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Rabbiner: „Es gibt hier eine jüdische Zukunft. Und eine jüdische Schule wäre ein starkes Zeichen für Dortmund“

Jüdisches Channuka-Fest am Phoenix-See. Foto: Alex Völkel

Channuka-Fest am Phoenix-See – ein sichtbares Zeichen jüdischen Lebens. Archivbilder: Alex Völkel

Ein starkes Zeichen für die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland will – vorbehaltlich der Ratsentscheidung – die Stadt Dortmund setzen: es soll eine jüdische Grundschule entstehen. Für die jüdische Gemeinde schließt sich damit ein Kreis: Die Kultusgemeinde erinnert daran, dass ihre Schule die letzte jüdische Einrichtung in Dortmund war, die in der Nazi-Zeit geschlossen wurde. Das war 1942 und die letzten 70 Kinder und ihre Lehrer*innen wurden ins Ghetto nach Riga deportiert, berichtet Rabbiner Baruch Babaev. Viele kamen nicht mehr zurück.

Rabbiner: Ein klares Zeichen gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben

In Dortmund wird – vorbehaltlich des Beschlusses des Rates der Stadt – eine jüdische Grundschule in der ehemaligen Hauptschule am Ostpark wiedereröffnet. Mit diesem Thema hat sich der Verwaltungsvorstand auf seiner letzten Sitzung befasst. ___STEADY_PAYWALL___

Alltag: Polizeipräsenz vor dem Kindergarten der Jüdische Gemeinde.

Leider Alltag: Polizeipräsenz vor dem Kindergarten der Jüdischen Gemeinde. (Archivbild)

Die Perspektive auf eine eigene Schule kommt für die jüdische Bevölkerung zum richtigen Zeitpunkt: „Das ist motivierend für uns, dass die Stadt Dortmund sich so eingesetzt hat. Das zeigt, dass wir in Deutschland noch willkommen sind“, macht Babaev mit Blick auf die antisemitischen Übergriffe und Anschläge sowie die Wahlerfolge der AfD deutlich.

Viele Familien auch in Dortmund hätten sich Gedanken und Sorgen gemacht, ob sie in Deutschland noch eine Zukunft haben könnten. Sie den Gedanken hatten, ob sie noch willkommen sind. „Die Gedanken treten jetzt völlig in den Hintergrund. Das hat uns ein gutes Gefühl gegeben“, betont der Rabbiner begeistert. 

Die Stimmung habe sich um 180 Grad gedreht. „Es gibt hier eine jüdische Zukunft. Und eine jüdische Schule wäre auch ein starkes Zeichen für Dortmund. Es zeigt, dass nicht nur geredet wird, es wird etwas getan“, so Babaev.

Die erste jüdische Schule existierte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts in Dortmund 

Bild der ehemaligen Mädchen-Mittelschule, Lindenstr. 51a, Ausschnitt aus einer Ansichtskarte gelaufen 1903. In dem Gebäude war in den 1930er Jahren die Israelitische Schule. Foto: Sammlung Klaus Winter

Bild der ehemaligen Mädchen-Mittelschule, Lindenstr. 51a (Ausschnitt aus einer Ansichtskarte, gelaufen 1903). In dem Gebäude war in den 1930er Jahren die Israelitische Schule. Foto: Sammlung Klaus Winter

Eine jüdische Volksschule existierte in Dortmund wahrscheinlich bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es fanden sich mit den Adressen Breite Gasse, Kampstraße und Lindenstraße mindestens drei Standorte der jüdischen Volksschule, die 1942 durch die Nationalsozialisten geschlossen wurde. 

1964 bemühte sich die Jüdische Kultusgemeinde Groß-Dortmund um deren Wiedereröffnung, doch nahm sie aufgrund der durch den NS-Terror dezimierten Anzahl der Gemeindemitglieder letztlich vom Projekt Abstand. Heute hat die Kultusgemeinde aufgrund des Zuzugs aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion längst wieder 3.000 Gemeindemitglieder. 

Das Gemeindeleben ist inzwischen außerordentlich aktiv: Unter anderem das Gemeindezentrum, die Jugendarbeit, der Betrieb einer Offenen Ganztagsschule (OGS), das Seniorenzentrum und das viergruppige Familienzentrum Hagescher legen davon Zeugnis ab. 

Kita und Schule sind für viele jüdische Familien prägende Erfahrung

Insbesondere der Erfolg der Kindertageseinrichtung hat den Wunsch nach einem Folgeangebot in Form einer jüdischen Grundschule bei jüdischen Familien verstärkt. Aus diesen Gründen unterstützt die Stadt Dortmund das Interesse der Kultusgemeinde an dem Aufbau einer solchen Grundschule in Dortmund.

Baruch Babaev ist Rabbiner in Dortmund.

Rabbiner Baruch Babaev. Die Dortmunder Gemeinde wurde 1945 neu gegründet, 1956 die Synagoge gebaut.

„Der Kindergarten ist sehr beliebt, hat aber nur Platz für 70 Kinder. Baulich ist er leider nicht auszuweiten“, so der Rabbiner. Der Kindergarten ist – wie künftig auch die Schule – für alle Kinder offen und beherbergt Kinder mit verschiedenen Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten.

