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Serie Hafengeschichte(n): Fackeltour in die Historie – Besucher erkunden Dortmunds Hafen bei Nacht

Eine Fackeltour durch den Hafen bei Nacht. Foto: H. Appelhans/ Hafen AG

Eine Fackeltour durch den Hafen bei Nacht. Foto: H. Appelhans/ Hafen AG

Erlebnisraum Wasser: Zwischen Getreidesilos und alten Speichern, modernen Lagerhallen, Verladekränen und Containern, manche groß wie drei Kleingartenhäuschen, entfaltet Dortmunds Hafen seine ganz eigene Magie. In seinen Anlagen spiegeln sich Industrie, Schweiß und Arbeit längst vergangener Jahrzehnte, während gleichzeitig die Zukunft Einzug hält. Eine Welt, die Dortmunds Bürger stets aufs Neue verblüfft und die Besucher „sehr spannend“ finden. – Eine Fackeltour im Mondschein.

Das Hafenamt: 46 Meter, so hoch wie die New Yorker Freiheitsstatue ohne Sockel

Eine Fackeltour durch den Hafen bei Nacht. Foto: H. Appelhans/ Hafen AG

Eine Fackeltour durch den Hafen bei Nacht. Foto: H. Appelhans/ Hafen AG

Wie eine Nadel sticht die Turmspitze des Alten Hafenamtes gen Himmel. 46 Meter, so hoch wie die New Yorker Freiheitsstatue ohne Sockel. Erbaut auf einem Platz wie ein Aussichtspunkt, steht das markante Gebäude wie ein Leuchtturm, der die einfahrenden Schiffe begrüßt.

1899 wurde es eingeweiht, gemeinsam mit dem neu gegründeten Dortmunder Hafen. Wer die schwere Eingangstür öffnet, atmet das Aroma eines der letzten Bauten aus Wilhelminischer Zeit. Die weite Flurhalle. Das große Bodenmosaik mit Hansekogge und Stadtwappen. Das Treppengeländer mit den schmiedeeisernen Ankern. Die Gorch Fock als Ausstellungsstück, gestiftet von der Hansa-Brauerei, die es nicht mehr gibt.

Die Besucher sind beeindruckt. Sie schauen nach oben und staunen. Ein älterer Herr macht sich daran, die Echtheit des Materials zu prüfen – und klopft mit dem Finger auf den hölzernen Rundlauf des Treppengeländers.

Er weiß nicht, dass sie in den 60er Jahren in Versuchung waren, gegen das Gedächtnis anzubauen und das Alte Hafenamt, ehedem Sitz der Hafenverwaltung, abzureißen. Die Pläne scheiterten, und inzwischen steht das vom Kaiser Wilhelm II. bei der Hafeneinweihung verschmähte Gebäude unter Denkmalschutz: Rückzugsraum für die Wasserschutzpolizei und die Marinekameradschaft.

Rund 20 Bürger sind an diesem Sonntagabend gekommen, um sich von Kulturwissenschaftlerin und Hafen-Expertin Ute Iserloh mit Fackeln durch den nächtlichen Stadthafen führen zu lassen.

Aber wie sie hier oben stehen, in der 1. Etage des Alten Hafenamtes, vor dem 3 mal 4 Meter großen Hafen-Modell, Maßstab 1:500, da ahnen die ersten, dass es durchaus vorteilhaft sein kann, nicht unbedingt alle 11 Kilometer Uferlänge und alle zehn Becken abzulaufen, sonder sich auf einen 90-minütigen Rundgang zu beschränken.

Groß wie das Opel-Werk

Eine Fackeltour durch den Hafen bei Nacht. Foto: H. Appelhans/ Hafen AG

Eine Fackeltour durch den Hafen bei Nacht. Foto: H. Appelhans/ Hafen AG

Hier, am Modell, wird die Größe der Dortmunder Hafenlandschaft aus der Vogelperspektive erst richtig sichtbar. Stadthafen und Petroleumhafen. Südhafen und Kohlehafen. Und, und und… 1,7 Mio. Quadratmeter, so groß wie das Bochumer Opel-Werk. Der größte Kanalhafen Europas. Das größte zusammenhängende Industriegebiet Dortmunds. 170 Unternehmen. 5000 Beschäftigte. Und eine Brauerei.

