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Jugendring: Eine filmische Brücke zwischen Erinnerungsarbeit und dem Einsatz für Menschenrechte und Zivilcourage

Jugendring - Filmprojekt Asylrecht - Menschenrechte - Zivilcourage

Ein spannendes Filmprojekt hat der Jugendring zu Asylrecht und Zivilcourage auf die Beine gestellt – hier nimmt Kameramann Nils A. Witt gerade FHH-Leiter Bernd Weber „ins Visier“ . Foto: Alex Völkel

Bernd Weber macht einen ratlosen Eindruck: „Ich soll lustlos und grimmig sein und möglichst unhöflich spielen“, sagt der Leiter des Fritz-Henßler-Hauses achselzuckend. „Aber das ist gar nicht meine Art.“ Allerdings spielt er ja auch nicht sich selbst, sondern einen Abschiebungsbeamten. Eigentlich wollte er nur dem Jugendring das Haus für die Dreharbeiten zur Verfügung stellen. Doch jetzt ist Bernd Weber selbst Teil des Filmprojektes. Das Thema: „Menschenrechte verteidigen – Zivilcourage zeigen“.

  „Botschafter der Erinnerung“ haben das Drehbuch geschrieben

Jugendring - Filmprojekt Asylrecht - Menschenrechte - Zivilcourage

Die „Flüchtlinge“ Sangeeth (18) und Santhosh (17) mit Regisseur Cem Arslan. Foto: Alex Völkel

Das Drehbuch haben junge Dortmunder geschrieben – allesamt „Botschafter der Erinnerung“. Unterstützt werden sie dabei von Profis: Kameramann Nils A. Witt, Produktionsleiterin Anniki Lee (zugleich auch technische Beraterin) sowie Filmemacher und Regisseur Cem Arslan begleiten das ambitionierte Projekt.

„Ich bin selbst Migrant – kurdischer Alevit aus der Türkei“, sagt Arslan. „Meine Familie hat Verfolgung erlebt und dann die Anschläge in Solingen und Mölln gesehen. Als Filmemacher habe ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt“, sagt der Profi, der es  – mit Ausnahme seines Filmteams – mit engagierten Jugendlichen zu tun hat. Er ist begeistert von ihrem Einsatz.

Gemeinsam wollen sie das Thema Flucht und Vertreibung angehen. „Wir wollen eine Brücke zwischen der Erinnerungs- und der Menschenrechtsarbeit schlagen“, erklärt Projektleiter Andreas Roshol. „Wir können ja nicht nach Auschwitz fahren und dann das Asylrecht in Frage stellen.“

 Emotion und Personalisierung gegen Abgestumpftheit

Doch Asylrecht ist kein leichtes Thema: „Die Menschen sind sehr stumpf geworden“, erklärt Arslan. Daher haben sie sich für eine emotionale und personalisierte Herangehensweise entschieden – und ein modernes Erzählkonzept.

Denn der Film, der im März präsentiert werden soll, ist interaktiv: Die Zuschauer können zumindest beim Schauen der DVD entscheiden, welchen Personen sie folgen wollen. Den zwei jungen Flüchtlingen, die illegal und allein in der Nordstadt sind.

Den Menschen, die ihnen helfen, den Neonazis, die gegen Asylanten Stimmung machen, den Polizisten – einem Hardliner und einer Sympathisantin – oder eben dem Abschiebungsbeamten.

 Nordmarkt-Kiosk als Dreh- und Angelpunkt des Films

Dreharbeiten zum Film Zivilcourage am Nordmarkt

Santhosh (17) vor dem Nordmarkt-Kiosk. Hier laufen alle Handlungsstränge zusammen. Foto: Klaus Hartmann

Dreh- und Angelpunkt des ambitionierten Films ist der Nordmarkt-Kiosk. Hier in der Nordstadt kommen alle handelnden Personen zusammen, alle Handlungsstränge und die einzelnen Episoden, Sichtweisen und Geschichten werden hier miteinander verwoben.

Eine echte Herausforderung – denn die Geschichte von Nicolas Weidemann, Lara Schimmeregger, Carissa Wagner und Cem Arslan muss in jedem Handlungsstrang Sinn machen.

Gedreht wurde an drei Tagen auf dem Nordmarkt, im Fritz-Henßler-Haus und in und an der Jugendkirche in der Gut-Heil-Straße – gleichzeitig auch das Hauptquartier des ehrenamtlichen Filmteams des Jugendrings.

