Gründungsleiter Dr. Heinrich Tappe (64) übergibt an Corinna Schirmer (32)

Generationswechsel im Brauereimuseum

Corinna Schirmer (32) ist die neue Leiterin des Brauereimseums in der Nordstadt.
Kulturanthropologin Corinna Schirmer (32) ist die neue Leiterin des Brauereimseums in der Nordstadt. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Generationswechsel im Brauereimuseum: Der Gründungsleiter Dr. Heinrich Tappe (64) geht nach 15 Jahren in den Ruhestand. Seine Nachfolgerin – sehr ungewöhnlich bei Stellenwechseln bei der Stadt Dortmund – ist schon da: Corinna Schirmer (32) übernimmt die Aufgabe. Sie übernimmt „ein gut bestelltes Haus“, wie Stefan Mühlhofer, Geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe, bei der Übergabe des Staffelstabs betont. 

„Ich habe mich in Dortmund immer sehr wohl gefühlt“

Gründungsleiter Dr. Heinrich Tappe (64) geht nach 15 Jahren in den Ruhestand.
Gründungsleiter Dr. Heinrich Tappe (64) geht nach 15 Jahren in den Ruhestand. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Mit Tappe verliert die Stadt viel Kompetenz: Kaum jemand in Dortmund kennt sich so gut mit der Geschichte der lokalen Brauereien aus. Er hatte das neue Museum nicht nur aufgebaut und seit 2006 geleitet, sondern zuvor schon ab 1999 das Brauereiarchiv im Westfälischen Wirtschaftsarchiv Dortmund aufgebaut. 

Mit einer Reihe von Veröffentlichungen profilierte sich Tappe bis zuletzt als profunder Kenner und akribischer Rechercheur der Dortmunder Brauereigeschichte. Zuletzt erarbeitete er Beiträge zur Geschichte der Dortmunder Actien-Brauerei sowie zur Dortmunder Union-Brauerei, der lange Zeit größten Brauerei Deutschlands.

Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

„Ich habe mich in Dortmund immer sehr wohl gefühlt“, sagte der scheidende Museumsleiter. Er blickt auf bewegte Jahre zurück: Die „Eröffnung mit all dem Stress und der großen Ungewissheit, ob dies in der kurzen Zeit  zu schaffen“ sei, ist ihm gut in Erinnerung. 

„Es war ein ungewöhnlich kalter Winter und eine schrecklich kalte Baustelle“, sagt er heute lachend. Doch mit der Eröffnung und dem ersten schönen Tag war er mit der Baustelle versöhnt. „Ab da war es nur noch schön und ich denke gerne daran zurück“, so Tappe.

„Ich interessiere mich nicht nur fürs Bier, sondern auch fürs Essen“

Es gibt keine Sonderfläche für Wechselausstellungen. Gegen den Willen des Ausstellungsarchitekten wird eine Fläche innerhalb der Dauerausstellung genutzt.
Es gibt keine Sonderfläche für Wechselausstellungen. Gegen den Willen des Ausstellungsarchitekten wird eine Fläche innerhalb der Dauerausstellung genutzt. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Auch an die erste Sonderausstellung „BVB 09 und die Dortmunder Brauereien“ aus dem Jahr 2009, die er mit BVB-Archivar Gerd Kolbe gemacht hat, denkt er gerne zurück. „Das war ein ganz dankbares Thema und eine sehr schöne Sache.“ Doch sie offenbarte auch das Manko des Brauereimuseums: Es gibt keine Flächen für Wechselausstellungen. Die Hoffnung, dies vielleicht im historischen Sudhaus machen zu können, erfüllte sich nicht. 

Doch auf solche Sonderausstellungen wollte und konnte Tappe nicht verzichten: Daher nutzte er – gegen den Willen des Ausstellungsarchitekten – eine Fläche innerhalb der Dauerausstellung. Der Architekt war nicht begeistert, da dieser die Sichtachsen in den Räumlichkeiten erhalten wollte. Doch Tappe setzte sich durch.

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Weitere Schauen folgten: Dr. Heinrich Tappe recherchierte und gestaltete beispielsweise auch „Von Bierpalästen, Kneipen und Trinkhallen“ (2013) oder die Ausstellung „Essen außer Haus: Von Restaurants und anderen Speisegaststätten“ – letztere in Kooperation mit dem MKK und dem Hoesch-Museum. 

„Ich interessiere mich nicht nur fürs Bier, sondern auch fürs Essen“, begründet er die Ausstellungsidee. „Daher kann ich den Beruf des Ausstellungsmachers und Museumsleiters so empfehlen. Man beschäftigt sich mit ganz vielen Themen und so habe ich viel über Restaurants erfahren.“ Unter seiner Federführung entstanden ein Film und die Medienstationen im Museum, außerdem ist er Autor eines Informationsfilms zur Geschichte des U-Turms, der im Foyer des Dortmunder U zu sehen ist.

