30 Jahre Generationenprojekt „Emscher-Umbau“

Nach über 170 Jahren ist die Emscher bis Ende des Jahres wieder vollständig abwasserfrei

In weiten Teilen sind die Emscher und ihre Nebenläufe bereits vom Abwasser befreit und renaturiert worden – so wie in Dortmund-Deusen. Dort erinnert nichts mehr an die einstige „Köttelbecke“. Hier ist die Emscher längst wieder ein idyllisches Gewässer. Foto: Klaus Baumers / EGLV

Die Emscher, ein sauberer Fluss im Herzen des Ruhrgebietes – was über viele Jahrzehnte einen Widerspruch darstellte und zu Beginn des Generationenprojektes Emscher-Umbau vor exakt 30 Jahren noch als Spinnerei abgetan wurde, wird in knapp eineinhalb Monaten Realität sein: Nach mehr als 170 Jahren als offener Schmutzwasserlauf wird die Emscher Ende des Jahres vollständig vom Abwasser befreit sein. Die aktuellen Zahlen auf den letzten Metern des Jahrhundertprojektes präsentierte die Emschergenossenschaft auf ihrer Jahreshauptversammlung in Dortmund.

Bis Ende des Jahres soll die Emscher komplett abwasserfrei sein – nach 170 Jahren

Blick in den Abwasserkanal Emscher (AKE). Foto: Rupert Oberhäuser / EGLV

„Das Finale des Emscher-Umbaus markiert mit der Abwasserfreiheit des zentralen Flusses im Ruhrgebiet einen der wichtigsten Meilensteine im Rahmen des Strukturwandels in unserer Region. Dieses Ereignis steht gleichzeitig jedoch nicht für das Ende von etwas, ganz im Gegenteil: Die neue, saubere Emscher symbolisiert den Aufbruch in eine blau-grüne Zukunft“, freut sich Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft.

Mit Blick auf die Herausforderungen, die der fortschreitende Klimawandel mit sich bringe, würden wir vor einer sozial-ökologischen Transformation des Ruhrgebietes stehen. Im Vordergrund aller Maßnahmen müsse letztlich das Wohl der Menschen in der Region stehen. Darauf sei bei allen Entwicklungen großer Wert gelegt worden.

Vor exakt 30 Jahren, im November 1991, war auf der damaligen Jahreshauptversammlung der Emschergenossenschaft in Essen das Generationenprojekt Emscher-Umbau beschlossen worden. Drei Jahrzehnte später kann für die Abwasserkanäle und Gewässer nach heutigem Stand folgender Fertigstellungsgrad zum 31. Dezember 2021 prognostiziert werden: Von 436 km Abwasserkanälen der Emschergenossenschaft sind 430 km fertiggestellt.

Genossenschaft steckte 5,5 Milliarden in das Projekt Emscher-Umbau

Von 627 km Gesamt-Gewässerlänge des Emscher-Systems sind rund 620 vollständig abwasserfrei. Die Emscher ist vollständig abwasserfrei – und mit ihr auch nahezu alle Nebengewässer.

Der Emscher-Umbau prägt das gesamte Ruhrgebiet, Hier: Dortmund Mengede, Blick nach Osten von Brücke Strünkedestraße Foto: Ute Jäger / EGLV

Die letzten sechs Kilometer an Abwasserkanälen werden im kommenden Jahr noch im Bereich des Berne-Einzugsgebietes auf Essener Stadtgebiet gebaut – hier hatte im Bereich des Borbecker Mühlenbachs ein seltener Vogel, die Wasserralle, für eine fünfjährige Verzögerung der Bauarbeiten gesorgt.

Ein Provisorium sorgt jedoch bereits ab Ende 2021 dafür, dass das Abwasser anstatt wie bisher in die Emscher künftig dann in den unterirdischen Kanal umgelenkt wird. Rund 5,5 Milliarden Euro hat die Emschergenossenschaft insgesamt in die Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität an den Emscher-Gewässern investiert.

„Der Emscher-Umbau zeigt, dass die Menschen im Ruhrgebiet in der Lage sind, Großartiges zu leisten. Wir haben uns auf den Weg gemacht, grünste Industrieregion der Welt zu werden und geben mit der abwasserfreien Emscher den Bürgerinnen und Bürgern ein Stück Heimat zurück, machen die Region klimaresillienter und schützen die Anrainer noch besser vor Hochwasser“, sagt Dr. Frank Dudda, Oberbürgermeister der Stadt Herne und Vorsitzender des Genossenschaftsrates der Emschergenossenschaft.

Eine der größten Herausforderungen für die Zukunft ist der Hochwasserschutz

Bei allem Stolz und aller Freude darüber, das Generationenprojekt Emscher-Umbau Ende 2021 im Kosten- und Zeitrahmen abschließen zu können, blicken die Verantwortlichen realistisch auf die anstehenden Herausforderungen.

