
Das Land Nordrhein-Westfalen plant eine neue Maßnahme für Vorschulkinder, die noch nicht ausreichend Deutsch sprechen können. Dazu sollen ab dem Schuljahr 2028/2029 sogenannte ABC-Klassen eingerichtet werden. An der geplanten Umsetzung und Wirksamkeit äußern die Träger von Kindertageseinrichtungen, die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und Fabido, Kritik.
Kita-Kinder lernen am besten in gewohntem Umfeld
Für Kinder mit festgestelltem Sprachförderbedarf ist eine verpflichtende Teilnahme, vergleichbar mit einer vorgezogenen Schulpflicht, vorgesehen. Dafür sollen die Kinder zweimal wöchentlich für einen Vormittag eine nahegelegene Grundschule besuchen.

Vorschulkinder würden allerdings am besten in ihrem gewohnten Umfeld lernen – gemeinsam mit anderen Kita-Kindern und ihren vertrauten Erzieher:innen. So schildert es Petra Bock, Fachbereichsleiterin Elementarbereich bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO). „Kinder lernen emotional, brauchen Nähe zum Personal und müssen sich wohlfühlen“, sagt sie.
Externe Förderangebote könnten diese gewachsenen Beziehungen kaum ersetzen. Mit den geplanten ABC-Klassen als Vorschulkurse soll die Sprachbildung jedoch aus den Kitas ausgelagert werden. Bislang wurden Kinder mit Förderbedarf in sogenannten Sprach-Kitas betreut. Finanziert wurden die Sprach-Kitas, in denen eine qualifizierte Sprachfachkraft arbeitet, vom Land NRW. Diese Förderung läuft zum Ende des Jahres aus.___STEADY_PAYWALL___
Sprach-Kitas laufen aus, aber ABC-Klassen kommen erst in zwei Jahren
Die AWO habe allerdings bereits jetzt finanzielle Probleme, die Sprach-Kitas umzusetzen, so Bock. Die bereitgestellten Fördermittel in Höhe von 25.000 Euro für die Fachkraft reichten nicht einmal für eine halbe Stelle. Fehlende Beträge dürften neuerdings weder aus dem Kinderbildungsgesetz (KiBiz) noch aus Rücklagen ausgeglichen werden.

„Es ist gewollt, dass das Projekt stirbt“, sagt die Fachsbereichsleiterin der AWO. Zehn von 22 AWO-Kitas müssten die entsprechenden Stellen deshalb aufgeben.
„In einer Sprachkita liegen die inhaltlichen Schwerpunkte auf alltagsintegrierter sprachlicher Bildung, inklusiver Pädagogik und der Zusammenarbeit mit Familien“, beschreibt sie den Ansatz, der lange vom Bund begleitet und wissenschaftlich evaluiert worden sei.
Durch das Auslaufen der Sprach-Kitas und dadurch, dass die ABC-Klassen erst in zwei Jahren eingeführt werden sollen, entsteht eine zeitliche Lücke ohne eine sprachliche Förderung von Kindern. Neben dieser zeitlichen Lücke stellen sich die Träger dazu die Frage: Warum muss Neues entstehen und warum kann Bestehendes nicht ausgebaut werden?
ABC-Klassen würden Abkehr von Prinzipien frühkindlicher Bildung bedeuten
Bock betont vor allem die Bedeutung von alltagsorientierter Sprachbildung. Vorschulkinder würden anders lernen als Erwachsene, gar Schulkinder, so Bock. Die alltagsorientierte Sprachbildung findet eben namenstreu im Alltag statt. Sprache werde nicht isoliert vermittelt, sondern in Spielsituationen, im Morgenkreis oder beim gemeinsamen Essen gefördert. Kinder tauchten in ein „Sprachbad“ ein, das in den Tagesablauf eingebettet sei, sagt die AWO-Fachbereichsleiterin.

Die Kritik an den geplanten ABC-Klassen als verschulte Formen des Lernens setzt genau dort an. Für die ABC-Klassen sollen die Kinder aus ihrem Umfeld herausgenommen werden und zweimal die Woche in eine externe Schule mit einer fremden Lehrperson und fremden Kindern gebracht werden.
Kita-Kinder bräuchten allerdings Kontinuität und Orientierung – Dinge, die durch den Systemwechsel zwischen Schule und Kita drohen verloren zu gehen, heißt es in einer Stellungnahme der Stadt Dortmund.