 Regisseur Cem Arslan: „Die Dortmunder Jugendlichen waren echt engagiert“

Jugendring - Filmprojekt Asylrecht - Menschenrechte - Zivilcourage

Die „Flüchtlinge“ Sangeeth (18) und Santhosh (17) mit dem „Abschiebebeamten“ Bernd Weber. Foto: Völkel

„Wir waren sehr erfolgreich. Die Jugendlichen waren echt engagiert“, findet der Filmemacher. Vor allem auch die, die kurzfristig eingesprungen sind. Dazu gehören Sangeeth (18) und Santhosh (17). Die beiden Brüder spielen die beiden Illegalen. Eigentlich wollte ihre Schwester die Hauptrolle spielen.

Doch die konnte nicht an allen Drehtagen. Zumindest die Rolle der Dolmetscherin übernahm sie. Ihre Brüder machten mit und wuchsen dabei über sich heraus. Ihre Eltern kamen selbst als Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland. „Daher können wir ungefähr verstehen, wieso sie Angst haben“, berichtet Sangeeth.

Die Brüder sitzen in der Jugendkirche. Bei der Probe dient die Kirchenbank als Wartebereich in der Ausländerbehörde. So soll deutlich werden, welche Angst Flüchtlinge vor dem übermächtigen Staat haben. Vor der drohenden Abschiebung in die unsichere Heimat, vor den demonstrierenden Neonazis vor der Tür. Für sie ist angeblich kein Platz in Deutschland. Unbeachtet steht die Weihnachtskrippe neben ihnen in der Kirche. Aber das ist eine andere „Flüchtlingsgeschichte“ über ein Kind, für das und seine Eltern auch kein Platz in der Herberge blieb…

 Rat vom Profi: „Ihr müsst die Köpfe und die Herzen der Zuschauer erreichen“

„Ihr müsst die Köpfe und die Herzen der Zuschauer erreichen“, erklärt Cem. Geduldig beschäftigt er sich mit seinen jugendlichen Laien. Sie nehmen die verantwortungsvolle Rolle an. Denn die Botschafter der Erinnerung wollen das populistisch besetzte Thema Asyl versachlichen und Verständnis für die Flüchtlinge wecken.

„Denn Asylmissbrauch begehen nur wenige Menschen. Doch das wird auf dem Rücken aller Flüchtlinge ausgetragen“, sagt Nicolas Weidemann (19). Der Jura-Student hat am Drehbuch mitgeschrieben und spielt selbst einen Polizisten mit Seehofer-Mentalität. Die Sozialwissenschaftsstudentin Carissa Wagner (20) stellt seine Kollegin dar und hat ebenfalls am Buch mitgearbeitet.

„Wir wollten das Thema aus Sicht der Flüchtlinge erzählen und unterschiedliche Einblicke geben.“ Das Besondere daran: Jeder Filmcharakter bietet eine andere Sichtweise auf das Thema und damit andere Handlungsoptionen.

 Echter Polizist verärgerte den türkischstämmigen Regisseur mit „Kanack-Sprache“

Dreharbeiten zum Film Zivilcourage am Nordmarkt

Die Demoszene auf dem Nordmarkt rief auch die echte Polizei auf den Plan. Foto: Klaus Hartmann

Das Thema Zivilcourage ereilte sie sogar bei den Dreharbeiten. Denn die Nordmarkt-Demoszene rief neben den „Film-Cops“ auch echte Polizisten auf den Plan.

Sehr zum Ärger von Regisseur Cem Arslan: Nicht, dass sie kamen, sondern das der Beamte ihn wiederholt und trotz Kritik daran auf „Kanack-Sprache“ ansprach. „Nix Problem, alles okay Kollega“, bekam der in Deutschland geborene Migrant hören. „Der Beamte meinte es wohl witzig. Aber das geht gar nicht“, betont Arslan rückblickend.

Daher machte er das auch lautstark deutlich, ohne die Situation eskalieren zu lassen. „Ich muss ja auch vor den Jugendlichen zeigen, dass man Zivilcourage zeigen muss.“

 Fazit: „Wir haben kein Hollywood-Niveau erreicht, aber ein gutes Ergebnis.“

„Zivilcourage“ ist auch der Arbeitstitel des Films. Alltagsrassismus fängt eben in der Sprache und mit der Wortwahl an. Die Dreharbeiten sind abgeschlossen, die Post-Production in vollem Gange. Zur Interkulturellen Woche im März soll der Film fertig sein. einen Titel wollen sie bis dahin auch entwickelt haben. „Wir haben kein Hollywood-Niveau erreicht, aber ein gutes Ergebnis.“

Teils sehr emotional war die Arbeit am Film. Viel Lob gab es von den Profis auch für Bernd Weber: Er hat die schwierige Aufgabe gemeistert, obwohl ihm die Rolle selbst nicht gelegen hat und es auch keine Vorbereitungs- oder Probezeit für ihn gab. „Er kann nächstes Mal gerne wieder mitspielen“, betont Regisseur Arslan lachend. „Dann bekommt er auch eine Rolle, die ihm besser liegt.“

 

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