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8. Mai – Tag der Befreiung vom Terror-Regime der Nazis: Erinnerung, Gedenken und Mahnung in Dortmund

Dortmund glich bei Kriegsende eher den Ruinen des antiken Karthagos als einer modernen Großstadt. Foto: Stadtarchiv

Dortmund am Ende der Nazi-Herrschaft: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Foto: Stadtarchiv

Bis in die Gegenwart und solange der Tag der Befreiung Deutschlands vom Nazi-Terrorregime in der Bundesrepublik offenbar von keiner politischen Mehrheit wirklich als Befreiung empfunden werden kann – kein offizieller Gedenktag bzw. Feiertag ist: solange muss von einem unbegreiflichen Skandal gesprochen werden. Dieser Umstand lässt sehr tief blicken. Und zeigt des Weiteren, wie wichtig mahnendes Gedenken ist: am morgigen Freitag – dem 75sten Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation, am 8. Mai 1945, von Hitler-Generälen unterschrieben – an verschiedenen Orten in Dortmund. An dem auch der Schwur von Buchenwald in Erinnerung gerufen, erneuert werden wird: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

Kleines Programm und ein großes Banner auf dem Friedensplatz vor dem Rathaus

Auf dem Friedensplatz vor dem Dortmunder Rathaus kann das ursprünglich vom Bündnis Dortmund gegen Rechts (BDgR) geplante Open-Air-Friedensfest wegen der Maßnahmen zur Pandemie-Prohylaxe nicht stattfinden. Stattdessen soll dort um 17.30 Uhr ein sehr großes Friedensbanner mit den Maßen von 10 x 9 Metern entrollt werden. Auf seinen Regenbogenfarben ist das Wort „Frieden“ in unterschiedlichen Sprachen aufgetragen.

Erinnerungsgang zum Holocaustgedenktag des Bündnis Dortmund gegen Rechts und des VVN

Foto: Klaus Hartmann

Rezitiert werden Texte der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano, die kürzlich in einem Offenen Brief einen solchen Gedenktag forderte. Außerdem wird Elif Kubaşık, die Witwe des vom NSU ermordeten Mehmet Kubaşık zur Urteilsbegründung des Oberlandesgerichts München sprechen, das landesweit Empörung hervorrief. Musikalisch wird die Veranstaltung von Peter Sturm begleitet.

Die beiden Vorsitzenden des Fördervereins Gedenkstätte Steinwache-Internationales Rombergpark-Komitee werden um 14 Uhr an der Steinwache ein Blumengebinde mit einer Schleife niederlegen. Gleichzeitig wird in DIN A-2-Größe ein Plakat mit einem Teil des Texts vom „Schwur von Buchenwald“ am Tor zur Steinwache angebracht.

Ausstellung auf dem Friedensplatz vom AK gegen Rechtsextremismus und Kranzniederlegung

Von 13 bis 19 Uhr am Freitag und am Samstag von 11 bis 16 Uhr ist auf dem Friedensplatz open air eine kleine Ausstellung zum Kriegsende zu sehen. Ihr Titel: „75 Jahre Kriegsende: 8. Mai – unsere Verpflichtung“.

Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus, Bündnis gegen rechts und BlockaDO hatten zum Protest nach Hörde mobilisiert. Foto: Alex Völkel

Der AK gegen Rechtsextremismus, das BDgR und BlockaDO mit klaren Aussagen. Foto: Alex Völkel

Organisiert vom Dortmunder Arbeitskreis (AK) gegen Rechtsextremismus, ist das für die beiden Tage ersonnene Format gemeinsamen Erinnerns garantiert „pandemietauglich“.

Die Ausstellung kann einzeln oder zu zweit besucht werden, und zwar an den Bäumen befestigt auf der Südseite des Friedensplatzes. Einige der dort gezeigten Tafeln stellen den Zustand Dortmunds am Ende des Krieges und der Gewaltherrschaft dar. Andere zeigen auf, welche Lehren daraus gezogen wurden. Am Ende gibt es eine Mitmachaktion, bei der alle Besucher*innen mit dem Handy selbst aktiv werden können.

