Kongress und Kundgebung machen auf geschlechterspezifische Gewalt aufmerksam 

In Gedenken an Sara D. und allen anderen Opfern von Femiziden

Gedenkfeier Femizide.
Karsten Wickern | Nordstadtblogger Im November fand eine Gedenkveranstaltung statt, an der rund 200 Menschen teilnahmen.

Der „Ni una menos“-Kongress und eine anschließende Kundgebung sollen am kommenden Samstag (7. November 2026) in Dortmund auf Femizide und geschlechtsspezifische Gewalt aufmerksam machen. Aufgerufen dazu hat unter anderem das Bündnis „Keine Mehr Ruhrgebiet“, das den zweiten Jahrestag der Ermordung von Sara D. sowie das Gedenken an alle Betroffenen geschlechtsspezifischer Gewalt zum Anlass nimmt.

Femizid an Sara D. jährt sich zum zweiten Mal

Zwei Jahre ist es nun her, dass Sara D. von ihrem damaligen Ehemann im Unionviertel ermordet wurde. Die zu dem Zeitpunkt 30-Jährige Mutter von drei Kindern wurde am Abend des vierten November 2024 mit vier Messerstichen ermordet, nachdem sie sich im September von ihrem gewalttätigen Partner trennte.

Die Kampagne „keine mehr" wurde im Zuge des Prozesses gegründet.
Foto: Javad Mohammadpour für Nordstadtblogger.de Sara D. wurde von ihrem Ex-Partner ermordet.

Zum Gedenken an Sara D. und allen anderen Opfern von Femiziden hat die Initiative „Keine Mehr Ruhrgebiet“ einen Kongress sowie eine Kundgebung am kommenden Samstag geplant.

„Ein Gedenken an die einzelnen Opfer ist total wichtig, aber gleichzeitig wollen wir auch ins Handeln kommen. Wir dachten uns: Wie wäre es, wenn wir das größer denken und einen Kongress auf die Beine stellen?“, erzählt Laura von „Keine Mehr Ruhrgebiet“.

„Bei der Planung war uns besonders wichtig, viel Raum für Austausch zu schaffen, damit wir voneinander zum Thema Femizide lernen können und dass die verschiedenen Ebenen des Themas auch von den unterschiedlichsten Menschen abgebildet werden.“

Podiumsdiskussion mit Politikerinnen, Juristinnen und Aktivistinnen

Der Kongress, der um 11 Uhr beginnt, richtet sich in erster Linie an Personen, die entweder feministisch aktiv sind oder die aktiv werden wollen, berichtet Laura weiter. Zu erwarten sind dabei Fachvorträgen, Arbeitsgruppen und eine Podiumsdiskussion. Im ersten Teil des Kongresses wird die Strafverteidigerin Charlotte Lehnert, die Betroffene von Vergewaltigung, häuslicher Gewalt und auch eine Überlebende eines Femizids vertritt, Input geben.

Demozug durch die Innenstadt
Nach dem Prozessende machten Menschen auf Gewalt gegen Frauen und auf Femizide aufmerksam.

Dabei greift sie auf, welche Hürden und Chancen die Justiz bietet, aber auch wo Enttäuschungen liegen und was rechtlich nicht abgedeckt ist, erläutert Laura.

Zum Abschluss folgt eine Podiumsdiskussion mit Kathrin Gebel (MdB, Die Linke), frauenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, sowie den beiden Aktivistinnen Valentina von Feministas Colonia und Delia vom „Keine Mehr“-Bündnis.

„Uns war wichtig, diese verschiedenen Perspektiven zusammenzubringen: Bei diesem Thema passiert enorm viel durch ehrenamtliche Arbeit aus politischer Überzeugung, die das Problem viel breiter denkt. Gleichzeitig braucht es aber auch Stimmen im Bundestag, die das Thema auf die Agenda setzen, denn der Kampf gegen Femizide kann nicht nur auf der Straße geführt werden“, so Laura weiter.

Kundgebung mit symbolischer Platzumbenennung zu „Ni-Una-Menos-Platz“ geplant

Gegen 19:30 Uhr lädt die Initiative schließlich zu einer Kundgebung mit symbolischer Platzumbenennung an der Katharinentreppen ein. „Wir wollen den Platz symbolisch in ‚Ni-Una-Menos-Platz‘ umbenennen. Im Gedenken an Sara, aber auch an jede andere Frau, die einem Femizid zum Opfer fiel“ fügt Laura an. „Ni una menos“ ist der Name einer lateinamerikanischen, feministischen Bewegung, der übersetzt „Nicht eine weniger“ bedeutet.

