Tierisches Vergnügen: Bildergeschichte vom 19. Jahrhundert über Entenhausen bis zum Werwolf

Neue Ausstellung im schauraum: comic + cartoon eröffnet

Sophia Gloes Leiterin Schauraum, Stadt Dortmund und Dr. Alexander Braun, Kurator
Sophia Gloes, Leiterin schauraum: comic + cartoon, und Kurator Dr. Alexander Braun führen durch die neue Comic-Ausstellung „Ich, das Tier“. Sie läuft bis zum 1. November 2026. Der Eintritt ist frei. Außerdem an Bord: der Dodo. Das Maskottchen der Dortmunder Comic-Szene gibt es jetzt auch in Plüsch. H. Sommer

„Ich, das Tier“ – die neue Ausstellung im schauraum: comic + cartoon widmet sich der Faszination für Tierfiguren im Comic. Sie schlägt den Bogen vom 19. Jahrhundert bis in unsere Tage und erzählt Geschichten von Märchenwesen, Entenhausen, faulen Katzen und Werwölfen. Dazu gibt es eine Lektion in Kunstgeschichte und viele Originalzeichnungen.

Im Einsatz für die Anerkennung des Comics als Kunstgattung

10 Jahre gibt es den schauraum: comic + cartoon bereits und „Wir sind gefragt“, freut sich Alexander Braun. Der Comic-Experte hat auch diese Ausstellung kuratiert und ausnahmsweise hatte sie ihre Premiere bereits in der Grimm-Welt in Kassel. Im weltweit größten Ausstellungshaus zu Leben und Werk der Brüder Grimm war ein Vielfaches an Platz für die Comics – in Dortmund ist die Schau konzentrierter. Auf die Highlights müssen Fans jedenfalls nicht verzichten.

Bild zeigt Comics in Bilderrahmen als Teil der Ausstellung Ich das Tier
Blick in die neue Ausstellung „Ich, das Tier.“ H. Sommer

Alexander Braun und Schauraum-Leiterin Sophia Gloes sind – wie immer – mit viel Herzblut dabei, wenn es darum geht, gegen die „Marginalisierung des Comics“ (Braun) anzukämpfen und ihm den Platz in der Kunstgeschichte einzuräumen, der ihm aufgrund von Innovationskraft und Virtuosität der Zeichner:innen zusteht.

Ausgangspunkt für ihr Konzept zu „Ich, das Tier“ ist die Geschichte der Fabel: „Der Comic des 20. und 21. Jahrhunderts ist die Quintessenz der Fabel – ein gigantisches finales Feuerwerk“, findet Braun.___STEADY_PAYWALL___

Märchen und Fabeln wollen moralische Botschaften vermitteln

Die Präsentation startet mit dem 19. Jahrhundert: Ein Bilderbogen von Moritz Ludwig von Schwind (1804 bis 1871) zur Geschichte vom „Gestiefelten Kater“ ist hier in einer handcolorierten Version zu sehen und läßt Fanherzen höher schlagen. Der Bogen ist von 1850 und ein Paradebeispiel wie auf einer Seite, mit nur einem Bild, die ganze Geschichte des schlauen Katers über verschiedene Zeitebenen hinweg erzählt werden kann.

Moritz Ludwig von Schwind: Münchener Bilderbogen Nr. 48, Gestiefelter Kater (1850) Presse schauraum: comic + cartoon

Märchen und Fabeln sind in dieser Zeit beliebt, die „Moral von der Geschicht“ lässt sich leichter vermitteln, wenn niemand direkt angegriffen wird, da Tiere an die Stelle der Menschen treten und ihre Prüfungen bestehen müssen.

Bald werden die Geschichten freier und allgemeine menschliche Themen und Probleme werden in die Tierwelt übertragen. Eine Käuzchendame sperrt den feierlustigen Gatten aus dem Nest aus, er bereut, es kommt zur Versöhnung. Das ist unterhaltsam gezeichnet, aber noch immer vor allem moralisch.

Doch die Dinge, bzw. die Tiere, verselbständigen sich. Neue Rollen werden ausgebildet und nicht nur die Themen, auch die Tiere zunehmend vermenschlicht. Sie haben Charakter und werden Akteure. Statt bekannter Themen werden ganze Plots neu erfunden.

Der Mythos vom bösen Wolf reicht bis in die Antike

Zum Beispiel der Wolf: Seit der Antike ranken sich Mythen um das Tier – er wird gefürchtet, meist ist er der böse Wolf. Im Märchen vom „Rotkäppchen“ hat er die Großmutter gefressen und schlüpft in ihre Kleider, um das kleine Mädchen zu täuschen. Es nimmt kein gutes Ende mit ihm, er wird besiegt.

Edmond-François Calvo: La bete est morte, 1944, Cover (© 2025 The Estate of Calvo) Presse schauraum: comic + cartoon

Genauso ergeht es den bösen Wölfen in den Bildgeschichten des französischen Zeichners Edmond-François Calvo. Hier werden die Nazis durch Wölfe dargestellt und am Ende besiegt. Calvo imaginierte das bereits 1944 und behielt recht.

„Während Tiere in klassischen Fabeln oft nur punktuell auftreten, entwickelt der Comic sie zu komplexen Charakteren“, erläutert Braun die weitere Entwicklung.

Superheld „Wolverine“ ist von Wolf-Mythen nur noch inspiriert und der Wolf in der Serie „Fables“ (2002, Bill Willingham/Mark Buckingham) eine ambivalente Hauptfigur.