„Das hätte ich nicht gedacht“, staunt Besucherin Elke Hunekuhl aus dem Ortsteil Höchsten. Sie hat die Tour von ihren Kindern zum Geburtstag geschenkt bekommen, sie möchte ihre Stadt „auch einmal von anderer Seite erleben.“ Sie beobachtet, wie ein Mann aus der Besuchergruppe per Knopfdruck am Modell ein Schiff in Bewegung setzt. Irgendjemand hat die Frage: „Wie schnell darf ein Schiff eigentlich fahren?“ – „Zwölf Stundenkilometer!“ – „Ach? Da bin ich mit dem Rad ja schneller.“ Die Gruppe lacht.

Einige Minuten später beobachten verblüffte Autofahrer am Sunderweg, wie eine Prozession von Fackelträgern in der Dunkelheit vom Platz des Alten Hafenamtes hinuntersteigt zur Hafenbrücke. Einige hupen. Es ist ein milder Abend, kein Schiffsverkehr, das Wasser liegt still und glatt. Jeder Tritt und jeder Schritt ein Weg in die Historie. Ein älterer Herr wirft ein, dass hier der Radwanderweg entlang des Dortmund-Ems-Kanals bis nach Emden verlaufe, 350 Kilometer.

Eine Fackeltour durch den Hafen bei Nacht. Foto: H. Appelhans/ Hafen AG

Eine Fackeltour durch den Hafen bei Nacht. Foto: H. Appelhans/ Hafen AG

Ute Iserloh zeigt mit dem Arm nach rechts. Dort drüben, so müssen sich die Zuhörer das vorstellen, standen über Jahrzehnte hinweg Hunderte von Werkswohnungen, die Union-Vorstadt. Jene Arbeitersiedlung, die zur „Union Aktiengesellschaft für Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie“ gehörte, die auf der anderen Seite des Stadthafenbrücke lag und um 1900 der größte Arbeitgeber war.

Bis an die Innenstadt reichte das Firmengelände. Es wurde 1961, bis die letzte Familie die Union-Vorstadt verließ. Als sie 1895 mit dem Bau des Hafens begonnen hatten, mussten sie noch um die Siedlung herum bauen. Heutzutage ist das Gelände Industriegebiet und Teil des Hafens.

Fotoapparate klicken, die ersten Handys werden gezückt. Es geht vorbei an der Gaststätte „Hafenglück“, die geschlossen hat. Irgendjemand aus der Gruppe merkt launig an, er würde jetzt gern die Bergmann-Brauerei besichtigen und ein Gläschen trinken. Es geht über Kiesel und Schotter, über gepflasterte Straße und Gleise. Verschlossene Werkstore und mannshohe Zäune. Ruhig, als könne sie kein Wässerchen trüben, liegt die „New Vista“ am Kai. Sie hat Stahl geladen.

Erinnerungen an die Stahl-Ära

Rund 3000 Schiffe werden in Dortmunds Hafen jährlich be- und entladen. Seit die Hochöfen erloschen sind, ist Stahl in der Rangliste der Umschlagsgüter ein gutes Stück nach unten gerückt. In der Neuzeit dominieren Container, Baustoffe und Mineralöle. Und billige Importkohle. „Dabei ist der Hafen ursprünglich für den Import von Erz und für den Export von Kohle und Stahl gebaut worden“, erklärt Kulturwissenschaftlerin Iserloh.

Der Dortmunder Hafen wurde auf Postkarten verewigt.

Der Dortmunder Hafen wurde auf Postkarten verewigt. Repro: WWA

Die Gruppe stoppt. Sie hat das Stahlanarbeitungszentrum erreicht. Der große Ladekran. Die Halle, deren Dach übers Wasser hinausreicht. Die vielen Coils. Die Besucher recken die Hälse und lassen die Blicke schweifen. Wie sie ausharren, im Dunkel und beleuchtet vom Schein ihrer Fackeln, mag für einen kurzen Augenblick die Vergangenheit lebendig werden und die Erinnerung aufflammen an die alte Kohle- und Stahlstadt Dortmund.

Glühendes Eisen und Hochöfen. Lodernde Feuer. Im Geiste sieht man den Hafen voller Schiffe. Beladen mit Erz, Kohle und Stahl. Frau Iserloh kennt Erzählungen, in denen die Schubverbände dicht an dicht lagen, dass man nur über sie hinweg steigen musste, um ans andere Ufer zu gelangen.

