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NEUE SERIE „100 Jahre AWO“: Ehrenamt ist Ehrensache und der AWO-Treff das soziale Zentrum in Kirchderne

Die Begegnungsstätte ist eine wichtige Anlaufstelle für Menschen und Gruppen aus dem Ortsteil. Fotos: Alex Völkel

Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Am kommenden Wochenende ((30. August bis 1. September 2019) finden dazu die offiziellen Feierlichkeiten in Dortmund statt. In einer Serie werden wir einige Menschen, ehrenamtlich Aktive und Gruppen vorstellen – unter dem Motto „100 Jahre AWO – 100 Jahre Ehrenamt“.

Von Alexander Völkel

Die AWO ist das soziale Herz und der Treffpunkt von Kirchderne. Davon sind die Ehrenamtlichen zutiefst überzeugt. Sie engagieren sich  – und das teilweise schon seit Jahrzehnten – für ihren Stadtteil und die Menschen, die dort leben. Dabei hat der Ortsverein sowohl die Alten als auch die Jungen im Blick. 

Den Ortsverein Kirchderne gibt es seit 67 Jahren – doch nur wegen einer Rettungsaktion

Die Ehrenamtlichen kümmern sich auch um das beliebte Frühstücksbuffet. Fotos: Alex Völkel

Dass es den Ortsverein seit 67 Jahren gibt, ist nicht selbstverständlich. 1980 stand der Ortsverein vor dem Aus: Es gab damals nur noch 30 Mitglieder – inklusive der Karteileichen. Und auch die Kasse war leer, als Bodo Champignon von den Problemen hörte. Der SPD-Vorsitzende machte dies in seinem Ortsverein zum Thema und startete die „freundliche Übernahme“.

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Die Genoss*innen traten in die AWO ein, stellten den neuen Vorsitzenden und den neuen Kassierer und brachten die AWO-Gliederung wieder auf Vordermann. „Von da an ging es bergauf – nicht nur sprichwörtlich ein steiler Weg“, sagt Bodo Champignon rückblickend. Der frühere Landtagsabgeordnete und Ehrenvorsitzende des AWO-Bezirks ist noch heute stellvertretender Vorsitzender des AWO-Ortsvereins. 

Von Anfang an zur Seite steht ihm Renate Riesel. Als Schriftführerin, stellvertretende Vorsitzende und seit 25 Jahren als Vorsitzende ist sie in Kirchderne aktiv. Gemeinsam gestalteten sie die Zukunft des Ortsvereins, der mit seinen Angeboten gut und beispielhaft aufgestellt ist.

Vor 25 Jahren war sie die jüngste Vorsitzende – heute, mit 66, ist sie es noch immer

Bodo Champignon und Renate Riesel engagieren sich seit Jahrzehnten für die AWO Kirchderne.

Rund 250 Mitglieder zählte Kirchderne in der Spitze. Aktuell sind es noch rund 180. Gemeinsam sind sie älter geworden. „Als ich vor 25 Jahren Vorsitzende wurde, war ich eine der Jüngsten. Heute mit 66, bin ich es immer noch“, sagt Renate Riesel mit einem Lachen, aber auch mit gemischten Gefühlen. 

War es damals gelungen, viele Menschen für die AWO zu begeistern – vor allem zahlreiche Vorruheständler von Hoesch – fällt das heute deutlich schwerer. „In allen Vereinen fehlt der Nachwuchs. Wir bemühen uns, Menschen anzusprechen. Das klappt leider nicht immer so“, sagt Riesel. „Aber was wir geschafft haben, ist ganz vorzeigbar. Da bin ganz stolz drauf.“

1994 – damals war Riesel bereits Vorsitzende – begann das erste Großprojekt. Der Ortsverein entschied sich, die städtische Altenstätte zu übernehmen. „Die Initiative ging von der Stadt aus. Sie wollte ihre 22 städtischen Begegnungsstätten abgeben und die AWO hat 16 übernommen“, erinnert sich Bodo Champignon. „Wir wollten Verantwortung übernehmen für die Stadt, auch wenn kein Geld mehr dafür kam.“ 

Viel Herzblut in die Einrichtung gesteckt – das sorgt für Verbundenheit bis heute

Am 1. Juni 1994 begannen die zweimonatigen Umbauarbeiten. Die Räume unter der Turnhalle wurden quasi entkernt und total umgebaut.

