Moderne Suppenküchen in Deutschland sind heute Orte der Hilfe, Begegnung und der Politik

Hier erfahren Menschen Autonomie, Regeneration und Beteiligung

Bei der Kana-Suppenküche wird nicht danach gefragt, ob Menschen ihr Essen bezahlen können. Foto: Uwe Bitzel

Seit Beginn der 1990er Jahre hat sich in Deutschland eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen: Anstelle der damals als überholt geltenden, vormodernen Armenküchen entstanden eine Vielzahl neuer Suppenküchen und ähnlicher Einrichtungen, die Menschen in Not mit warmen Mahlzeiten versorgen. Diese neue Welle von Hilfsangeboten entstand vor dem Hintergrund wachsender Armut und Obdachlosigkeit, die sich besonders in den großen Städten immer stärker zeigten. Anders als von manchen Kritikern befürchtet, sind Suppenküchen heute keineswegs nur Orte des Almosengebens, sondern Räume, in denen Menschen Autonomie erfahren, Regeneration finden und sich politisch aktivieren können.

Ein Gastbeitrag von Bernd Büscher

Ein Beispiel für eine solche Initiative ist die Kana-Suppenküche in Dortmund. Sie entstand zu Beginn der 1990er Jahre und wurde von Menschen gegründet, die – oft mit kirchlichem Hintergrund – zuvor in Friedens-, Ökologie- oder Eine-Welt-Bewegungen aktiv waren. Angesichts wachsender Armut und Obdachlosigkeit wollten sie gemeinsam handeln. Nach mehr als einem Jahr der Planung wurde im Juni 1991 erstmals Suppe gekocht und auf zwei Plätzen in der Dortmunder Nordstadt mit Wohnungslosen geteilt.

Die Suppenküche Kana in der Nordstadt besteht seit 25 Jahren. Das Gasthaus an der Mallinckrodtstraße
Die Suppenküche Kana in der Nordstadt  – das Gasthaus an der Mallinckrodtstraße. Klaus Hartmann | Nordstadtblogger

Eine uralte Verpflichtung

Die Idee, Hungernden zu helfen, ist tief in der menschlichen Geschichte verankert. Schon alte Kulturen wie die der Ägypter kannten die moralische Pflicht, Menschen nicht hungern zu lassen – eine Pflicht, die durch alle Zeiten und Glaubensrichtungen hindurch Bedeutung behielt. So wurde das Speisen der Bedürftigen zur ersten aller menschlichen Pflichten erklärt, die das Gewissen niemals hinterfragt hat. Auch bedeutende Philosophen der Moderne sahen hierin ein zentrales Ziel der Gesellschaft: Dass niemand mehr hungern muss, gilt als das einfachste und zugleich größte humane Ziel

In den christlich geprägten Ländern Europas entstanden bereits ab dem 4. Jahrhundert Einrichtungen wie Xenodochien oder Hospize. Diese dienten der Versorgung von Pilgern, Kranken und vor allem armutsbetroffenen Menschen. Im Mittelalter übernahmen Klöster vielfach diese Aufgabe der Barmherzigkeit und leisteten so Armenhilfe in großem Maßstab. Ein direkter Vorläufer der heutigen Suppenküchen sind die „Suppenanstalten“ und „Volksküchen“ des 19. Jahrhunderts, die während der Industrialisierung eingerichtet wurden, um den Hunger der wachsenden armen Bevölkerung zu lindern.

Suppenküchen heute: vielfältige Organisationen und Angebote

Die sogenannten „neuen“ Suppenküchen, die seit den 1990er Jahren entstanden, spiegeln konkrete Reaktionen auf sichtbare soziale Probleme wider. Die hohe Arbeitslosigkeit der 1980er Jahre führte zu Armut und Obdachlosigkeit, die nicht länger unsichtbar bleiben konnte. Sozialstaatliche Strukturen, die in der Nachkriegszeit Entwicklung und Stabilität sichern sollten, gerieten ins Wanken. Die Verknappung sozialen Wohnraums und die steigende Zahl von Menschen ohne Wohnung führten dazu, dass viele Städte ihre Zentren mit Menschen sichteten, die in Armut lebten und auf Hilfe angewiesen waren.

