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Neue Jugendstil-Ausstellung des Dortmunder MKK kommt in die Stadt: Eine Kunstrichtung/Epoche wird vor Ort gezeigt

Darf, muss etwas schräg sein: Jugendstil im MKK – der Keller ist voll mit Exponaten, bald zu sehen.

Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) kann sich über einen ordentlichen Zuschuss für seine ab Dezember geplante, große Jugendstil-Ausstellung freuen: Die NRW-Stiftung hat der „Dortmunder Museumsgesellschaft zur Pflege der bildenden Kunst e.V.“ Fördergelder in Höhe von 25.000 Euro zugesagt. Davon soll das Begleitprogramm der Ausstellung „Rausch der Schönheit“ finanziert werden, mit dem Relikte des Jugendlich-Neuen vor der Katastrophe des 1. Weltkriegs niederschwellig in der Stadt aufgespürt werden können.

Dreimal (halb-)runde Geburtstage von Kunst-Aktivisten motivieren die Jugendstil-Ausstellung im MKK

Daher die Bezeichnung im Kaiserreich: illustrierte Kulturzeitschrift. Foto: Wiki (frz.)

Strahlende Gesichter bei den Verantwortlichen rund um das MKK. Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung, 1986 zum 40. Geburtstag des Bundeslandes gegründet – engagiert sich für die Ausrichtung eines Begleitprogramms zur Ausstellung „Rausch der Schönheit. Die Kunst des Jugendstils“, die am 9. Dezember im MKK eröffnet werden soll.

Eigentlicher Anlass des groß angelegten Projektes ist das 20-jährige Bestehen der Stiftung für das MKK, die seinerzeit aus dem Kreis der Museumsgesellschaft heraus gegründet wurde. Zugleich wird das bekannte Dortmunder Museum selbst 135 und die dazugehörige Museumsgesellschaft 110 Jahre alt.

Die Gründungen des Museums und seiner Gesellschaft liegen damit kurz vor bzw. in der Kunstperiode, die schon seinerzeit, ab und erstmalig 1897 in Deutschland als „Jugendstil“, in der Regel aber als „Art Nouveau“ bezeichnet wurde – und sich um die Jahrhundertwende gewissermaßen mit Schwung, Frische, Originalität gegen den konservativen Historismus und dessen mimetisches Paradigma wandte.

Es war die Zeit der politisch Ewiggestrigen, der Kaiser und Könige (k.u.k.), erbermächtigt und von Gottes Gnaden, die dem aufstrebenden Industrialismus, städtischer Kultur und einem neuen Denken in den vorpreschenden Teilen Europas nicht standhalten konnten: die „Jugend“, das Neue bahnt sich ihren Weg durch die verkrusteten Strukuren immerwährenden Gehorsams gegenüber den Privilegien.

Ein geheimnisvolles Zimmer – vom Jugendstil-Künstler Richard Riemerschmid, oder etwa doch nicht?

Trauzimmer im MKK, heute. Ursprünglich stammt die Einrichtung aus Schloss Cappenberg. Jugendstil?

Vermittlungsprogramme zu Ausstellungsprojekten zu realisieren, die das Museum in der Gesellschaft, im Stadtraum verorteten – das sei die Richtung, in die das MKK weiterentwickelt werden solle, freut sich Dr. Jens Stöcker über die Förderzusage seitens der NRW-Stiftung; denn dafür böte sich das Jugendstil-Projekt ganz besonders an, ist der Direktor des Museums überzeugt.

Das hat gleich mehrere Gründe. Neben dem Umstand, dass Jugendstil-Kunst quasi von sich aus danach verlangt, aufgesucht zu werden, birgt das MKK ungeahnte Schätze aus jener Zeit, eng gefasst zwischen 1895 und 1914, die bislang der Öffentlichkeit verborgen geblieben sind. Das soll sich nun ändern, die Schatztruhe geht auf:

80 Prozent der ausgestellten Objekte werden aus dem Hause sein; die ganze Palette der vorhandenen „Preziösitäten“ wird vollständig gezeigt werden. Und es wird Überraschungen geben, wie Dr. Gisela Framke, stellvertretende Direktorin des MKK, deutlich macht.

Im Hause selbst soll es nämlich ein ganz besonderes Projekt geben: 1985 habe man ein Zimmer ankaufen können, das von Richard Riemerschmid (1868-1957) stammt oder stammen sollte, so die „Macherin“ hinter der bevorstehenden Ausstellung. Das sei aber niemals gezeigt worden, da es einen Bezug erhalten habe, der die Qualität des Zimmers nicht habe erkennen lassen:

Eiche rustikal, 70er Jahre, rot-grüne Blümchen, usf. – Nun habe man abgepolstert und sei dabei, zu schauen, ob es nicht möglich sei, den Originalbefund zu rekonstruieren und neu zu polstern.

NRW-Stiftung: Förderzusage über 25.000 Euro für das Begleitprogramm geht an die Museumsgesellschaft

Udo Mager (l.), Vors. Dortmunder Museumsgesellschaft, Franz-Josef Kniola, Ehrenpräsident der NRW-Stiftung.