Menschen liegen Blumen nieder
Demonstrierende legten Blumen für die Getötete und andere Opfer von Gewalt gegen Frauen nieder.

Sie entstand 2015 in Argentinien als Reaktion auf eine Welle von Femiziden – die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts – und richtet sich gegen patriarchale Strukturen sowie geschlechtsspezifische Gewalt.

Die Kundgebung hat dabei vor allem das feministische Kollektiv organisiert, erzählt sie weiter. Neben zwei Redebeiträgen ist eine Aktion aus der lateinamerikanischen Ni-Una-Menos-Bewegung geplant.

Dabei soll das symbolische Weben von Netzen als Kunstform dienen, um Verbindungen und Vernetzung sichtbar zu machen. „Am Ende des Kongresses wollen wir nicht nur im rein Theoretischen oder beim Wissen verharren, sondern einen Schritt weitergehen und wieder Öffentlichkeit für das Thema schaffen“, so Laura. Der Ort soll dabei in Zukunft als zentraler Gedenkort dienen, sei es im Falle weiterer Femizide oder als Raum, um Kerzen niederzulegen, führt die Aktivistin die Idee weiter aus.

„Femizide sind kein Thema, das man isoliert betrachten kann”

Dass ein solcher Gedenkort fatalerweise immer notwendiger wird, zeigen aktuelle Zahlen: Laut dem Bundeslagebild des Bundeskriminalamts wurden 2024 mindestens 308 Frauen und Mädchen getötet. Somit wird nahezu jeden Tag eine Frau Opfer eines Femizides.

Internationaler Frauenkampftag 2020 (12)
Thomas Engel | Nordstadtblogger Trotz der zunehmenden Thematisierung in der Gesellschaft nimmt die Gewalt gegenüber Frauen weiter zu.

Noch bevor es zum Femizid kommt, sind die meisten Frauen von Partnerschaftsgewalt betroffen. Statistisch gesehen erlebt eine Frau alle vier Minuten Partnerschaftsgewalt. 2024 wurden 135.713 Fälle gemeldet, die Dunkelziffer ist wahrscheinlich höher.

Hilfsangebote, wie etwa Frauenhäuser, stoßen dabei an ihre Grenzen und sind häufig überfüllt. Für die Initiative greift die Diskussion um den Gewaltschutz jedoch oft zu kurz, wenn sie rein auf Unterkünfte beschränkt bleibt.

„Femizide sind kein Thema, das man isoliert betrachten kann. Man muss sich fragen: Warum bleiben Frauen in Gewaltbeziehungen?“, betont Laura. Oft seien es materielle und soziale Notlagen wie akuter Wohnungsmangel, Armut oder fehlende Rückhaltesysteme, die Betroffene in Gefahr halten. Auch marginalisierte Gruppen, beispielsweise wohnungslose Frauen, werden in der städtischen Schutz- und Vertreibungspolitik kaum mitgedacht, so die Aktivistin.

„Femizid“ im deutschen Strafrecht kein eigenständiger juristischer Tatbestand

Häusliche Gewalt spielt sich überwiegend im Privaten ohne Zeug:innen ab, was die Verurteilungen nach wie vor erschwere. „Vor dem Gesetz gilt der Grundsatz ‚im Zweifel für den Angeklagten‘. Bei Aussage gegen Aussage führt das in der Praxis jedoch viel zu oft zu einem ‚im Zweifel für den Täter‘“, kritisiert Laura. Dadurch würden Betroffene strukturell nicht ernst genommen.

Hinzu kommt, dass der Begriff „Femizid“ im deutschen Strafrecht keinen eigenständigen juristischer Tatbestand darstellt. Die Fälle werden bislang als allgemeine Tötungsdelikte verfolgt, sei es als Mord oder Todschlag. Dies hat zufolge, dass die Fälle unterschiedlich geahndet werden, wie ein weiterer Fall, der sich in Dortmund abgespielt hat, zeigt. Wenige Monate nach dem Femizid an Sara D. wurde die 32-jährige Krankenschwester Sarah U. im Januar 2025 in ihrer Wohnung in Dortmund-Huckarde getötet.

Weitere Informationen:

  • Die Kundgebung steht allen Interessierten ohne Voranmeldung offen. Der Kongress beginnt um 11 Uhr. Hierfür bittet die Initiative zur besseren Planung um eine vorherige Anmeldung per E-Mail. Kurzentschlossene können jedoch auch spontan teilnehmen.
  • Für Rückfragen oder eine Anmeldung: keinemehr.ruhr@web.de
  • WDR-Bericht: Holzwickeder wegen Todschlags verurteilt

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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