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Glasbruch im Kinderzimmer: Gefäß- und Nerven-Spezialisten des Nordstadt-Klinikums retten den Arm eines Achtjährigen

Ein lautes Klirren, ein Schrei: Katrin Kunze rennt in das Kinderzimmer ihres jüngsten Sohns Leon und findet ihn zusammengesunken in den Scherben der Fensterscheibe. Sein Körper, blutüberströmt. „Der Schnitt unterhalb der linken Achselhöhle reichte bis auf den Knochen“, sagt Dr. Markus Winkler, Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin/Angiologie, der den Jungen wenig später im Klinikum Dortmund operieren wird. Die Mutter reagiert sofort, versucht mit bloßer Hand die Blutung zu stoppen und schreit um Hilfe, bis die Nachbarn herbeieilen.

Bett als Trampolin – Junge fiel in die einfach verglaste Fensterscheibe

Leon mit seiner Mutter Katrin Kunze und Dr. Paul Oni (hinten) sowie Dr. Markus Winkler. Foto: Klinikum

Leon mit seiner Mutter Katrin Kunze und Dr. Paul Oni (hinten) sowie Dr. Markus Winkler. Foto: Klinikum

Die Ersthelfer wechseln sich ab, greifen beherzt zu und können die Wunde abdrücken. „Wahrscheinlich ist er auf seinem Bett herumgesprungen, als eine der Latten unter der Matratze brach und er auf der Suche nach Halt in das einfach verglaste Fenster fiel“, vermutet Katrin Kunze rückblickend.

Als dem Achtjährigen schwarz vor Augen wird, murmelt er noch: „Tschüss Mama, ich sterbe jetzt“. Katrin Kunze redet ständig auf Leon ein, damit er bei Bewusstsein bleibt. Sie wird diesen Moment nie vergessen.

Der Rettungswagen bringt Leon um 18.34 Uhr ins Klinikum Dortmund, Standort Nord. Die Ärzte diagnostizieren eine komplexe Schnittverletzung. Haut, Muskulatur, Blutgefäße und Nervenenden sind durchtrennt. Alle wichtigen „Leitungen“ zum Unterarm und zur Hand sind betroffen.

„Unser oberstes Ziel war es zunächst, die Durchblutung wieder herzustellen“, sagt Gefäßspezialist Dr. Winkler, der den Jungen zusammen mit Dr. Paul Oni, Oberarzt der Neurochirurgie, behandelt. Zwar können Arm und Hand für eine gewisse Zeit über die noch intakten Blutgefäße längs der Schulter mit Blut und damit Leben versorgt werden, doch die Zeit drängt.

„Im schlimmsten Fall hätte Leon seinen Arm verloren“, sagt Dr. Winkler. Deshalb ist es dem Mediziner auch ein persönliches Anliegen, Eltern vor den Risiken durch Glasbruch in einem Kinderzimmer zu warnen. „Betten, die Kinder allzu gern als Trampolin benutzen, gehören nicht in Fensternähe.“

Bei Kindern ist die Chance auf eine mögliche Heilung höher

Die Herausforderung während der OP besteht zunächst darin, mit der Lupenbrille die durchtrennten Blutgefäße und Nervenenden in der offenen Wunde zu finden und wieder zusammenzunähen.

„Gefäße von jungen Menschen sind recht elastisch und rollen sich einfach zusammen, wenn sie durchtrennt werden. Bei Kindern ist die Chance auf eine mögliche Heilung höher“, sagt Dr. Winkler. „Würden wir uns als Erwachsene und noch dazu als Gefäßchirurgen eine solche Verlet- zung zuziehen, wären wir wohl berufsunfähig.“

Nachdem die Blutgefäße verbunden sind, macht sich Dr. Oni an die Nervenbahnen, die im Achselbereich nahezu die Dicke eines Säuglingsfingers erreichen. Einen solchen Nerv müsse man sich vorstellen wie ein Bündel Spagetti, sagt er. Das heißt, dass in so einem Nerv – wie auch in manch einem Kabel – mitunter zig feinere „Kabel“ verlaufen. „Das Vernähen der Nervenhüllen erfolgt unter dem Mikroskop und mithilfe von Fäden, die so dünn wie ein Haar sind“, erklärt Dr. Oni.

Inzwischen sind gut zwei Wochen seit dem Eingriff vergangen. Leon muss eine Schlinge tragen, um den Arm ruhig zu halten. Die Wunden verheilen gut, bald kann mit der Krankengymnastik begonnen werden. Doch es wird noch lange dauern, bis er den Arm wieder voll belasten kann. Wie die meisten 8-Jährigen würde sich Leon natürlich jetzt in den Sommerferien lieber im Schwimmbad abkühlen. Doch daraus wird erst einmal nichts.

Immerhin: Nach dem Fäden-ziehen neulich im Klinikum gab es für ihn zu Hause als Belohnung eine Wasserpistole. Mit dem Daumen kann Leon schon wieder wackeln.

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