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10 Jahre Städtekooperation Integration.Interkommunal: „Wer redet eigentlich heute noch über Menschlichkeit?“

Besonderer Mind-Map zum 10-jährigen Bestehen der Kooperation: es gab was festzuhalten. Foto: Jennifer Pahlke

Von Jennifer Pahlke

Integration in allen Lebensbereichen – Wunsch oder Realität? Den Erkenntnissen des zehnjährigen Jubiläums der „Städtekooperation Integration.Interkommunal“ folgend, ist Integration ein Thema, was uns dauerhaft begleiten wird. In das alle miteinbezogen werden sollen – und müssen. Damit sind nicht nur Politiker gemeint. Es geht darum, dass VertreterInnen aus allen gesellschaftlichen Bereichen zusammenarbeiten und konstruktiv diskutieren, wie Integration in Deutschland, im Ruhrgebiet, in Dortmund verbessert werden könnte.

Geteiltes Motiv der beteiligten Städte: interkulturelle Kompetenz – das geht im Ruhrgebiet alle an!

Moderation der Veranstaltung: Axel Jürgens

Die Städtekooperation Integration.Interkommunal ist eine Zusammenarbeit von mittlerweile 9 Städten der Metropole Ruhr (Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Herne, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen), die sich unter anderem mit dem Aspekt der interkulturellen Kompetenz beschäftigt.

Zum zehnjährigen Bestehen des Verbundes hatte die Stadt Dortmund geladen. Thema der Veranstaltung im Rathaus: wie „Zukunft in Vielfalt“ durch Integration ruhrweit-kooperativ gesichert werden kann.

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Sprach für die Städtekooperation: Ulrich Ernst

„Demografische Entwicklungen und Integrationsprozesse beschäftigen alle Kommunen, insbesondere in der Ruhrregion; wir stehen alle vor ähnlichen Herausforderungen. Da liegt es nahe, zusammenzuarbeiten und gemeinsam Strategien zu entwickeln. In den letzten zehn Jahren haben wir gelernt, dass durch eine Zusammenarbeit unserer Kommunen alle Beteiligten profitieren“, so Ulrich Ernst, langjähriger Sprecher der Städtekooperation.

Aber was genau ist eigentlich (gute) Integration? Bei der Jubiläumsveranstaltung im Dortmunder Rathaus wird immer wieder deutlich: Integrationspolitik sollte nicht als Politik zur Abwendung von Problemen verstanden werden. Sondern vielmehr als Gestaltung von Zukunft – einer Zukunft in Vielfalt.

Auf erste Bescheidenheit folgen Ansprüche – Mafaalani: verstehen, was Integration bewirkt

Bildungsforscher u.a.: Prof. Aladin El-Mafaalani

Prof. Aladin El-Mafaalani, Leiter der Abteilung Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration NRW, hinterfragt: „Integration, damit meinen wir viel, aber was genau ist das?“ Mafaalani beschreibt sie konkret in drei Phasen. In der ersten kommen Menschen nach Deutschland, dann sollen die Zugewanderten Teil der Verwaltungs- und Regelstrukturen werden.

Schließlich – in der (vorerst) letzten Phase – verdichtet sich die Erkenntnis, dass Integration alle betrifft. Zum Verständnis offeriert Mafaalani eine Tisch-Analogie. Menschen kommen in einen Raum, hocken sich zu anderen auf den Boden, während einige an den Tischen sitzen. Mehr geht als „Neuling“ zunächst nicht.

Aber: nach einiger Zeit wachsen Begehrlichkeiten. Die zuvor Neuen kommen an den Tisch und möchten auch ein Stück vom Kuchen haben. Je länger die Alteingesessenen am Tisch sitzen, desto mehr verändert er sich auch. Und damit Verhältnis wie Position zwischen denen, die zufrieden sind, und solchen, die alles verändern wollen.

Die Nordstadt als gelungenes Beispiel für Integration – und wie weiter nach den Folgen?

In der Nordstadt, dem kinderreichsten Stadtbezirk Dortmunds, gibt es enorme Bildungs- und Integrationsbemühungen, die fruchten. Ein Spruch beschriebe die dortige Lage, so der Sozialforscher mit syrischen Wurzeln: „Hier kannst du ein Kind aus dem Fenster schmeißen, ein Sozialarbeiter oder Polizist wird es auffangen!“

Trotzdem haben viele Menschen den Eindruck, dass sich eben nichts tut. „Im Vergleich zu den anderen Bezirken Dortmunds haben sich z.B. die Ausbildungschancen verbessert. Das bleibt unbemerkt, weil viele wegziehen“, erklärt El-Mafaalani die Folgen.

