Die Verwaltung zieht die Reißleine, ohne die Politik einzubinden

Kostenexplosion und Lieferschwierigkeiten: Der Neubau der Lindemannbrücke wird verschoben

Mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von 9,9 Millionen Euro hatte die Stadt gerechnet. Doch die Kosten liegen deutlich darüber.
Mit Kosten von 9,9 Millionen Euro hatte die Stadt kalkuliert. Doch die wirklichen Kosten liegen deutlich darüber. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Sie gehört zu den wichtigsten Brücken im Ruhrgebiet und – zumindest bei Veranstaltungen und Spielen – zu den meist frequentierten Brücken in Dortmund. Allerdings ist die Lindemannbrücke über die B1 in die Jahre gekommen und zudem nicht barrierefrei. Daher war ein Neubau geplant, der bis zur EURO 2024 fertig sein sollte. Doch daraus wird nichts: Die Bauverwaltung hat die Reißleine gezogen. Die Kosten laufen aus dem Ruder und die Fertigstellung wäre – wegen der Lieferschwierigkeiten im Baubereich – nicht gesichert. Denn zur EURO 2024 wollte man nicht ohne oder mit einer halben Brücke dastehen.

Kosten übersteigen Budget: Die kalkulierten 9,9 Millionen Euro reichen bei weitem nicht aus

Mit dem geplanten Abriss und Neubau der Fuß- und Radwegebrücke Lindemannstraße kann erst nach Ende der Fußball-Europameisterschaft 2024 begonnen werden. Ursprünglich sollte die neue Brücke vor Beginn der EM, zu deren Austragungsorten auch Dortmund zählt, fertig gestellt sein. 

Baudezernent Arnulf Rybicki
Baudezernent Arnulf Rybicki Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Im Vergabeverfahren hat sich jedoch gezeigt, dass das Gesamtinvestitionsvolumen aus dem Baubeschluss in Höhe von 9,9 Millionen Euro deutlich überstiegen würde. Ein Grund dafür ist die aktuelle Marktsituation infolge verschiedener globaler Krisen. Das betrifft auch die Beschaffungslage bei Baumaterialien, insbesondere beim Stahl, der für den Brückenneubau benötigt wird. 

„Diese Faktoren führen zu einem unkalkulierbaren Risiko für eine rechtzeitige Fertigstellung der Brücke zu Beginn der UEFA EURO 2024“, machte Baudezernent Arnold Rybicki deutlich. Die laufenden Vergabeverfahren für den Abbruch und Neubau der Brücke Lindemannstraße wurden daher rechtssicher aufgehoben. Die Umsetzung von Abriss und Neubau soll nun im Juli 2024 beginnen. 

„Unkalkulierbares Risiko für eine rechtzeitige Fertigstellung der Brücke“

Aufgrund ihrer Steigung von mehr als sechs Prozent gilt die Brücke nicht als barrierefrei.
Aufgrund ihrer Steigung von mehr als sechs Prozent gilt die Brücke nicht als barrierefrei. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Die bogenförmige Brücke, die an zentraler Stelle über die B1 führt und für eine fußläufige Anbindung des Kreuzviertels und des Innenstadtbereichs an Messeareal, Westfalenhalle, Stadion sowie weitere Sportstätten, Naturschutzgebiet Bolmke und Kleingartenanlagen sorgt, stammt aus den 1950er-Jahren. 

Sie ist aufgrund ihrer Steigung von mehr als sechs Prozent als nicht barrierefrei anzusehen. Daher wurde am 16. Dezember 2021 durch den Rat der Stadt Dortmund der Beschluss gefasst, das Brückenbauwerk abzureißen und durch einen barrierefreien Neubau zu ersetzen.

Der Zeitplan war dabei so aufgestellt, dass der Neubau der Brücke bis zum Start der Fußball-Europameisterschaft im Sommer 2024 fertiggestellt sein würde. Nachdem der Baubeschluss gefasst worden war, wurden umgehend die erforderlichen Ausschreibungsverfahren für die Arbeiten vorbereitet und durchgeführt. 

Die alte Brücke muss nun erst einmal bis zum Abriss im Herbst 2024 ertüchtigt werden

Nun muss das Bestandsbauwerk zunächst weiter genutzt werden. Verschiedene Ertüchtigungsmaßnahmen, wie zum Beispiel die Ausbesserung der Brückenbeschichtung sowie der Anschlussbereiche und eine höhenmäßige Anpassung der Pflasterflächen im Übergangsbereich, sollen eine uneingeschränkte (wenn auch nicht barrierefreie) Benutzung in den nächsten Jahren gewährleisten. 