Und eine weitere gute Nachricht hat Gisela Framke ebenfalls im Gepäck: Alle angefragten Leihgaben seien zugesagt worden; weitere Objekte habe man mit Hilfe der Dortmunder Museumsgesellschaft angekauft, die im Vorfeld der Ausstellung aber noch separat präsentiert werden sollen.

Apropos Museumsgesellschaft: Antragssteller für das Begleitprogramm bei der NRW-Stiftung – deren Engagement wäre der eigentliche Grund, weswegen die Stiftung NRW mit im Boot sei. – Das will Franz-Josef Kniola, Ehrenpräsident der Stiftung, allerdings auch genauso verstanden wissen.

Nicht ans MKK ginge die Förderzusage, denn mit ihren Mitteln und Möglichkeiten unterstützend tätig zu werden, das sei Aufgabe der Stadt. Sondern eben an die Gesellschaft der Freunde, die es am Ende umsetzen sollen, in der Stadt Jugendstil erlebbar und erfahrbar zu machen, erklärt Kniola im Trausaal des MKK bei der Übergabe der Zusage über 25.000 Euro an Fördermitteln.

„Jugendstil“ ist nicht nur Stil-Epoche, sondern eine Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationen

Damensalon für Mannheim, 1907, von Joseph Maria Olbrichs. Fotos (7): Thomas Engel

Dafür soll die Museumsgesellschaft das gesamte Begleitangebot organisieren, das wegen der Vorweihnachtszeit wahrscheinlich erst im Januar 2019 startet, dann aber bis zum Ende der Ausstellung am 23. Juni dauert, womit der Evangelische Kirchentag noch mit eingeschlossen sein wird.

Man engagiere sich in Dortmund vielfältig und auch gerne, verweist der Ehrenpräsident der NRW-Stiftung auf das Spektrum an Förderprojekten seitens seiner Institution –  ein Engagement, das mitnichten im Hoesch-Museum aufginge (s.u.).

Und, einen weiterer Grund für das Coming-out des MKK als gewissermaßen aufsuchendes Museum der bildenden Künste qua Jugendstilausstellung deutet Kniola ebenfalls an: Der Jugendstil sei eben nicht nur eine Stilepoche gewesen, sondern gleichsam wichtig als Bruch mit allen Traditionen.

Wenn es davon in der Stadt noch Zeugnisse gibt, diese den Menschen nicht nur unter ästhetischen oder architekturgeschichtlichen Gesichtspunkten zu zeigen, sondern auch, was damit verbunden war: der Wandel, die gesellschaftlichen Umbrüche … – Insofern sei in der NRW-Stiftung nicht viel Überzeugungsarbeit nötig gewesen, ein solches Begleitprogramm, in das sich auch viele Ehrenamtliche einbrächten, zu fördern.

Museumsgesellschaft plant verschiedene Exkursionsformen zu Relikten des Fröhlich-Anderen in Dortmund

Damensalon 1907, Arbeitsplatz: Briefe noch mit Parfum?

Jugendstil wäre nicht Jugendstil, drängte es ihn nicht auch, seine Botschaft unters Volk zu bringen. Das Begleitprogramm soll damit einen Bogen vom MKK in die Stadt schlagen und seine Bildnisse in Dortmund und Umgebung aufspüren.

Augenblicklich sei man dabei, erklärt die „Macherin“ des Vorhabens, nach den vielen Hinweisen, wo Jugendstil in der Stadt zu finden sei, das begleitende Exkursionsprogramm zu entwickeln: zu Fuß, per Fahrrad, möglicherweise auch mit Segways – wenn’s etwas weiter werden darf. Angedacht ebenfalls: eine mediengesteuerte Schnitzeljagd für Jugendliche.

Angeboten werden sollen für BesucherInnen – wegen der Fläche Dortmunds – mehrere, verschiedene Spaziergänge. Einige Male sollen während der Ausstellungsdauer die wichtigsten Objekte/Relikte ebenfalls mit einem Bus angefahren werden können.

Die Angebote werden einerseits öffentlich sein, dabei bewusst niederschwellig angesetzt, mit überschaubarem Eintritt, aber auch individuell buchbar. Das Begleitangebot richtet sich ebenfalls speziell an Menschen mit Handicap.

Hilfe, die LehrerInnen kommen! – von freundlich-pädagogischen Aufträgen des Begleitprogramms

Teppich, Entwurf: August Endell, Berlin 1900/10: alles besser als Kadavergehorsam (hier: vs. die Monarchie)

Gehen Sie nicht ins Museum, kommt das Museum eben zu Ihnen, sofern Sie buchen, c‘est tout. Und es gibt einen Bildungsauftrag, tut aber nicht weh: Den Menschen in Dortmund eine Zeit näherzubringen, wie Gisela Framke erklärt, und dass es sich beim Jugendstil keineswegs um eine einheitliche Kunstform handele.

Sondern vielmehr um eine Reihe divergierender Strömungen in Europa, die einzig ihre Abkehr vom Historismus einigte, dem Versuche einer Nachahmung althergebrachter Formtypen und -bilder.