Denn genau hier läge auch ein Problem: Die Menschen, die einen bestimmten Bildungsstand erreicht und gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, zögen fort – in andere Bezirke Dortmunds oder Städte in NRW.

Dafür kommen Menschen, mit denen erneut intensiv gearbeitet werden muss. Das bedeutet: wird gute Arbeit geleistet, ist die nächste Arbeitsperiode noch zeit- und arbeitsintensiver. Im Sinne Mafaalanis muss es angesichts dieses kommunalen Dilemmas dennoch heißen: nicht aufhören, weitermachen!

Keine vernünftige Alternative zur Integration – die ist aber auch kein Selbstläufer

Birgit Zoerner, Sozialdezernentin der Stadt Dortmund

Sozialdezernentin Birgit Zoerner pflichtet bei: zur Integration gäbe es keine vernünftige Alternative.

Für Mafaalani steht zudem fest: über diese Ziele müsse konstruktiv – und vor allem realistisch diskutiert werden. Und warnt vor Schönfärberei: „Es bringt nichts, wenn wir nur die positiven Seiten beschreiben, auch die negativen sind wichtig“.

„Integration ist kein Selbstläufer,“ betont Birgit Zoerner, und fügt hinzu: „Ein konkretes Ziel ist es, alle Menschen zu integrieren, auch die in der zweiten und dritten Generation.“

Das bedeutet auch, Chancen bereitzustellen. Dann müsse jeder Mensch das Beste aus sich machen – dafür gäbe es ebenfalls keine Alternative, so Zoerner.

Gudrun Tierhoff, als Ansprechpartnerin der Städtekooperation die vorübergehende Vertretung des scheidenden Ulrich Ernst, der in den Ruhestand geht, ist illusionslos: „Am Ende ist Zuwanderung ein dauerhaftes Phänomen, was jeden einzelnen betrifft. Denn Tische kommen nicht von alleine, man muss sie entwickeln“, nimmt sie auf Hoffnungen, Anspruchsdenken und die Bedeutung prosozialer Strukturentwickung Bezug.

Visuelles Protokoll der Veranstaltung als Heuristik für einen zukünftigen Workshop der Stadt

Im Publikum am Friedensplatz saßen 150 geladene VertreterInnen verschiedenster Institutionen, die Moderator Axel Jürgens zwischenzeitlich bat, sich an der Diskussion zu beteiligen.

Was ein gutes Ergebnis des heutigen Tages sei, war eine Frage, auf die Antworten folgten, wie: „Demokratische Werte sollen wieder in den Vordergrund geraten“, „von den Erfahrungen anderer profitieren“, „mit den Deutschen zusammenarbeiten“, oder: „Strategien für eine weitere gute Zusammenarbeit entwickeln“.

Die Ergebnisse und Themen der Diskussionen wurden von Friederike Abitz in einem visuellen Protokoll festgehalten. Dies soll unter anderem als Heuristik für neue Strategieentwicklungen in einem Workshop der Stadt Dortmund dienen.

„Ihr liebt den Haß und wollt die Welt dran messen“ – junges Theaterensemble warnt vor AfD-Reaktionären

Eine kleine Theateraufführung zu dem Thema altes und neues Deutschland, Werte und Gemeinsamkeiten gab es zwischendurch von dem internationalen Theaterensemble „Familie Rangarang“ mit deren Programm „WERTEmitbürger*innen“.

Aufgegriffen wurden dabei nicht nur die positiven Seiten der Integration, sondern, im Gegenteil: so manche Schattenseite kam zur Sprache. Ein zentraler Satz der KünstlerInnen:: „Wer redet eigentlich heute noch über Menschlichkeit?“

In diesem Zusammenhang zitierten die jungen SchauspielerInnen auch eine Äußerung des AfD-Landtagsabgeordneten in Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider: dass man ideologisierten Theatern, die Flüchtlingen Willkommens-Stücke spielten, doch die Subventionen streichen sollte.

Hier kam während der Aufführung Erich Kästner zu Wort: „Glaubt nicht, daß wir uns wundern, wenn ihr schreit. Denn was ihr denkt und tut, das ist zum Schreien.“ Und weiter: „Ihr liebt den Haß und wollt die Welt dran messen. Ihr werft dem Tier im Menschen Futter hin, damit es wächst, das Tier tief in euch drin! Das Tier im Menschen soll den Menschen fressen.“

 

 

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