Hier, im Stahlanarbeitungszentrum, werden Coils zugeschnitten, „aus größeren Coils kleinere gemacht“, wie  Iserloh ihren Zuhörern anschaulich erklärt. Aus Schweden würden die Coils geliefert, aus Israel. „Sie kommen per Schiff aus der ganzen Welt und gehen auch per Schiff wieder zurück.“

Denn die Anbindung des Dortmunder Hafens an das westdeutsche Kanalnetz ist gut: Über den Dortmund-Ems-Kanal sind die deutschen Nordseehäfen zu erreichen. Und über den Datteln-Wesel-Kanal und den Rhein-Herne-Kanal gelangen die Schiffe auf den Rhein – und haben dort den direkten Anschluss an die „Big Player“ in Zeebrügge, Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen. Der Anschluss an die Welt. Und irgendwann, so die Hoffnung der Hafen-Akteure, möge auf dem Weg zur Schleuse in Henrichenburg auch das ein oder andere Brückenbauwerk angehoben werden, etwa die Schwieringhauser Brücke. Sie ist mit 5,02 Meter zu niedrig, um von Schiffen mit zweilagigem Containertransport unterquert werden zu können.

Kein Geräusch ist an diesem Abend zu hören. Kein Lkw, der sich über die Kanalstraße seinen Weg zu einer der Hafen-Firmen sucht. Keine Waggons der Dortmunder Eisenbahn, die rumpelnd den Weg der Fackelträger kreuzen würden. Sogar die alles überragenden Brücken des Container-Terminals stehen still in der Dunkelheit.

Nur in der Kajüte des Schubverbandes von Willaert de Kimpe brennt Licht. Wie zum Beweis hat der Belgier Coils geladen, über die Tour-Leiterin Iserloh eben noch gesprochen hatte. Vielleicht ist es gut, dass sich keiner der Vorhänge an den Fenstern bewegt. Herr de Kimpe hätte sich vielleicht erschrocken über die Gruppe von Menschen, die sich in der Dunkelheit mit Fackeln in den Händen im Halbkreis vor dem Schiff aufgestellt hat. Linker Hand das Raiffeisen-Silo, das wie ein unverrückbarer Monolith die anderen Gebäude überragt. Drüben, auf der anderen Seite, auf der Speicherstraße, schälen sich die Umrisse der Speicherhäuser ab. Logistikunternehmen sitzen dort.

Die Zukunft hat in Dortmund Einzug gehalten

Der Dortmunder Hafen wurde auf Postkarten verewigt.

Der Dortmunder Hafen wurde auf Postkarten verewigt. Foto: WWA

Wer will, bleibt stehen und lässt für einen langen Moment seine Phantasie schweifen zurück in die Vergangenheit. Dann sieht er Händler und Kontoristen. Sieht er Arbeiter, die Säcke schleppen und Pferde, die Fuhrwerke über Kopfsteinpflaster ziehen.

Wechselte die Besuchergruppe jetzt die Seite und zöge zur Speicherstraße, stünde sie möglicherweise vor dem Gebäude der früheren „Mehl- und Kolonialwarengroßhandlung“ der Gebrüder Rosendahl. 1904 von Paul und Max Rosendahl gegründet, beschäftigte das Unternehmen bis zum Zweiten Weltkrieg rund 150 Mitarbeiter, auch die Kaffeerösterei im Seitenflügel lief gut.

Aber Ende der 60er Jahre kam das Aus, der Betrieb erlosch. Geblieben ist das gusseiserne Familienwappen, das noch immer immer stolz und traditionsbewusst über dem Eingang prangt. Die Spuren der Vergangenheit sind überall zu finden. Man muss sie nur sehen.

Die Zukunft hatte an der Speicherstraße kurz vorbeischaut, vor Jahren, als die Strandbar Solendo eröffnete. Sie kam in Gestalt von Plänen und Computeranimationen daher. Sie versprach die „Docklands Dortmund“ und eine kleine Kneipen- und Amüsiermeile, ein bisschen Szene-Hafen. Längst Geschichte. Nun nimmt die Zukunft einen zweiten Anlauf für die Speicherstraße: nicht für einen „Szene-Hafen“ und auch nicht für eine Partymeile. Zu laut für die Anwohner, zu konfliktbeladen mit einem Industrie- und Gewerbegebiet. Wohl aber würde sie Büros mitbringen, das ein oder andere Restaurant und vielleicht auch eine Galerie und ein Atelier.

