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„Gegen das Vergessen“: Luigi Toscanos Portraits von NS-Überlebenden ausgestellt im Westfalenpark Dortmund

„Gegen das Vergessen“ – Ausstellung der Fotografien NS-Überlebender von Luigi Toscano. Fotos: Aimie Rudat

Von Aimie Rudat

„Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.“, mit diesem Zitat von Dietrich Bonhoeffer kann die Ausstellung „Gegen das Vergessen“ am besten beschrieben werden, findet der Parlamentarische Staatssekretär Klaus Kaiser. Der Mannheimer Fotograf Luigi Toscano porträtiert Menschen, die den Holocaust überlebt haben. Auf Initiative des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW kommen seine überlebensgroßen Portraits nun auch nach Dortmund: Vom 24. Oktober bis einschließlich zum 9. November 2020 ist die Open-Air-Ausstellung im Westfalenpark zu sehen.

Portraits von Überlebenden der NS-Verfolgung weltweit präsentiert

Seit 2014 trifft und porträtiert der deutsch-italienische Fotograf und Filmemacher weltweit Überlebende der NS-Verfolgung. Mehr als 400 dieser Begegnungen gab es bereits in Deutschland, den USA, Österreich, der Ukraine, Russland, Israel, den Niederlanden und Weißrussland. Das Ziel seiner Arbeit: die Anonymität der Leidtragenden zu überwinden mit Hilfe von Porträts sowie Einzelschicksale zu zeigen. ___STEADY_PAYWALL___

Im Herbst 2015 wurde die Ausstellung erstmals in Luigi Toscanos Heimatstadt Mannheim gezeigt. Parks, Plätze oder Häuserfassaden – der Fotograf nutzt zentrale Orte, die für alle zugänglich sind, um seine Porträts auszustellen. Auf diese Weise finden sie einen direkten Zugang in den Alltag und das Bewusstsein der Menschen – unabhängig von Herkunft, Alter oder Bildung. Mehr als eine Million Besucher*innen global haben die Fotoinstallation bereits persönlich erlebt. So wurden die großflächigen Aufnahmen schon in Mainz und San Francisco ausgestellt, gerade säumen rund 70 Werke den Weg vom Eingang Ruhrallee bis zum Florianturm.

Trotz Hindernisse bleibt Luigi Toscano seinem Ziel treu

Das Projekt begegnete über die Jahre, insbesondere in der Anfangszeit, vielen Schwierigkeiten. „Die meisten haben mich und meine Idee vom Hof gejagt“, erzählt Luigi Toscano. Unzählige Versuche, über Verbände oder Vereine Kontakt mit Überlebenden aufzunehmen, liefen ins Leere.

Walter Frankenstein

Trotzdem wurde eine jüdische Gemeinde in Köln auf seinen Kontaktbrief aufmerksam. Die ersten NS-Überlebenden meldeten sich bei ihm, um ihre Geschichte zu erzählen. Und es werden immer mehr, doch die Zeit läuft davon: In einigen Jahren wird es keine lebenden Zeitzeugen mehr geben.

Auch der Anschlag in Wien, bei dem die Ausstellung mit Hakenkreuzen beschmiert und die Portraits der Zeitzeugen mutwillig zerschnitten wurden, bremste den Fotografen nicht.

Ganz im Gegenteil – die darauffolgende Zusammenkunft von Menschen aus allen Kulturen und Religionen, die die Ausstellung 24 Stunden bewacht haben, hinterließen Toscano tief beeindruckt und motivierten ihn um so mehr, sich für gesellschaftlichen Zusammenhalt zu engagieren.

Zusammenarbeit mit Jugendlichen ermöglicht Aufrechterhaltung der Erinnerungen

„Wenn wir die Vergangenheit vergessen, sind wir verdammt, sie zu wiederholen.“ Das Zitat von George Santayana stellt einen der vielen Leitgedanken des Projekts dar.

Nach fast 75 Jahren der Befreiung der Konzentrationslagern ist die Distanz zu den Verbrechen im Nationalismus weiter gewachsen. Einigen ist das Thema mittlerweile zu heikel, andere möchten lieber in die Zukunft investieren und das Vergangene ruhen lassen.

Um die Erinnerungskultur an die unfassbaren Verbrechen der NS-Zeit lebendig zu halten, integriert der Fotograf Schulen in sein Projekt. Jugendliche sollen die Möglichkeit bekommen, ihre Ideen einzubringen und die Art und Weise mitzugestalten, wie das Projekt seine Botschaft vermittelt.