Er ist der Ordnungshüter in einer Welt, in der Märchenwesen als Flüchtlinge in der Alltagsrealität New Yorks zurecht kommen müssen. In der Märchenwelt waren sie vereint – hier führt die Separierung Tier-Mensch zu einer Revolution mit doppeltem Boden.

Der Kater macht, wovon mancher nur träumt.

Doch nicht nur einzelne Tier-Figuren erobern die Szene, ganz neue Welten entstehen. Die berühmteste ist sicher: Entenhausen. Donald und die drei Neffen, Dagobert, Daisy – zwischen all den Enten findet jede:r den Charakter, der ihm liegt.

XRay-Garfield Figur von 2020 © 2025 PAWS Inc Presse schauraum: comic + cartoon

Die Ausstellung präsentiert seltene Originalseiten von Zeichner Carl Barks – jeder Pinselschwung ist nachvollziehbar und die „Aura des Originals“ (Braun) lässt nicht nur den Kurator ehrfürchtig werden.

Barks wurde erst spät berühmt, „Garfield“ machte seinen Zeichner Jim Davis Anfang der 80er Jahre nahezu aus dem Stand zum Millionär. Fett, faul und gefrässig – bis heute hat der Anti-Held viele Fans. Der Kater macht, wovon mancher nur träumt.

Wäre man lieber Sylvester oder Tweety? Bugs Bunny oder Daffy Duck? Neben Walt Disney entwickelt auch Konkurrent Warner Bros. tierische Zeitgenossen, mit denen sich nicht nur Kinder identifizieren.

Anarchistische Elemente, manchmal auch politische Botschaften – Walt Kelly zeichnete zunächst brav für Disney das Schneewittchen, aber sein subversives Opossum Pogo verhalf ihm zu Auszeichnungen.

Die Erfindung der Sprechblase befreit die Figuren

Vieles andere lässt sich neben und mit den Tieren der Ausstellung noch erzählen: Die Erfindung der Sprechblase ist so ein Beispiel. Während die frühen Fabeln und Bildgeschichten in Europa ihren Text noch unter dem Bild hatten, befreit die Sprechblase die amerikanischen Comic-Figuren vom Erzähler.

Bild zeigt Dr. Alexander Braun, Kurator
Alexander Braun mit einer Original-Seite des Comics „Krazy Kat“  von George Herriman. H. Sommer

„Ab jetzt hatte man das Gefühl bei einer Unterhaltung live dabei zu sein“, erläutert Braun und das sei bei den Leser:innen gut angekommen. Schluss mit den Belehrungen im Untertitel, ab sofort ging es direkt zur Sache.

„Entertainment war angesagt“, so Braun und dahinter steckte das Verkaufsinteresse der großen Verlage. Begünstigt durch die Entwicklung technischer Innovationen wie den Farbdruck, boomte der Comic. Er machte Spaß und war schnell konsumierbar.

War er deshalb weniger wert? Braun kommt vor einer Seite des Comics „Krazy Kat“ von George Herriman ins schwärmen. Für den, der genau hinschaue, sei dies ein Kunstschatz. Die absurde Liebesgeschichte von Hund, Katze und Maus spiele mit Sprache, Raum und Zeit – und das in nahezu jedem Bild. Die Seite als Ganze folge einem eigenen Gestaltungsprinzip: „Das ist Surrealismus, das ist Konstruktivismsus – und das alles, bevor es diese Stilrichtungen überhaupt gab“, so Braun. Picasso, erzählt er, habe sich diese Zeitungsseiten von Freunden aus den USA nach Spanien senden lassen.

Wann kommt das Comic-Museum?

Am Ende ist auch diese Ausstellung im schauraum wieder eine großartige Mischung aus Unterhaltung und Tiefgang. Lesungen, Workshops und Vorträge im Rahmenprogramm runden das Konzept ab. Ein weiterer Beweis ist erbracht, warum ein Comic-Museum in Dortmund am richtigen Platz wäre. Wie ist da eigentlich der Stand?

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, 280 Seiten, Panini Verlags GmbH, 39 Euro. H. Sommer

„Es geht voran“, sagt Braun, mehr ist ihm nicht zu entlocken. „Wir haben intensiv weiter am Konzept gearbeitet“, ergänzt Sophia Gloes. Nächste Schritte erwartet sie noch vor der Sommerpause.

Wenn sie ein Tier wären, was wären sie dann wohl? „Wutmaus“, so Braun, „spanischer Wasserhund“, sagt Gloes.

Bleibt noch ein Tier, das ab sofort neu im schauraum beheimatet ist: der Dodo. Das Maskottchen der Dortmunder Comic-Szene gibt es jetzt auch in Plüsch. Es wird in der Dortmunder Nordstadt von den Roma-Frauen des Vereins Amen Juvlja Mundial von Hand genäht und kostet 25 Euro. Man sagt, es bringe Glück.

Auf einen Blick

  • „Ich, das Tier. Vom bösen Wolf bis Donald Duck – Tiere im Comic“ vom 24. April bis 1. November
  • schauraum: comic + cartoon, Max-von-der-Grün-Platz 7, 44137 Dortmund
    Montag: geschlossen, Dienstag & Mittwoch: 11–18 Uhr. Donnerstag & Freitag: 11–20 Uhr und Samstag & Sonntag: 11–18 Uhr
  • Ein vielfältiges Rahmenprogramm begleitet die Schau, weitere Infos auf der Website.

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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