
Von Fenja Horstmann und Daniela Berglehn
Die Reinoldikirche ist an diesem Nachmittag ein Rückzugsort vor dem kalten Wind, mitten im Gewusel der City kann man zur Ruhe kommen und die Gedanken sortieren. Rund sechzig Menschen haben sich in der Kirche versammelt, um an einem „Gottesdienst für Unbedachte“ teilzunehmen. Ihr Gedenken gilt 121 Verstorbenen, darunter auch einige Obdachlose.
Ordnungsamt und Kirchen sorgen für letzte Würdigung
Die evangelische und katholische Kirchengemeinde feierte Anfang Februar den ersten von vier ökumenischen Gedenkgottesdiensten für unbedachte Menschen. Der Begriff ist mehrdeutig: „Unbedachte – das sind die Menschen, an die niemand gedacht hat und es sind Menschen, die kein Dach über dem Kopf hatten“, erklärt Pfarrer Georg Birwar.

Die Konfession spielt hier keine Rolle: „Wir erhalten eine Liste mit Namen von der Stadt und sorgen gemeinschaftlich für ein Gedenken“, so Birwar. In Dortmund soll keine Person sterben, ohne dass sie mit einer letzten Würdigung bedacht wird. Das Ordnungsamt ist da in der Pflicht.
121 Menschen wurden seit November letzten Jahres anonym beigesetzt. Es sind Menschen, die ohne Kontakt zu Angehörigen leben oder deren Angehörige nicht das nötige Geld haben, um eine Bestattung zu finanzieren. Und es werden jährlich mehr.
„Armut und Vereinzelung nehmen zu“, beobachtet Uwe Schrader. Er beteiligt sich seit einigen Jahren ehrenamtlich am Gottesdienst. Während Pfarrerin Sandra Sternke-Menne und Pfarrer Georg Birwar die Namen der Verstorbenen verlesen, zündet er mit seiner Kollegin für jeden Menschen eine Kerze an. Am Ende erhellen 121 Kerzen den Altarraum. ___STEADY_PAYWALL___
Jedes Jahr sind auch Obdachlose unter den Toten
„Es geht hier heute ums Innehalten, darum den Verstorbenen und den Trauernden einen Ort des Gedenkens und des Abschieds zu geben“, sagt Pfarrerin Sandra Sternke-Menne. Sie liest Psalme, spricht über die Erinnerungen, die bleiben und versucht Trost zu spenden.

Unter den Teilnehmenden des Gottesdienstes sind Angehörige, Freund:innen aber auch ein kleine Gruppe von Menschen, die seit zehn Jahren regelmäßig zu jedem dieser Gottesdienste kommt. Sie wollen den Verstorbenen – bekannt oder unbekannt – eine letzte Ehre erweisen.
Auch diesmal sind wieder Obdachlose unter den Toten. Arturas zum Beispiel – die am 24. Januar verstorbene Marlies aber noch nicht. Ihr Schicksal bewegt aktuell viele Menschen in der Stadt und wann und wie sie bestattet wird ist noch offen.
Marlies war vielen Menschen in der City zumindest vom Sehen bekannt, denn ihre Lagerstatt aus Einkaufswagen und Schirmen, die sie wie ein Wagenburg um sich herum platzierte, fiel auf.
Über die Lebensumstände, die sie in die Obdachlosigkeit führten, ihre Krankheit, die Zwangseinweisung in die Klinik und den plötzlichen Tod wird aktuell viel spekuliert. Deutlich wird an den Reaktionen und in Berichten, dass hier eine ganz besondere Frau verstorben ist, die sich auch unter schwierigsten Bedingung für andere eingesetzt hat – ob in der Nordstadt im Team der Gib-und-Nimm-Box vom Blücherpark oder in der Innenstadt, wo sie anderen Bedürftigen mit Rat und Tat zur Seite stand.
Schlafen statt Strafen: Es geht hier nicht nur um ein persönliches Schicksal
Die Initiative Schlafen statt Strafen gehört zu den Gruppen, die Menschen wie Marlies, aber auch Thomaz T., Arturas S., Volker W. und Manuel P. ebenfalls ein Andenken widmen und Gedenkstunden vor Ort, auf der Straße organisieren.

Sie wollen aber auch deutlich machen, dass es hier nicht nur um ein persönliches Schicksal geht: „Wohnungs- und obdachlose Menschen werden regelmäßig und systematisch ignoriert, vernachlässigt und diskriminiert und diese Ausgrenzung hat konkrete Folgen“, so Chris Möbius, Pressesprecher:in von Schlafen statt Strafen.
Mit einer Winteraktion vom 6. bis 8. Februar will die Initiative auf die Lebensrealität betroffener Menschen, auf Lücken im Hilfesystem und auf die oft tödlichen Folgen von Kälte, Armut und Verdrängung aufmerksam machen.
Am Samstag, 7. Februar um 15 Uhr, wird es außerdem einen öffentlichen Gedenkrundgang geben, bei dem Orte in der Dortmunder Innenstadt besucht werden, die mit dem Tod obdachloser Menschen in der Kälte verbunden sind.
Dann wird der Weg sicher auch zum letzten Aufenthaltsort von Marlies an der Kampstraße führen. Sollte ihr Tod dazu beitragen, dass die Verantwortlichen in der Stadt sensibler mit den betroffenen Menschen umgehen, Hilfsangebote ausgebaut werden und Mitmenschen genauer hinschauen und nicht nur vorbei hetzen – es wäre ein kleiner Trost.
Weitere Infos
- Winteraktion von Schlafen statt Strafen auf der Website der Initiative
- Die weiteren Termine der Ökumenischen Gottesdienste für Unbedachte finden 2026 ebenfalls in St. Reinoldi statt – jeweils am 1. Dienstag im Mai, August und November, immer um 17 Uhr.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!
Mehr dazu auf Nordstadtblogger:
Schlafen statt Strafen erinnert mit Winteraktion an die Lebensrealität obdachloser Menschen