Von Ehrenamtlichen wird die Arbeit der Kan-Suppenküche getragen - sie sind auf Spenden angewiesen.
Von Ehrenamtlichen wird die Arbeit der Kana-Suppenküche getragen – hier ein Foto aus dem Jahr 2014. Archivfoto: Klaus Hartmann

Die neuen Initiativen greifen oft traditionelle Formen der Armen- und Straßenküche wieder auf, zeigen dabei aber eine bemerkenswerte organisatorische Vielfalt. Einige sind kirchlich gebunden und beziehen Ehrenamtliche aktiv mit ein, wie die „Gastkirche“ in Recklinghausen oder die franziskanische Suppenküche in Berlin. Andere, wie die „Vesperkirchen“, bieten in der kalten Jahreszeit an verschiedenen Orten temporär Mahlzeiten an. Es gibt Lobbyrestaurants, die ein solidarisches Preismodell verfolgen – wohlhabende Gäste zahlen mehr, Arme weniger oder nichts.

Anfangs hatte die Dortmunder Initiative Probleme, Räume zu finden

Gemeinschaften mit internationaler Ausrichtung wie Emmaus, die katholische Catholic-Worker-Bewegung oder die „Food Not Bombs“, welche vegane Speisen an Bedürftige unter freiem Himmel verteilt, gehören ebenfalls dazu. Darüber hinaus entstanden aus sozialen Bewegungen wie der Hausbesetzerszene sogenannte Volxküchen („Küche für Alle“), die gegen Spende vegetarische Mahlzeiten zubereiten und gleichzeitig politische Aussagen zur sozialen Gerechtigkeit treffen.

Kana e.V. hat die Mahnwache in der City organisiert. Fotos: Horst Müller
Kana e.V. beteiligt sich auch an politischen Aktionen, zum Beispiel an Mahnwachen in der City. Foto: Horst Müller

All diese Suppenküchen sind nicht einfach Nahrungsanbieter, sondern soziale Orte: Sie geben Tagesstruktur, sind Treffpunkte, bieten Informationen und schaffen eine Atmosphäre des gemeinsamen Miteinanders.

Ein solches Verständnis prägt auch die Dortmunder Kana-Suppenküche. Nachdem die Initiative zunächst Schwierigkeiten hatte, geeignete Räume zu finden, entwickelte sich zunächst ein wöchentliches Essen unter freiem Himmel.

Im Winter 1992/93 bekam sie im Jugendkeller der katholischen Josefsgemeinde „Asyl“. Im Frühjahr 1993 konnte schließlich in einem Ladenlokal in der Mallinckrodtstraße die Kana-Suppenküche eröffnet werden, in der ein kostenloses warmes Mittagessen angeboten wurde – zunächst drei-, später fünfmal wöchentlich.

Vielfalt und Wandel: Suppenküchen im gesellschaftlichen Wandel

Interessant ist, dass die Zahl der Suppenküchen in Deutschland auch dann nicht zurückging, als die Wohnungslosenzahlen gegen Ende der 1990er Jahre sanken. Stattdessen eröffneten die Angebote einen Zugang zu prekärer Hilfe für eine wachsende Vielfalt von Menschen – darunter Rentner, Familien, Alleinerziehende und Personen mit geringem Einkommen. Sie erscheinen heute nicht mehr nur als rein auf Obdachlose zugeschnittene Angebote, sondern erfüllen eine breitere gesellschaftliche Funktion als Notversorger und soziale Treffpunkte.

Die Kana-Suppenküche wird ehrenamtlich betrieben. Foto: Uwe Bitzel

Doch diese Entwicklung blieb nicht ohne Kritik. Wohlfahrtsverbände, Politik und Sozialwissenschaften äußerten Sorge, Suppenküchen könnten die verfassungsmäßigen Sozialleistungen unterlaufen und langfristig den Sozialstaat schwächen.

