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Keine Zeitungsente, sondern real: Ausstellung zu Donald Duck und Erfinder Carl Barks im Schauraum der Stadtbibliothek

Die Ausstellung zeigt originale Comiczeichnungen vom Entenhausen-Erfinder Carl Barks. Foto: Katrin Pinetzki

Von Angelika Steger

„Das ist keine richtige Literatur, das ist minderwertig, das braucht man nicht lesen.“ Diesen Satz dürften viele von der eigenen Deutsch-Lehrkraft gehört haben, wenn es um Comics ging. Durch die Bilder müsse man sich nichts mehr vorstellen, das wäre nicht anspruchsvoll genug. Die Kulturbetriebe Dortmund jedoch wollen zeigen: Comics sind eine ernstzunehmende Literaturgattung, bei der genaueres Hinschauen lohnt. Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek die Ausstellung „Ente süß sauer. Carl Barks und die Folgen“ im neu eröffneten Schauraum am Max-von-der-Grün-Platz 7 (ehemaliger Dortmund-Tourismus-Laden). In den nächsten drei Jahren soll dieser Ausstellungsraum zum „Comic-Labor“ werden.

Alle kennen Donald Duck – aber wer ist Carl Barks?

Diese Kooperation mehrerer Kulturbetriebe der Stadt Dortmund zum Thema „Comic“ ist neu. Stefan Mühlhofer, Leiter der Kulturbetriebe, freut sich über die Materie „Comic“, die alle begeistere. Für alles gebe es ein Museum, auch für Karikaturen, aber nicht für Comics. Die Ausstellung „Ente süß sauer“, die originale Comiczeichnungen vom Entenhausen-Erfinder Carl Barks zeigt, ist dafür ein Anfang.

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Entenhausen-Erfinder Carl Barks. Fotos (5): Angelika Steger

Es stellt sich die Frage, wer dieser Mann eigentlich ist. Zumindest, wenn man nicht gerade ein großer Fan und KennerIn von Donald Duck und seinen Neffen Tick, Trick und Track und von ganz Entenhausen ist.

Tatsächlich findet sich auf keinem der gezeichneten Papierbögen seine Signatur. „Carl Barks war beim Verlag als Zeichner angestellt. Aber signieren durfte er seine Comic-Zeichnungen nicht“, erläutert Kurator Dr. Alexander Braun. Die LeserInnen hätten aber Carl Barks an seinem Stil erkannt. „Wenn einmal nichts von ihm im aktuellen Heft oder der Zeitung war, merkten das die Leute und haben sich sofort beim Verlag beschwert.“

Heute ist es unvorstellbar, dass ZeichnerInnen ihre Werke nicht signieren dürfen. Wenn z.B. T-Shirts mit Motiven seiner Comicfiguren hergestellt wurden, hat Carl Barks keinen Cent dafür bekommen: ein Urheberrecht gab es damals noch nicht.

Von den ca. 6.700 Seiten, die Carl Barks gezeichnet hat, gibt es heute nur noch 200 Originale, zehn davon sind im Schauraum zu sehen. „Das lag daran, dass die Verlage, nachdem die Hefte oder Zeitungen gedruckt waren, die Originale nicht an die Zeichner zurückgaben. Sie landeten im Papiercontainer, um Raubdrucke zu vermeiden. Wenn Comic-Fans das mitbekommen haben, haben sie heimlich nachts das eine oder andere gezeichnete Blatt Papier aus dem Container gezogen. Deshalb sind manche der Ausstellungsstücke gebogen oder geknickt.“ Bedauern liegt in der Stimme des Kurators und Kunsthistorikers.

Museumsdirektor Dr. Jens Stöcker ist mit dem Kurator Dr. Alexander Braun befreundet. Braun ist begeisterter Comic-Sammler und Kunsthistoriker. Bemerkenswert, dass sich ein deutscher Kunsthistoriker, als Vertreter der „Hochkultur“, wie er sich selbst nennt,  gerade einem Genre so begeistert und mit Leidenschaft hinwendet, das in Deutschland solch einen schlechten Leumund hat.

Comics haben eine bedeutsame Geschichte, die in Europa weitgehend unbekannt ist

Flyermotiv zur Ausstellung.