„Sie sind mit Abstand der beste Kenner der Brauereigeschichte in Dortmund“

Gründungsleiter Dr. Heinrich Tappe (li.) übergibt die Museumsleitung an Corinna Schirmer. Blumen gab es von Stefan Mühlhofer, Geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe.
Gründungsleiter Dr. Heinrich Tappe (li.) übergibt die Museumsleitung an Corinna Schirmer. Blumen gab es von Stefan Mühlhofer, Geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

„Heinrich Tappe ist es zudem gelungen, die wichtige Kooperation zwischen der Stadt als Trägerin des Museums, der Dortmunder Actien-Brauerei als Vermieterin und Partnerin bei Veranstaltungen und der Stiftergesellschaft als Förderverein über all die Jahre zu pflegen und lebendig zu halten“, würdigt Dr. Stefan Mühlhofer, Geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe. 

„Sie sind mit Abstand der beste Kenner der Brauereigeschichte in Dortmund, weshalb wir sie auch im Ruhestand anzapfen wollen. Wir haben ja den Auftrag, eine neue Stadtgeschichte zu schreiben – da ist die Brauereigeschichte ein wichtiges Kapitel“, betont Mühlhofer mit Blick auf die Entscheidung des Kulturausschusses in der vergangenen Woche. 

Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Tappe könne mit einem guten Gefühl in den Ruhestand gehen: „Sie hinterlassen ein gut geführtes Haus und können stolz sein. Der Besuch mit Verköstigung ist ein echter Knaller in der Museumslandschaft und heiß begehrt. Sie hinterlassen keine Baustelle“, so Mühlhofer.

Zudem sei ja auch schon eine Nachfolgerin da: „Das ist sehr ungewöhnlich in dieser Stadtverwaltung“, betont der Geschäftsführende Direktor der Kulturbetriebe.  Und die Nachfolgerin sei ja auch keine Unbekannte. „Sie hat schon beim Kochbuchmuseum gearbeitet und dort schon tolles Projekt zum Thema Fleisch gemacht. Das passt ja gut zu Bier“, so Mühlhofer.

Eine Kulturanthropologin übernimmt die Museumsleitung

Corinna Schirmer (32) ist die neue Leiterin des Brauereimseums in der Nordstadt.
Corinna Schirmer (32) ist die neue Leiterin des Brauereimseums in der Nordstadt. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Corinna Schirmer, die neue Leiterin am Brauerei-Museum, kommt aus Bonn, wo sie Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Geschichte studierte. Anschließend absolvierte sie ihren Master in Kulturanthropologie/Volkskunde.

Sie war als wissenschaftliche Volontärin im Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte beim Landschaftsverband Rheinland in Bonn tätig und beschäftigte sich schon dort mit nahrungsethnologischen Themen. 

Seit November 2018 widmet sie sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Kochbuchmuseum in Dortmund im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekts dem Thema „Fleischwissen“ und ist mit der Fachaufsicht über das Museum betraut.

Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Das Projekt ist auch Thema ihrer Dissertation. Im Sommersemester 2021 war sie als Dozentin an der Universität Bonn im Institut für Archäologie und Kulturanthropologie an der Abteilung Kulturanthropologie/Volkskunde tätig. 

„Die Geschichte der Brauerei mit all ihren Facetten – vom Alltag der Angestellten über wirtschaftshistorische Themen bis hin zur Bedeutung des Biere für die Menschen im Revier und darüber hinaus – ausstellen und weiter erforschen zu dürfen, empfinde ich gerade in einer Stadt wie Dortmund als große Freude“, so Corinna Schirmer. Denn alleine der bei den Dortmunder Bürger:innen nach wie vor oft zu vernehmende Dreiklang ,Kohle-Stahl-Bier‘ zeige, welchen Stellenwert das Brauereiwesen hier noch immer habe.

Zweisprachigkeit und Digitalisierung als Herausforderungen

Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Das Brauerei-Museum Dortmund widmet sich der langen und erfolgreichen Brautradition der größten Stadt Westfalens und des Ruhrgebietes. Es vermittelt Eindrücke von der Blütezeit der Bierstadt Dortmund seit den 1950er Jahren, berichtet aus der Geschichte der zahlreichen Dortmunder Brauereien und erläutert den Prozess des Brauens, insbesondere des industriellen Brauens. 

Es informiert über Produktion und Bierkonsum vor 1950 ebenso wie über das Brauen im Mittelalter. Es zählt(e) vor Corona mit einem Anteil von bis 30 Prozent ausländischen Gästen zu den beliebtesten Museen bei Tourist:innen. Vor Corona lagen die Gästezahlen bei 15.000 bis 20.000. Im Jahr 2019 – dem Jahr vor dem Corona-Einbruch – waren es sogar 23.000 Besucher:innen. 

Eine wesentliche Aufgabe sieht Schirmer daher darin, die Ausstellung zweisprachig zu überarbeiten. Außerdem will sie das Archiv des Brauereimuseums strukturieren und digitalisieren. Damit dürfte ihr die Arbeit in den nächsten Jahren nicht ausgehen…

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