Weiterhin gibt es Gelegenheit, an der Friedenssäule eine Schweigeminute abzuhalten, wo um 12 Uhr unter Beteiligung der Stadt und des Dortmunder Rabbiners Baruch Babaev vom AK ein Kranz niederlegt wird, der an die Opfer der Nazibarbarei erinnert, teilen Jutta Reiter (DGB) und Pfarrer Friedrich Stiller (Ev. Kirchenkreis) als Sprecher*innen des antifaschistischen Arbeitskreises mit.

VVN-BdA erinnert an Zwangsarbeiter*innen – und die Unterstützung Hitlers aus der Industrie

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) trifft sich ab 17 Uhr am Phoenix-See – wo auf der Kulturinsel gerade ein Mahnmal für ehemalige Zwangsarbeiter entsteht – zwischen Hörder Burg und Hafen, und natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln.

VVN-BdA anlässlich des 75. Jahrestages des Schwurs von Buchenwald am 19. April 1945 Foto: Gabi Brenner

Anlässlich des 8. Mai fordert die Vereinigung übrigens, dass Raum 7 in der Dortmunder Gedenkstätte Steinwache erhalten bleibt und nicht bei einem geplanten Umbau beseitigt wird. (Wir werden darüber bald näher berichten.)

Thema der ehemaligen Zelle 7 ist: „Die Großindustrie setzt auf Hitler“. Es zeigt den Industriellen Emil Kirdorf, einen der ersten und einflussreichsten Förderer der Nazis, der daher im besonderen Maße Mitschuld an Terror, Krieg und Holocaust trägt.

Dennoch: bis heute gibt es in Dortmund-Eving die „Kirdorf-Kolonie“. Die VVN-BdA fordert aus diesem Grund, dass anstelle einer Kirdorf-Ehrung – so wie vor 8 Jahren von der Bezirksvertretung beschlossen – dort eine Tafel angebracht wird, auf der über das zweifelhafte Handeln des Industriellen informiert wird.

Das Dortmunder Friedensforum wird sich im Rombergpark am Gedenkstein zur Erinnerung an die Karfreitagsmorde treffen (Parkeingang am Torhaus); die DKP Dortmund am Stein zur Erinnerung an das Zwangsarbeiterlager Stalag VI D an den Westfalenhallen (Fußgängerbrücke über die B1).

Dortmunder Defizite bei der Schaffung von Erinnerungsorten für Opfer der Naziherrschaft

Gestaltung von Namensbändern für 4.408 sowjetische Kriegsopfer beim Kirchentag. Foto: Claus-Dieter Stille

Auf dem Internationalen Friedhof wird es durch einen Vertreter des Russischen Generalkonsulats zu einer Kranzniederlegung kommen.

Ar.kod.M e.V., ein Verein, der unter anderem Nachforschungen zu sowjetischen Kriegsgefangenen und ZwangsarbeiterInnen anstellt, die im 2. Weltkrieg ermordet wurden, verstorben oder vermisst sind, forderte in einer Erklärung zu Anfang des Jahres, dass weitere Erinnerungsorte für die Opfer der Naziherrschaft in Dortmund geschaffen werden müssten.

So fehle bislang eine Gedenkstätte auf dem Messegelände für die Menschen, die im Lager Stalag VI D gelitten haben und gestorben sind. Die Stadt Dortmund ebenso wie die Westfalenhallen GmbH zeigten daran aber leider bis dato wenig Interesse. Warum? – Aus dem Lager wurden damals viele tausend Kriegsgefangene an Betriebe in Dortmund und Umgebung „vermittelt“.

Und: Auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg sollten Stelen mit den Namen von und zur Erinnerung an mehr als 4.400 sowjetische Kriegsgefangene errichtet werden. Viele von ihnen – wenn sie entkräftet waren und krank wurden – die Zwangsarbeit leisten mussten, schickten die Betriebe in das Stalag VI D zurück. Verstarben sie dort, wurden sie auf dem Friedhof begraben, der heute wie eine Parkanlage erschiene – vergessen die Verstorbenen. Die Umsetzung des Vorhabens, das eigentlich noch 2019 begonnen werden sollte, mache keine Fortschritte.

Weitere Informationen:

  • Der Schwur von Buchenwald im Wortlaut; hier:

 

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