Die Begegnungsstätte ist eine wichtige Anlaufstelle für Menschen und Gruppen aus dem Ortsteil.

„In den zwei Monaten haben wir das geschaffen, was wir heute noch pflegen wie ein Kleinod. Da hängen die Helfer*innen von damals noch dran“, betont Bodo Champignon. „Sie haben hier Wurzeln geschlagen. Da ist für mich der Begriff Kirchderner Familie entstanden.“

Der AWO-Treff ist auch heute noch das Herzstück der Arbeit und Treffpunkt des Ortes. „Wir haben von Anfang an hier ein Netzwerk aufgebaut“, verdeutlicht Renate Riesel. Seniorenbüro, Seniorenbeirat, IG Metall, Siedlergemeinschaften, Sportverein, Knappenverein, DLRG und Wohnungsgesellschaft – um nur einige zu nennen – gehen hier ein und aus. 

Schon während der Bauarbeiten haben  die Ehrenamtlichen mit der  Nachbarschaft gesprochen und für Verständnis und die Angebote geworben. Vor allem die Frauen und Männer in den  benachbarten Altenwohnungen von Hoesch waren im Blick: „Wir sind auf die Menschen zugegangen und haben nachgefragt, wer alleine wohnt. Unser Treff ist auch ein Angebot gegen Vereinsamung“, betont Riesel. Hier wurden und werden die unterschiedlichsten Hilfsangebote gemacht. 

Nach der Seniorenarbeit kam der Kinder- und Jugendtreff als nächstes großes Projekt

Die ehemaligen Bürocontainer der Bundesgartenschau im Westfalenpark wurden zum Kinder- und Jugendtreff umfunktioniert.

Kurz nach der Eröffnung klopften Jugendliche beim AWO-Treff an: „Für die alten Leute tut ihr was? Was tut ihr für uns?“, bekamen die Aktiven zu hören – und nahmen das ernst. „Die Kirchen hatten ihre Jugendarbeit eingestellt. Wir haben die moralische Verantwortung übernommen. Daraus ist der Gedanke mit dem Jugendtreff entstanden“, ruft  Bodo Champignon  in Erinnerung. 

Doch bis zur Realisierung brauchte es vier Jahre – es mussten erst Räume geschaffen werden. Die Lösung waren die ehemaligen Bürocontainer der Bundesgartenschau im Westfalenpark. In zähen Verhandlungen – auch im Kampf gegen die Begehrlichkeiten von anderen Verbänden – konnten die Kirchderner die Container für sich sichern. 

Letztendlich auch ohne viel Geld: Renate Riesel – damals noch Ratsmitglied – machte der Stadtspitze deutlich, dass sie ja für den Stadtteil eine Jugendeinrichtung schaffen und ehrenamtlich betreiben würden. 

Soziale Teilhabe  für alle Menschen ist dem Ortsverein wichtig – damals wie heute

Die Arbeit lief gut an – die Angebote wurden stark nachgefragt. Denn von Anfang an waren die Kinder, Jugendlichen und Familien eingebunden. „Es gab Mutter-Kind-Nachmittage, Wanderungen, Ausflüge und Besuche auf dem Bauernhof“, nennt Renate Riesel Beispiele von Angeboten. 

„Wir haben Teilhabe organisiert und darauf Wert gelegt, dass sich alle Kinder und Jugendlichen beteiligen konnten – auch die, die es sich nicht leisten konnten“, berichtet sie auch mit Blick auf die ebenfalls ehrenamtlich organisierten und geleiteten Ferienfreizeiten. Mittlerweile wurde das erfolgreiche Angebot weiter professionalisiert und im Kinder- und Jugendtreff  hauptamtliche Strukturen geschaffen. 

