Ein Schweigemarsch als Zeichen gegen das Vergessen, Diskriminierung und Leugnung

Erinnerung an die Opfer des Genozids von Srebrenica:

Mit einem großen Banner Startet die Gedenkdemo auf der Kampstraße. Finn Tayfun Wieschermann | Nordstadtblogger

In Dortmund haben rund 1.000 Menschen an die Opfer des Genozids von Srebrenica erinnert, der sich am 11. Juli 1995 ereignete. In einem Schweige- und Gedenkmarsch der Deutsch-Bosnischen Initiative AMANET zogen sie von der Kampstraße bis zum Platz der Alten Synagoge. Vertreter:innen aus Politik, Religionsgemeinschaften und Zivilgesellschaft mahnten auf einer anschließenden Kundgebung, die Erinnerung an den Völkermord wachzuhalten und jeder Form von Hass, Ausgrenzung und Leugnung entschieden entgegenzutreten.

Ein Schweigemarsch zieht durch die Dortmunder Innenstadt

Die Sonne scheint, als sich der Platz vor der Sparkasse an der Kampstraße nach und nach füllt. Über dem Platz wehen die Fahnen von Bosnien und Herzegowina sowie die historische weiß-blau-goldene Flagge Bosniens. Familien, Angehörige der bosniakischen Gemeinde und Gäste aus ganz Nordrhein-Westfalen kommen zusammen, um der Opfer des Genozids von Srebrenica zu gedenken.

Pünktlich startet der Marsch. Angeführt wird der Zug von Vertreter:innen der bosniakischen Gemeinde, Imamen, Organisator:innen von AMANET sowie dem Dortmunder SPD-Landtagsabgeordneten Volkan Baran. Ohne Parolen zieht die Demonstration langsam über den Dortmunder Wall in Richtung Opernhaus. Passant:innen bleiben zu beiden Seiten der Straße stehen und beobachten den Zug aufmerksam.

Der Schweigemarsch zieht sich über den Königswall. Finn Tayfun Wieschermann | Nordstadtblogger

Die Demonstration wird seit 2015 jährlich von AMANET in Dortmund organisiert. Sie wollen die Erinnerung an den Völkermord wachhalten und das Thema stärker in der deutschen Bildungsarbeit verankern. „Wenn ein Genozid vergessen wird, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er sich wiederholt“, erklärt der Verein gegenüber Nordstadtblogger. Dieses Mal beteiligen sich nach Angaben von AMANET rund 1.000 Menschen an der Demonstration.

Auch Dortmund ist betroffen: Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart

Nach einer Stunde erreicht der Schweigemarsch sein Ziel. Nach einem Gebet von Muamer Mujarić, dem Hauptimam des Landesverbandes der bosnischen Muslime in Nordrhein-Westfalen, beginnt die Abschlusskundgebung am Platz der alten Synagoge.

Friedhelm Evermann spricht für die Stadt Dortmund. Finn Tayfun Wieschermann | Nordstadtblogger

Zuerst spricht Friedhelm Evermann, Sonderbeauftragter der Stadt Dortmund für Vielfalt, Toleranz und Demokratie. Er erinnert an die vielen Menschen, die während des Bosnienkrieges nach Deutschland geflohen sind.  Viele von ihnen hätten im Ruhrgebiet und in Dortmund eine neue Heimat gefunden. Der Völkermord von Srebrenica betreffe auch deshalb die Stadtgesellschaft.

Er warnt davor, Hass und Ausgrenzung zu unterschätzen. So habe der Genozid nicht mit den Morden begonnen, sondern mit Worten, mit Hetze und der Einteilung in „Wir“ und „Die“. Frieden, Freiheit und Menschenwürde müssten jeden Tag aufs Neue verteidigt werden.

Volkan Baran: „Die Tränen einer Mutter sind gleich viel Wert“

In seiner Rede erinnert Baran daran, dass der Genozid von Srebrenica der erste Völkermord auf europäischem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen ist. Er habe sich mitten in Europa, vor den Augen der internationalen Gemeinschaft ereignet. Dieses Verbrechen dürfe niemals in Vergessenheit geraten. Die Erinnerung sei daher auch ein politischer Auftrag.