So hat Luigi Toscano unter andrem Schüler*innen Grundkenntnisse des Fotografierens beigebracht und sie mit Überlebenden der NS-Verfolgung sprechen lassen. „Die Schüler*innen aus Mannheim durften ganz nah an dem Geschehen sein, als sie mit Bella aus Litauen über Facetime reden konnten“, erzählt Toscano. Nur auf diesem Wege wird auch für die jüngeren Generationen ansatzweise vorstellbar, welches grauenhafte Leid den verfolgten Menschen im Nationalsozialismus zugefügt wurde.

Ausstellung belebt nicht nur Erinnerungskultur, sondern auch alte Freundschaften

Horst Sommerfeld

Hinter jedem Porträt steht eine ganz persönliche Geschichte. Jede von ihnen ist einzigartig, aber jede wurde auch für die vielen anderen erzählt, die nicht mehr gehört werden können. Es sind Erinnerungen an Leid, Hunger und Kälte. Die Geschichten handeln von Kindern, deren Familien verschleppt und ermordet wurden, aber auch von Hoffnung, Freundschaft und Menschlichkeit.

So ermöglichen die Ausstellungen auch erfreuliche Vorfälle. Eine erstaunliche Geschichte ist z.B. die von Walter Frankenstein und Horst Sommerfeld. Die Freunde sind als Nachbarn in Ost-Preußen, heute Polen, aufgewachsen. Durch die NS-Diktatur wurden die beiden jüdischen Familien jedoch getrennt. Während Walters Familie weitestgehend überlebt hat, ist Horsts Familie in die Konzentrationslager deportiert und ermordet worden.

„Ich mache mir nie Gedanken darüber, wie ich meine Bilder aufstelle“, informiert Toscano. Aus genau diesem Grund wurden die Portraits der beiden Freunde zufällig nebeneinander positioniert.

Walter, der seit den 50er-Jahren in Stockholm lebt, sah daraufhin in der Tageszeitung sein Bild neben dem seines früheren Freundes. Sofort rief er ganz aufgeregt Luigi Toscano an, der zu dieser Zeit bereits eine enge Freundschaft zu Horst gepflegt hat und die beide direkt miteinander verknüpfte.

Toscano beschreibt Horst Sommerfeld als einen in sich gekehrten Menschen, der erst im hohen Alter anfing sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Walter Frankenstein dagegen sei das ganze Gegenteil von Horst, erzählt der Fotograf. Schon früh pochte Walter bei gemeinsamen Telefonaten darauf, sich mit seinem Freund zu treffen.

Vor einem Jahr ist Horst Sommerfeld verstorben. Er und sein Freund Walter haben sich nicht mehr wiedersehen können. Horst benötigte bis zuletzt weitere Zeit, um sein Trauma zu verarbeiten. In seinen letzten Tagen hat er mit Luigi Toscano noch einmal gesprochen. Er habe nichts bereut, gibt Toscano wieder.

„Gegen das Vergessen“: Demokratie muss täglich neu erkämpft werden

Der Beweggrund für das Projekt „Gegen das Vergessen“ war der aufblühenden Nationalismus, während der großen Flüchtlingswelle 2013, erklärt Luigi Toscano. Weltweit feiern Rechtspopulisten Wahlerfolge und überschreiten nicht nur verbal immer neue Grenzen. Mit einem Achselzucken wird hier teilweise der Tod von Opfern antisemitischer Anschläge abgetan.

Der Fotograf möchte mit seiner Arbeit gegen jede Form von Ausgrenzung und für Offenheit, Toleranz und Demokratie kämpfen. Mit Hilfe seiner Aufnahmen überwindet er die historische Distanz zu den NS-Verbrechen, indem der Mensch und seine nicht immer sichtbare Geschichte in den Mittelpunkt gestellt wird. Hierfür integriert er in den 400 Porträts möglichst alle Opfergruppen: Juden, Zwangsarbeiter, Roma und Sinti und viele mehr, denen während des Nationalsozialismus grauenhaftes Leid zugefügt wurde.

„Demokratie darf nicht als etwas selbstverständliches angesehen werden. Man muss sich jeden Tag neu für den Erhalt einsetzen.“, meint Klaus Kaiser ergänzend. Das Projekt ist dafür brillant, um auch nach 75 Jahren die Erinnerungen lebendig zu halten und in die Welt zu tragen. „Wir haben mehr gemeinsam, als uns trennt.“, bringt die Aussage von Luigi Toscano die Botschaft seines Projektes auf den Punkt.

 

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