Seniorensportstätte im ehemaligen Kokslager der Turnhalle eingerichtet

Im ehemaligen Kokslager unter der Turnhalle wurde die Kegelbahn eingerichtet. (Repro)

Die Ehrenamtlichen hatten sich zwischenzeitlich auf ein weiteres großes Projekt fokussiert: die Schaffung einer Seniorensportstätte. In einer alten Katakombe, in der früher Koks für die Heizung der Turnhalle gelagert wurde, entstand  eine Kegelbahn. 

„Als ich mit der Idee kam, haben mir alle einen Vogel gezeigt“, blickt  Champignon zurück und lacht . „Günter Kauermann als Architekt hat uns sehr geholfen.“ Nach ihm ist auch die Stube der Kegelbahn benannt. 

Seit 2003 fallen regelmäßig die Kegel im AWO-Treff. Wie auch alle anderen Einrichtungen wird die Bahn ehrenamtlich betreut und gepflegt. Nur deshalb lässt sie sich betreiben – die meisten Wirte hätten wegen der hohen Kosten kapituliert. 

In Kirchderne gibt es ansonsten keine Gaststätte mit Kegelbahn mehr. Die Fenster dieser ehemaligen Gaststätten sind heute Wandschmuck der Seniorensportstätte. Sie kann übrigens auch von Rollstuhlfahrer*innen benutzt werden – sie ist barrierefrei.

„Ich bin stolz auf den Ortsverein und die Arbeit, die wir für die Menschen leisten“

Bodo Champignon sitzt in der Seniorensportstätte. Die Kegelbahn ist stark frequentiert.

„Ich bin stolz auf den Ortsverein und die Arbeit, die wir für die Menschen leisten. Unser Team und die Helfer*innen sind wichtig – als Vorsitzende alleine könnte ich das nicht leisten“, sagte Renate Riesel und verweist beim gut besuchten Seniorenfrühstück auf das Helfer*innen-Team um Treffleiterin Barbara Stenzel. Sie ist seit 45 Jahren ehrenamtlich in der AWO – seit neun Jahren als Leiterin des AWO-Treffs.

„Ich bin eine stolze Vorsitzende. Ich kann mir Kirchderne ohne die AWO nicht vorstellen. Wir sind das soziale Zentrum“, unterstreicht Riesel. „Ohne die AWO gäbe es vor Ort ein unglaubliches Defizit. Das könnte städtisch nicht kompensiert werden“, ergänzt Bodo Champignon. „Ohne freie Wohlfahrtspflege geht es nicht.“

Die AWO Kirchderne arbeitet generationenübergreifend und stellt die AWO-Werte in den Mittelpunkt. „Es ist sehr wichtig, die Werte nach außen zu vertreten“, sagt Renate Riesel und zeigt auf den AWO-Anstecker und das Signet der Edelweißpiraten am Revers – eine Dortmunder AWO-Kampagne für zivilgesellschaftlichen Einsatz, die  an den nicht-politischen Widerstand gegen das Naziregime im Dortmunder Norden erinnert. 

Benennung: Die Kirchderner AWO-Vorsitzende wohnt in der Marie-Juchacz-Straße

Renate Riesel ist stolz darauf, in einer nach der AWO-Gründerin benannten Straße zu wohnen.

Noch stolzer ist Renate Riesel aber, als AWO-Vorsitzende in der Marie-Juchacz-Straße zu wohnen. Die Benennung der Straße hat natürlich auch der Ortsverein vor 20 Jahren angestoßen. „Marie Juchacz war und ist für mich ein Vorbild – als Frauenrechtlerin und weil sie die AWO gegründet hat“, so Riesel. 

Damals habe es sicher größere Probleme gegeben. „Aber heute noch beschäftigen wir uns mit den gleichen Themen – dem Kampf gegen Armut und soziale Kälte und dem Einsatz für Frauenrechte“, betont die Ortsvereins-Vorsitzende.

„Nach 100 Jahren sind wir noch immer nicht am Ziel und müssen weiter für Gleichberechtigung und für den gleichen Lohn für alle kämpfen“, so Riesel.

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