Volkan Baran mahnt zur geschlossenheit im Kampf gegen Hass und Diskriminierung. Finn Tayfun Wieschermann | Nordstadtblogger

Vor diesem Hintergrund warnt er vor zunehmender Intoleranz gegenüber Minderheiten in unserer Gesellschaft. In einer Demokratie müssten wir alle entschieden gegen Hass und Diskriminierung aufstehen. „Die Tränen einer Mutter sind gleich viel wert“, macht Baran deutlich.

Dieses Mitgefühl dürfe nicht von Herkunft oder Religion abhängig gemacht werden. Gleichzeitig sichert er den Anliegen von AMANET Gehör auf politischer Ebene zu.

Taylan Özgür Aydın, der türkische Generalkonsul nimmt ebenfalls an der Kundgebung teil. Er betont die Solidarität mit den Opfern des Genozids und ihren Angehörigen. Zugleich verweist er auf die engen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen der Türkei und Bosnien-Herzegowina. Auch in Zukunft wolle man gemeinsam Projekte gegen das vergessen voranbringen.

Einigkeit im Gedenken: „Erzählt diese Geschichten weiter“

Im Anschluss spricht AMANET´s Co-Vorsitzende Amir Aletic. Er erinnert an die zahlreichen Massaker während des Bosnienkrieges und berichtet auch vom Schicksal seiner eigenen Familie. So verlor er selbst 40 Angehörige während des Krieges. Mit Blick auf die vielen Hinterbliebenen richtet er einen eindringlichen Appell an die Anwesenden: „Erzählt diese Geschichten weiter.“

Amir Aletic leitet AMANET. Der verein organisiert das Gedenken seit 2015. Finn Tayfun Wieschermann | Nordstadtblogger

Aletic verweist auch auf die Verantwortung Deutschlands. So wurde bereits 1997 in Nordrhein-Westfalen erstmals ein Täter wegen Völkermordes an bosnischen Muslimen verurteilt. Das verdeutliche, dass die Verbrechen nicht nur ein entferntes Kapitel europäischer Geschichte seien. Sie hätten auch Bezüge nach Deutschland.

Aus diesem Grund müsse der Völkermord von Srebrenica stärker in Schulen und Bildungseinrichtungen behandelt werden. Gleichzeitig wirbt er für Geschlossenheit im Gedenken. „Srebrenica gehört keinem Verein und keiner Partei, es gehört den Menschen. Es gehört den Opfern.“

Den Blick schärfen: Gegen das Vergessen und gegen die Verharmlosung

In ihrer Rede richtet die Journalistin Melina Borčak den Fokus auf den Umgang mit dem Genozid in der öffentlichen Erinnerung. Der Blick vieler Menschen im Westen auf den Balkan sei noch immer durch Klischees und Stereotype geprägt. Sie betrachteten die Verbrechen während der Jugoslawienkriege noch immer als unübersichtlichen Bürgerkrieg. Dadurch würden Nationalismus, Rassismus und die Verantwortung der Täter ausgeblendet.

Melina Borčak spricht über die Erinnerungskultur. Finn Tayfun Wieschermann | Nordstadtblogger

Zu Beginn erinnert sie an das Schicksal der vier Monate alten Amila, die gemeinsam mit mehr als 250 Menschen ihres Dorfes ermordet wurde. Für viele der Angehörigen sei dieses Leid bis heute nicht zum Ende gekommen. Noch immer würden Vermisste gesucht und Opfer identifiziert. „Unsere Vergangenheit ist noch nicht vorüber“, erklärte Borčak.

Borčak warnt davor, den serbischen Nationalismus und die Leugnung des Völkermords zu verharmlosen. Erinnerung dürfe sich dabei nicht auf historische Jahrestage beschränken. Sie müsse Teil gesellschaftlicher und politischer Verantwortung bleiben. Mit langem Applaus findet die Kundgebung auf dem Platz der Alten Synagoge ihr Ende.


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