Der Max-Ophuels-Platz ist aktuell eine Baustelle. Er soll nach Abschluss der Tiefbauarbeiten hergerichtet werden - auch ohne neue Brücke.
Der Max-Ophüls-Platz ist aktuell eine Baustelle. Er soll nach Abschluss der Tiefbauarbeiten hergerichtet werden – auch ohne neue Brücke. Foto: Michael Westerhoff

Mit geringem finanziellem Aufwand soll eine sichere Verkehrsbeziehung vom Kreuzviertel zu den Veranstaltungs-, Sport- und Erholungsbereichen südlich der B1 aufrechterhalten werden – bis die neue Brücke kommt. Geplant ist weiterhin, den Max-Ophüls-Platz bis EM-Beginn mit geeigneter Bepflanzung zu gestalten und optisch aufzuwerten, kündigte Rybicki an. Die Kosten dafür sollen über den laufenden Etat des Tiefbauamtes übernommen werden.

Nach dem neuen Zeitplan sollen die Arbeiten zur Verkehrssicherung (Einrichtung Baustelle, Umleitungen etc.) im Juli 2024 erfolgen. Die Abbrucharbeiten sind für August bis Oktober 2024 geplant. Der Brückenneubau soll sich dann sofort anschließen und bis März 2026 andauern. Von Januar 2026 bis Juli 2026 sind die Arbeiten für die Freianlagen eingeplant. Rybicki hat die Hoffnung, dass sich bis dahin sowohl die explodierende Preise als auch die Beschaffungsprobleme wieder eingependelt haben. 

CDU kritisiert Verwaltungshandeln als „inakzeptabel und intransparent“

CDU-Fraktionschef Dr. Jendrik Suck
CDU-Fraktionschef Dr. Jendrik Suck Foto: CDU-Fraktion im Rat der Stadt Dortmund

„Die Verschiebung des Baustarts des Neubaus der Brücke Lindemannstraße über die B1 ist allein durch die Verwaltung entschieden worden. Eine vorherige Konsultation mit der Lokalpolitik hat nicht stattgefunden und auch jetzt soll die Politik lediglich eine bloße Kenntnisnahme-Vorlage erhalten“, kritisiert CDU-Fraktionschef Dr. Jendrik Suck.

„Dieses Vorgehen der Verwaltung ist nicht akzeptabel, intransparent und zeugt von einer Missachtung des Rates, der den Neubau der Brücke ja schließlich beschlossen hatte. Denn der Ersatzneubau für die Brücke Lindemannstraße ist losgelöst von der EM 2024 von großer Bedeutung für die Erschließung des Westfalenhallengeländes und des dahinter liegenden Signal-Iduna-Parks z.B. bei Spielen der Fußball-Bundesliga“, so der CDU-Politiker. 

„Daher hätte der Neubau, der auch unter dem Aspekt der Barrierefreiheit dringend notwendig ist, mit höchster Priorität von der Verwaltung realisiert werden müssen. Für die Zukunft erwarten wir stets einen transparenten und offenen Dialog der Verwaltung mit dem Rat auf Augenhöhe, ganz so wie es die Gemeindeordnung vorschreibt“, so CDU-Fraktionschef weiter – wohlwissend, dass der zuständige Dezernent sein Parteibuch hat.

SPD: Solche Kostensteigerungen sind im Haushalt schwer darstellbar

Gudrun Heidkamp ist die Sprecherin der SPD-Ratsfraktion im Ausschuss für Mobilität, Infrastruktur und Grün.
Gudrun Heidkamp ist die Sprecherin der SPD-Ratsfraktion im Ausschuss für Mobilität, Infrastruktur und Grün.

Die SPD reagiert über die Entscheidung der Verwaltung deutlich gelassener: Die von der Stadt Dortmund angegebenen Gründe für die Verschiebung des Baubeginns der B1-Brücke Lindemannstraße seien nachvollziehbar. 

„Mit Blick auf den Gesamthaushalt sind Kostensteigerungen in diesem Umfang zurzeit schwer darstellbar“, betont Gudrun Heidkamp, die Sprecherin der SPD-Ratsfraktion im Ausschuss für Mobilität, Infrastruktur und Grün. 

„Als SPD-Fraktion ist es uns wichtig, dass in der Zwischenzeit der Fußverkehr in diesem Bereich gesichert ist und auch für die EM 2024 ein funktionierender Übergang über die B1 besteht. Die Entscheidung ist nicht ,an den Fraktionen vorbei’ erfolgt, das ist laufendes Geschäft der Verwaltung“, kommentiert Heidkamp.

Grüne fordern eine dringende Umsetzung der Barrierefreiheit

„Die jetzt bekannt gewordene Verschiebung des Brückenneubaus an der Lindemannstraße über die B1 ist aus unserer Sicht eine sehr bedauerliche Entscheidung. Die Befürchtung, dass ein Brückenbau bis 2024 zur EM nicht fertig würde, ist vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen mit Baustellen nachvollziehbar“, erklärt Ingrid Reuter, Fraktionssprecherin der Grünen. 