„Die Leserinnen von Zeitungen zu Ende des 19. Jahrhunderts haben ihre Zeitung danach ausgewählt, welche Comics darin enthalten waren“, erklärt Kurator Alexander Braun den Beginn der gezeichneten Geschichten. Es gab kein Fernsehen, kein Radio, auch der Film war noch in den Kinderschuhen. Durch die NS-Zeit habe Deutschland den Anschluss an die Entwicklung von Comics verpasst.

Die Figuren reden über Sprechblasen, LeserInnen sind VoyeurInnen des im Comic erzählten Geschehens. In den USA boomte die Comicbranche, Europa lehnte Comics ab, weil „die USA uns Europäern alles nachmacht. Warum sollten wir dann US-Sachen nachmachen?“, erläutert der Comic-Sammler Braun. Erst durch Sergé in Belgien mit seinem Comic „Tim und Struppi“ gibt es einen bedeutsamen Comic in Europa. Deutschland verharrte derweil in der Bildgeschichten-Kultur.

Erst in den 1950er Jahren gab es eine Wiederbelebung aufgrund der McCarthy-Ära mit dem Horror-Comic. „Ein Sergé-Comic im Original kostet heute im Auktionshaus 2,5 Millionen Euro.“ Stolz ist Kunsthistoriker und Comicsammler Braun darauf, dass er auch schon eine Ausstellung in der Schirn in Frankfurt a.M. kuratieren durfte:

dieses Haus habe es ihm möglich gemacht, dass durch ein größeres Budget auch bedeutende Künstler aus den USA hätten geholt werden können. „Die Ente ist populär und großartig, bis heute.“ Weil der Zeichner Carl Barks (1901 bis 2000) so alt geworden ist, hat er auch noch die Anfänge des Internets mitbekommen. Sein Resümee: Schön, aber das Heft nehme man doch wieder in die Hand; wenn man den PC ausschalte, sei alles weg.

Zeichner als Beruf von Donald-Duck-Erfinder Carl Barks nicht von Beginn an festgelegt

Im Jahr 1935 begann Carl Barks für die Disney-Studios zu arbeiten. Disney wollte zu diesem Zeitpunkt seinen ersten Spielfilm „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ auf die Leinwand bringen und suchte Zeichner. Barks wurde genommen, er wollte zeichnen. Von Geburt an schwerhörig, hatte er bereits vor 1935 als Holzfäller, Farmer und Waggonbauer gearbeitet.

(v.l.:) Stefan Mühlhofer, Dr. Nassrin Sadeghi, Sophia Paplowski, Dr. Jens Stöcker und Kurator Dr. Alexander Braun.

Bis 1941 arbeitet er für Disney. Die Kriegspropaganda, für die auch Comics gezeichnet werden sollten, lehnte ihn ab. Da hatte er bereits die Figur des Donald Duck erfunden. Weil das Land USA doch viele Eier brauchen würde, wurde Carl Barks auf eigenen Entschluss hin in Kalifornien zum Hühnerfarmer. Der eigene Betrieb lief schlecht, aber er schrieb einem Verlag, der die Lizenz für Disney hatte, und zeichnete weiter seine Comics mit Tusche und Bleistift.

Der Verlag war froh über ihn als Zeichner. Sein System war allerdings sehr restriktiv: individuelle Geschichten waren nicht gewünscht. Carl Barks schaffte es dennoch, seinen Mikrokosmos Entenhausen mit den Panzerknackern, Daisy und anderen Figuren zu erschaffen.

Bemerkenswert ist, dass Barks immer für seine Geschichten recherchiert hat: wenn das Abenteuer seiner Figuren in Ägypten spielen sollte, hat er sich in seinen vorhandenen Nachschlagewerken – der Enzyclopedia Britannica und im National Geographic – über das Aussehen von Menschen und z. B. Häusern im Land informiert. –  Bescheidenes und begrenztes Wissen mit nur zwei Büchern, aber zumindest hat Barks sich informiert, anstatt sich irgendein völlig phantastisches Ägypten auszudenken. Und das alles für einen relativen Hungerlohn.