Dafür hat die Zukunft längst an anderer Stelle Einzug gehalten. Sie zeigt sich in Gestalt der alles überragenden Brücken des Containerterminals Dortmund (CTD) an der Kanalstraße. 1989 wurde es eröffnet und kombiniert den Ladungsverkehr von Schiff, Lkw und Bahn. Seitdem stehen die Zeichen auf Wachstum. Inzwischen ist das Terminal dreimal erweitert worden, aber die Kapazitäten sind schon wieder erschöpft, so dass über den Neubau einer Umladestation am Alten Hafenbahnhof nachgedacht wird.

Es war einmal ein Hafen, der für die Belange der Kohle- und Stahlindustrie gebaut worden war. Dann kam die Strukturkrise ins Ruhrgebiet, die die alten Industrien schleifte. Mit der Strukturkrise kamen aber auch neue Technologien, neue Transport- und Warenströme. Es kam: der Container. Und er kam mit Wucht. Schon jetzt machen Container rund ein Drittel des Güterumschlages aus. Die Strukturkrise hat Dortmunds Hafen zu einem Universalhafen geformt, der die Region und die Welt beliefert.

Eine Landschaft aus Containern in der Nordstadt

Eine Fackeltour durch den Hafen bei Nacht. Foto: H. Appelhans/ Hafen AG

Eine Fackeltour durch den Hafen bei Nacht. Foto: H. Appelhans/ Hafen AG

„Braucht jemand von Ihnen eine Kiste?“ Nach einigen Schritten links herum und über die Schienen der Dortmunder Eisenbahn ist Ute Iserloh vor einem Gebäude stehengeblieben. „Nö, jetzt noch nicht“, kommt es trocken aus der Gruppe zurück. Gelächter.

Hemuth Genth arbeitet als Lastwagen-Fahrer und kennt sich aus im Hafengebiet. Er weiß, was nun folgt: ein Kurzvortrag über die Firma Deufol. Ein weltweit tätiges Unternehmen, das Verpackungen für Schwerguttransporte herstellt und für Industrieanlagen, maßgeschneidert für die klimatischen und statischen Bedingungen während des Transportes. Insofern ist Deufol ein klassisches Beispiel für eines der vielen „hafen-affinen“ Unternehmen, die ohne die Infrastruktur des Hafens wahrscheinlich nicht in Dortmund säßen und Arbeitsplätze brächten.

Der Hafen hat viele solcher Geschichten zu erzählen. Hier die Speichergebäude mit dem Charme längst vergangener Zeiten. Dort die Lagerhallen mit modernster Technik für Güterumschlag und Warentransport.

Das Zusammenspiel von Schiene, Straße und Wasser, das seit Jahrzehnten gewachsen ist. Nur hat sich Dortmunds Hafen im Bewusstsein der Bürger nie als Erlebniswelt  verankert, so dass der Hafen und seine Anrainer mit ihren vielen kleinen und großen Highlights über die Jahrzehnte immer ein wenig unter sich geblieben sind.

Ja, sicher, dass Dortmund einen Hafen habe, das hat Besucherin Ute Genth gewusst. Schließlich sei ihr Vater bei den Deutschen Gasrusswerken beschäftigt gewesen, die ja ebenfalls hier ansässig sind, erzählt sie auf dem Rückweg zum Alten Hafenamt. „Wie groß unser Hafen aber tatsächlich ist, das habe ich nicht gewusst.“

Frau Genth findet, man müsse ihn wenigstens ein Mal gesehen haben, „weil es viele neue Eindrücke bringt und man die Stadt kennen sollte, in der man lebt.“ Elke Hunekuhl, die Besucherin aus dem Ortsteil Höchsten, findet den Hafen so interessant, dass sie überlegt, „das Gebiet bei Tageslicht mit dem Fahrrad zu erkunden“, sagt sie.

Auf dem Rückweg kommt die Gruppe zur Kanalstraße. Sie bleibt vor einem verschlossenen Tor stehen. Vor ihr türmt sich eine gewaltige Landschaft aus Containern. Überall Container, übereinander und nebeneinander gestapelt. So werden aus der ganzen Welt nach Dortmund geliefert und gehen von hier, an der Kanalstraße, auch wieder zurück in die Welt. Manche sind hoch und breit wie drei Kleingartenhäuschen zusammen. Hapag-Lloyd steht drauf, Yang Ming und China Shipping.

 

Hafenbuch ist im Handel erhältlich

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Der Dortmunder Hafen: Geschichte – Gegenwart – Zukunft“ . Das Buch ist im Aschendorff Verlag unter der ISBN-Nr. 978-3-402-13064-3 erschienen und für 24,80 Euro im Buchhandel erhältlich.

 

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