Eine der zentralen Botschaften der Ausstellung sei es, zu zeigen, dass der Jugendstil, der zuweilen mit einer klar umrissenen Vorstellung einherginge, „wahnsinnig vielfältig“ sei, so die (Kunst-)Historikerin. Es gäbe mitnichten nur den geometrischen oder floralen Jugendstil, sofern hier eine ganze Epoche in den Blick genommen würde, eben jene zwischen 1895 und 1914. Und genau dies solle getan werden.

Das sei dann die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, und es solle nichts ausgeklammert werden. – Ein mutiges Konzept, sofern hier – teilweise quer zueinander stehende – formal-ästhetische (Jugendstil als bildende Kunst) und historisch-faktische Kategorien miteinander verschränkt werden: eine Kunstrichtung mit dem Jugendstil als geschichtliche Zeit, in der gleichwohl eigentlich zeitungleich auch etwas Überlebtes weiter erschien, nämlich der Historismus.

Vergangenheit in der Gegenwart: letzte Zeugnisse des Historismus in der Epoche vor dem 1. Weltkrieg

Lernen macht Spaß: Erkennbar nur für Kunsthistoriker, was an Kunstradition der Allmächtigen hier überwunden wird.

Und auch diese künstlerische Verneigung vor‘m Althergebrachten wird daher in dem Jugendstil-Projekt über eine Umbruchszeit vor der großen Tragödie, der des 1. Weltkriegs, ihren Platz finden müssen. Allein schon deshalb, weil das reaktionäre k.u.k.-Denken, das ihn maßgeblich ermöglichte, im Historismus als Prunk-Kunst sich vergegenständlichen durfte.

Gisela Framke macht das an einem einfachen Beispiel klar: Der damalige Museumsdirektor des MKK sei auf die Weltausstellung nach Paris gereist – und habe eben „modernen Stil“ eingekauft, während Dortmund zu dieser Zeit dort mit dem goldgeschmiedeten Kaiserbecher vertreten gewesen wäre: 1899 gefertigt für Wilhelm II, als dieser zur Einweihung des Hafens in die Stadt kam – aber vom „Outfit“, wie es heute hieß, eben nicht gerade Jugendstil.

Das solle nun in der Ausstellung zurechtgerückt werden: wie viele verschiedene Strömungen, Ausprägungen es zu jener Zeit, gefasst als Interludium des Umbruchs und Vorspiel zu weitaus größeren Disastern, gegeben habe.

Die Jugend vom Jugendstil überzeugen? – Egal, wichtig ist: junge Menschen für Kunst zu begeistern

Jugendstil, hier in der Nordstadt, Bornstraße? Demnächst zu entdecken. Foto: Lucas Kaufmann.

Udo Mager, Vorsitzender der Dortmunder Museumsgesellschaft, die neben der Stiftung NRW das Projekt selbstverständlich mitfinanziert, ist begeistert: Die Jugendstil-Ausstellung im MKK suche deutschlandweit und darüber hinaus ihresgleichen, sei etwas ganz besonderes. Und hat den Bildungsauftrag wie dessen Nachhaltigkeit im Blick.

Wenn die Mittel der Stiftung eingesetzt würden – für etwas, was draußen, auf den Straßen, in den Gebäuden, mit den BewohnerInnen der Stadt wie Gästen inszeniert, gemeinsam erlebt werden könne: dann bedeute dies eben auch eine Öffnung des MKK nach außen. Einen möglichen Nachhaltigkeitseffekt gäbe es insofern, als jene, die erlebten, was Jugendstil bedeute, vielleicht auch den Weg in das Museumsgebäude selbst fänden.

Was der Museumsgesellschaft aber sehr am Herzen läge: mit den Angeboten, den Formaten, die das Haus entwickelte, die Zielgruppe junger DortmunderInnen zu erreichen – da sei der Jugendstil eine gute Brücke: über die Verwendung des Namens, aber auch darüber, was spielerisch in dieser Zeit die Kunstrichtung mitgeprägt habe.

Weitere Informationen:

  • Zeitplan der Jugendstil-Ausstellung: Eröffnung am 9. Dezember; wegen der Vorweihnachtszeit startet das Begleitprogramm mit Exkursionen wahrscheinlich erst im Januar. Ende der großen Ausstellung: 23. Juni 2019.
  • Dortmunder Museumsgesellschaft zur Pflege der bildenden Kunst e.V., hier:
  • Stiftung für das Museum für Kunst und Kulturgeschichte, hier:
  • Stiftung-NRW, hier:
  • Weitere von der NRW-Stiftung in Dortmund und Umgebung gesponserte Projekte sind nach Auskunft von Franz-Josef Kniola beispielsweise neben dem Hoesch-Museum: der ehemalige Wasserturm „Lanstroper Ei“, das Nahverkehrsmuseum Dortmund am Betriebswerk Mooskamp in einer ehemaligen Lokomotiv-Instandsetzungswerkstätte, die Naturbühne Hohensyburg, das Westfälische Wirtschaftsarchiv Dortmund und das Heimatmuseum Lütgendortmund im „Haus Dellwig“.

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