Wohnungsnotfall-Statistik 2020 zählt fast 50.000 Wohnungslose in NRW

Dortmund: 1.666 Menschen ohne eigene Wohnung

Obdachlosigkeit in Dortmund ist allgegenwärtig und öffentlich sichtbar.
Obdachlosigkeit in Dortmund ist allgegenwärtig und öffentlich sichtbar. Foto: Sebastian Sellhorst für BODO e.V.

Auch im vergangenen Jahr waren mehr Menschen in NRW wohnungslos. Fast 50.000 Menschen (49.987) zählt die Wohnungsnotfallstatistik des Landes für 2020 ‑ noch einmal über 3.000 mehr als im Jahr zuvor. Welche Rolle Corona bei der Entwicklung spielt, zeigt die Statistik nicht. Für den bodo e.V. lässt sich daraus aber schließen: Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum und Prävention verschärfen die Lage.

Pandemie hat die Lebenssituation von Obdachlosen drastisch verschlechtert

Jedes Jahr erfasst das Land NRW all die Menschen, die als Wohnungslose in kommunalen Unterkünften und über freie Träger untergebracht werden oder bei Beratungsstellen als wohnungslos bekannt sind. Nicht erfasst werden jene, die im Hilfesystem nicht ankommen, die ohne Unterkunft auf der Straße leben oder lediglich einen Schlafplatz bei FreundInnen haben. Zum Stichtag am 30. Juni 2020 waren in Dortmund 1.666 Menschen ohne eigene Wohnung, in Bochum 595.

„Wir haben im letzten Jahr gesehen, dass sich in der Pandemie die Lebenssituation wohnungs- und obdachloser Menschen drastisch verschlechtert hat, auch, weil die Wohnungslosenhilfe oft nur eingeschränkt arbeiten konnte“, sagt Alexandra Gehrhardt vom bodo. Statistisch abbilden lässt sich das nicht. Trotzdem sind die Zahlen, die das Land erhebt, überraschend stabil.

Umso überraschender ist, dass Bochum als eine von zwei Städten im Land eine Ausnahme gegen den Trend bildet: Hier ist die Zahl um ein Drittel gesunken. Auch in Bochum waren Beratungsstellen und Versorgungsangebote eingeschränkt oder geschlossen ‑ woran es auch Kritik gab. Die Dortmunder Ruhr Nachrichten berichteten im August über Wohnungslose, die vermehrt aus Bochum nach Dortmund kamen. „Ob das den starken Rückgang erklärt, gibt die Statistik aber nicht her“, so Gehrhardt.

Ein Fünftel der erfassten Wohnungslosen war jünger als 18 Jahre

Die Zahlen aus dem Ministerium zeigen: Auch wenn die Steigerung weniger dramatisch ist als in den letzten Jahren, wächst das Problem weiter. Und das nicht nur bei den „klassischen“ Wohnungslosen, die zum Beispiel nach Jobverlust oder Trennung ihre Wohnung verlieren und keine neue finden, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen. Ein Fünftel der erfassten Wohnungslosen war jünger als 18 Jahre.

Die Statistik zeigt auch, dass mehr als die Hälfte der ordnungsrechtlich Untergebrachten länger als zwei Jahre untergebracht war. Das unterscheidet sich zwar je nach Art der Unterbringung und in den Städten. Es bedeutet aber, dass die Übergänge von der Wohnungslosigkeit in eine Wohnung offenbar nicht so gut funktionieren wie sie sollten. „Dabei ist Wohnraum das, was am besten hilft, woran es aber nach wie vor mangelt.“

Die Initiative des Landes, mehr Wohnungslose in Wohnungen zu bringen, bewertet der bodo e.V. darum als wichtig und richtig. Genauso wichtig sei aber Prävention: „Dass im letzten Jahr in der Pandemie Zwangsräumungen stattgefunden haben und weiter stattfinden, ist unverantwortlich. Alle zuständigen Stellen von Ämtern bis Jobcentern müssen stärker auch gemeinsam daran arbeiten, dass Menschen ihre Wohnung am besten gar nicht erst verlieren.“

Mehr Informationen:

  • Seit 1994 unterstützt bodo e.V. Menschen in sozialen Notlagen.
  • Der Verein betreibt in Bochum und Dortmund Anlaufstellen für Wohnungslose und unterhält stationäre und aufsuchende Versorgungs- und Beratungsangebote.
  • Das monatliche soziale Straßenmagazin ermöglicht Menschen in Wohnungslosigkeit und Armut einen Zuverdienst.
  • Weitere Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte unterstützen ehemals wohnungs- oder langzeitarbeitslose Menschen bei der (Re-)Integration in den ersten Arbeitsmarkt.
  • bodo e.V. sieht sich als Lobby für Wohnungslose.
  • Er ist Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband und im internationalen Netzwerk der Straßenzeitungen INSP.
  • Mehr: www.bodoev.de
Unterstütze uns auf Steady

Mehr zum Thema bei nordstadtblogger.de:

Studierendenwerk Dortmund ist seit Jahren finanziell unterversorgt – Modernisierungs-Förderung erst seit Frühjahr

„Arm trotz Arbeit: So gespalten war Deutschland noch nie!“ – Interview mit „Working Class“-Autorin Julia Friedrichs

Medizinische Versorgung bleibt gesichert: Gast-Haus eröffnet neue Praxisräume für Menschen in prekären Verhältnissen

Warmes Essen für Wohnungslose: Statt Lunchpakete kocht die Diakonie wieder warme Speisen im Wichernhaus

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen