
In der Stadt gibt es heute noch so manchen Verein, der bereits im 19. Jahrhundert gegründet wurde. Zu ihnen zählt der Historische Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark e. V. Der wollte 2021 sein 150-jähriges Jubiläum feiern. Doch die Corona-Epidemie machte den Plan zunichte. Nun wird die Feier nachgeholt, und zwar präzise am Gründungstag, dem 2. Juli, und an dem Ort, an dem sich vor 155 Jahren alles abspielte, am Fredenbaum.
Eine Gründung mit Erdbeerbowle
Am 1. Juli 1871 trat der Dr. Hermann Becker sein Amt als Erster Bürgermeister von Dortmund an. Seine Amtseinführung wurde groß gefeiert: Gleich am 1. Juli mit einem Festessen beim stadtbekannten Gastwirt Kühn mitten in der Stadt und am Tag danach mit einem Bürgerfest am nicht minderbekannten Ausflugslokal Schröder am Fredenbaum.

Im Rahmen der Feier am Fredenbaum regte Becker die Stiftung eines Historischen Vereins an. Noch an Ort und Stelle wurde eine Stiftungsurkunde verfasst. Mehr als 60 Herren traten sogleich dem Verein bei.
Es war ein exklusiver Kreis aus Stadträten, Abgeordneten, Unternehmern, Gymnasiallehrern und anderen Honoratioren. Der Jahresbeitrag von 2 Talern sorgte dafür, dass man unter sich blieb, denn für den einfachen Bürger war er viel zu hoch angesetzt.
Wie groß der Einfluss der Erdbeerbowle, die am Fredenbaum serviert wurde, bei der Vereinsgründung war, ist unklar. Die Erdbeere wurde aber zum Symbol des Vereins und findet sich noch heute unter anderem auf jeder seiner Publikationen.
Grundsatzfrage: Wann feiert man eigentlich Jubiläen?
Von der Unterzeichnung der Stiftungsurkunde bis zur Aufnahme der Vereinstätigkeit verging fast ein Jahr. Erst am 15. Juni 1872 fand die konstituierende Sitzung des Historischen Vereins statt. Auf dieses Datum bezog man sich auch bei der Feier des 25-jährigen Vereinsjubiläums im Jahre 1897.
Dann erinnerte man sich aber an das Fest am Fredenbaum und die Stiftungsurkunde, die das Datum 2. Juli 1871 trug. Den Festakt zur Feier des 50-jährigen Vereinsjubiläums beging man deshalb 1921. Auch die späteren Vereinsjubiläen basierten auf dem Jahre 1871.
Sammeln, erhalten, beschreiben, veröffentlichen
Als Vereinszwecke wurden 1872 in die Satzung aufgenommen:
- Die Geschichtsquellen zu sammeln und zugänglich zu machen,
- die Altertümer zu erhalten und durch Abbildung und Beschreibung zu bewahren und
- die Arbeiten, die der Geschichte des Vereinsgebiets dienen, zu fördern und zu veröffentlichen.

Das Vereinsgebiet bestand aus der Stadt Dortmund in ihrem damaligen Umfang und der alten Grafschaft Mark, die südlich an Dortmund grenzte. Früh eingetretene Vereinsmitglieder aus der Grafschaft wohnten unter anderem in Annen, Aplerbeck, Barop, Hörde und Witten.
Mit der Arbeit wurde sogleich begonnen. Zu den ersten Aktionen gehörte eine Begutachtung und Untersuchung des Steinernen Turms nahe der Westfalenhalle. Gewünscht war, dass die mehr und mehr verschwindenden Baulichkeiten der alten Reichsstadt wenigstens in Fotografien erhalten blieben.
Die Vortragsabende begannen bereits im Winter 1872/73. Ursprünglich hatten nur Vereinsmitglieder Zutritt zu den Veranstaltungen. Diese Hürde ist aber längst gefallen. Heute ist jeder Interessent gerne willkommen.
Persönlichkeiten bestimmten die Vereinsgeschicke
Bereits beim Abfassen der Stiftungsurkunde wurde die Zusammensetzung des erster Vereinsvorstands festgelegt. Danach übernahm der Erste Bürgermeister Dr. Hermann Becker, eine Persönlichkeit mit bemerkenswerter politischer Vita, das Amt des Vorsitzenden. Er sollte es nur bis 1875 innehaben, denn dann wechselte er, der 1874 zum Oberbürgermeister ernannt worden war, noch Köln.

In der Rheinstadt übernahm Becker wieder die Stellung des Oberbürgermeisters und behielt sie bis zu seinem Tode 1885. Er wurde auf dem Melaten-Friedhof beigesetzt. Sein Grab ist bis heute erhalten und wird jedes Jahr von der Stadt Köln mit einer Kranzniederlegung geehrt.
Ehemalige Bürgermeister übernehmen noch heute Führungsverantwortung im Historischen Verein. Nach der 17-jährigen Amtszeit des Alt-Bürgermeisters Adolf Miksch trat Alt-Oberbürgermeister Ullrich Sierau 2025 dessen Nachfolge an.
Karl Rübel – ein Lehrer wird Archivar