Das Wasser drückte den Gulli in der Kirchdörfer Straße hoch und flutete ein Gesundheitszentrum. Foto: Susanne Schulte
Archivfoto: Susanne Schulte für Nordstadtblogger.de

„Bei dem Juli-Hochwasser hat der Hochwasserschutz an der Emscher sehr gut funktioniert. Dabei hatten wir jedoch auch Glück, auf das wir uns aber nicht verlassen können“, weiß so Dudda, der als Vorsitzender des Ruhrparlaments immer auch die gesamte Metropole Ruhr im Blick hat.

„Ein Regenereignis wie etwa in Hagen mit ca. 200 Liter Niederschlag pro Quadratmeter hätte auch in unserer Region erhebliche Schäden verursacht“, so Dudda weiter. Als Ratsvorsitzender der Emschergenossenschaft hat er deshalb bereits im Oktober mit dem Genossenschaftsrat den Vorstand des Wasserwirtschaftsverbandes beauftragt, ein langfristiges Konzept für die weitere Optimierung des Hochwasserschutzes zu entwickeln.

Erste Handlungen ließen nicht lange auf sich warten: Bereits im November führte die Emschergenossenschaft im Essener ChorForum eine Informationsveranstaltung für die Emscher-Kommunen durch. Mehr als 100 Teilnehmende, darunter auch zahlreiche Berufsfeuerwehren, beteiligten sich an dem Austausch, der unter anderem folgende Themenbereiche umfasste: Kommunikation gegenüber der Bevölkerung, Zusammenarbeit der Krisenstäbe, bauliche Maßnahmen.

Auftaktveranstaltung mit Emscher-Kommunen hat bereits stattgefunden

Im Zuge des Klimawandels kommt es vermehrt zu Extremwetterereignissen wie Starkregenfällen. Archivfoto: Nordstadtblogger-Redaktion

Konkrete Maßnahmen, die die Emschergenossenschaft umsetzen möchte, stellte Dr. Emanuel Grün, Technischer Vorstand, den Beteiligten vor:

„Neben dem überströmungssicheren Ausbau und der Erhöhung von Deichabschnitten müssen wir langfristig Rückhalteräume für kommende Hochwasserereignisse sichern. Darüber hinaus werden wir unser Netz an Pegelmessstellen verdichten und auch für die Nebenläufe an der Emscher die Hochwasservorhersage weiterentwickeln. Um im Ernstfall schnell und vor allem frühzeitig reagieren zu können, werden wir zudem die Update-Frequenz der Hochwassersimulationen von 30 Minuten auf die Hälfte reduzieren“, sagt Grün.

Bedingt durch den Klimawandel entstehen mittlerweile kleinere, schwer zu prognostizierende Starkregenzellen. Gerade diese Zellen wirken sich beim Niederschlag auf kleine Gewässer aus und machen aus plätschernden Bächen reißende Ströme.

Insbesondere dieser Aspekt ist für die Emschergenossenschaft herausfordernd, denn sie ist auf Niederschlagsprognosen des Deutschen Wetterdienstes angewiesen, auf deren Grundlage sie die Hochrechnungen für Pegelstände vornimmt.

Bild der Zerstörung nach Hochwasserkatastrophe in Bad Münstereifel im Sommer 2021. Foto: Karsten Möller für die Feuerwehr Dortmund

Die Pegelstände insbesondere an der Emscher haben im Juli aufgezeigt, dass ein Ausbau der technischen Schutzanlagen stellenweise alternativlos ist.

Deichabschnitte müssen überströmungssicher ausgebaut und der Ausbaugrad der Deiche an einigen Stellen erhöht werden – zum Beispiel auf ein Hochwasser, das statistisch betrachtet alle 500 Jahre vorkommen kann.

Im Emscher-Lippe-Gebiet haben im Juli die 22 Hochwasserrückhaltebecken der Emschergenossenschaft Schlimmeres verhindert. Aufgrund der besonderen Situation im Ruhrgebiet mit seiner hohen Bevölkerungsdichte, dem hohen Grad an versiegelten Flächen, einem enormen Schadenspotenzial und der Belastung durch Bergsenkungen sieht die Emschergenossenschaft gerade beim Thema „Rückhalteräume“ Handlungsbedarf.

Hier ist besonders die Flächenknappheit ein Problem. Über neue Formen der gemeinsamen Flächennutzung von Landwirtschaft und Wasserwirtschaft müsse man in jedem Fall nachdenken.

Die Emscher ist schon immer ein „Mitmach-Fluss“ gewesen

Am „Blauen Klassenzimmer“ direkt an der Emscher in Dortmund können Kinder das Gewässer genau unter die Lupe nehmen.
Am „Blauen Klassenzimmer“ direkt an der Emscher in Dortmund können Kinder das Gewässer genau unter die Lupe nehmen. Foto: Rupert Oberhäuser für die Emschergenossenschaft

Alle anstehenden Herausforderungen will die Emschergenossenschaft gemeinsam mit ihren Mitgliedern angehen. Das demokratische Mittel der Mitgestaltung hat bei der Emschergenossenschaft bereits seit ihrer Gründung im Jahr 1899 Tradition.