Man befürchtete, die Hilfe durch Suppenküchen könne Selbstinitiative hemmen und in eine Rückkehr zum Almosenwesen führen. Vor allem der sozialwissenschaftliche Begriff vom „Suppenküchenstaat“ wurde in Debatten geprägt – als warnendes Bild vor einem sozialen System, das immer mehr durch karitative Einzelangebote ersetzt werde.

Was Suppenküchen anders machen

Doch Suppenküchen sind keineswegs homogen. Anders als bei den neu entstandenen Lebensmitteltafeln – die oft als reine Verteilstellen gesehen werden – zeichnet sich das Suppenküchenwesen durch eine dezentrale, meist unabhängige Organisation aus.

Die Kana-Suppenküche wird ehrenamtlich betrieben – morgens geht es mit einem Teamfrühstück los. Foto: Uwe Bitzel

Viele Initiativen sind kleine, lokal verwurzelte Gruppen, die sich bewusst nicht institutionalisieren oder von staatlichen Geldern abhängig machen, um ihre Freiheit zu bewahren. Solidarität und Gastfreundschaft sind dabei zentrale Leitprinzipien.

Dieses Prinzip gilt auch bei Kana in Dortmund. Das Konzept orientiert sich an den „Häusern der Gastfreundschaft“ der in den USA entstandenen christlich-anarchistischen Catholic-Worker-Bewegung.

Die Menschen, die kommen, werden als Gäste verstanden – nicht als „Kunden“, „Klienten“ oder „Fälle“. Sie werden bevorzugt behandelt und von den Mitarbeitenden bedient, während der Name „Kana“ auf die biblische Hochzeit verweist, bei der alle an einem Tisch sitzen und gleichberechtigt feiern.

Raum für Würde und politisches Handeln

Für die Menschen, die von Armut betroffen sind, sind Suppenküchen oft viel mehr als nur Orte, an denen sie etwas zu essen bekommen. Sie sind Zufluchtsorte, in denen sie sich für eine Zeit vom Überlebenskampf auf der Straße erholen können.

Bei Kana wird nicht danach gefragt, ob Menschen ihr Essen bezahlen können. Foto: Uwe Bitzel

Hier gelten nicht die harten Gesetze des Stärkeren, sondern Regeln der Gastfreundschaft und der gegenseitigen Achtung. Manche Gäste beschreiben diese Orte sogar als eine Art Salon, in dem soziale Kontakte, Gespräche und Gemeinschaft erlebt werden.

Viele Suppenküchen erweitern ihr Selbstverständnis um Zusatzangebote. Auch in Dortmund kommen inzwischen häufig 300 und mehr Menschen zu den Mahlzeiten der Kana-Suppenküche. Die Arbeit wird ausschließlich ehrenamtlich geleistet und finanziert sich allein durch Spenden. Ergänzt wird das Angebot unter anderem durch eine Schlafsackausgabe sowie Diskussionsveranstaltungen und Aktionen, die öffentlich auf Armut, Gewalt oder Obdachlosigkeit aufmerksam machen.

Engagement über das Essen hinaus

Zugleich engagieren sich viele Initiativen politisch, um auf die Ursachen von Armut und Wohnungslosigkeit aufmerksam zu machen und gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. „Sie verstehen ihre Arbeit als Teil einer sozialen Bewegung, die sich nicht damit abfindet, dass Armut und Wohnungslosigkeit existieren, sondern für eine solidarische und sozial gerechte Gesellschaft kämpft.“

Die Kana-Suppenküche wird ehrenamtlich betrieben. Foto: Uwe Bitzel

Auch die Dortmunder Initiative versteht sich von Beginn an als mehr als ein Hilfsprojekt. Schon im Advent 1990 protestierte die damalige „Suppenkücheninitiative“ unter dem Motto „Macht hoch die Tür“ gegen die Schließung einer Einkaufspassage, in der Obdachlose übernachteten.

Bis heute organisiert Kana Aktionen im öffentlichen Raum – etwa rund um den von den Vereinten Nationen ausgerufenen „Welttag zur Bekämpfung der Armut“. Aus Anlass ihres Jubiläums lautet deshalb weiterhin das Motto: „35 Jahre Suppenküche – (k)ein Grund zu feiern“.


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