Für die Stadt bedeutet die Verpflichtung zum Besuch der ABC-Klassen außerdem eine „Abkehr vom Prinzip der alltagsintegrierten Sprachförderung und damit eine Abkehr von den Prinzipien frühkindlicher Bildung, wie sie im Kinderbildungsgesetz vorgeschrieben sind.“ Monika Nienaber-Willaredt hätte es sich gewünscht, dass die alltagsorientierte Sprachbildung mit den ABC-Klassen „zusammengedacht“ worden wäre.
Sprachförderung soll nicht zu Stigmatisierung der Kinder mit Sprachbedarf führen
Sie möchte etwas anderes vorschlagen: Die Grundschullehrer:innen kommen in die Kitas, statt die Kinder in die Schulen, unterrichten sie in ihrem gewohnten Umfeld gemeinsam mit dem Kitapersonal, das die Kinder genau kennt. Im Kita-Umfeld könnten dadurch auch die Eltern in die Sprachförderung eingebunden werden. Die Stadt Dortmund weist darauf hin, dass eine abgestimmte Elternarbeit als Gelingensfaktor für Sprachförderung gilt. In externen Kursen wird dieser Vorteil nicht genutzt.

Denn ein externes Angebot bedeute auch eine aktive Sonderbehandlung von Kindern mit festgestelltem Förderbedarf. Wenn einzelne Kinder verpflichtend an ABC-Klassen teilnehmen müssten, andere jedoch nicht, könne das als Ausgrenzung und Stigmatisierung empfunden werden.
„Das Nachbarskind muss zur ABC-Klasse, die anderen aber nicht“, beschreibt Sarah Heidenreich-Strunk, Bereichsleiterin Kinder, Jugend und Familie bei der AWO Dortmund das Problem.
Bisher sei Sprachbildung ein Angebot für alle Kinder und werde selbstverständlich in den Alltag integriert, sagt Heidenreich-Strunk. Für den städtischen Träger Fabido bestünde demnach die Gefahr, dass der Schuleinstieg erschwert statt erleichtert würde.
Grundschulen werden durch ABC-Klassen doppelt belastet
Die Träger sehen neben den inhaltlichen Schwächen auch erhebliche organisatorische Fallstricke. Heidenreich-Strunk sieht die Kapazitäten von Grundschulen, was Personal sowie Räumlichkeit betrifft, gänzlich ausgeschöpft. Die Schulen hätten jetzt schon oftmals Schwierigkeiten die Stundentafel bedienen zu können und müssten leider oftmals kreative Wege nutzen, weil Personal fehle.
Zudem seien die räumlichen Kapazitäten vieler Grundschulen ausgeschöpft. Es gebe keine zusätzlichen Anbauten, sondern lediglich Anpassungen in bestehenden Gebäuden. Wenn Schulen bereits mit 100 Prozent ausgelastet seien, stelle sich die Frage, wo zusätzliche Gruppen untergebracht werden sollten.
Fraglich ist auch, wie die Kinder in die Grundschulen gebracht werden sollen. Auch hier seien die Kapazitäten der Schülerbeförderung bei den angefragten Trägern bereits stark beansprucht. Durch eine Implementierung schulischer Vorkurse müssten ebenso die Schuleingangsuntersuchungen vorgezogen und die Sprachstandsfeststellungen ausgebaut werden.
Circa 40 Prozent der Kinder haben Probleme beim Deutsch sprechen
Angesichts dieser Herausforderungen bewertet die Stadt Dortmund der Vorbereitungszeit von anderthalb Jahren bis zu den Schulanmeldungen für das Schuljahr 2028/2029 als „ambitioniert“. Im Zuge des Einsetzens der ABC-Klassen sollen die Schulanmeldungen ins Frühjahr, anderthalb Jahre vor Schuleintritt, vorgezogen werden. Bisher wurden Kinder im Herbst vor dem Schulstart angemeldet.
Unbestritten ist der Handlungsbedarf bei der Sprachförderung von Kindern. 40 Prozent der Kinder in der Metropole Ruhr weisen Einschränkungen bei der Sprachkompetenz auf, wie der Bildungsbericht Ruhr aus 2024 zeigt.
Die bereits laufenden Sprachfördermaßnahmen würden durch die Neuplanung übergangen, sagen sowohl die AWO als auch die Stadt Dortmund. In einer geplanten Erweiterung des Kibiz soll die Sprachförderung in sogenannten Chancen-Kitas zusammengeführt werden – einer Zusammenlegung der Sprach-Kitas und Familienzentren.
