1. Crossover-Preis für Labsa: „Wir stellen keine Gemeinschaft dar, wir sind eine Gemeinschaft.“

Landschaftsverband Westfalen-Lippe ehrt Dortmunder Theater-Kollektiv

Crossover: Das Labsa-Team mt Dr. Georg Lunemann (Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, mit Preis) und Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger (LWL-Kulturdezernentin, mit Blumen) bei der Preisverleihung im Theater im Depot. LWL / Foto Jennifer Bunzeck

Das Dortmunder Theater- und Performance-Kollektiv Labsa hat den mit 35.000 Euro dotierten Crossover-Preis des Landschaftsverband Westfalen-Lippe erhalten. Es ist der erste Preis seiner Art und er macht den Macher:innen Mut, ihren Weg zwischen den Welten weiter zu gehen. Eine Begegnung.

Gespräche und Tafelrunde statt Reden und Stuhlreihen

Das war keine gewöhnliche Preisverleihung – das war ein Erlebnis, da waren sich die rund 100 Gäste im Theater im Depot einig. Statt zahlreicher Reden und enger Stuhlreihen wurde im Saal gekocht, an einer langen Tafel zusammen gegessen, es wurde musiziert und am Ende getanzt. Wer war Akteuer:in? Wer Publikum? Die Grenzen waren fließend und das war Teil des Konzepts.

Menschen an einem Tisch mit Essen und Getränken
Alle an einem Tisch versammeln, das ist ein Kern der Arbeit von Labsa. LWL / Foto Jennifer Bunzeck

„Wenn wir einfach Catering bestellt hätten, das hätte nicht zu uns gepasst“, erzählt Emilia Hagelganz, Mit-Gründerin des Labors für sensorische Annehmlichkeiten e.V. – kurz Labsa. Das gesamte Team habe sich intensiv in den Abend eingebracht und alles selbst zubereitet und dekoriert.

Kleine Teller mit goldenem Rand, große Schüsseln mit Salaten und afrikanischem Essen, Obst und Blumen – ein phantastisch gedeckter Tisch für Menschen aus Politik, Vertreter:innen der Jury, Ensemble-Mitglieder und Freund:innen.

Emilia Hagelganz: „Wir wollten alle in den Austausch bringen, denn Gastfreundschaft, Heimatgefühle und das Essen an einer Tafel, das ist ein Kern der Arbeit von Labsa. Auf diese Weise integrieren wir auch Menschen, die nicht auf die Bühne wollen und wir haben gelernt: Satt hört man sich anders zu.“

„Wir wollen der Vielfalt der Gesellschaft gerecht werden.“

Es war ein Fest der Gemeinschaft und ein wichtiges politisches Signal – so jedenfalls sieht es LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger: „Unsere Gesellschaft verändert sich und wir wollen ihrer Vielfalt gerecht werden.“ In einer Zeit der Polarisierungen möchte sie das Verbindende betonen und nicht das, was uns vielleicht trennt.___STEADY_PAYWALL___

Verleihung des 1. LWL-Crossoverpreis an Labsa LWL / Foto Jennifer Bunzeck

Eine Stoßrichtung, für die der LWL nun einen neuen Preis geschaffen hat: den Crossover-Preis. Er ist mit 35.000 Euro dotiert, wird künftig alle 5 Jahre verliehen und ausgezeichnet werden können Einzelpersonen oder Initiativen und Vereine, die verschiedene Sparten oder Ausdrucksformen miteinander vereinen.

„Wir lenken so den Blick auf neue Räume, andere Perspektiven und innovative Ansätze, die unser kulturelles Leben bereichern und weiterentwickeln“, sagt Parzinger.

Eine siebenköpfige Fachjury wählte Labsa als ersten Preisträger aus insgesamt zwölf Vorschlägen aus. Dr. Mirijam Streib, freischaffende Künstlerin und Forscherin, war Teil der Jury und lobte die Initiative des LWL: „Ein solcher Preis ist sehr innovativ und kommt zur richtigen Zeit“, so die Wienerin. Es gelte die gesellschaftliche Mitte zu stärken, Zwischenräume zu ermöglichen und Zwischentöne zu beachten.

