
Über Tote soll man nicht schlecht reden. Zum Glück ist die SPD noch nicht tot, all den Abgesängen in den letzten Monaten auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene zum Trotz. Deshalb blicken wir hier vor dem Dortmunder SPD-Parteitag darauf zurück, wie es aktuell um die SPD nach deutlichen Stimmenverlusten bei der Bundestags- und Kommunalwahl, nach dem Verlust des Dortmunder Rathauses bestellt ist. Wie geht es gerade der Sozialdemokratie in ihrer einstigen „Herzkammer“?
Es hätte alles so schön sein können: 28. September 2025
Es hätte am 28. September 2025 ganz einfach sein können: Thomas Westphal (SPD) wird wieder Oberbürgermeister der Stadt Dortmund. Zwar mit einem knappen Ergebnis, doch das hätte hinterher wohl niemanden interessiert.

Die Streitigkeiten mit seiner Partei – Westphal war und ist in der Partei nicht ganz unumstritten – wären vergessen gewesen. Mit der weiterhin stärksten Fraktion hätte er im Stadtrat mit den Grünen und der Linken zusammenarbeiten können. Zwar hatte die Partei im Vergleich zur Kommunalwahl 2020 fünf Prozentpunkte verloren, doch immer noch vor der CDU. ___STEADY_PAYWALL___
Es kam bekanntlich anders: Thomas Westphal (SPD) wurde abgewählt. Sein Nachfolger heißt Alexander Kalouti und kommt von der CDU. Die Stimmung bei der Sozialdemokratie an diesem Abend: Totenstille.
Der Kommunalwahlkampf 2025: Zwischen Statistik und „Realität“
Im Wahlkampf dominierte vor allem das Thema „SOS“: Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit. Dieses Thema bespielte die CDU, die AfD und auch der unabhängige Kandidat Martin Cremer. Flankiert wurde dies von den Ruhrnachrichten, die Westphal vorwarfen, sich nicht genug um dieses Thema zu kümmern und die Innenstadt in Chaos versinken zu lassen. Westphals Strategie im Wahlkampf vor der Stichwahl schien dem Ganzen mit Fakten entgegenwirken zu wollen. Keine schlechte Idee, nur ging sie nicht auf.

Bezeichnend dafür war die Diskussion zwischen ihm und seinem Herausforderer Kalouti, im „Beef im Bunker“ des Nordstadtbloggers zur Stichwahl. Kalouti warf Westphal vor, sich zu wenig um das Thema SOS zu kümmern. Dies bezog jener auf den Westenhellweg, der laut ihm weniger besucht wurde. Westphal hielt ihm entgegen, dass Erhebungen zeigten, dass der Westenhellweg immer mehr Besucher:innen habe.
Kalouti sagte dann einen sehr bezeichnenden Satz: „Es ist schön, wenn Sie Ihre Statistik haben, aber es geht um die Realität.“ Kalouti setzte auf einen affektiven Wahlkampf, Westphal kam mit seinen Fakten nicht gegen die „gefühlte Realität“ an und scheiterte letztendlich.
Eine Abrechnung von Westphal auf dem Parteitag?
Nun möchte er sich auf dem heutigen Parteitag aus dem Vorstand der Dortmunder SPD verabschieden. Ob er hier, anders als in seiner Abschiedsrede im Rathaus, mehr über die historische Bedeutung des Verlusts des Dortmunder Rathauses reflektieren wird, bleibt abzuwarten.

Außerdem könnte Westphal mit seinen Genoss:innen abrechnen. Vor allem einer könnte ins Fadenkreuz geraten: Westphals Vorgänger Ullrich Sierau (SPD).
Dieser berät derzeit den CDU-OB Kalouti zum Thema HSP-Fläche. Dass sein Amtsvorgänger so einfach – scharf formuliert – die Seiten wechselt, müsste Westphal eigentlich sauer aufstoßen.
Quo vadis, Dortmunder SPD?
Die SPD ist auf Bundesebene in einem miserablen Zustand, die neuesten Umfragen zeigen sie bei zwölf Prozent. Die SPD-Parteivorsitzende Bärbel Bas wird an diesem Fakt nicht vorbeikommen, wenn sie heute zu ihren Dortmunder Genoss:innen auf dem SPD-Parteitag spricht.

Diese müssen sich genauso wie die Bundes-SPD die Frage stellen, wie es für sie weitergeht. Ein Ziel dürfte sein: bei der Kommunalwahl den OB-Stuhl zurückerobern. Bis dahin dauert es aber noch ein Weilchen.
Dann natürlich die Direktmandate in Dortmund bei der Landtagswahl nächstes Jahr verteidigen. Auch klar und immer noch Anspruch der Sozialdemokrat:innen.
Gelingt der SPD der Anfang eines neuen Kapitels?
Doch trotzdem muss ein neues Programm, ein neues Image, eine neue SPD her, um hoffnungsfroh in die Zukunft zu gehen. SPD-Bundestagsabgeordneter Jens Peick mötche für diesen Neuanfang die Federführung übernehmen – als neuer-alter Vorsitzender.

Doch welche inhaltlichen Punkte möchte die SPD heute setzen? Um bundespolitische Themen wie das Ehegattensplitting und eine Erhöhung des Renteneintrittsalters soll es gehen. Außerdem wollen sie deutliche Kritik an dem neuen OB Kalouti üben.
Hier ist auch die Frage, wie die SPD ihre Rolle im Rat definiert. Bisher überlässt sie die Rolle der größten Kritikerin am OB noch der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katrin Lögering, weil sich die Sozialdemokrat:innen im Rat zwischen den Stühlen sehen, Mehrheiten zustande bringen zu müssen und den neuen OB zu kritisieren.
Es wird sich ebenfalls zeigen, wie die 115 Delegierten auf alle Erneuerungsvorschläge und auf die Zukunftsrhetorik ihres Vorsitzenden reagieren werden. Ob sie diese einfach abnicken oder auch mit dem bisherigen Vorstand unter Jens Peick ins Gericht gehen, der als Vorsitzender die Verantwortung für die Wahlkampfergebnisse trägt.
Live-Blog der Nordstadtblogger vom SPD-Parteitag
Die SPD ist noch nicht tot und sowieso gilt: Totgeglaubte leben länger. Doch das sind alles nur Floskeln. Es ist für die Sozialdemokrat:innen zu hoffen, dass sie sich morgen von eben solchen lösen und tatsächlich Ideen und eine Perspektive für die nächsten Jahre formulieren.
Wer nichts vom Parteitag verpassen möchte: die Ehrenamtlichen vom Nordstadtblogger berichten Samstagvormittag live vom SPD-Parteitag und im Nachgang in Text- und Video-Form. Den Link zum Live-Ticker gibt es dann entweder hier unter dem Artikel oder ab Beginn des Parteitags direkt auf unserer Homepage.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!
Mehr dazu auf Nordstadtblogger:
Thomas Westphal (SPD) und Alexander Kalouti (CDU) stehen in Dortmund in der OB-Stichwahl
„Beef im Bunker“ zur OB-Stichwahl zwischen Thomas Westphal und Alexander Kalouti
Politisches Erdbeben: Die SPD Dortmund verliert erstmals seit 1946 den Chefsessel im Rathaus
Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD) wird nach nur fünf Jahren im Amt verabschiedet