In einer Zeit restriktiver und autoritärer Politik der McCarthy-Ära in den 1950er Jahren schaffte sich Carl Barks eine Parallelwelt, davon ist Kurator Dr. Alexander Braun überzeugt. 12 Millionen US-BürgerInnen lesen Donald-Duck-Hefte. 1966 ging Carl Barks in den Ruhestand, als „Rente“ bekam er 66 originale eigene Zeichnungen zurück.

In Europa bildet sich eine eigene Tradition von Carl Barks’ Comics heraus

Lustiges Taschenbuch oder das Mickey-Maus-Heft, das sind Comics, die man heute noch kennt. ZeichnerInnen u.a. in Italien oder den Niederlanden haben versucht, Barks’ Stil nachzuahmen und eigene Geschichten zu erfinden; auch zeitgleich mit dem Meister Carl Barks oder nach seinem Ruhestand im Jahre 1966.

Blick in den Ausstellungsraum.

Romano Scarpas Geschichten erschienen in den „Lustigen Taschenbüchern“, Vicar (chilenischer Zeichner) machte die meisten Einführungsgeschichten im Mickey-Maus-Heft. Monadori hatte 1938 in Mailand die Disney-Lizenz inne, allerdings hatte jede Seite nur 3 statt 4 Reihen, keine Originale waren in seinen Heften enthalten.

In Italien kamen zum ersten Mal in Europa Donald-Duck-Comics heraus. Den US-Verlagen war die Entwicklung auf dem Kontinent gleichgültig, deshalb konnte sich in ganz Europa eine eigene Comic-Tradition bilden.

Den Ruhm mancher Zeichner kann Kunsthistoriker und Comicsammler Braun aber nicht nachvollziehen: der US-amerikanische Zeichner Don Rosa sei ein schlechter Zeichner, der manche Linienführungen nicht beachtet habe. Er zeigt auf eine Zeichnung: Die Gesichtsausdrücke von Donalds Neffen sind auf dem nächsten Bild komplett anders, was nicht zur Geschichte passe, auch wenn er erzählerisches Talent habe.

Comics als eigene Kunstform nicht zu unterschätzen

Gedruckte Comics von verschiedenen Zeichnern, die Carl Barks´ Stil imitierten.

„Wenn man bei den Originalen genau hinsieht , dann merkt man: Comiczeichnen ist Arbeit. Nichts, was man mal schnell hinkritzelt.“ Für Kurator Braun sind Comics die reine Poesie und im Gegensatz zum Film immer noch subversiv. „Einen Stift und ein Blatt Papier und los geht’s. Man müsse keine Rücksicht auf Regie oder einen Filmfördertopf bzw. deren Vorgaben nehmen.

Wichtig ist Kurator Alexander Braun, dass es einen Ausstellungskatalog gebe – was bei einer Comicausstellung nicht so üblich sei. „Stattdessen macht man den dritten Katalog zu Emil Nolde“, fügt er etwas spöttisch hinzu. Braun will, dass man Comics als eigene Kunstgattung sieht, die an die Öffentlichkeit gebracht werden soll – im musealen Rahmen. Woher der Name der Ausstellung rührt, war bisher aber nicht herauszufinden. Sehenswert ist sie vor allem für Comicfans, aber nicht nur für sie.

Weitere Informationen:

  • Ausstellung: „Ente süß sauer. Carl Barks und die Folgen“.
  • Eröffnung am Sonntag, 7. April 2019, 11 Uhr im Studio B der Stadtbibliothek Dortmund, Max-von-der-Grün-Platz 1-3.

    Der zur Eröffnung angekündigte Starzeichner Daan Jippes (74) ist leider erkrankt und kann am Sonntag nicht für seine Dortmunder Fans zeichnen. Der Signiertermin wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

    Die Eröffnung im Studio B der Stadt- und Landesbibliothek beginnt um 11 Uhr. Zur Begrüßung sprechen Kulturdezernent Jörg Stüdemann und Dr. Jens Stöcker, Direktor des Museums für Kunst und Kulturgeschichte. Anschließend führt der Kurator Dr. Alexander Braun in die Ausstellung ein. Der Eintritt ist frei!

  • Ab 7. April von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt frei.
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