Über die einmal im Jahr stattfindende Genossenschaftsversammlung sowie über den Genossenschaftsrat, der einem Aufsichtsrat entspricht, erhalten die Mitglieder der Emschergenossenschaft die Gelegenheit, die Geschicke des Verbandes mitzuentscheiden.

Ein über Jahrzehnte bewährtes Grundprinzip, welches die Emschergenossenschaft in diesem Jahr auch auf die Bürgerinnen und Bürger in der Region ausdehnte: Mit der Initiative „Mach mit am Fluss!“ denkt der Verband das genossenschaftliche Prinzip weiter und ermöglicht Basisdemokratie bei wichtigen Themen, die die Gesellschaft mit am meisten bewegen: Natur- und Umweltschutz sowie Klimafolgenanpassung.

Projektförderungen über eine neue Crowdfunding-Plattform

Ein wichtiges Instrument ist dabei eine neue Crowdfunding-Plattform: die Emscher-Lippe-Crowd. Mit ihr gibt der Verband allen Kreativen und Engagierten die Möglichkeit, ihre eigenen Ideen und Projekte nicht nur zu präsentieren, sondern mit der Unterstützung von vielen Menschen umzusetzen.

Foto: Web-Screenshot

Auch die Emschergenossenschaft selbst wird sich an der finanziellen Förderung von Projekten beteiligen. Für eine erfolgreiche Teilnahme gibt es konkrete Anforderungen: Die Projekte sollten einen Bezug zu Wasser haben und/oder einen ökologischen Zweck verfolgen. Projektstarter:innen können dabei Vereine, Organisationen, Initiativen, Schulen, Stiftungen, Privatpersonen etc. sein.

Die blau-grüne Zukunft des Ruhrgebietes zu entwickeln und zu gestalten ist die nächste große Aufgabe, vor der die Region aktuell steht. „Wir als Emschergenossenschaft übernehmen gerne gemeinsam mit unseren Mitgliedern Verantwortung für die Zukunft der Region“, so Paetzel.

Dass Großartiges gelingen kann, wenn gemeinsam agiert wird, beweise der Emscher-Umbau: Als das Projekt vor 30 Jahren beschlossen worden sei, hättenen nicht gerade wenige Menschen der Emschergenossenschaft den sprichwörtlichen Vogel gezeigt – heute brütet der Eisvogel wieder an den Ufern der Emscher und ihrer Nebenläufe. Er gilt als Indikator einer guten Gewässerqualität.

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Weitere Informationen:

Die Emschergenossenschaft ist ein öffentlich-rechtliches Wasserwirtschaftsunternehmen, das als Leitidee des eigenen Handelns das Genossenschaftsprinzip lebt.

Sie wurde 1899 als erste Organisation dieser Art in Deutschland gegründet und kümmert sich seitdem unter anderem um die Unterhaltung der Emscher, um die Abwasserentsorgung und -reinigung sowie um den Hochwasserschutz.

Seit 1992 plant und setzt die Emschergenossenschaft in enger Abstimmung mit den Emscher-Kommunen das Generationenprojekt Emscher-Umbau um, in das über einen Zeitraum von rund 30 Jahren knapp 5,5 Milliarden Euro investiert werden.

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Kommentare

  1. Nettebach: Planung der Renaturierung läuft bereits auf Hochtouren - Bereits seit 2018 ist das Gewässer abwasserfrei (PM)

    Im Rahmen des Generationenprojektes Emscher-Umbau konnte die Emschergenossenschaft den Nettebach bereits vom Abwasser befreien. Aktuell läuft die Planungsphase auf Hochtouren. Mit der ökologischen Verbesserung des Flusses werden sich dann in Zukunft noch mehr Tier- und Pflanzenarten am Gewässer ansiedeln.
    Ende kommenden Jahres will die Emschergenossenschaft ihre Entwurfsplanung zur Genehmigung bei den Behörden einreichen. Die anschließende Genehmigungsphase dauert in der Regel zwei Jahre. In der Zeit wird der Wasserverband bereits parallel die Ausführungsplanung vorantreiben.

    Aus der ehemaligen „Köttelbecke“ Emscher und ihren Nebenläufen werden im Zuge des Generationenprojektes Emscher-Umbau wieder natürliche Flusslandschaften, an denen sich Flora und Fauna ausbreiten können. Aktuell werden viele dieser Gewässer vom Abwasser befreit. Beim Nettebach hat dieser Prozess bereits 2018 stattgefunden, seitdem trägt das oberirdische Gewässer keine Schmutzfracht mehr.

    Stattdessen fließt diese durch die unterirdischen Abwasserkanäle in Richtung Abwasserkanal Emscher (AKE) in Niedernette. Neben den Kanälen wurden zusätzlich noch drei Stauraumkanäle, ein Regenüberlaufbecken und ein Schmutzwasserpumpwerk gebaut. Der Zechengraben mit dem dazugehörigen Pumpwerk wird auf Höhe der Emscherallee ebenfalls noch an den Nettebach und den Kanal angeschlossen.

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