Karl Rübel wurde 1873 als Lehrer für das städtische Realgymnasiums nach Dortmund geholt und sollte, da er dafür geeignet erschien, im Nebenamt das Urkundenarchiv der Stadt ordnen. Mit seiner Tätigkeitsaufnahme begann die Entwicklung der alten Urkundenkammer zu einem wissenschaftlichen Archiv. 1899 wurde Rübel hauptamtlicher Archivar.
In seiner mehr als 40-jährigen Schaffensphase in Dortmund verfasste Karl Rübel zahlreiche historische Schriften. Aus diesen ragen die Dortmunder Urkundenbücher besonders hervor. Rübels Bearbeitung der rund 4.000 städtischen Urkunden sind seit dem Verlust vieler Urkunden in Folge des Zweiten Weltkrieges von außerordentlich hohem Wert für die Forschung.
Die enge Verbindung zum Stadtarchiv
Karl Rübel trat 1873 dem Historischen Verein bei und wurde noch im gleichen Jahr in den Vorstand gewählt. Er übernahm die Aufgaben des Schriftführers und des Bibliothekars, von 1894 bis zu seinem Tode 1916 war er Vorsitzender.

Der Name Rübel steht auch für die enge Verbindung zwischen Verein und Stadtarchiv. Sie blieben aber nicht die einzigen Bindeglieder.
Die erste Frau, die die Leitung eines Stadtarchivs im Deutschen Reich übernahm, war Dr. Luise von Winterfeld. Bereits als sie von Köln nach Dortmund kam, übernahm sie im Historischen Verein die Aufgaben der Schriftführerin. Später war sie viele Jahre dessen Vorsitzende.
Wie ihre Vorgänger Karl Rübel und August Meininghaus verfasste sie eine große Zahl stadtgeschichtlicher Beiträge, unter anderen die 1934 erschienene „Geschichte der Freien Reichs- und Hansestadt Dortmund“, die zum Standardwerk aufstieg und in mehreren Auflagen erschien.
Im Vereinsvorstand finden sich immer wieder die Namen von Mitarbeitern des Stadtarchivs. In der jüngeren Vergangenheit waren die Archivdirektoren Dr. Günther Högl-von Achenbach und Dr. Thomas Schilp Geschäftsführer des Vereins, heute bekleidet Dr. Stefan Mühlhofer diese Stellung.
Zahlreiche Publikationen des Vereins

Im Jahre 1875 erschien der erste Band der Reihe „Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark“. Die wissenschaftliche Buchreihe wird noch immer fortgesetzt. Der Band 114 ist für dieses Jahr ins Auge gefasst.
Der Historische Verein gab zwischen 1968 und 1984 auch acht Bände der „Monographie zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark“ und zwischen 1977 und 1991 die Buchreihe „Geschichte Dortmunds im 19. und 20. Jahrhundert“ (drei Bände) heraus. Ferner erschienen bis 2001 drei Bände „Biographien bedeutender Dortmunder“.
Seit 1986 gibt es die Zeitschrift „Heimat Dortmund“, die sich an eine breite Leserschaft richtet. Seit der Ausgabe 1/1995 erscheint die Zeitschrift als sogenanntes Themenheft, bei dem alle Beiträge sich um ein Thema drehen.
Arbeitskreise und Projekte
Bereits zwischen den Weltkriegen formierten sich die Arbeitskreise „Familiengeschichte“ und „Heimat“ in der Zwischenkriegszeit, die dann nach dem Zweiten Weltkrieg eingingen. In den 1980er Jahren entstanden dann die Arbeitskreise „Plattdeutsch“, „Schule und Geschichte“ und „Archäologie und Denkmalpflege“, die jetzt aber nicht mehr bestehen. Aus letzterem ist das „Stadtgeschichtliche Forum“ hervorgegangen, dass sich alle zwei Monate im Adlerturm trifft.
Aktuell betreut der Verein das Projekt „Jüdische Heimat Dortmund“, das sich mit der Geschichte der jüdischen Mitbürger der Stadt ab 1800 befasst, Führungen über historische jüdische Friedhöfe in der Stadt anbietet und eine eigene Webseite unterhält. Das Projekt „Oral History“ ist eine Kooperation zwischen dem Stadtarchiv und dem Historischen Verein. Es hat die Sammlung biografischer Informationen von Mitbürgern mit Migrationshintergrund zum Ziel. Die Ergebnisse sollen unter anderem in Buchform erscheinen.

Mit dem Oral History-Projekt hat der Historische Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark e. V. die Arbeit an einem Zeitraum begonnen, von dem die Vereinsgründer noch nicht die geringste Vorstellung haben konnten. Weitere Fragen zur Stadtgeschichte warten noch auf eine Antwort. Dem Historischen Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark e. V. wird die Arbeit nicht ausgehen.
Programm der Jubiläumsfeier im Fredenbaumpark
- Ort: Big Tipi im Fredenbaumpark
- Datum: Donnerstag, 2. Juli 2026
- Beginn 17:00 Uhr
- Grußwort des Oberbürgermeisters Alexander Kalouti
- Grußwort des Vorsitzenden Ullrich Sierau
- Rückblick auf 150+5 Jahre Vereinsgeschichte von Dr. Stefan Mühlhofer
- Festvortrag der renommierten Historikerin Prof. Dr. Hedwig Richter (Universität der Bundeswehr in München)
Für die musikalische Gestaltung des Abends sorgt Dortmund Musik. Im Anschluss wird herzlich zum persönlichen Austausch bei einem kleinen Imbiss eingeladen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, an kurzen Führungen durch den Fredenbaumpark teilzunehmen und weitere historische Facetten dieses besonderen Ortes kennenzulernen.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

