
Ohne tiefgreifende Strukturreformen droht das für 2026 prognostizierte geringe Wirtschaftswachstum in Deutschland ein kurzfristiges Strohfeuer zu bleiben. Das sagte Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts, am 15. Oktober im Westfälischen Industrieklub in Dortmund. Eingeladen hatte Haus & Grund Dortmund. Für den Vortrag „Die deutsche Wirtschaft – Wende oder Krise ohne Ende?“ gab es nach Angaben des Vereins 345 Anmeldungen, so viele wie nie zuvor in der Veranstaltungsreihe.
Zwischen Gefühl und Zahlen: Warum viele Menschen die Lage schlechter wahrnehmen
Fuest, 58 Jahre alt und in Münster geboren, ging auf die Kluft zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und ihrer Wahrnehmung ein. Viele Menschen hätten das Gefühl, sich heute weniger leisten zu können als früher. Die wirtschaftlichen Daten stützten dieses Empfinden aber nicht im selben Maße. Dennoch beeinflusse es die gesellschaftliche Stimmung und damit auch politische Entscheidungen.

Kritisch sah Fuest den seit Jahren steigenden Staatskonsum, der langfristig nicht finanzierbar sei. Besorgniserregend sei auch der deutliche Rückgang der Wertschöpfung in der Bauwirtschaft. Bei Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz seien Deutschland und Europa zu schwach aufgestellt. Um gegenüber den USA und China nicht weiter zurückzufallen, müsse Europa vor allem seine Rechenzentrumskapazitäten massiv ausbauen.
Sein Fazit: Deutschland brauche Strukturreformen, die den wachsenden Einfluss des Staates begrenzen, private Investitionen stärken und den technologischen Anschluss sichern. Grundlage müsse ein positives Zukunftsbild sein, das Orientierung gibt und eine entschlossene Reformstrategie trägt.
Oecking: Private Vermieter brauchen verlässliche Rahmenbedingungen
Zuvor hatte Haus-&-Grund-Präsident Christian Oecking die Gäste begrüßt und auf die mehr als 30-jährige Tradition der öffentlichen Veranstaltungsreihe verwiesen. Er sprach vor allem über die Lage privater Eigentümer und Vermieter. Knapp zwei Drittel aller Mietwohnungen in Deutschland befänden sich in privater Hand, sagte er. Private Kleinvermieter seien nicht das Problem auf dem Wohnungsmarkt, sondern ein Teil der Lösung. Sie bräuchten verlässliche Rahmenbedingungen statt immer neuer Belastungen.

Als Beispiel für zunehmende Bürokratie nannte Oecking die Vermieterbescheinigungen des Dortmunder Jobcenters, die von ursprünglich einer auf inzwischen vier Seiten angewachsen seien. Die Kritik richte sich dabei gegen die gesetzlichen Vorgaben, nicht gegen das Jobcenter.
Zur Lage in Dortmund nannte er folgende Zahlen: 2025 seien nur 898 Wohnungen fertiggestellt worden, 44 Prozent weniger als im Vorjahr, die Zahl der Baugenehmigungen sei um 42 Prozent zurückgegangen. Hinzu kämen steigende Bau- und Finanzierungskosten, die höhere Grundsteuer und die sogenannten kalten Nebenkosten für Müll und Wasser, die im vergangenen Jahr um sieben Prozent gestiegen seien.
Zur in Berlin diskutierten Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände sagte Oecking, ein Wechsel der Eigentumsverhältnisse schaffe keine einzige zusätzliche Wohnung, binde aber Milliardenbeträge, die für den Wohnungsbau fehlten.
Bach: „Eine wirtschaftliche Wende ist möglich“
Haus-&-Grund-Hauptgeschäftsführer Dr. Thomas Bach griff im Schlusswort Gedanken des Vortrags auf. Deutschland habe weiterhin eine starke wirtschaftliche Basis, brauche aber dringend tiefgreifende Strukturreformen. Besonders wichtig sei eine grundlegende Reform des Bildungswesens.

Zugleich warnte Bach vor politischem Extremismus und forderte demokratische Stabilität sowie verlässliche Rahmenbedingungen für private Immobilieneigentümer. Eine wirtschaftliche Wende sei möglich, erfordere aber Mut, parteiübergreifende Zusammenarbeit und die Bereitschaft zu Veränderungen.
Auch für Dortmund warb er für gemeinsames Handeln und sachliche Diskussionen. Zum Abschluss überreichte er Fuest ein von der Dortmunder Künstlerin Katharina Hoffmann gestaltetes „Geflügeltes Nashorn“.