Der Gesetzesentwurf der ABC-Klassen sei jedoch nicht an die laufenden Maßnahmen im Kibiz-Gesetz angepasst. Fragen bezüglich der Zuständigkeit und Zusammenarbeit der Handlungsakteure blieben offen, heißt es in der Stellungnahme der Stadt.
Träger wünschen sich Ausbau bestehender Maßnahmen
110 Millionen Euro möchte das Land NRW für die Implementierung der ABC-Klassen bereitstellen. Monika Nienaber-Willaredt sieht dieses Geld besser in der Unterstützung bereits bestehender Angebote genutzt. Ein ohnehin hoch belastetes System zusätzlich zu strapazieren und bewährte Strukturen zu schwächen, sei auch aus Sicht der AWO kein überzeugender Weg.
Sowohl die AWO als auch die Stadt Dortmund plädieren stattdessen für eine stärkere Verzahnung und einen fließenden Übergang von Kita und Schule. Eine gezielte Förderung im letzten Kita-Jahr für alle Kinder könne eine solide Basis schaffen, an die die Grundschule im ersten Jahr anknüpfe, so die AWO.
Die Jugend- und Schuldezernentin Nienaber-Willaredt spricht sich für ein verpflichtendes letztes Kita-Jahr für Kinder mit Sprachförderbedarf aus. Damit würden auch diejenigen Kinder erreicht werden, die nicht in eine Kita gehen. Entscheidend bleibe die Frage, wie Kinder bestmöglich gefördert werden – und an welchem Ort dies am nachhaltigsten gelingt.
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Reaktionen
Verpflichtendes letztes Kitajahr statt ABC-Klassen: Verwaltung kritisiert Konzept der Schulministerin (PM)
NRW-Schulministerin Feller hat vor wenigen Wochen die Pläne für die Einführung sogenannter ABC-Klassen vorgestellt. Kinder, die nicht über die notwendigen deutschen Sprachkenntnisse verfügen, sollen im Schuljahr vor ihrer Einschulung zweimal pro Woche für jeweils zwei Stunden verpflichtend eine ABC-Klasse in einer Grundschule besuchen. Die ersten verpflichtenden ABC-Klassen sollen im Schuljahr 2028/29 beginnen.
Die Fraktion GRÜNE & Volt hatte mit einer Anfrage im Schulausschuss die Verwaltung um eine Bewertung und Einschätzung der Einführung der ABC-Klassen gebeten. Die Antwort liegt nun vor.
„Der Fachbereich Schule teilt zwar das Ziel, durch eine frühzeitige und verbindliche Sprachförderung die Voraussetzung für einen erfolgreichen Schulstart zu verbessern und Bildungsbenachteiligungen möglichst frühzeitig zu reduzieren. Das ABC-Klassen-Konzept der Schulministerin wird diesem Ziel allerdings laut Verwaltung an verschiedenen Stellen nicht gerecht“, erläutert Fatime Şahin, Mitglied der Fraktion GRÜNE & Volt im Schulausschuss.
Insbesondere kritisiert die Verwaltung, dass einerseits die Gelder für Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen reduziert werden, während anderseits dadurch entstehende Defizite später durch kostenintensive ABC-Klassen kompensiert werden sollen. Dazu kommt, dass die Einführung der ABC-Klassen erhebliche zusätzliche Aufgaben für Verwaltung und Schulen bringt. Das betrifft insbesondere die dafür benötigten zusätzlichen Räume an eh schon vollen Schulen, die Organisation der Beförderung von Kindern aus Kitas zu den jeweiligen Grundschulen sowie insgesamt die Koordination zwischen Schulen, Schulaufsicht, Kindertageseinrichtungen, Schulen und Schulträgern. Dazu kommt die Vorverlagerung der Schulanmeldung und der schulischen Sprachstandsfeststellung.
„Aus Sicht der Verwaltung wäre es besser, die benötigten Gelder für die ABC-Klassen in die schon bestehende Sprachförderung in den Kindertageseinrichtungen und in Brückenprojekte für Kinder ohne Schulplatz zu investieren. Und damit jedes Kind davon profitieren kann, sollte es für Kinder mit Sprachförderbedarf ein verpflichtendes letztes Kitajahr geben. Denn noch immer besucht nicht jedes Kind vor der Schule eine Kita. Diesen Forderungen schließen wir uns an“, so Fatime Şahin abschließend.