen neue Lösungsansätze zu finden“, erläuterte Szuggat.
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