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Über die Unmöglichkeit von Beziehungen: „Hedda Gabler“ als künstliche Barbie-Masken-Welt im Schauspiel Dortmund

Verwandschaftsbesuch: Bettina Lieder als Hedda, Marlena Keil als Tante Julle und Ekkehard Freye als Jörgen Tesman.

Von Angelika Steger

Nein, verzichten will sie nicht. Nicht auf ihren Reichtum, ihr Ansehen als Tochter eines Generals. Und auch nicht auf das Leben und die sexuelle Befriedigung. Doch genau das fehlt Hedda Gabler, die nach der Heirat eigentlich Hedda Tessman heißt. Soeben von der sechsmonatigen Hochzeitsreise zurückgekehrt, langweilt sie sich in der einsamen Villa auf dem Land buchstäblich zu Tode. Ihr Mann hat nur seine Profession, die Kulturwissenschaft, im Kopf, redet von nichts anderem. Eine Professur hat er auch in Aussicht, das verspricht gesellschaftliches Prestige. Außerdem hat er die schönste und berühmteste Frau der Gesellschaft geheiratet. Und da sind noch die Tanten, um die sich Ehemann Jörgen Tesman so rührend kümmert. Ganz und gar unverständlich für Tesman, dass seine Frau Hedda seine Tante Julle nicht freundlich im gemeinsam bezogenen Heim empfangen will.

Inszenierung als Puppen-Kammerspiel: Künstlichkeit der Beziehungen als rosafarbene Barbiewelt

Hedda ist überrascht und verärgert über ihre ehemalige Mitschülerin Frau Elvsted (Alexandra Sinelnikova).

Regisseur Jan Friedrich, der an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin Puppenspiel studiert hat, inszeniert diese Ehegeschichte voller Frustration und Kakophonie als Puppen-Kammerspiel in einer Barbie-Welt.

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Die Künstlichkeit der Beziehungen spiegelt sich in der Künstlichkeit der Masken wider: nichts ist echt, alles nur schön, „amerikanisch nett“, wie Friedrich es nennt.

Halb ist das Stück im Schauspielhaus Dortmund eine Sitcom, in der die SchauspielerInnen Masken tragen und ihre Texte synchron gesprochen werden, halb agieren sie ohne Barbie-Masken, gefilmt im Badezimmer hinter der Wand und vorne im Wohnzimmer.

Unmittelbarkeit zwischen ZuschauerInnen und Schauspiel lässt Stück wirken

Diese Interpretation dieses Stücks geht auf, erscheint schlüssig, um die Distanz zwischen den Figuren herzustellen: sie haben keine echte Beziehung zueinander. Durch die eingespielten Sitcom-Lacher wird diese künstliche Welt des Ehepaars Tesman nochmals akustisch verstärkt. Irgendwann möchte man auch als ZuschauerIn die Pistole ziehen und einige der Figuren, zuerst die Tante Julle, erschießen.

So unerträglich ist diese Kakophonie. Verstärkt wird diese Aufregung durch die Unmittelbarkeit der Bühne: im Studio des Schauspielhauses gibt es keine Trennung zwischen Bühne und ZuschauerInnenraum. So wird die Handlung direkt und unmittelbar übertragen.

Konflikte werden nicht ausgetragen, sondern verschwiegen oder überspielt. Die einzige, die widerspricht, die ihren Frust offen ausspricht, ist Hedda Tesman selbst. „Das interessiert mich nicht, Tesman“ hört man sie häufig sagen. Nur einen Moment ist der Ehemann verwirrt, um sofort mit seinen Singsang von vorhin weiterzuführen.

Kakophonie auf die Spitze getrieben: Szenen einer Ehe bei Henrik Ibsen

Entsetzen über den Tod der zweiten Tante:  Hedda Tesman, Tante Julle und Hausfreund Brack als Barbiepuppen.

Jörgen Tesman verehrt Hedda wie eine Göttin und bemerkt nicht (oder will nicht bemerken), dass sie auch nur ein Mensch ist. Einerseits Königin sein wollen, verehrt werden wollen, ist es genau diese Verehrung, die Hedda immer mehr anödet.

Tesman sieht seine Frau nie an, wenn er mit ihr spricht: zum einen, weil sie von der hinteren Bühne, aus dem Badezimmer heraus spricht. Argumente austauschen oder streiten ist nicht möglich, wenn man sein Gegenüber nicht anblickt.

Das Gesicht von Bettina Lieder als Hedda ist dabei übergroß als Video auf der Holzwand des Wohnzimmers zu sehen. Deutlicher kann man Kakophonie nicht darstellen, die zu ständigen Missverständnissen – nicht nur in einer ehelichen Beziehung – führt.

Oberflächlichkeit und Kakophonie verstärkt: Wenn Verwandte ein Eheleben stören

Tante Julle (Marlena Keil) ist zu Besuch. Jörgen Tesman (Ekkehard Freye) begrüßt sie überschwenglich.

Beim Auftauchen der Tante Julle (gespielt von Marlena Keil), mag sich manche-/r ZuschauerIn an die eigene unschöne Kindheit und Jugend erinnert gefühlt haben.