Ingrid Reuter ist Fraktionssprecherin der Grünen-Ratsfraktion in Dortmund.
Ingrid Reuter ist Fraktionssprecherin der Grünen-Ratsfraktion in Dortmund. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

„Dennoch: Die Brücke ist eine entscheidende Verbindung für den Rad- und Fußverkehr und muss insbesondere für eine barrierefreie Nutzung dringend umgestaltet werden.  Dafür sollten auch in einem angespannten Haushalt die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stehen“, findet die Grünen-Politikerin.

„Die Entscheidung der Verwaltung wurde leider getroffen, ohne dass vorher eine politische Beratung möglich war. Jetzt muss zumindest sichergestellt werden, dass der Neubau der Brücke auch nach der EM nicht auf die lange Bank geschoben wird, sondern umgehend weitergeführt wird“, so Reuter. 

„Vor dem Hintergrund sollte auch verstärkt über die Nutzung weiterer Verbindungen des Kreuzviertels zur Strobelallee nachgedacht werden. Die Zeit könnte genutzt werden, Lösungen für den schon lange diskutierten Übergang von der Großen Heimstraße über die Wittekindstraße zu finden. Dies wäre auch im Hinblick auf die jetzt vor uns liegende Zeit des Provisoriums an der B1 ein guter Zeitpunkt.“

Ärger über die fehlende Beteiligung des Rates auch bei FDP/ Bürgerliste

Markus Happe (FDP/ Bürgerliste)
Markus Happe (FDP/ Bürgerliste) Nordstadtblogger-Redaktion | Nordstadtblogger

„Es ist mehr als bedauerlich, dass ein solch wichtiges Projekt nicht vor dem Beginn der EM fertiggestellt wird. Eine neue und gut funktionale Brücke hätte den Besucherströmen der EURO, der extra aus vielen Ländern Europas nach Dortmund kommt, ein anderes Bild von Dortmund vermittelt als diese alte in die Jahre gekommene Brücke“, betont Markus Happe.

„Ärgerlich ist vor allem das die Stadtspitze nicht gemeinsam mit der Politik nach einer möglichen Lösung gesucht hat und im Alleingang entschieden hat das Projekt zu verschieben“, so der Sprecher der Fraktion „FDP/ Bürgerliste“ im zuständigen Fachausschuss für Stadtgestaltung.

Satirisch-bissige Breitseiten auf das Verwaltungshandeln

Gewohnt humorvoll kommentiert die Fraktion „Die Fraktion“ von der Partei „Die Partei“ die Verschiebung:  „Die neue, barrierefreie Brücke über die B1 soll teurer werden. Das geht natürlich nicht, und daher verschiebt die Stadt den Bau um mindestens zwei Jahre“, betont die Bezirksvertreterin der Innenstadt West, Bettina Neuhaus.

Für viele Nutzer:innen überraschend kam die Sperrung der wichtigen Wegeverbindung auf dem Westfalenhallen-Gelände zwischen B1 und Strobelallee.
In der Verlängerung der Brücke gibt es die wichtige Wegeverbindung auf dem Westfalenhallen-Gelände – sie ist häufig gesperrt. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

„Da man ohnehin alles dafür tut, den dahinter liegenden Weg zwischen den Westfalenhallen zum Stadion und zum Naturschutzgebiet Bolmke für Radfahrende und zu Fuß Gehende zu sperren, ist das nur konsequent. Wo kämen wir denn da hin, wenn die Leute einfach ihre Autos zuhause ließen. Oder, noch schlimmer: Gar keins besäßen! Peinlich und nicht wirtschaftsfreundlich“, so Neuhaus.

„Übrigens soll auch das Parkleitsystem rund um die Westfalenhallen erheblich teurer werden, nämlich 138 Prozent der ursprünglichen Schätzung. Deshalb wird sein Bau verschoben. Nein, Spaß! Das ist ja eine Maßnahme für PKW. Die wird nicht verschoben. Da wird einfach das zusätzliche Planungs-Budget beantragt“, verweist sie auf die Ungleichbehandlung von verschiedenen Verkehrsmitteln.

Zudem kann man sich bei der Partei „Die Partei“ den Seitenhieb nicht verkneifen, die Verschiebung als Verwaltungsentscheidung mit einer Kenntnisnahme, zu kritisieren:  „Die Partei steht dazu, eine Politiksimulation zu sein. Von daher ist es nur konsequent, dass die Stadtverwaltung auch den Rest des Rats und der Bezirksvertretungen zu reinen Simulationen erklärt, indem sie lästige Rückfragen vermeidet und den Bau der Brücke eigenverantwortlich verschiebt. Politiker:innen sollten nicht nerven, sondern Schnittchen essen und feierlich Parkleitsysteme einweihen. Dazu gibt es in den kommenden Jahren ja genug Gelegenheit.“

Hier gibt es die Vorlage als PDF zum Download: VorlageDS#25331-22.doc

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