Am Ende befand die Jury: Labsa sprengt die Grenzen traditioneller Kunstformen, ermöglicht neue Formen der Kunstvermittlung und ist „ein Paradebeispiel für die erfolgreiche Umsetzung des Crossover-Gedankens.“

Es begann 2008 in der Nordstadt: „Unsere Arbeit profitiert von Kontinuität.“

Es ist eine Auszeichnung zu rechten Zeit und sie zeigt, dass sich Mut und Durchhaltevermögen auszahlen können. Als das Team 2008 auf einer Grünfläche nahe der Münsterstraße mit seiner Arbeit begann, war nicht klar, wohin die Reise geht. „Wir haben mit Urban Gardening begonnen und uns Stück für Stück weiterentwickelt“, so Hagelganz – irgendwann begann etwas zu blühen.

LWL-Direktor Dr. Georg Lunemann mit Emilia Hagelganz und Yacouba Coulibaly
 sowie LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger (v.l.) LWL / Foto Jennifer Bunzeck

„Grünbau haben wir dabei unglaublich viel zu verdanken, die haben uns immer unterstützt“, erinnert sie sich: „Unsere Arbeit profitiert von Kontinuität. Man lernt sich kennen und zuzuhören.“

Und man verändert sich gemeinsam: Seit 2014 liegt ein besonderes Augenmerk der Arbeit auf individuellen-biografischen Perspektiven und Migrationsgeschichte(n) – Menschen wie Ensemblemitglied Yacouba Coulibaly kamen hinzu, die sagten: Ich will nicht nur zugucken, ich will mitmachen.

„Wir haben uns als Künstler:innenkollektiv geöffnet und viel voneinander gelernt.“ Sprachbarrieren sind keine Grenzen, das Kochen und gemeinsame Essen wurde zentral – inzwischen sind 25 Menschen aus 15 Nationen engagiert. „Wir stellen keine Gemeinschaft dar, wir sind eine Gemeinschaft“, findet Hagelganz.

Family Food und „Radikale Gastfreundschaft“ mit dem Gasthaus

Kategorien wie professionell oder unprofessionell, Soziale Arbeit oder Kunst sind für Labsa nicht wichtig. Hier gilt das Motto „Schön zusammen“, eine Wortschöpfung einer Kollegin aus Warschau, die den Klang der beiden deutschen Worte einfach mochte. Nach der Sommerpause – am 19. August – öffnet das Labor wieder seine Räume im Unionviertel, Lange Straße 98.

Labsa Inszenierung auf der Zeche Zollern. Presse Labsa

Dann beginnen die Proben und Workshops zum Thema „Radikale Gastfreundschaft“ in Kooperation mit dem Gasthaus. „Wir haben uns dort umgeschaut, waren beim Frauenfrühstück, das war sehr berührend. Nun wollen wir miteinander lernen.“

In welcher Kunstform die Themen später zum Ausdruck kommen, ist dem Labsa-Team egal. Es geht um Verbindungen und darum eine gemeinsame Sprache zu finden.

Das Preisgeld kam im richtig Moment, denn gerade die freie Szene ist von Kürzungen betroffen und Projekte, die nicht in bestehende Förderschubladen passen, haben es oft nicht leicht. Der Crossover-Preis setzt genau da an und nun kann eine Küche angeschafft werden. Das Experiment „Family Food“ soll starten, bei dem einmal in der Woche gegen Spende Essen angeboten wird. Eine neue Form des Wirtschaftens für alle im Team – was es geben wird, steht bald auf der Website.

Und sonst? Eine Exkursion zum Thema Wölfe ist geplant und beim Theater Festival „Favoriten“ ist Labsa mit der Performance „Couture on Fire“ eingeladen. Geht es nach Emilia Hagelganz, kann es noch eine ganze Weile so weitergehen: „Die Energie im Ensemble ist da.“

Kontakt und weitere Infos auf der Website von Labsa.


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