Die künftige Grundschule soll zweizügig werden – 150 bis 180 Kinder würden dann am Ende über die vier Grundschuljahre verteilt die Schule besuchen können.  

Die Grundschule ist – wie auch der Kindergarten – für die Jüdische Gemeinde von immenser Bedeutung. Sie ist identitätsstiftend: „90 Prozent der Mitglieder unserer Gemeinde sind in einem sowjetischen Milieu aufgewachsen – weit weg vom Judentum. Die Kinder und Enkel bringen jetzt den Glauben, die Lieder und Feiertage mit nach Hause“, erklärt der Rabbiner. 

Auch er ist in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen, bevor er als Jugendlicher nach Deutschland kam. „Die Großeltern und Eltern lernen jetzt wegen ihrer Kinder und suchen den Zugang zum Glauben“, so Baruch Babaev. Denn funktionierendes jüdisches Leben hätten viele Familien in der alten Heimat nicht erlebt.

Die ehemalige Hauptschule Am Ostpark ist als Standort geplant

Im letzten Quartal 2019 bekundete der Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund letztendlich sein dezidiertes Interesse am Aufbau einer jüdischen Grundschule in Dortmund. 

Auch die ehemalige Hauptschule am Ostpark in der Davidistraße soll als Notunterkunft hergerichtet werden.

Die ehemalige Hauptschule am Ostpark in der Davidisstraße war zwischenzeitlich Flüchtlingsunterkunft. Archivbild: Klaus Hartmann

In nachgehend durchgeführten gemeinsamen Planungsrunden mit der Stadt Dortmund stellte sich heraus, dass der Aufbau einer jüdischen Grundschule als Ersatzschule in der Trägerschaft der Jüdischen Kultusgemeinde am Standort der ehemaligen Hauptschule Am Ostpark zum Schuljahr 2021/22 realisiert werden kann.

Eine Umsetzung in unmittelbarer Nachbarschaft zur Berswordt-Grundschule empfiehlt sich laut Stadt, weil das Gebäude der ehemaligen Hauptschule Am Ostpark nach der Zwischennutzung als Übergangseinrichtung für Flüchtlinge seit 2015 (bis zum 31.01.2020) aufgrund der regionalen Bedarfslage nun für einen Schulbetrieb ohnehin reaktiviert werden muss. Außerdem sind Kinder jüdischer Familien bereits jetzt in der Berswordt-Grundschule stark vertreten und die Jüdische Kultusgemeinde betreibt seit acht Jahren eine OGS vor Ort. 

Im Weiteren spricht neben diesen Gründen laut Stadtspitze für diese Standortwahl der zweizügigen Grundschule auch die Einbindung in ein gemeinsames Schulzentrum mit der Franziskus- und Berswordt-Grundschule, so dass der Bildungsort insgesamt im integrativen Miteinander gestärkt wird.

Eine Unterrichtsaufnahme ist bestenfalls schon im Schuljahr 2021/22 möglich

Jüdische Gemeinde hat einen eigenen Kindergarten - und feiert dort natürlich auch eine Shabbat-Feier.

Die Jüdische Gemeinde hat einen eigenen Kindergarten – und feiert dort natürlich auch Shabbat. (Archivbild)

Der Unterricht soll auf der Grundlage der Richtlinien und Lehrpläne des Landes NRW erteilt werden. Wie an jeder Grundschule soll die allgemeine Schulbildung bestimmend sein. Die jüdische Grundschule bietet zudem intensives jüdisches Erleben und Lernen in einer Atmosphäre, welche individuelle, familiäre und religiöse Unterschiede respektiert. 

Das Curriculum umfasst neben Hebräisch folgende Bereiche: Feiertage und Symbole, Gebete, jüdische Werte, Sitten und Bräuche sowie das Fach „Biblische Geschichte“.

Mit der Zustimmung des Rates kann die Jüdische Kultusgemeinde Groß-Dortmund das Antragsverfahren zur Genehmigung der Ersatzschule bei der Bezirksregierung Arnsberg einleiten. Erfahrungsgemäß dauert ein solches Verfahren sechs bis neun Monate. Die Unterrichtsaufnahme kann günstigstenfalls zum Schuljahr 2021/22, spätestens aber 2022/23 erfolgen. 

Perspektivisch bahnen sich weitere Ausbaunotwendigkeiten am Schulstandort an: insbesondere muss die vorhandene Turn- und Gymnastikhalle für den Schulbetrieb vergrößert werden. Dies wäre allerdings auch bei einer Nutzung als staatliche Grundschule erforderlich und wird in jedem Fall realisiert.

Die beabsichtigte Wiedereröffnung der jüdischen Grundschule in Dortmund rundet das Angebot jüdischer Sozial- und Bildungseinrichtungen in unserer Stadt ab und korrigiert wenigstens im Ansatz eine Zerstörung des jüdischen Lebens in Dortmund, die die nationalsozialistische Vernichtungspolitik seinerzeit zum Ziel hatte.

HINTERGRUND

Abschluss eines Stadtvertrages mit der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund

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