Gähnend lang dauernde Verwandtenbesuche am Nachmittag, bei denen nichts passiert, die Gespräche oberflächlich und trivial sind, gern auch mal peinlich, aber niemals unterhaltsam. Wer das nicht schön und toll findet, gilt in dieser künstlichen Welt nicht normal.

Hedda, die selbst so künstlich aussieht, ist auch nicht ganz ’normal‘ für diesen Rosa-Kitsch. Und geht gleichzeitig in ihm auf, weil ihr diese Welt Reichtum und Wohlstand bietet.

Unmenschlichkeit in der rosa Barbiewelt: Liebe und Sexualität fehlen

In dieser Barbie-Masken-Welt fehlt jede Art von Sexualität oder tief empfundene Liebe. Nicht mal eine Umarmung ist beim Ehepaar Tessman zu sehen, geschweige denn ein Kuß. Bemerkenswert, dass Hedda ihren Mann nie beim Vornamen nennt.

Warum zum Teufel, fragt man sich als ZuschauerIn, sind diese beiden überhaupt zusammen? Henrik Ibsen schrieb dieses Werk 1890, also in einer Zeit, in der es noch lange nicht üblich war, dass Frauen selbständig einem Beruf nachgehen und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen.

Seine Figur Hedda hat Jörgen Tessman nur geheiratet, um „eine gute Partie zu machen.“ Die Kehrseite ist ein goldener Käfig, eine große Villa auf dem einsamen norwegischen Land, ein Ort, wo nichts passiert. Der Hausfreund Brack (gespielt von Uwe Rohbeck) kann dabei ihre sexuellen Wünsche nicht wirklcih erfüllen.

Der frühere Liebhaber scheint Hedda Gabler sexuelle Erfüllung zu versprechen

Ejlert Lövborg (Christian Freund) beschwört Hedda, sich an die schönen gemeinsamen Erlebnisse zu erinnern.

Auch der plötzlich in der Stadt wieder aufgetauchte Ejlert Lövborg, mit dem Hedda früher ein Verhältnis hatte, erreicht sie nicht, kann sie nicht zufrieden stellen.

Er war Alkoholiker gewesen, doch nun ist er trocken und hat ein viel beachtetes Buch geschrieben. Was eine heiße Liebesaffäre gewesen war (zu Beginn durch ein Zitat Lövborgs „war es nicht Liebe, als ich Dir alles erzählte?“ aus dem Off als Video sichtbar), ist nur noch eine Unterhaltung zwischen Bekannten.

Erstaunlich, dass gerade die lebenshungrige Hedda so kühl agiert. Sie will mehr als nur Sex – sie will Macht über einen Menschen haben, auch über Lövborg.

Dass sie eine frühere Mitschülerin Frau Elvsted (gespielt von Alexandra Sinelnikova), die, ebenfalls unglücklich verheiratet, misshandelt, ist dabei nur eine Nebenhandlung.Was bei Tesman so wohl geordnet, ist bei Lövborg immer noch eins: das reine Chaos im Leben. Auch Hedda und Lövborg begegnen sich nicht wirklich.

Sehnsucht und Hunger nach Leben: live fast, die young als Heddas Lebensmaxime

Hedda will Macht ausüben – auch mit Waffen.

Hedda will herrschen, über alles und jeden, will intensiv leben. Lövborg ist einer, der intensiv, weil ausschweifend lebt, der Antagonist zum Ehemann Jörgen Tessman.

Das zieht Hedda an – und gleichzeitig weiß sie, dass es in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts keine Ehe mit einem Typen, der ein Leben voller Ekszesse lebt, geben kann. Live fast, die young – aber wenigstens hast du gelebt.

Auch Hedda Gabler, die eigentlich Hedda Tessman heißt, beherzigt das. Denn aus einer so künstlichen rosa-blauen Barbie-Welt voller Lügen und Oberflächlichkeit gibt es nur eins: Flucht.

Und selbst dann sagt Frau Elvsted in ihrer unendlichen Naivität noch „…aber das tut man nicht.“ So erhalten sich – leider – auch künstliche Welten und gesellschaftliche Konventionen. Wenn heute auch nicht mehr die Lebensregeln des 19. Jahrhunderts herrschen, so gibt es immer noch Menschen, die oberflächlich sind oder Menschen, die reine Zweckehen führen.

Deshalb ist „Hedda Gabler“ ein zeitloses Stück und in der Inszenierung von Regisseur Jan Friedrich und dem Dramaturgen Dirk Baumann gelungen. Nur eine Anregung: als Zuschauer-/in würde man zu gerne Tante Julle zumindest mit Papierkugeln gerne bewerfen. Und auch Frau Elvsted. Vielleicht bei den weiteren Aufführungen? Das Publikum würde sich freuen.

Weitere Informationen:

  • „Hedda Gabler“, Schauspiel am Theater Dortmund, Hiltropwall.
  • Regie: Jan Friedrich
  • Darstellende: u.a. Bettina Lieder als Hedda Gabler und Ekkehard Freye als Jörgen Tesman.
  • Weitere Termine: 2. März und 8. März um 20 Uhr, 14. April um 18.30 Uhr.
  • Ticketpreise: Karten: 15 Euro.
  • Hedda Gabler auf den Seiten des Theaters Dortmund
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